Marcus Hammerschmitt

Steckbrief

geboren am: 11.9.1967
geboren in: Saarbrücken
lebt in: Tübingen

Vita

Wir hatten ja nichts

Von heute aus gesehen könnten die späten Siebziger auch ein fremder Planet sein. Unsere Eltern wollten, dass wir auch katholisch sind, aber das geht nicht einfach so, das muss man üben. Also verfrachteten sie uns eines Sonntags zum "Hungeressen". Einfache Regeln: Die örtliche Betonkirche stellte den hungrigen Katholiken eine Erbsensuppe mit einer Wurst hin und nahm dafür pro Plastiknapf 10 D-Mark. Bei einem geschätzten Warenwert von siebzig Pfennig pro Portion blieb ordentlich was hängen, und dieser Überschuss sollte nach Afrika gehen, zu anderen hungrigen Katholiken. Man konnte auch mehr investieren. Mein Vater zum Beispiel warf für jeden von uns 15 Mark in den Klingelbeutel, um zu demonstrieren, dass wir zwar zum Hungeressen gingen, uns ansonsten aber richtig was leisten konnten. Die Katholiken saßen also auf Bierbänken im Keller der Betonkirche, träumten von einem leckeren Sonntagsbraten, löffelten sich Erbsensuppe rein und verstanden den Abstand zwischen der Realität und ihren Wünschen als Beweis für ihre sittliche Überlegenheit. Und da gab es ja auch noch das vom Bistum bereitgestellte "Hungertuch", das 3 x 2 Meter groß an der Kellerwand hing und stückweise an Hungeresser verkauft wurde, die sittlich noch überlegener waren. Auch ich träumte von einem anderen Essen, zum Beispiel den sehr schmackhaften, mit Eiern gefüllten Kalbsrouladen, die es manchmal sonntags bei uns gab. Dennoch fielen mir Widersprüche auf, die ich während der Rückfahrt im Auto diskutieren wollte. Warum man etwas ein Hungeressen nannte, das doch einigermaßen sättigend gewesen war, wenn auch nicht auf so schmackhafte Art wie Kalbsrouladen zum Beispiel? Und warum man das Geld nicht einfach so spendete, ohne überteuerte Erbsensuppe für die Spende einzukaufen? Ich wollte gar nicht sarkastisch sein, dafür war ich noch zu jung. Aber unsere Eltern fanden meine Skepsis nicht so gut. Trotzdem: Ich kann mich an kein zweites Hungeressen erinnern.

Wahrscheinlich leben wir immer noch auf dem fremden Planeten. Ich denke oft an das Hungeressen, vor allem, wenn ich "fair gehandelte" Waren im Supermarkt sehe. Die "Hungertücher" sind auch nicht verschwunden; allerdings dürfen die afrikanischen Künstler, die sie heute gestalten, Dreadlocks tragen, weil auch die Kirche mit der Zeit gehen muss.

Würdigung

1989: Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg
1997: Thaddäus Troll-Preis
1998: Essaypreis der Büchergilde Gutenberg
1999: Würth-Literaturpreis
2001: Digital Content Award der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg
2004: Edenkoben-Stipendium der Kulturstiftung Rheinland-Pfalz
2018: Hamburger Gast (2. Platz)

Verschiedene Auszeichnungen im Bereich Phantastik und Science Fiction (z.B. Deutscher Science Fiction-Preis 1996 und 2007, Kurd Lasswitz-Preis 1998, 2000 und 2007)

Werk

Eigenständige Veröffentlichungen

Veröffentlichungen in Anthologien

Eine Trillion Euro

Bastei Lübbe (Bastei Verlag)2012-08-22

Stoffmuster: Förderkreis Deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e. V. Förderband 10

Info Verlagsges.2011-03-11

Scheitellinien

Info Verlagsges.2009-05-13

Lyrik der Gegenwart 2: Feldkircher Lyrikpreis 2008

Edition Art & Science2008-11-28

Jahrbuch der Lyrik 2008

S. Fischer2008-03-03

Der Moloch und andere Visionen

Shayol2007-09

Die Legende von Eden und andere Visionen

Shayol2005-09-01

Holzmarkt

Bösenlustnauer Presse2003-12

Lyrik von Jetzt

Dumont Buchverlag2003-06-18

100 Wörter des Jahrhunderts: 100 Wörter des Jahrhunderts ist eine Medienpartnerschaft von 3sat, Deutschland Radio Berlin, Süddeutsche Zeitung und ... deutsche Sprache e.V (suhrkamp taschenbuch)

Suhrkamp Verlag1999-03-22

HOLZMARKT 2012: Eine Anthologie der Künstlergruppe Holzmarkt

Bösenlustnauer Presse2012-07-15

Neckargeschichten

Klöpfer + Meyer GmbH + Co. KG2010-03-22

Jahrbuch der Lyrik 2009

S. Fischer2009-03-04

Jahrbuch für Literatur: Vor dem Umsteigen: 14

Brandes & Apsel2008-10-01

Luft unter den Flügeln: Der Irseer Pegasus

Klöpfer und Meyer2008-01-15

Plasmasymphonie und andere Visionen

Shayol2006-10-01

Das Grauen kam am Heiligabend. Geschichten zum Fest

Sauerländer2005

Tübingen im Gedicht: ... und stochern weiter durchs Aquarell... Eine Anthologie

Heckenhauer, J2003-11

Herbert Hamak

Hatje Cantz Verlag2001-10

Pistole & Würde

Konkursbuchverlag Gehrke1999

Multimedia

Ichnotaxon, erstes Quartal (Gedicht)

Kolonnaden, Kurzprosa

Fahr ins Ries und zurück, Kurzprosa

In der Regenzeit, Gedicht

Der Brief des Nachtportiers, Gedicht

Fünftausend Jahre wären wie nichts, Kurzprosa

Zur Feier des Tages, Kurzprosa

Vollrömer werden, Geschichtsding

Zuletzt durch Marcus Hammerschmitt aktualisiert: 13.09.2018

Literaturport ID: 1860