Das Münsterland-Touren wurden durch die Kunststiftung NRW, die LWL-Kulturstiftung und die Kulturstiftung der Westfälischen Provinzial Versicherung ermöglicht.

Hermann Wallmann

Schöppingen-Münster-Telgte: Hic sunt leones! (Paian, nein?)

Ali el Baya
~ 5 Std. ~ 70 km Textnetz aus Tatsachen, Anspielungen, Beobachtungen um Münster, Schöppingen und Telgte

Ein Textnetz aus Tatsachen, Beobachtungen um Münster, Schöppingen und Telgte. Welche Einflüsse von außen gab und gibt es, im welchem Kontext liegt man gebettet? Ein komplexes Unterfangen.

Als Hör-Tour

Gelesen von Hermann Wallmann
Laufzeit: 37:50

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Hermann Wallmann

»Schöppingen-Münster-Telgte: Hic sunt leones! (Paian, nein?)«

Fotos: Ali el Baya

 

In memoriam Clemens Wenzeslaus Brentano de La Roche

Suggestion: Vorgeschlagen - realy without force - sei die bukolische Route: Schöppingen - 35 km: Münster - 15 km: Telgte. Jeden der drei Orte lege ich – Manège frei! - mit zwei weiteren resp. ferneren Orten auf das Nagelb(r)ett einer Ménage-à-trois: Münster mit Schöppingen und Telgte; Schöppingen mit Eggerode (4,5 km) und Asbeck (9 km); Telgte mit Angelmodde (13 km) und Dülmen (44 km). Ein Dreisatz. Ein Cluster aus sieben Ortschaften. Ein west-östlicher Lektüre-Kurs. Ein Kann-Kann-Itinerarium, darin und daraus ein jegliches Wähnen freedom: Freud and the usual other old eggs, beans and crumpets finden möge. Yo

 

 




„Er macht seine Engel zu Winden“
von Jan Philip Scheibe (2005)







St. Mariä Eggerode
Marienplatz
48624 Schöppingen Eggerode






Dormitorium Asbeck
Stiftsstraße 20
48739 Legden-Asbeck
Website






Stiftung Künstlerdorf Schöppingen
Feuerstiege 6
48624 Schöppingen
Tel.: 0 25 55 - 93 81 0
Website






"Wirbel" von Henry Moore
Kraftsportpark, öffentlicher Calisthenics-Park
Berliner Straße, Schöppingen






„Winzige Übergangszone“ von Mohamed Abdulla (2005)






„Auf das Leben“ von Prof. Timm Ulrichs (2010)
hinter dem Literaturhof des Künstlerdorfes







Bergkapellen






Pfarrkirche St. Brictius
Kirchplatz 7
48624 Schöppingen

1. Steiger oder Schöppingen Mont Amour (con fuoco)

Reden ist übersetzen – aus einer Engelsprache in eine Menschensprache, das heist, Gedanken in Worte, – Sachen in Namen, – Bilder in Zeichen; die poetisch oder kyriologisch, historisch, oder symbolisch oder hieroglyphisch – und philosophisch oder charakteristisch seyn können. Diese Art der Übersetzung (verstehe Reden) kommt mehr, als irgend eine andere, mit der verkehrten Seite von Tapeten überein. (Johann Georg Hamann: “AESTHETICA.IN.NUCE. Eine Rhapsodie in Kabbalistischer Prose“, 1760)

Es ist, als ob du dich sotanen Osterinseln nähertest, wenn, unrastiger Wanderer, du nach Schöppingen kömmst, riesige ranke und schlanke kykladische Kerle gestikulieren da oben auf dem Berge mit ihren weißen Scherenhänden, nächtens, als wollten sie ihre Engel fragen, schwenken sie lufthoheitliche Fackeln (vgl. Psalm 104,4), es ist so magisch, dass du deine Flugangst opferst, wenn du in deinem Wingsuit aus den Sternbildern nach Hause gesegelt kommst (vgl. „Prima che si apra il parcadute“ von Tullio Crali), immer nach Hause, o haydnisches Vergnügen in G-Dur, und/aber du weißt nicht, ob sie dich mit ihrem kajakenden Armkreiseln kujonieren, um Gotteswillen weiterzu(wall)fahren nach Eggerode, zum Gnadenbild unserer Lieben Frau vom Himmelreich („dreimal Telgte, noch kein’n Mann: / jetzt ist Eggerode dran“), an der Himmelreichallee in Münster, by the airway, hat Karl Barth mit Nelly und Lollo gelebt (verstehe indignez-vous !), Martin Walser weiß, was es bedeuten soll, oder dich – vorbei an der Dicken (Tanz- & Gerichts-)Linde, die in ihrer Trinität das Ensemble der rostigen Käfige am Turm der Lambertikirche zu Münster antizipiert, wo der Schöppinger Wiedertäufer Bernd Krechting in den Lüften sein enges Grab und Clemens August Graf von Galen seine kardinale Kanzel hatte - zum Dormitorium des ehemaligen Damenstifts Asbeck kobern, einem weiländlichen Doppelkloster - ecco!: erbaut von Hermann II. -, das ich mir merken kann, wenn ich wehmutig an Asmus denke, der „omnia mea mecum“ herumschleppte, oder dich – memento homo quia pulver es – ins waidwunde Weichbild scheuchen, in seinem „Westfälischen Frieden“ hat der spät berufene Stipendiat Heinz Czechowski in seinem Gedicht „Wo ich bin“ auf das Logo eines westfälischen Schweineschlächters geblickt,

                Das sich nachts dreht, das
                Ist die einzige Erleuchtung, die es hier gibt,


oder dich – wie g’schamigste K.u.K.utscher - ins Centrum komplimentieren, ins Augenpaar (Peter Handke?) eines Hurrikans, das rustikale Künstlerdorf, designiertes KRAFTWERK zwanzigsechzehn, das aus zwei sandsteinernen Höfen aus dem frühen 19. Jahrhundert besteht und seit 1989/1990 einen Hof der Literraten und -rättinnen mit dem Hof der bildenden Künd‘ste verbindet, jetzt Waben aus internetten Ateliers und sturmfreien Abartments, einer Schilla, da wohnen die Autoren von Texten, einer Charübdies, da wohnen die Urheber von „Arbeiten“, mit einem Wort ein begehbares und bewohnbares Gingko-Blatt, ut pixels poesis, so heißt die Antwort auf die Frage, ob dieses höfische Dorf denn eher 1 lebendig Wesen ist, das sich in sich selbst getrennt hat, oder ob es zwei Höfe sind, die einander erlesen (!) haben, heim(l)ische buildende Künstler indes sind die Schöppinger Beast Brothers, die – o jogo bonito - auf ihrem Kraftsportpark an der Berliner Straße den Calisthenics fronen und – plus est en vous - ihre körpereigenen Sixpacks zu Skulpturen in der Tradition Henry Moores resp. Fernando Boteros transzendieren, wenn man zwischen 1995 und 2007 aus der untergehenden Sonne kam, stieß man auf einen schwarz auf weißen Wegweiser, zwei Meter hoch, drei Meter breit, ein korrektes Kunstobjekt, das nach seiner Ablaufzeit die SPD-Fraktion aufkaufte:

