Regula Horlacher

© Johanna Bossart

Steckbrief

geboren am: 1.5.1963
geboren in: Brugg/Aargau/Schweiz
lebt in: Bern

Vita

Regula Horlacher (vormals Haus-Horlacher) wurde am 1. Mai 1963 in Brugg/CH geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zusammen mit einem jüngeren Bruder in verschiedenen Nachbardörfern der aargauischen Kleinstadt.


Regula Horlachers erster Roman Das schwarze Sofa (erschienen im eFeF-Verlag Wettingen/CH, 2012) ist zwar fiktiv, aber die Anlehnung an die ländliche bzw. kleinstädtische Umgebung ist dennoch in vielen Schilderungen spürbar. Auch die Gepflogenheiten, wie sie in den frühen 1980erjahren an einem Seminar für pädagogische Berufe Brauch waren, kennt sie aus eigener Anschauung, da sie sich als junge Frau zur Handarbeitslehrerin ausbilden liess. Im Gegensatz zur Romanfigur Lea beendete sie jedoch ihre Ausbildung und unterrichtete im Anschluss hörbehinderte Kinder an einer Internatsschule in der Nähe von Aarau/CH. Nebenbei belegte sie Semesterkurse an der Schule für Gestaltung Zürich in den Fächern Sticken, Holzbearbeitung, Zeichnen und Farbenlehre.


Regula Horlacher ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern (1989 und 1991). 1989 gab sie das Unterrichten zu Gunsten der Familienarbeit auf und betätigte sich ansonsten ehrenamtlich in ihrer Wohngemeinde Windisch. Ausserdem besuchte sie Kurse an der Fachstelle für Freiwilligenarbeit Zürich in Kommunikation und Seelsorge. 2011 liess sie sich beim Schweizerischen Roten Kreuz zur Pflegehelferin ausbilden und begann danach in Altersheimen zu arbeiten.  


 


Ihre schriftstellerische Tätigkeit fing im April 2007 mit Werkstattarbeit bei Milena Moser in Aarau an. Von September 2008 bis März 2009 beteiligte sie sich an einem Kolloquium bei Dr. Franziska Schwarzenbach, Lektorin, in Zürich, und seit Dezember 2008 nimmt sie bei Irina Schönen, Schauspielerin, in Langnau am Albis Sprechunterricht vor Lesungen. Bereits ab 2008 erreichte sie mit der Teilnahme an Literaturwettbewerben erste Erfolge und im Mai 2012 erschien ihr mit einem Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums geförderter Roman Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen. Januar bis März 2015: Schreib-Aufenthalt in Berlin.


 


Regula Horlacher lebt heute in Bern. Zur Zeit arbeitet sie an einem experimentellen Schreibprojekt, das den Werktitel 365 tägliche Notate trägt. Auszüge aus dem laufenden Projekt befinden sich weiter unten auf dieser Seite in der Rubrik Aktuelles. 



