Horst Samson

Horst Samson
© Edda Samson

Steckbrief

geboren am: 4.6.1954
geboren in: Salcimi, Rumänien

Kontakt: ,

Vita

Horst Samson,  geb. am 4. Juni 1954, im Weiler Salcimi (Baragan/Rumänien), Lehrer, Journalist. Im Oktober 1984 war Samson in der Affäre „Brief an die Macht“ und der kritischen Konfrontation mit der Partei- und Staatsführung in Rumänien sowie mit dem rumänischen Geheimdienst „Securitate“ der Wortführer der protestierenden Schriftstellergruppe, der neben ihm noch Richard Wagner, Johann  Lippet, Herta Müller, William Totok, Balthasar Waitz und Helmuth Frauendorfer angehörten. 1985 wurde Horst Samson mit Publikationsverbot belegt, im März 1986 von der Securitate mit Mord bedroht. Er emigrierte ein Jahr später, am 6. März 1987 in die Bundesrepublik Deutschland, lebt heute als freier Autor in Neuberg, bei Frankfurt am Main.

Veröffentlichte zehn Gedichtbände, zuletzt ,,La Victoire. Poem” (Lyrikedition 2000, München 2003; Hrgb. Heinz Ludwig Arnold), „Und wenn du willst, vergiss“ (Pop Verlag Ludwigsburg, 2010); „Kein Schweigen bleibt ungehört“, Pop Verlag Ludwigsburg, 2013; und „Das Imaginäre und unsere Anwesenheit darin“, Pop Verlag Ludwigsburg 2014;

„Heimat als Versuchung – Das nackte Leben“,
Pop Verlag Ludwigburg, 2018 - Ein Lesebuch mit Lyrik, Prosa. Essays, Interviews, Literaturkritik.  

Mitherausgeber:

Salman Rushdie: „Die Satanischen Verse“
, Artikel 19 Verlag;

„Pflastersteine. Literarisches Jahrbuch des Adam Müller-Guttenbrunn-Literaturkreises“,
Temeswar/Rumänien; Herausgeber der Anthologie „Heimat – gerettete Zunge. Visionen und Fiktionen deutschsprachiger Autoren aus Rumänien“, 372 S., Pop Verlag Ludwigsburg, 2013.


"Die Sprache, die auf das Nichts folgt, die kennen wir nicht. Sätze und Texte für Richard Wagner", mit Grafiken und Malereien von Walter Andreas Kirchner, Pop Verlag Ludwigsburg, 2018. 

Nationale und internationale Literaturpreise, zuletzt Gerhard-Beier-Preis der Literaturgesellschaft Hessen (2014).

Gedichte des Autors wurden ins Englische, Französische, Rumänische, Schwedische, Serbokroatische und Ungarische übersetzt.

Mitglied im Internationalen P.E.N. (2006-2014 Generalsekretär des „Internationalen EXIL-P.E.N. - Sektion Deutschsprachige Länder“), Mitglied im VS.

Würdigung

DAS NACKTE LEBEN

Von Erwin Messmer

Horst Samson sogenannter Rumänien-Deutscher, aus Ceausescus Diktaturstaat nach Deutschland emigriert, lebt in einer Kleinstadt in der Nähe von Frankfurt und verdient sich sein Brot als Chefredaktor einer Lokalzeitung. Sein Name ist in der Lyrikszene weniger klingend als etwa die­jenigen seiner Landsleute Franz Hodjak, Herta Müller oder Richard Wagner, aber mit seinem neusten Gedichtband La Victoire. Poem wird er zweifellos in die Geschichte eingehen als einer, der zuhan­den der Nachgeborenen ein bedeutendes Zeitdokument abgeliefert hat, dazu ein ganz großes Stück Weltliteratur und — was nach diesen ersten zwei Attributen nicht selbstverständlich ist — einen Auf­sehen erregenden Beitrag zur zeitgenössi­schen Lyrik.