                Auschwitz/
                Nur 969 km/
                Nooit weer/
                Nie wieder,

heute, wegen der Witterungseinflüsse, heißt es, gibt es das Schild nicht mehr (verstehe Roland Barthes: Punctum), ES gibt es nur noch in der „Dichterliebe“ von Petra Morsbach, aber bei ihr sind es nach Auschwitz 32 Kilometer (!) mehr, und Schöppingen gibt es bei ihr auch nicht, und bei ihr gibt es auch kein Künstlerdorf, sondern nur ein Künstler,haus!, sie hat Schöppingen in (den hohen) Norden, nach Staverfehn, verbannt, das es auch nicht gibt, wie heißt es so erdkundig bei Heinrich von Kleist bei Christa Wolf: „Ich trage ein Herz mit mir herum, wie ein nördliches Land den Keim einer Südfrucht, es treibt“, schreibt er, schreibt sie, „und treibt, und es kann nicht reifen“, das Emsland, in dem ich Wurzele und aus dem ich Stamm(l)e, is datt Tuszien von‘t Oostfreesland, der Gott, den es gibt, hat Dietrich Bonhoeffer gesagt, gibt es nicht, Mailand, hat Tomasi Landolfi gesagt, gibt es nicht, es gibt kein Verona, hat Czesław Miłosz gesagt, Bielefeld gibt es nicht, hat Thomas Walden gesagt (hat Fabio Magnifico gefilmt), und dass es Kaisersaschern nicht gibt, weiß schon Wikipaideia, Kaff:eh?, hat nach dem Ball der burgenländischen Kroaten früh um fünf im Schwarzenberg der Herr Karl gesagt, gibt es nicht, Böhmen, hat die Bachmann gesagt, liegt am Meer (hat der Kiefer gemalt), wir sind die Bienen des Unsichtbaren, hat der Ryanair bzw. die Maria Rilke gesagt, mit einem Wort: die Wirklichkeit gehört abgeschafft (Musil denn?, Musil denn?), auch Ich ist ein anderer (verstehe Auswärtsspiel Love U vs. Miss U), auch ich (verstehe Selfie) zitiere wie Espenlaub, Charles Baudelaire hat ein rares Gesicht gehabt von dem, was die Künstler treibt und treiben, Terese Robinson – omen qua nomen - hat es übertragen!:

                Aller Augen wandern sehnsuchtsschwer
                Zum Himmel, wo die fernen Träume schimmern.

                Sie ziehn vorbei, – und im Versteck die Grille
                Singt doppeltlaut ihr Lied durch Morgenstille
                Die Erde, die sie liebt, vermehrt ihr Grün,

                Lässt Felsen sprudeln, lässt die Wüste blühn
                Für sie, die in der Zukunft dunkles Brauen
                Wie in vertraute lichte Lande schauen,


es geht nichts über das Projekt Z resp. Archiv des Nichts von Stephan US und über das Projekt Gutenberg, für das ich nicht einmal, recte: nicht ein einziges Mal mich entsesseln muss (vgl. fifty fifty shades of grey) und Licht machen, trotz und alledem, wie sie hier sagen, das Schöppingen, das es um 1600 gab, gab es nur in dem mikrobiologisch lumineszierenden Stadtmodell von Mick Lorusso, (verstehe Michel Foucault: Heterotopie), das es nicht mehr gibt, aber dafür baut Josef Spiegel, den es gibt, er ist der Herbergsvater des Künstlerdorfes, in Peggy Mädlers Roman „Die Legende vom Glück des Menschen“ aus Worten Spiegelbilder und läuft in Christoph Wilhelm Aigners „Eigenleben oder wie schreibt man eine Novelle“ sommers wie winters durch die Schöppinger Hügel, als akademische Wolke, hab ich erewhon gelesen, war nicht auch der Zeus auch bei dem kammerherrlichen Niebelschütz auch manchmal ganz Wolke, wohin man schaut, lauter Bohémiens en Voyage, Zigeuner im grünen Wagen, „ach, was soll schon gewesen sein, ich habe mich geduckt, um dichten zu dürfen, und begann unwillkürlich, über das Ducken zu dichten, ich wollte demonstrieren, wie man dichtend sich wegduckt, und habe, indem ich das Ducken verdichtete, mich selbst weggedichtet“, dieses bitterlich weinende Whistelblowing (vgl. The Atomic Café resp. Duck and Cover) legt Petra Morsbach dem Ich-Erzähler ihrer „Künstlerliebe“ in den Mund (verstehe reality hunger), es ist Heinrich Steiger, genannt „Henry“, mein Name ist Duck, Donald Duck, der Josef Spiegel, den es gibt, hat die größte Comic-Sammlung, die es gibt, zeitlich ist die Künstlerliebe in der frühen Nachwendezeit angesiedelt, Steiger, der in der verschollenen DDR Rang und Ruf genoss, ging k.o., nachdem er in den freien Westen übergesiedelt war, vom Star zum Stipendiaten, auch Petra Morsbach laurata hat ein Buch über das Wahr-Lügen des Erzählens geschrieben, mit erfahrungsgesättigter Ironie (verstehe selfmockery) verfertigt sie das in einem Irrgarten aus Labour’s Lost und Morbus Kitahara, Writers Block und AD(H)S, Courtoisien und Jalousien herumtaumelnde Sozi-o-Kult-o-Gram! einer Künstlerkolonie und ihres virilen Erz-Herz & Schmerzgebers namens Grappiell, in dubio ist es bis in die Namensgebung hinein eine counterfactual parody (verstehe controfacciata) des Zauberbergs, den ich einmal besucht habe in Davos, da, wo’s dieses fluoreszierende Segantini-Museum gibt, aber auch den Zauberberg gab es nicht mehr, es gab die Hotelbar „Magic Mountain“ mit lauter vergülbten resp. stockfleckigen Zauberbergen und Manns Bildern und/aber wie ein kubistisches Zitat ein einziges Sanatoriumszimmer, ganz in Weiß, mit einem duftenden Strauß Maréchal-Adolphe-Niel, die ja auch Karl Mays Lieblingsrosen gewesen sind, auf ihre Weise erklimmt Petra Morsbach den Uluṟu (verstehe Wrayters -Rock) der ostfriesischen Tiefebene (verstehe lawn under) und erzählt die immer neue alte Geschichte von Henry, der alles ανδρα als ein Jüngling noch ist, ein cheveralesker Vollpfosten, und dem Mädchen, einer herzblutjungen Stipendiatin namens Sidonie Fellgiebel, in der Henry zunächst nichts anderes als eine „Westschnepfe“ sieht, die sich ihm aber umso schnippischer entzieht, je heftiger er sich nach ihr verzerrt, o Heine, o Schubert, o Horizont (?), ich kann von Glück reden, dass Karen-Susan Fessel „Nur die Besten“ Stipendiaten ins Emsland geschickt hat, auf das landlustige Gut Gerdelmann, das es zwar, schreibt sie, nicht gibt, aber wer weiß, eines Tages…, ihr Gabriel Herzgeber heißt Till Philipp Wulf, auch sie lügt so wahr ihr Gott hilft, ich selber komme – (bene) detto - aus dem Emsländis‘-schön und repetiere – ein naiv sentimentalischer Cicerone - abermals (lat. iterum, vgl. Johannes 8;21, 8:27 et al.) denen, die es nicht unbedingt wissen dürfen: können: mögen: müssen: sollen: wollen: das Emsland ist die Toskana von Ostfriesland, ihr Buch, schreibt Frau Fessel, sei „für Stefan und Jan, Martina und Annette, Jochen und Matthias… und für Rolfrafael, natürlich!“, da soll sich einer au!-scannen, aber vielleicht hat ja Heinz Czechowski recht, wenn er in seinem post-carnevalésken Poem „Schöppingen, nachts“ schreibt:

                  Aus dem Elend
                  Bist du gekommen, ins Elend
                  Wirst du wieder gehen, noch
                  Hast du ein Dach
                  Bruderschaft
                  Trankst du mit dem
                  Das dir niemand erklärt,


die ganz Zeit habe ich gedacht, die letzte Zeile des Gedichts ende mit einem falschen Relativpronomen, aber das ist es ja gerade, und jetzt kapier ich auch, warum die Pfarrkirche in Schöppingen dem Heiligen Brictius von Tours geweiht ist (und nicht, wiewohl er aus Schöppingen kömmt:) Brictius thom Norde.

 


Mögliche Routen von Schöppingen:

Mit dem Pfarr-AT oder zu Fuß
nach EGGERODE

Gnadenkapelle (Wallfahrtskapelle), neben der Pfarrkirche Mariä Geburt, Marienplatz 7
Fechtesteine von Walter Wittek, Marienplatz


Mit dem Fahrrad oder zu Fuß
nach ASBECK

Dormitorium (ehemals Damenstift) und Drahtskulptur am Dormitorium(„Familia sacra“ von Asbeck), Stiftsstraße 20, 48739 Legden-Asbeck.
Das Dormitorium befindet sich in unmittelbarer Nähe (Südseite) derAsbecker Stiftskirche: http://www.heimatverein-asbeck.de Dicke Linde (in etwa 600 Jahre alt), Lindenweg





Stahlskulptur „Toleranz durch Dialog“
von Eduardo Chillida (1993), im Innenhof des Rathauses
von Münster, Prinzipalmarkt 10, 48143 Münster














Clemenskirche
An der Clemenskirche
48143 Münster







Hallenbad Ost
Mauritz-Lindenweg 101
48145 Münster








„Erschütterung der Fragmente“ von Martha Rosler











Restaurant Santorini
Schillerstraße 30
48155 Münster
Website











Alter Überwasserfriedhof
Wilhelmstr. 21
48149 Münster













„Giant Pool Balls“ von Claes Oldenburg, 1977 für die erste Skulptur-Ausstellung in Münster geschaffen

2. Münster: Hamann oder Westphöstlicher Di-Wahn (con brio)

Wenn aber die Erscheinung als ästhetischer Schein jeden Zusammenhang der Herkunft von einer Wahrheit verloren hat und im Rang an deren Stelle getreten ist, wird die Höhle zur sichersten Abschirmung gegen die Niederungen einer Realität, die sich nur als Störung des lebenssteigernden Genusses bemerkbar machen könnte. Die platonische Höhle in gegenplatonischer Auslegung manifestiert nichts Geringeres als die tendenzielle Totalität aller Kunst. Sie ist nicht erst als späte und historisch-faktische Erfindung, Gesamtkunstwerk; sie ist das der Inklination nach wesensmäßig. Und das heißt zugleich: Sie findet in der Höhle statt, die mag Museum, Festspielhaus, Tonhalle oder zukünftig Kinematographentheater heißen. Es ist nicht mehr entschieden, daß der Weg der Paideia zum Höhlenausgang führt.“ (Hans Blumenberg: „Höhlenausgänge“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1989, S.614)

Ich habe schon viele Wochen in einer halben Vernichtung meiner selbst gelebt und bin über eine Kleinigkeit so unruhig und verlegen, als wenn ein rothes Meer vor mir wäre. Genie ist eine Dornenkrone und der Geschmack ein Purpurmantel, der einen zerfleischten Rücken deckt. (Johann Georg Hamann, in einem Brief an den Buchhändler Nicolai zu Berlin, Königsberg, 3.8.1762)