Würdigung

JUNI 2008: 7. Rang am Preisausschreiben der Schreibszene Schweiz 2008 (Postkartentexte)   //    AUGUST 2008: Erste Veröffentlichung eines literarischen Textes in der Aargauer Zeitung   //   21. OKTOBER 2008: Erste Lesung in der Stadtbibliothek Aarau   //   9. JANUAR 2009: Verleihung Essaypreis 2008 der Berner Tageszeitung Der Bund für Die Katze der Nachbarin grüsst mich nicht mehr; Lesung im Kulturzentrum Dampfzentrale Bern und Veröffentlichung des Essays im Bund    https://www.derbund.ch/bern/dossier/bundessaywettbewerb/1Einblick-in-eine-abstruse-Beziehung/story/12248780  //   FEBRUAR 2009: 4. Rang am Kurzgeschichtenwettbewerb des Lektoratsbüros Obst und Ohlerich, Berlin mit Bei uns, veröffentlicht unter   www.literatur-nordost.de/texte/haus_horlacher.pdf   //   24. SEPTEMBER 2009: Beitrag an das künstlerische Schaffen des Aargauer Kuratoriums für das Romanmanuskript Das schwarze Sofa (Jurybericht: Felicitas Hoppe)   //   19. MÄRZ 2011: Literaargau-Beitrag des Aargauer Kuratoriums in der Aargauer Zeitung   //   7. APRIL 2011: Lesung in der Gemeindebibliothek Riniken   www.oltnertagblatt.ch/beitrag/leserbeitrag/regula-haus-horlacher-vom-7-april-2011-124314865   //   14. JUNI 2011: Engere Wahl Walter-Kempowski-Literaturpreis 2011 der Hamburger Autorenvereinigung mit der Kurzgeschichte Familienwanderung   //   16. AUGUST 2011: Bund-Kolumne 15 Fragen   //   26. SEPTEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe Der Bund im Kairo im Kulturcafé Kairo, Bern   www.cafe-kairo.ch/kultur/der-bund-im-kairo-11   //   Literarischer Beitrag Brugger Neujahrsblätter 2012; 27. NOVEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Vernissage im Salzhaus Brugg   //  MÄRZ 2012: Druckkostenbeitrag des Aargauer Kuratoriums für Das schwarze Sofa   //   APRIL 2012: Druckkostenbeitrag der Gemeinde Windisch für Das schwarze Sofa   //   31. MAI 2012: Erscheinen des Romans Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen   www.efefverlag.ch/3022.html; Buchvernissage in der Buchhandlung Thalia, Brugg   //   OKTOBER 2012: Literaturwettbewerb Danke, gut! des Kantonsspitals Aarau; Aufnahme der Erzählung Ein Tag in meinem Leben in die Anthologie Danke, gut!   //   JANUAR 2013: Aufnahme in den Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS)   //   APRIL 2013: 3. Rang am Literaturwettbewerb Auf dem Lande des Landverlags, Langnau; Aufnahme der Kurzgeschichte Die Giesskanne im Garten der Nachbarin in die Anthologie Auf dem Lande; 27. SEPTEMBER 2013: Lesung im Rahmen der Vernissage auf Schloss Wil in Schlosswil bei Worb    //   25. APRIL 2014: Talk and Read im Kellertheater Katakömbli Bern, mit Milena Moser und Daniela Hess   //   www.talkfactory.ch/index.php?section=gallery&cid=31   //   27. April 2018:  Schreibwettbewerb Texten, Nominierung der Kurzgeschichte Heiligabend, Lesung im Berner Generationenhaus  

Aktuelles

309/7. Juli 2018 (Samstag)

Tag der offenen Tür im Béatrice von Wattenwyl-Haus. Ich habe schon einmal einen Tag der offenen Tür genutzt, um dieses schöne Haus, das sonst ganz dem Bundesrat vorbehalten ist, zu besichtigen, vor drei Jahren, am allerersten Wochenende, das ich in meiner Berner Wohnung verbrachte.

Mir hat es damals vor allem der Blick aus dem Fenster eines kleinen Salons im Parterre angetan. Man sah von dort auf die Dächer einer Reihe Häuser in der Matte. Nur gerade auf diese Ziegeldächer und darüber hinweg auf die Aare. Alles andere war vom Laub der Bäume verdeckt, so dass es einem ganz leicht fiel, sich in eine frühere Zeit zurückversetzt zu fühlen. Ich konnte mich kaum trennen von diesem Blick und bedauerte sehr, den Fotoapparat nicht mitgenommen zu haben.

Nichts Weiteres interessierte mich heute, als diesen einen Blick für immer festzuhalten! Und natürlich kam es, wie es kommen muss, wenn man so unvorsichtig ist, alles auf eine Karte zu setzen: Man wird enttäuscht. Meine Erinnerung hatte mir zwar nichts vorgegaukelt, es gab diesen Blick tatsächlich, doch diesmal war die Hälfte der Dächer eingerüstet und um das Foto zu machen, das mir vorschwebte, war der Zeitpunkt alles andere als geeignet.