Der schmale Band vereinigt eine in sechs Abteilungen gegliederte Folge von Gedichten, die sich — alle ohne Titel — „durch Leitmotive, Bildsyntagmen, intertextuelle Bezüge und eingebaute Zitate — vor allem aus dem lyrischen Werk von Guillaume Apollinaire — zum Protokoll einer Entheimatung und Zerstörung ver­klammern“ (Peter Motzan, im Vorwort). Man liest die Gedichte, eins nach dem ändern, quasi als verschlüsselte Autobio­graphie, und für einmal dürfte sich die Unsitte, wie sie unter Lyrikkonsumenten grassiert, nämlich das Buch von hinten nach vorn mehr zu überfliegen als zu lesen, niemandem aufdrängen.
Die Texte sind bitter und zärtlich, iro­nisch distanziert und bekenntnishaft, resigniert und kämpferisch, dazu von einer sprachlichen Vitalität und Unverbraucht­heit, wie sie in neueren Gedichtbänden nur noch ganz selten anzutreffen ist. Hier wer­den den Lesenden Sprachbilder vorge­führt, die in ihrer stupenden Paradoxie irri­tieren und berauschen, aber auch schmer­zen, denn es ist, als würden einem ganze Bilderbücher regelrecht um die Ohren geschlagen. Die Sprache wird zur farbigen Gegenwelt von einem Land, wo alles grau ist — Das Rot ist grau, / Das Gelb ist grau, / Das Blau ist grau. II Die Farben sind müde - da wo jeder anderswo überwintert: In einer ver­schwiegenen Lüge, In einem verschwiegenen Satz, In einem verschwiegenen Zeugen, In einer ver­schwiegenen Frau, In einem verschwiegenen Tod. In einem Land, in dem die verzweifelte Frage auftaucht, wer denn zum erstenmal das Wort / Sieg gedacht hat und man täglich fest­stellen muss: Sie sagen etwas / Wir verstehen / was anderes, l La victoire avant tout sera ... In einem Regime, in dem alles Zu verlieren ist: Fünf Sinne, l mit denen wir jung schon gegen viele II Winde stehn und unsere Sprache, / In die wir eingeschlossen sind — Insekten, l Die durch Bernstein sehn ... Nimmt das Hoffen kein Ende / dir weg, und Deine Einsamkeit steht neben dir wie ein Schatten, /(...) Der Sommer ist ein anhaltender / Schüttelfrost, dein Herz eine Fundgrube / Für Mörder.

Der fröstelnde Gang durch diese dicht bebilderten Texte, auf dem man keine Rast und keine Ruhe findet, liest sich wie eine Art Fortsetzung von Wilhelm Müllers Winterreise, und würde Schubert heute leben, er würde sich bestimmt auf Samsons Poem stürzen, um das sprachmusika­lisch Brüchige und Klirrende in ihm kon­genial zu vertonen! Das Verrückte, Dre­hende des Müllerschen Leiermanns greift bei Samson über auf den ganzen Kosmos, alles wandert, wie wir es erleben, wenn uns schwindlig wird, so dass wir stehen bleiben müssen und stattdessen unsere Umgebung zu wandern beginnt: Die Kir­chen, sehen sie die Kirchen wandern ... II Häu­ser, alles wandert! Sehen sie / Es wandern? (...) / Die Singdrossel wandert, / Das Rotkehlchen, der Kuckuck und die Kontinente. / Es wandern die Bäume mit dem Wald. (...) Und sehen sie nur die Kirchen, wie / Die Kirchen wandern. Und wenn die Kirchen / gewandert werden, dann wandert alles ... Ist es bei Müller die Gelieb­te, die den Helden verrät und vor die Hunde gehen lässt, so ist es bei Samson ein Land, welches Verrat übt an seinen Bewohnern und die Integrität der freien Person untergräbt, und das geschieht nach Art der Folter in kleinen Etappen: Nie­mand geht an einem Tag / / Vor die Hunde. Mal ist es ein Arm, der verschwindet, / Mal ein Kein, das fehlt, / / mal ein Wort — . Und ist es in Müllers Winterreise immerhin das Wandern, das sich durch die Gedichtfolge zieht und dem Wanderer trotz seines Mar­sches in die Sackgasse einen Nimbus von Freiheit verleiht, so ist es bei Samson das Eingesperrtsein, das Verharren im Schre­cken, das den Texten ihre ungeheure Dynamik verleiht. Zum Schluss landet Samsons Poem aber trotzdem an einem Wendepunkt, das Müllers Leiermann eine Perspektive entgegenzusetzen hat, nämlich am Grenzbahnhof Curtici. Und nach Stunden des angstvollen Wartens, der unsäglichsten Schikanen, leuchten irr wie in Romanen / über dem Bahnsteig Sterne / Um ihr Leben. Ins Offene l Gelehnt sehen wir es glitzern, hören / Befehle, Hundegebell. Die Lok / Pfeift. Das Mädchen ist tot / La Victoire, flü­stere ich / in den Fahrwind, la Victoire! Und schiebe l Das Zugfenster zu ...