„Twenni, ick kenn di“, drohte ein raumgriffig vorüberstiefelnder Schlemihl, Hodler hätte ihn gemalt, dem Oberbürgermeister Twenhöven an, als dieser im Hinterhof des Rathauses die Chillida-Skulptur „Toleranz durch Dialog“ einweihte unter dem noch blattlosen Gingko-Baum, ach, was für ein Echo wäre sie gewesen auf die betenden Hände von Richard Serra, die vor dem Erbdrostenhof wortlos vor sich hin rosteten vor Jahrzehnten und sich heute, sursum corda, vor dem Naturkundemuseum St. Gallen zum Himmel recken, ich muss an das culinarische Torhäuschen an der Mauritzstraße denken, dessen cunabulische Zwillingsbrüder am Neutor stehen, ersteres von Schlaun, letztere von Lippert, im Schlaunschen habe ich vor Jahrzehnten in einer rauschbereiten blauen Stunde (E2EG) einen solipsistischen Thekensteher angesprochen, was denn er von dem superkalifragilistisch ex allegorischen Barockgärtchen halte zwischen Klemenskirche und Carstadt, den habe ICH gebaut, hat er mir meine ausgewilderten Maulaffen wieder ins brückige Gehege meiner Zähne zurückgescheucht, heute, wenn die Dichter kommen und ich wie immer bis zum Kehlkopf in dero Bilderfluten stehe und wir noch eine lampenfiebrige Zeit zum Chillen haben, führe ich ihnen vor, worauf der Hortus conclusus abzielt, ich bin mit Lou van Burg großgeworden, wer von dem wasserumspülten Edelstahlglobus über den Scheitel des Obelisken peilt, kann – Kimme, Korn, ran! - und jetzt zitiere ich mich selber, „höchstens um Haaresbreite die lotrechte Zementfuge zwischen moder- und postmodernen Wiederaufbauphilosophien verfehlen“, sunt lacrimae rerum, aber in Wirklichkeit möchte ich wie der alte hausarrestierte Zweikämpfer Xavier de Maistre, den ich verlegt, aber bei booklooker wiederbestellt habe, tagein nachtaus durch mein bulimisches Zimmer reisen, das von einer Bücherwand-Triade erpresst wird, Höhle und sichre Hölle (verstehe Hiermannymus im Gehäus), ich bin der Messi(e) meiner somnambulen Belesenheit, ein promeneur solitaire, ein soliloquialer Peripat(h)etiker (verstehe thru hiker), mein Zwillingsbruder heißt Theodor, er ist der anderthalb-Stunden-ältere, und prompt muss ich an die hippel:logischen Kreuz und Querzüge des Ritters A bis Z denken, fata, fata, habent fata (verstehe hora-Z): Erich Auerbachs Mimesis und die Europäische Literatur & das lateinische Mittelalter von Ernst Robert Curtius (verstehe hic topos hic salta) knieen noch (verstehe προσκύνησις) vor meinem umnachteten & unge-machten Bett), sie beten, pagi- poor pagina (verstehe Z-tells), dass sie es sind (verstehe petals on a wet, black bough), die kommenden Herbst von den fix fertigen Entrumplern verschont bleiben (verstehe hebban olla uogala nestas), ach, mein Schlafzimmer, das, Lichtjahre von mir entfernt, meiner schon gar nicht mehr harrt, heute ist der 1. Mai, heute Morgen – wann war das?:noch mal! - habe ich in den Westfälischen Nachrichten gestanden und heute Nachmittag in der Theaterzeitung, ein Geständnis, das mir nicht allzu schwer fiel, als mir der Satz nicht zu leicht fiel, mit dem ich meine Reise durch das gebirgichtige Westfalen beginne, wenn ich mich recht erinnere, habe ich wegen der Chillida-Skulptur Goethes Gingko-Biloba-Gedicht auswendig gelernt, mit voller Brust schwimmend im Ostbad habe ich es mir eingeblaut, bis ich es aufsagen konnte mit wie zugenäht zuen Lidern, ihm sei, fürderhin schreibe ich mich ab, als er – Chillida - einmal den Rathausinnenhof vom Friedenssaal aus gemustert habe, dieser Platz zu „leer“ vorgekommen – vanitas vanitatum vanitas – , und prompt waren es die im barock Unendlichen sich schneidenden Bankreihen eben dieses Friedenssaales, die seine Idee beflügelten, links ein Fittich, rechts ein Fittich, aber er hat sich dafür entschieden, dass es keine Holz-, sondern Eisen-„Bänke" geben müsse, keine „Möbel", sondern unverrückbare Elemente, keine eineiig gleichgestaltigen, sondern intern differenzierte Körper, monströser als der Mensch, aber nicht übermenschlich groß, unverrückbar, aber - im Lauf der Zeit - durch Rost und Gebrauch sich wandelnd, was für ein wittgensteiniger Sprachspiel-Platz für Dialog und Duell, Dualektik und Dimmheit, ein Topos, bei dem Freund & Feind einander sich gegenübersitzen, coach potatoes ohne Pelle (LOL), aber einander dergestalt konfrontiert, dass der westliche noch das feine Mi(e)nenspiel des östlichen erkennen kann, sitzend, damit man nicht einen kurz & bündigen Prozess macht, unbequem und unbeheizt sitzend, damit mann sich rhetorisch diszipliniert, auf Gelegenheiten, die so schwer und schweißtreibend zu verrücken sind wie die großen Wörter unseres BGB, wahrlich, dies ist eine Lesart, die zugleich spiegelneuronal naturalistisch ist (weil sie die beiden Stahlkörper als Bänke ansieht) und allegorisch (weil sie in ihnen belastbare Diskursregeln verschmiedet findet), aber es reicht natürlich Volk und ganz, wenn man auf und zwischen ihnen die schönen: hässlichen Bilder des Lebens betrachtet – die Kunst geht nach Brod - und mit Genugtuung feststellt, wie wahlverwandt solche Verschiedenheiten sind, wie dissonant der Konsens, wie harmonisch die Differenz sein kann, o Phiole der Sande (verstehe Vial of the Sands), und noch die viel-isst-er-hafte Abkanzlung dieses Kunstgewerks und -gedinges dürfte nicht ganz unterdrücken können, dass es da (nur) zwei Dinge gibt, die einander unantastbar nah sind, und/aber um zu verhindern, dass die westfälischen Schickermänner und nordrheinischen Schnadegänger diese Skulptur schnurstracks links liegen lassen, hat Chillida sie mit einer Art begehbaren Plenarsaal umgeben (verstehe surrounded island), einer recht eckigen hohlen Hand aus altersgerechten Stufen wie bei einem antiken Amphitheater, auf denen Gutmenschen und Wutbürger Platz nehmen resp. losplatzen können, er hat in der Krypta seiner Kardia kewusst, was er ketan hat, als er sein Kunstwerk komplettierte durch den Kinko-Baum, den ich