Nicht jede derartige Enttäuschung lässt sich so leicht wegstecken wie dieses durch Baugerüste vereitelte Foto, aber das Béatrice von Wattenwyl-Haus ist so schön, dass es mich rasch darüber hinweg tröstete, und ich gleich damit begann, so viel wie möglich von seiner reizvollen Einrichtung zu fotografieren: die mit blau-goldenem Satin bezogenen Lehnstühle, das Himmelbett, das so weich aussah, dass ich mich am liebsten hineingelegt hätte, die zylinderförmigen weissen Kachelöfen, das Kästchen mit den geschwungenen Beinen, auf dem, golden gerahmt, das Porträt der ehemaligen Hausherrin stand, die Vitrine mit dem Porzellan, die wunderbar frischen Blumenarrangements in allen Abstufungen von Rosa, die fast jedes Beistelltischchen verschönten, den gelbblühenden Baum im Innenhof …

Ich knipste und knipste - bis mich irgendwann eine Aufseherin beinahe schüchtern ansprach, doch bitte das Blitzlicht nicht zu benutzen. Ich weiss nicht, wie lange sie mich schon beobachtet hatte - still leidend vor Besorgnis, wegen des Schadens, der den wertvollen Möbeln und Tapeten zugefügt wurde durch das Blitzlichtgewitter, das ich veranstaltete. Was war ich nur für ein Trampel! Ich hatte zwar am Eingang freundlichen Bescheid bekommen, dass Fotografieren erlaubt sei - aber doch nicht so! Es ging ja nicht nur um das Blitzlicht, es ging auch um Masslosigkeit! In jedem anderen Museum war Fotografieren verboten. Hier war es erlaubt - aber nur weil etwas erlaubt ist, heisst noch lange nicht, dass man es bis zum Äussersten ausreizen darf! Im Gegenteil, gerade wenn etwas erlaubt ist, ist der eigene Anstand gefordert, und man hat ungeschriebene Gesetze zu befolgen. Zwei, drei diskret eingefangene Andenkenfotos wären in Ordnung gewesen, mein blindwütiges Herumgeknipse jedoch war respektlos. Mehr noch, es war rücksichtslos und gab Aufschluss über meinen wahren Charakter! Raffgierig und eigennützig war ich!

Ja - seit mich die Aufseherin auf meinen Fehler hingewiesen hatte, quälte mich das unumstössliche Gefühl, mir mit jedem Blick durch die Linse, mit jedem Drücken auf den Auslöser etwas zu nehmen, was mir nicht gehörte.

Zwar liess ich mir nichts anmerken - nachdem ich mich entschuldigt und die Blitzklappe geschlossen hatte, machte ich im nächsten Raum weiter, als sei alles in bester Ordnung mit mir - aber das Gefühl, mir unrechtmässig etwas anzueignen, konnte ich mir nicht ausreden.

Und dann ging wie zur Bestätigung mein Fotoapparat kaputt! Es schien eindeutig: Da ich selber nicht vernünftig genug war, mein schändliches Tun endlich einzustellen, musste ich von höherer Warte aus gebremst werden …

Doch vorher geschah noch etwas höchst Merkwürdiges! Mir war es nämlich plötzlich möglich, ohne Blitzlicht zu fotografieren. Unter normalen Umständen geht das nicht. Wenn ich in einem Innenraum vergesse, die Blitzklappe zu öffnen, erscheint ein Symbol, das mir den Mangel an Licht anzeigt. Beachte ich dieses Symbol nicht, wird das Bild unweigerlich unscharf. Diesmal erschien das Symbol nicht, so dass ich gleichermassen erstaunt wie erfreut, alle Bedenken für einen kurzen Moment an den äussersten Rand meines Bewusstseins verbannte und nur noch die wunderbare Richelieustickerei auf dem Tischtuch vor mir sah, die ich unbedingt aufnehmen musste. Und den glitzernden Kronleuchter im Esszimmer … Aber dann war auf einmal fertig. Das Bild vor der Linse verschwamm, danach wurde alles weiss. Nichts ging mehr. Der Auslöser liess sich nicht mehr betätigen, das Objektiv nicht mehr einfahren, nicht einmal mehr abschalten konnte ich! Es bestand kein Zweifel: Ich hatte es geschafft, meinen Fotoapparat, der mir dreizehn Jahre lang treuste und beste Dienste geleistet hatte, mit meiner Masslosigkeit an einem einzigen Nachmittag kaputtzumachen! Mir blieb nichts, als mich geschlagen zu geben und nachhause zu gehen.