Der Band, an dem Samson in verschie­denen Etappen seines bewegten Lebens gearbeitet hat und der mit einem ausführ­lichen Erläuterungsanhang versehen ist, erschien in der Lyrikedition 2000, einer Reihe, die nie vergriffen ist (sog. „books on demand"), da bei jeder Bestellung die verlangte Anzahl neu gedruckt wird. Das Buch beweist aufs Eindringlichste, dass die politische Lyrik noch lange nicht tot ist, sondern im Gegenteil lebendiger als manche postmoderne hermetische Schrei­be. Und man wird den (wohltuenden) Verdacht nicht los, dass gute Lyrik halt letztlich doch etwas mit Fleisch und Blut, oder meinetwegen mit dem nackten Leben zu tun hat.
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Horst Samson: La Victoire. Poem. Lyrikedi­tion 2000, herausgegeben von Heinz Lud­wig Arnold. Mit einem Anmerkungskata­log. München: Verlag der Buch & medi@Gmb, 2003. 82 Seiten.
(Aus der Schweizer Literaturzeitschrift „Orte“ 27. Jahrgang, Nr. 134, März/April 2004 - (Zelg/Zürich)

* Erwin Messmer, Schriftsteller, Organist, Kritiker, wurde 1950 in Staad SG am Bodensee geboren. Er studierte Philosophie und Deutsche Literatur an der Universität Freiburg i.Ue. Gleichzeitig erwarb er sich Lehr- und Konzertdiplome für Klavier und Orgel. Bei der Schweizer Literaturzeitschrift "orte" sitzt er in der Redaktion. Erwin Messmer ist Mitglied des Berner Organistenverbands (BOV), der Innerschweizer Schriftstellerinnen- und Schriftstellervereins (ISSV) und des Verbands Autoren der Schweiz (AdS).
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STIMMEN
AUS DEN 80er JAHREN ÜBER MEINE ERSTEN LESUNGEN IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND NACH DER EMIGRATION im März 1987


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,,UMBRUCH druckt bisher unveröffentlichte Texte junger rumäniendeutscher Autoren; darunter sind schöne, strenge, subjektive Gedichte voller Anklage, wie Horst Samsons ,Überlieferung':