in- und auswenig kann, Koethe hat ihn 1815 – da war er so alt, wie ich heute bin: runde Mitte 60 - der 31jährigen Marianne von Will-er-mehr – die vom Mädchennamen meiner Mutter selig nur durch zwei Buchstaben getrennt ist – zugeeignet, heute findet es sich im Buch „Suleika" des „West-östlichen Divan", dessen Titel die Einheit und „Doppeltheit" kongeni(t)alisch aufnimmt, ach, und wie sinn-ich und stimmig ist das Wortspiel, ja das Laut(en)spiel mit den einen Liedern, die von Goethe und seinem alten Ego: Hafis stammen, aber auch einer herzeigen(d)en Zerrissenheit die 1-ne Gestalt geben, und den anderen Lidern, die den streichelnden Fingerkuppen – touchscreen - das Ein-und-alles-Gesicht schenken, der Gingko-Baum ist ohne den pulsierenden Wechsel der Jahreszeiten (NFN) nicht zu denken, die Bank nicht ohne den Baum, der Baum nicht ohne die Bank, das Politische nicht ohne das Private, das Private nicht ohne das Politische, ein Begriff ohne Anschauung: stumm, Anschauung ohne Begriff: surdum(m), Kant kannte es, usque ad finem gehen die Gäule amusiert mit mir durch, und in Wirklichkeit – amo et odi - hat Chillida auf den Platz des Westfälischen Friedens zwei posthumanistische Ruinen gestellt, eine brutistische Äolsharke, die sogar einem Kyrill Zwo die paradiesigen Windhosen (verstehe Benjamin) auszöge, violence statt violins, und der Gingko-Baum ist nichts als „unfühlende Natur“, Baum & Bänke verkörpern nichts als die heisere Stimme zorniger Dialoge, nichts als die hypokritische Geschäftsordnung der Demokratie, nichts als die Erosion einer philanthropisch ausgebufft- & abgeschlafftn Toleranz, doch Jus & Drolerie beiseite, ich hätte gern eine Frika-Delle und ein Brötchen, ist schon drin, ja, dann noch ein Brötchen, ist auch schon drin, wenn ich weiß, was ich meine (verstehe: typhlostatotatontenuntatommtei), habe ich bei Chillida auch dann noch recht, wenn ich unrecht habe, der indolente Stoizismus des Stahls lähmt meine Ausreden, aber einen meinen deinen Westfälischen Frieden werde ich weder bei Heinz Czechowski nicht finden weder in der Grünen Gasse, als ich neulich die Fürstin von Gallitzin betrat, die heute – Winckel- poor Winckelmann: - ein quietschbunter Grieche ist, zu dem ich einst fußläufig gewallfahren bin, es war zu jener Zeit, als ich mit Christina in der Schillerstraße umhergingk und hungerte, jenem seltsamen Quartier, das keiner verlässt, ehe er von ihm gezeichnet worden ist, past-hell, und wir uns allenfalls alle vier Wochen Gyros-Pommes-Krautsalat leisten konnten und harzigen Wein - what the reason for retsination -, war der Ölschinken verschwunden, unter dem wir einst unseren liebeshungrigen Stammplatz hatten, es war jene schwalbenpfeile Zeit des frühen Dunkelns, als wir Ahnungslosigkeit noch mit Schwerelosigkeit velwerchserten, er zeigte - mit einer klaffenden: linnenen Schusswunde (vgl. Sindone di Torino) - die Familia Sacra, die heute weiterlebt nur noch in der betagten Erbengemeinschaft oder in Weihrauch und Pumpernickel, womit ich hinter dem Jägersberg sofort bei dem allerchristlichsten Eulenspiegel, dem Buchtrinker (verstehe Magúsquemagister in Norden) Johann Georg Hamann (*27.8.1730 in Königsberg, † 21.6. 1788 in Münster) wäre, der phonetisch von mir nur zwei drei Buchstaben entfernt ist und den gleichen zweiten Vornamen hat wie ich, o Füllhorn des Wohllauts, o funkelnde Vokalise, einst habe ich Schillidas Skulptur mit Chillers Lied von der Glocke verglichen und mit den Wiedertäuferkäfigen und mit Fassbinder von Richard Serra, auch dieser Serra weiß bei Reaktionsschluss (sic!) dieser meiner veloziferisch verwilderten Epopöe noch immer nicht, wo er bleibt, auch das Landesmuseum gibt es ja nicht mehr, und sobald es fertig ist, überlallt es akronymisch Otto Pienes Silberne Frequenz, Hamann auf dem tristessen Überwasserfriedhof, kein Fassbinder: nirgends, aber der rechtsärmelige Löwe von Münster auf dem Domplatz, Giacomo Manzus nördlicher Kardinal, der Furie des Verschwindens mit knapper Not entwischt: ein Würmeling-Exilant in der Fußgängerzone von Cisenza, Kalabrien, in der hypotonischen Körperhaltung nicht unähnlich dem kleinen Bischof, der alle Jahre wie der Nikolaus zu Füßen des Hotels Büscher mit drei Messingkugeln aufwartet – goldgriffige Miniaturen der Giant Pool Balls von Claes Oldenburg (vgl. BAS, d.h. NSA), die den Aasee marginalisieren, kein Baum sieht den anderen, jeder ist allein, irgendwo in meinem Arbeitszimmer ist das Treffen in Telgte verscharrt oder verschüttet, albernfalls dort zu finden, wo Hitchcock all the girls best friends versteckt hätte, in einem der Billys unter G, jene rororo-Ausgabe mit den holzfaserigen Barockgedichten, jetzt, ob meiner keilschriftlichen Kuli-Komm,Jeck-Touren, ein Braille-Blaudruck, ja, ich bin Fische, ich bin – o allerkonkreteste Poesie!: - ein Zwei:ei:Ich:er Zwilling, äußerst empfindsam und innerlichst (ent)scheidungsschwach, der Hermeneutiker unter den Hermetikern, mit einem Wort: Hermann ze German (vgl. Prénom Harmen), nichtsdestotrotziger haben mir die emeritierten Heimschläfer und bodenstämmigen Hin- und Wiederseher stammlokalpatriotisch untergejubelt: Hermann, du bist doch Theo, und der alte Unseld gar hat (verstehe mugshot) Herbert mich genannt (DITYID) in der handschriftlichen Widmung seines Goethe & Gingko-Libellums (ach, Hermann, lass), und so säusele ich Sonntag für Sonntag in den aquamarinen Bahnen des heil‘gen Hallenbads vor mich hin: Bin ich 1 lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt, bin ich zwei, die sich erlesen, dass man sie als 1-Es kennt, navigare necesse ist, heißt es, vivere non est necesse, auf geht’s, ins Offene (verstehe allegria di naufragi), die Tür bleibt zu, die kryptobibliomanen Jalousien bleiben unten, zwischen Sonnenaufgang und Untergang perforieren (verstehe Buñuel) die seelenlosen Morsezeichen des Lichts meine Re, meine Re, meine Retina.