Natürlich war das Unsinn, und ein Teil von mir wusste das auch. Es war an diesem Nachmittag mehr als dreissig Grad heiss und der Apparat ganz einfach überhitzt. Zurück zuhause tastete ich meine Wohnung nach dem kühlsten Fleck ab - die Chromstahl-Arbeitsfläche in der Küche - und legte ihn dorthin, damit er auskühlen konnte. Zwei Stunden später war er wiederhergestellt, und die Fotos hatten auch überlebt.

Trotzdem - meine Fotografiererei hat etwas Manisches, das lässt sich nicht beschönigen. Ich brauche die Fotos als Gedächtnisstütze. Ich habe Angst davor, mich nicht genau genug erinnern zu können, wenn ich später über das, was ich mir angeschaut habe, schreiben muss. Und weil ich ja im Voraus nie sicher weiss, was vom Gesehenen ich brauchen werde, muss ich halt möglichst alles erfassen.

Mir ist klar, dass mein Vorgehen falsch ist. Anstatt wahllos zu knipsen, sollte ich anwesend sein. Mit allen meinen Sinnen aufnehmen, was ich sehe, nicht mit dem Fotoapparat. Meiner Phantasie vertrauen sollte ich, und die Sache ihren Lauf nehmen lassen.

Loslassen sollte ich. Jeder Schriftsteller würde mir das raten. Ich aber zerbreche mir zuhause am Schreibtisch den Kopf, weil ich mich an unwichtige Kleinigkeiten nicht erinnere und bekomme Migräne davon. Wenn ich dann ein Foto zur Hand habe, hilft mir das. Niemand will mehr leiden als nötig. Ich auch nicht.

 


310/8. Juli 2018 (Sonntag)

Neues von der Pfaffenhütchen-Front! Bei den meisten der kleinen Früchte hat sich noch nicht viel geändert. Sie werden, wie ich es beschrieben habe, ganz langsam immer röter. Doch es gab schon am vergangenen Mittwoch einige wenige, die bereits ganz rot waren. Nicht pink, es war ein mattes Dunkelrot, dem man, wie mir schien, das Grün noch ansah. Dass sie so bald aufspringen würden, erwartete ich deshalb nicht. Das sind sie aber! Aufgeplatzt an den feinen dunklen, mit den Meridianen auf einem Globus vergleichbaren Linien!

Ich habe immer wieder betont, die Früchtchen seien kompakt und robust. Dieser Eindruck erklärt sich nun aus der Beschaffenheit der vier oder fünf Einzelteile, die durch das Aufplatzen sichtbar geworden sind: Das sind keine leicht zerbrechlichen, dünnen Schalen oder gar Blättchen, die man so mir nichts dir nichts mit zwei Fingern zerdrücken kann! Das sind mit einem grünlich-weissen, schaumgummiartigen Polstermaterial gefüllte, in sich geschlossene Schnitze, zwischen denen die knallorangen, etwa sieben Millimeter langen und nierenförmigen Samen während ihrer Entwicklungszeit gut geschützt sind. Sie sind knapp innerhalb des unteren Endes jeweils auf der rechten Seite mit einem weniger als haarfeinen Fädchen am Schnitz festgemacht.

Übrigens sehen die Schnitze, von diesem, ihrem unteren Ende her betrachtet - um beim Vergleich mit dem straff gestopften Stofftier zu bleiben - aus wie stilisierte Mäusegesichter.

307/5. Juli 2018 (Donnerstag)

Eine junge Frau macht an der Biennale in Venedig eine irritierende Erfahrung mit einem Kunstwerk. Sand wird mit immer wieder anderen Farben beleuchtet. In Wirklichkeit ist der Sand blau und die Wände des Raums, in dem er sich befindet, sind weiss. Durch die wechselnde, andersfarbige Beleuchtung ist sich der Betrachter dessen aber bald nicht mehr sicher, und diese Verunsicherung ist schwer zu ertragen. Die meisten Besucher verlassen den Raum deshalb rasch wieder, doch die junge Frau ist Kunststudentin und interessiert sich für derartige Phänomene. Sie hält die Irritation aus und macht eine nachhaltige Erfahrung. Diese Erfahrung will sie zusammen mit Erkenntnissen, die sie im Kontakt mit farbenblinden Menschen gewonnen hat, zum Thema ihrer Masterarbeit machen.