  ,Die im letzten Winter
  nicht erfroren sind,
  denen
  wirds in diesem Winnter
  leid tun.' ''
                  Michael Buselmeier - ,,FRANKFURTER RUNDSCHAU''
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,,Und schließlich der seit 1987 in der Bundesrepublik lebende Rumäniendeutsche Horst Samson, in dessen beklemmenden Versen, etwa auf den rumänischen Dichter Urmuz (1883-1923) die selbsterlittene Erfahrung des zum Terrorzusammenhang sich zusammenschließenden Lebens in Ceausescus Rumänien sich lyrisch artikuliert - als der Friedhofsstille hinter der Sprache paradox abgetrotzte Revolte: ,Er sah die wachsende Enge / Das Dunkel in sich wie in einer ungeknackten Nuss, / Das frass, / Da hob er den Zeigefinger an die Schläfe / Und schoss / Eine Tür und ein Fenster in seinen Kopf.' ''
                              Urs Allemann - ,,BASLER ZEITUNG''
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 ,,Auffällig die starke, nicht nur zahlenmäßige Repräsentanz von Autoren aus der DDR (neben Drawert die mit einem geteilten Förderpreis ausgezeichneten Durs Grünbein und Rainer Schedlinski) und ehemaligen Rumäniendeutschen (unter ihnen besonders bemerkenswert Horst Samson, dessen Gedichte ebenfalls eine Auszeichnung verdient hätten). Offenbar gelangt man in der Atmosphäre jener Länder zwangsweise zu mehr Tiefe und gültigeren Aussagen als in dem von Oberflächenreizen überfluteten Westen''
                      Norbert Bartnik - ,,DARMSTÄDTER ECHO''
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,, So künden denn seine noch unveröffentlichten Verse der letzten acht Jahre von der Verlogenheit der Politik und der Presse im Osten, wo Menschen und Gefühle verfremdet erstarrten, wo die Stille vergiftet war und die Liebe zu einem ,sich gegenseitigen Belauern' wurde. ,Reise an den Rand der Fremde' überschreibt Samson diese Gedichte, die feinsinnig und mit hervorragend erläuternden Wortbildungen die Situationen kennzeichnen. So auch die Exilzeit mit den sperrmüllsuchenden ,Aussiedlerkrebsen' und den schlaflosen Nächten, die ihn zur Flucht in die Spitze seines Bleistiftes treiben''
                       Christina Altmann -  ,,MANNHEIMER MORGEN''
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,,War zu dieser Zeit die Atmosphäre in der Buchhandlung schon sehr dicht geworden, so steigerte sich dies während der eigentlichen Lesung in betroffene Beklommenheit: Literatur zeigt sich in schwarzen Spiegeln, ein Buch schweigt laut und verräterisch... Dunkle Texte. Große Dichte, die die schweren Jahre deutlich spiegelt, aber auch Kritik übt an dem, was der Autor hier vorfand, als er, wie er es ausdrückte, aus einem grauen Land ins abendlich erleuchtete Nürnberg kam.''
                               Marren Felle - ,,RHEINPFALZ''
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,,Samsons Lyrik ist...durch äußerste Geradlinigkeit, manchmal fast sprachliche Kargheit, gekennzeichnet. Dabei scheinen seine Worte vor Hintergründigkeit schier zu bersten, ist der Autor doch geprägt durch Zensur und Verfolgung in seiner Heimat. Und dort diente die Sprache oft als eine Art Code und erschließt sich nicht gleich vordergründig. Samsons Lyrik besticht durch ihre Hermetik und eine Tiefe der Aussage, wie man sie hierzulande von Lyrik im allgemeinen nicht kennt.''
                            Gabriele Holze - ,,HANAUER ANZEIGER''
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,,Seine Gedichte strahlen die Kälte aus, die langsam das Land durchkroch, die Minderheiten und regimekritische Stimmen einfror oder zur Emigration zwang. Horst Samson stand 1986 vor der folgenschweren Entscheidung, der einige Jahre Zensur, Schreibverbot und ,eine klare Morddrohung durch die Securitate', die gefürchtete Geheim- und Sicherheitspolizei Ceausescus vorangegangen waren. Möglichkeiten, früher zu gehen oder Schwierigkeiten zu vermeiden, hätte es auch gegeben. Nur: Für ihn kamen sie nicht in Frage. ,Ich war fasziniert, den Untergang einer Kultur mitzuerleben, und mußte mich gleichzeitig dagegen auflehnen.'''   
                                      aer - ,,SAARBRÜCKER ZEITUNG'' 

Werk

Zuletzt durch Horst Samson aktualisiert: 16.10.2018

Literaturport ID: 2992