St.-Agatha-Kirche
Am Kirchplatz
Münster-Angelmodde











Wallfahrtskirche St. Marien
Kardinal-von-Galen-Platz
48291 Telgte

















„Rote Telge“ von Josef Zutelgte (2006)













Knickenberghaus
Mühlenstrasse 7
48291 Telgte
Website

Zum 750. Stadtjubiläum 1988 fand hier das erste "Treffen in Telgte" mit Günter Grass und anderen namhaften Schriftstellern statt.











Cafe und Restaurant De Pottkieker
Emsstraße 2
48291 Telgte
Website

Weinbar, Restaurant, Weinhandel Böttcher-Keller
Markt 4
48291 Telgte
Website



















"Überfrau" von Tom Otterness











Wallmann und einer seiner Verwunderer

3. Ćosić oder Telgte, Techte, Tächte (con spirito santo)

Ich verstehe mich selber nicht, und begreife nicht, wie es mögl. ist diese Misthaufen – aber den Saamen von allem was ich im Sinne habe, finde ich allenthalben. (Johann Georg Hamann: anläßlich der Lektüre zweier seiner eigenen Schriften, in einem Brief an Friedrich Heinrich Jacobi, 23.4.1787)

Mitten im Ort, an einem Hotel, das es nicht mehr gibt, gab es ein de(l)ftiges Hinweisschild, das es auch nicht mehr gibt: Widerlich abgestellte Fahrräder werden versteckt, but starting over again, wenn du von Münster kommst, wo es die Fürstin von Gallitzin ja nur noch in Form einer posthellenistischen Taverne gibt und einer realen Schule, nicht aber mehr in der Grünen Gasse, stößt du auf die Marienlinde, sie steht auf einer Petersinsel im kopfsteinernen Meer, wenn indes du dich Telgte von Angelmodde aus näherst, wo nicht nur der hochwürdige Pfarrer Max Klüter aus Schöppingen, sondern auch die liebenswürdige Fürstin, geborene Gräfin von Schmettau, ein schmales Grab an der Pfarrkirche Sankt Agatha hat, die – o kalo, o agathia - mit ihrer Zipfelmütze im Hintergrund von Theobald von Oers Gemälde „Diotima im Netzwerk ihrer 18 katholischen Freunde“ – und also ohne Hamann - zu sehen ist, stößt du auf die „rote Telge“, Telge heißt junge Eiche, womit Josef Zutelgte, der Künstler, die beiden Eichen, die auf dem Stadtwappen, ohne es zu wissen: noch getrennt sind und stroposkopisch mein Sternzeichen dekonstruieren, in der Kreisel-Skulptur wiedervereinigt hat, die eine ist nunc Wurzel, die andere hic Wipfel, in Wirklichkeit ist auch die Marienlinde kein unitarischer Baum, eher ein Triptychon von Baum, der in seiner Dreieinigkeit das Ensemble der rostigen Käfige am Turm der Lambertikirche zu Münster reminisziert, wo der Schöppinger Wiedertäufer Bernd Krechting in den Lüften sein enges Grab und Clemens August Graf von Galen seine kardinale Kanzel hatte, er gähnt, der Baum, vor sich hin wie ein Monster im Sacro Bosco von Bomarzo, zahnlos indes, es heißt, dass aus jena Linde das Marienbild gewachsen sei, das Wallfahrtsbild aber ist nicht aus Linden-, sondern aus Pappelholz, umso erbaulicher ist das Wunder: das mario- ist ein dendrologisches, aber ehe Ich: Es vergesse, zitiere ich erst einmal das Gedicht, das ich anno 2006 zur Einweihung der roten Telge geschrieben habe, die Josef Zutelgte von der Sohle auf den Scheitel gestellt hat:

                Da steckt einer
                den kopf
                ins grundwasser
                und holt luft
                aus den wolken

                da reckt einer
                seine krone
                zu boden
                und tanzt
                auf dem himmel

                da kommt einer
                weil er mit dem bein
                nicht auf der erde steht
                leicht von der stelle,