Der jungen Frau ist es gelungen, die Verunsicherung, die entsteht, wenn das Wissen um einen Umstand nicht mit der Wahrnehmung desselben Umstands übereinstimmt, künstlerisch umzusetzen. Ich habe das Resultat dieser Umsetzung an der Abschlussausstellung der Hochschule der Künste Bern gesehen. Und auch wie es zu diesem Resultat gekommen ist, denn die Umsetzung ist, da es sich um eine Masterarbeit handelt, umfassend dokumentiert.

An der Abschlussausstellung der Hochschule der Künste Bern sind sechsundvierzig Bachelor- und Masterarbeiten zu sehen. Ich ging von falschen Vorstellungen aus. Ich dachte, alle Arbeiten seien so wie das Beispiel der eingangs erwähnten jungen Frau. Das stimmte aber nicht. Beim grössten Teil lag das Resultat in der schriftlich festgehaltenen Vermittlung der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema. Mir macht es nichts aus, wenn ich in einer Ausstellung lesen muss, aber hier ging es um siebzig Seiten starke Broschüren. Davon konnte ich nicht einmal eine einzige bewältigen. Ich geriet in Stress. Es war viel zu viel.

Der Stress kam daher, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich es schaffen sollte, über diese Ausstellung zu schreiben. Wie sich diese Fülle in Worte fassen liess, wo sie sich doch überhaupt nicht fassen liess! Niemals würde ich einen Einstieg finden: Es gab keinen. Als ich das dachte, hatte ich ihn schon gefunden. Ich wusste es nur noch nicht.

Ich war keine Mutter, die hergekommen war, um sich die Abschlussarbeit ihrer Tochter oder ihres Sohnes anzuschauen, und ich war keine Berichterstatterin für eine Zeitung oder sonst ein Medium, die einem Publikum einen allgemeinen Eindruck der Ausstellung vermitteln musste. Ich war nur ich. Und die Fülle dieser Ausstellung, die Fülle, die jede einzelne der sechsundvierzig ausgestellten Arbeiten barg, überforderte mich. Ich stand ihr ratlos gegenüber.

Natürlich gibt es in einer solchen Situation immer die Möglichkeit auszuweichen. Ich hätte eine Rolle spielen können. Ich hätte so tun können, als sei ich eine Mutter, die sich nur gerade für eine Arbeit interessiert, nämlich für die ihrer Tochter. Ich hätte mir - pro forma - diese eine Arbeit auswählen, mich eingehend mit ihr beschäftigen und dann über sie schreiben können. Über den Rest hätte ich locker hinweggesehen. Oder ich hätte mir wie eine Journalistin Notizen machen und darüber nachdenken können, wie sich das, was ich sah, am besten vermitteln liess. So dass sich die Leser etwas darunter vorstellen konnten. Oder ich hätte einfach gehen können. Schulterzuckend, als wäre mir die ganze Sache gleichgültig. Aber dann hätte ich mir etwas vorgemacht. Und das wusste ich von Anfang an. Ich musste mich stellen, etwas anderes kam gar nicht infrage. Ich musste mich meiner Überforderung aussetzen, wie sich die junge Künstlerin an der Biennale in Venedig ihrer Irritation ausgesetzt hatte.

Es ging erstaunlich lange gut. Ich spazierte herum, blätterte in den grafisch exzellent gestalteten Dokumentationen. Schaute mir Fotoreihen von Versuchsanordnungen an, bunte Videos, die ich nicht verstand, Zeichnungen, Bilder, Plakate. Biss mich da und dort für ein Weilchen fest und liess wieder los. Doch dann, nach etwa anderthalb Stunden, war ganz plötzlich Schluss. Ich weiss nicht, was den Ausschlag gab. Es ging gegen zwölf, vielleicht war ich auch nur hungrig - jedenfalls hatte ich das Gefühl, es keinen Moment länger auszuhalten.

Ich bin keine Überfliegerin. Vom einen zum nächsten zu flattern und überall nur ein wenig zu nippen - das genügt mir nicht. Es ist gegen meine Natur. Wenn ich mich nicht in die Dinge vertiefen kann, werde ich unglücklich.