eine heilige Familie aber hat es nicht nur bei Theodor von Oer gegeben, sondern auch bei Günter Grass, „Gestern wird sein, was morgen gewesen ist“, so fängt das Treffen in Telgte an, „unsere Geschichten von heute müssen sich jetzt nicht zugetragen haben, diese fing vor mehr als dreihundert Jahren an, andere Geschichten auch, so lang rührt jede Geschichte her, die in Deutschland handelt“, was für eine schöne Vorstellung, dass die noblen Damen und Herren der ehrenwerten Schwedischen Akademie bei Kaffee und Satz-Lektüren auch immer wieder den Namen Telgte gedreht und gewendet haben müssen, künderbunt und unlesbar schön sind die Schutzumschläge dieses Treffens in den Aberdutzenden von fremdsprachigen Ausgaben, unter der Stirn-Herrschaft von Günter Grass hat die Stadt Telgte vor 25 Jahren das Treffen - deutscher Autoren – dergestalt wiederholt, als hätte es das erfundene Treffen realiter gegeben, ein, wie der Name schon sagt, bellum grammtikale teutonum, und zehn Jahre später, im Jahr der dreihundertfümfzigsten Wiederkehr des Westfälischen Friedens, hat sie abermals ein „Treffen in Telgte" veranstaltet - mit deutschsprachigen Autoren sowie mit Autoren aus dem ehemaligen Jugoslawien, da gab es übrigens auch litterate Gäste aus der BRD, die sich darob gewundert haben, dass es Telgte wirklich gibt, einer, der mit mir im Golf IV saß, musste, als er das Ortsschild von Telgte sah, lachen, so, wie ich mir vorstelle, dass jemand kichert, der auf seiner Weltreise plötzlich auf die Halbmastflagge von Schlaraffenland oder das Messing-Stadtmodell von Schilda stößt oder auf den gelblichten Wegweiser nach Erewhon, wenn Günter Grass für seine Erzählung aus dem vorletzten Jahr des dreißigjährigen Krieges den Ort Telgte erlesen hat, weil es lebenswasserscheidend zwischen den beiden Verhandlungsstädten Osnabrück und Münster lag und liegt und blüht in seinem Glanze, dann scheint also bei den beiden Wiederholungen des Treffens die Stadt Telgte genau in der Mitte zwischen Fiktion und Wirklichkeit gelegen zu haben, einer der Teilnehmer dieses dritten Treffens in Telgte war der 1932 in Zagreb (Kroatien) geborene, in Belgrad (Serbien) aufgewachsene, heute im Berliner Exil schmachtende Schriftsteller Bora Ćosić, der bereits 1994 eine Erzählung veröffentlicht hat, die diretissima auf Günter Grass anspielt: „Ein neues Treffen in Telgte", es ist ein Text, der mit dem 30jährigen Krieg und dem Zweiten Weltkrieg die seinerzeit aktuelle Situation des ex-jugoslawischen Bürger-krieg-es verbindet, anders gesagt: der die Gegenwart des Bürgerkrieg mit Hilfe der Ereignisse des dreißigjährigen Krieges „liest" - und umgekehrt, denn Ćosić hat nicht nur die besagten drei wirklichen Kriege übereinanderlegt, sondern auch das - von Günter Grass - erfundene Treffen in Telgte und den internationalen, bereits von den Nazis drangsalierten PEN-Kongress von 1933, der in Ragusa - später Dubrovnik genannt - stattfand, und den jugoslawischen PEN-Kongress 60 Jahre später, abermals in Dubrovnik, mitten im Menschenkrieg der Bürger und Sprachen, wenn es Ćosić nur um das Übereinanderlegen historischer Phasen & Phrasen gegangen wäre, dann hätte er nicht Telgte wählen müssen, aber in Günter Grass' Erzählung hat er - ohne an ein reales Telgte auch nur 1 Gedanken zu verschwenden - offenbar ein mäeutisches Skalpell (verstehe Ockham) erkannt, und als er dann tatsächlich hier einmal hat lesen können, hat er das wirkliche Telgte mit dem erfundenen verglichen – mit der consecutio temporum, dass er zu seinem „Neuen Treffen in Telgte" eine Fortsetzung geschrieben hat, unter dem Titel „Die wiedergefunden Libuschka", als dann Bora Ćosić leibhaftig nach Telgte kam, war das sehr viel mehr als ein Lokaltermin, in seinen beiden Telgter Prosastücken verzapft und verzopft Ćosić seine Sätze mit denen von Günter Grass, der seinerseits seine Sprache dem Barockdeutsch unterworfen hatte, wer in der Weiten Weiten Welt (verstehe www) „Das Treffen in Telgte" interpretiert, wird an der Existenz von einem Osnabrück oder einem Münster nicht unbedingt rütteln, aber Telgte wird er für einen ausgeklügelten Neologismus halten, mit Der Der Dichter hat „sagen" wollen, dass es um einen - curtsy gesagt: - Topos mitten zwischen den Verhandlungsstätten geht, in der „Wiedergefundenen Libuschka" – ergo einer Fundsfrau, die ihren nome de guerre von der „couragierten" Wirt-Inn aus Grass' Erzählung hat - heißt es: „Heute sitze auch ich gleichberechtigt bei jenem längst vergangenen Dichtertreffen in Telgte, einst Telligt genannt, was nach alter Deutung junger Eichbaum heißt. Ich, der alte Baum aus dem Süden, hinter-lasse so meine Wurzeln in diesem zahmen Städtchen an der Ems, wo ich bei viel Wein kollo-quiere, mit einem Kritiker und Literaturgelehrten,“ - das war, Verzeihung, ich – „der mich aus der Dunkelheit der balkanischen Anonymität zu dieser großen europäischen Tafel" - das war der Pottkieker – „und in einen Keller“ - das war der Böttcher-Keller - „den selbst wir beide nur schwerlich leeren können, eingeladen hat, so sitze ich dort, wo die barocken Poeten des 17. Jahrhunderts einst hätten sitzen können, es jedoch nicht taten, hier in Telgte waren nie Dichter auf einer großen Versammlung" - das hat sich unterdessen geändert – „so daß auch wir, die wir hier weilen, vielleicht gar nicht real, sondern als Geister hier sitzen", Ćosić zweifelt also gar nicht an dem literarisch ersonnenen & gesponnen und gewebten & belebten Charakter des Treffens, und doch (und deshalb) sitzt er jetzt inmitten der Barockpoeten. er hält sich für einen Geist (verstehe Ghostwriter), schlägt aber dennoch Wurzeln, seine Verblüffung über das Telgte, das es gibt, kann sich nur paradox artikulieren, es ist das reale Telgte mitsamt Emsbrücke, die ihm jetzt zur Metapher wird, und noch etwas wird ihm - dem Emigranten, dem Asylanten, dem sehnsuchtsschweren Bohémien - zum Bild: „Was sind meine Wege und worin besteht ihre Richtigkeit?, aber" - und jetzt zitiert er wieder Günter Grass - "wie man die Stadt an der Ems richtig nenne: Telgte, Telchte oder gar Tächte, nach Art der hiesigen Mägde?“, denn nur in der Stadt, die ihren eigenen Namen nicht richtig benennen kann, ist ein Treffen der Dichter ganz verschiedener Geistigkeiten denkbar“, und abermals fährt er mit einem Grass-Zitat fort: „So mißverständlich machten sie sich verständlich, so verwirrend reich waren sie an Sprachen, so ungesichert frei war ihr Deutsch“, Hochdeutsch, Mitteldeutsch, Fälisch, Schlesisch und mein gerade erlerntes und nur halb beherrschtes Deutsch, ich bin aus meinen südlichen Gefilden gekommen und sprach eine Sprache, die es dort - zu Hause - als Sprache gar nicht mehr gibt", als Ausländer und Vertriebener hat Bora Ćosić eine barocke Netzhaut, ein barockes Trommelfell, bar(h)ocke Fingerkuppen dafür, dass in dem korrekten „Telgte" der Neophyte, im „Telchte" der Indigene, in „Tächte" eine selige westfälische Fasson zu vernehmen ist, und er, der seine Sprache verloren hat - im Balkankrieg wurde das Serbokroatische dermaßen auseinandergerissen, dass man es nicht mehr als eines kennt, in ein „reines" Serbisch und ein „reines" Kroatisch - formuliert eine pfingstliche Hoffnung, die er mit einem Schriftstellertreffen verbindet: Dass ihm eine lingua nova zuteilwerde, hic Telgte hic salta, nach dem utopisch-literarischen bei Grass und dem sozialdemokratischen Revival resp. Repetitorium mit Grass hat es vier weitere Treffen gegeben, kulinarisch u. chillideal – was für ein gastrophiles Städtele - aber doch allesamt in der Tradition des Ćosić-Hologramms, dieser diaphanen Version von Rubik’s Cube oder Freuds Wunderblock, drei schutzeilige Fetische auch dieser meiner novalisk närrischen: autopilotischen Nanú?-Náno-Prosa! (verstehe HD), die immer so verhetzt aussieht (verstehe foie gras) mit ihrem brennenden Unglückskopf (verstehe Kafka) - Fressor, habe ich grimmig geflüstert, als man mich I-Mann, bevor ich aus dem Paradiesgarten meines emsnahen Coming of Age vertrieben ward (verstehe Kindheitserinnyen), fragte, was ich mal werden will - Teo und Rema (verstehe Pasolini) statt Thema und Rhema, Stattbücherei (mit dem rechtsärmeligen Überfrau-SKELETT von Tom Otterness und, drinnen, dem LEEREN Regal für Jorge Luis Borges von Holle Frank) statt Stattbäckerei (verstehe Leben S‘ mit Tell), Agamemnon statt Angenommen (verstehe Montblanc), LG (verstehe Chr. M. Stadion) statt Fleurop, Lärmen statt Lauschen (verstehe wider Doderer), a hell of a good play (verstehe Beckett), namedrops keep calling in my brain: brain: attacca subito statt festina lente: Kinesis statt Mimesis: Wunden statt Weihen, weil sie, diese Tonfolge ohne Gesetz, diese: diese magistrale Tinius-Suada, die ihre BEIDEN Vornamen mit Hamann teilt, fürchten muss, dass der Himmel meine sowohl auf Reisen als auch bey anderen Gelegenheiten verübten Lese-Excesse bestrafen wird in der Eisernen Jungfrau (verstehe Lana Del Rey) meines schalltoten Bücherstalls: Welcher Purpurmantel wird meinen zerfleischten Rücken (verstehe une belle blessure) decken? Ich (verstehe meus absconditus) bin ein schreibendes Schilfrohr (verstehe hyperventilierend logorrhoetliche Misologie) im waffenstarrenden Weltall, quod scribsi (verstehe con la mano de Dios), skryptsi, warte nur, balde, o blaue Vergessenheit (verstehe YOLO:), bist du ganz: mein, ja, genau: dû bist mîn, ich bin dîn. (Lovit!)

PS: Apropos embodied mind – Gerne hätte ich mein Dichten und Trachten nun nach Süden noch gelenkt, nach Dülmen, nähmen sich nicht bereits seit meiner Firmung – perché bramo Dio? - in dem vollmondigen Labyrinthe meines steinernen Herzens - cor ne edito - Clemens W. Brentano und Anna Katharina Emmerick, selig, vor der Welt verschlossen - Nacht(ver)-wandler wie ich - einander mit frommer Inbrunst zu Brust und Busen: Psalmenénde-Gelände, hätte, hätte Fahrradkette, ois die Maus: ois Chicago, ois gut, sad-is-fiction (verstehe EOTWAIKI).

Autosuggestion: „Mir immer unbegreiflich, daß es jedem fast, der schreiben kann, möglich ist, im Schmerz den Schmerz zu objektivieren, so daß ich zum Beispiel im Unglück, vielleicht noch mit dem brennenden Unglückskopf mich setzen und jemandem schriftlich mitteilen kann: Ich bin unglücklich. Ja, ich kann noch darüber hinausgehn und in verschiedenen Schnörkeln je nach Begabung, die mit dem Unglück nichts zu tun haben scheint, darüber einfach oder antithetisch oder mit ganzen Orchestern von Assoziationen (verstehe: Tablett voll glitzernder snapshots) phantasieren. Und es ist gar nicht Lüge und stillt den Schmerz nicht, ist einfach gnadenweiser Überschuß der Kräfte in einem Augenblick, in dem der Schmerz doch sichtbar alle meine Kräfte bis zum Boden meines Wesens, den er aufkratzt, verbraucht hat. Was für ein Überschuß ist es also?“ (Franz Kafka, Tagebuch, 18. September 1917)

 


Mögliche Routen von Telgte:

Mit dem Fahrrad oder zu Fuß
nach ANGELMODDE

Restaurant Hoffschulte, Alter Postweg 51/53 (vermutlich die erste Wohnung der
Fürstin von Gallitzin, die den Hof wohl auch mit Goethe besuchte)
Gallitzin-Haus, Angelmodder Weg 97 (Museum)
www.gallitzin-stiftung.de/haus.html
St. Agatha Kirche mit Grabmahl für Fürstin Amalie von Gallitzin


Mit dem Auto, Pfarr-AT oder zu Fuß
nach DÜLMEN

Geburtshaus der Seligen Anna Katharina Emmerick in der Coesfelder Bauerschaft Flamschen, Emmerickweg 20.
Gedenkstätte im Untergeschoss der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen
Grab der Seligen Anna Katharina Emmerick in der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen.
Hinweis: Auf einer Länge von 25 Kilometern verbindet ein Rad- und Wanderweg zur
Erinnerung an die selige Anna Katharina Emmerick deren Geburtshaus in Coesfeld mit
Ihrer Grabstätte in der Heilig-Kreuz-Kirche in Dülmen. (Schöppingen - Coesfeld ca. 20
km); Clemens Brentano: zwischen 1819 und 1824 in Dülmen; verschiedene Publikati-
onen auf der Grundlage der Visionen von Anna Katharina Emmerick: Eine Gedenkstätte gibt es nicht.

Literatur:

1. Station/ Schöppingen:

Wo Worte langsam wachsen. Texte der Literaturstipendiaten des Künstlerdorfes Schöppingen 1989 bis 1993, herausgegeben von Rolfrafael Schröer, tende Verlag, Dülmen 1995
Heinz Czechowski: Mein westfälischer Friede. Ein Zyklus, 1996 – 1998. Mit einem Nachwort von Walter Gödden, Bücher der Nyland Stiftung, Köln 1998
Heinz Czechowski: Die Pole der Erinnerung. Autobiographie. Mit einem Nachwort von Sascha Kirchner, Grupello Verlag, Düsseldorf 2006 Karen-Susan Fessel: Nur die Besten! Roman. Serie Piper 2996, München 2001 Petra Morsbach: Dichterliebe. Roman. Knaus Verlag, München 2013 Hamanniacs & Hamanniana. Ausgewählte Nachträge
Rede, daß ich Dich sehe! Wortwechsel mit Johann Georg Hamann. Herausgegeben von Susanne Schulte, Rimbaud Verlag, Aachen 2007
Ohne Wort keine Vernunft – keine Welt. Bestimmt Sprache Denken? Schriftsteller und Wissenschaftler im Wortwechsel mit Johann Georg Hamann, herausgegeben von Susanne Schulte, Waxmann Verlag, Münster 2011


2. Station/ Münster:

Otto Jägersberg: Weihrauch und Pumpernickel. Ein westphälisches Sittenbild, Diogenes Verlag, Zürich 1964 Hermann Wallmann: Schiller und Chillida. Ein Lesemodell für „Das Lied von der Glocke“, in: Literatur in Westfalen. Beiträge zur Forschung 10, Aisthesis Verlag, Bielefeld 2009, S. 205 – 306. - Christa Farwick und Adam Riese: Das Münsterbuch. Der Stadtführer, 5., aktualisierte und vollständig überarbeitete Auflage, Daedalus Verlag, Münster 2014

 

3. Station/ Telgte:

Günter Grass: Das Treffen in Telgte. Eine Erzählung, Luchterhand Verlag, Neuwied 1979 Bora Ćosić: Das barocke Auge. Essays. Aus dem Serbischen von Barbara Antkowiak, Alida Bremer und Thomas Bremer. Mit einem Nachwort von Karl-Markus Gauß, Babel Verlag, Tulay 1997 (Bei den Zitaten habe ich die Punkte durch Kommata ersetzt, um den Emsigen
Fluss meiner Prosa nicht ins Stocken zu bringen.) Hermann Wallmann: Telgte – die erlesene Stadt. Vortrag zur Eröffnung des „Treffpunkts
Telgte“ am 18. August 2001 (unveröffentlicht) Georg Veit: An den Enden der Treppe. Ein Roman um Anna Katharina Emmerick, Wax-
mann Verlag, Münster 2008

 

 

 

Hermann Wallmann

wurde 1948 in Rheine/ Westf. geboren. Er studierte Germanistik und Erziehungswissenschaften in Münster und arbeitete anschließend als Gymnasiallehrer in Münster-Wolbeck. Seit 1983 war er Redakteur der Literaturzeitschrift „Schreibheft“ und seit 1986 arbeitet er als freier Literaturkritiker. Diverse Aufsätze. Er selbst schreibt Gedichte und Erzählungen. Des Weiteren ist er Künstlerischer Leiter des Lyrikertreffens Münster sowie Vorsitzender des Literaturvereins Münster. Hermann Wallmann wurde 1978 mit dem Lyrikpreis der Stadt Osnabrück ausgezeichnet und erhielt 1984 den 1. Preis für Lyrik des NRW-Autorentreffens. Seit 1998 ist er Mitglied im P.E.N. Zentrum Deutschland.