286/14. Juni 2018 (Donnerstag)

Aus den kompakten, robusten, hellgrünen kleinen Blüten des Pfaffenhütchen-Strauchs in der Rabatte vor dem Eingang zum Fahrradeinstellraum, sind während der vergangenen Wochen ebenso kompakte, robuste kleine Früchte geworden! Noch sind sie grün und hart - vom intensiven Rosarot und Orange, das sie dereinst annehmen werden, ist bisher nichts zu erahnen.

So wie sich die Hände jedes einzelnen Menschen von denen aller anderen in Form und Grösse unterscheiden - oder auch die Füsse, die Ohren, die Nase, die Brüste, der Penis - unterscheidet sich ein Früchtchen des Pfaffenhütchen-Strauchs vom anderen, und doch ist jedes von ihnen eindeutig als solches zu erkennen - wie jede menschliche Hand ja auch eindeutig als Hand zu erkennen ist.

Die Oberfläche der Früchtchen ist glatt und von mattem Glanz. Um die Form zu beschreiben, komme ich nicht darum herum, als Vorstellungshilfen Vergleiche heranzuziehen. Es ist sehr schwierig, und ich bezweifle, dass ich überhaupt in der Lage bin, ein den Originalen annähern ähnliches Bild zu erzeugen! Ich will es trotzdem versuchen - und vielleicht ist es sinnvoll, erst einmal von der Grundform der Kugel auszugehen: Wenn ich mit Daumen und Zeigefinger den Stiel eines Früchtchens fasse und es von der Unterseite her anschaue, sehe ich in der Mitte - am Südpol sozusagen - einen winzigen schwarzen Punkt. Von diesem Punkt aus führen in regelmässigen Abständen vier oder fünf Linien, die etwas dunkler grün sind als der Rest der Oberfläche, über die Kugel wie Meridiane über einen Globus. Nun muss man sich aber vorstellen, dass diese Linien nicht direkt auf der Kugel verlaufen, sondern am äusseren Rand halbmondförmiger Ausstülpungen, ähnlich den Ohren eines straff ausgestopften Stofftiers.

Hängend ähneln die Früchtchen mit ihrem krönchenartigen oberen Abschluss, aus dem der Stiel herauswächst, winzigen Modellen kunstvoll gestalteter Lampions. Ich hätte diesen Vergleich schon am Anfang machen können, dann hätte sich vermutlich beim Lesen rascher ein klares Bild eingestellt, aber das wollte ich nicht. Allzu leicht hätte so der Eindruck von etwas Hauchfeinem, Durchscheinendem entstehen können! Die Früchtchen des Pfaffenhütchen-Strauchs im gegenwärtigen Reifestadium sind aber weder hauchfein noch durchscheinend, deshalb wäre dieser Eindruck ganz falsch. Bei der Ähnlichkeit mit einem Lampion geht es wirklich nur um die äussere Form.

Manchmal stellt sich, wenn man etwas anschaut, eine Assoziation ein, die man ganz rasch wieder loswerden möchte, weil sie einem falsch vorkommt, unpassend. Man möchte sie von dem, woran sie sich angedockt hat, wieder abtrennen, weil die Verbindung einen in eine falsche Richtung lenken will, aber das ist nicht so einfach. Sie hält sich hartnäckig fest, als hätte sie einen eigenen Nutzen davon.

Genau das passiert mir im Moment mit diesen kleinen Früchten des Pfaffenhütchen-Strauchs! Jedes Mal, wenn mein Blick auf das Zweiglein in der Vase neben meinem Computer fällt, taucht unweigerlich auch die Erinnerung an ein Zitat von Barbara Kingsolver auf. Ich will das nicht, aber ich kann nichts dagegen tun, die im Zitat erwähnte „harte, kleine Faust“, scheint untrennbar an das Aussehen der grünen Früchtchen gebunden zu sein!

Das Zitat stammt aus dem Roman Die Giftholzbibel, der vom Kampf der eingeborenen Kongolesen um die Unabhängigkeit von Belgien Anfang der 1960er-Jahre handelt. Ich habe mir die drei Zeilen abgeschrieben, weil sie mich, damals, als ich das Buch las, besonders beeindruckten, aber es ist lange her, und ich erinnere mich nicht an den Zusammenhang. „Um eine grosszügige Seele in eine harte, kleine Faust zu verwandeln, braucht man nur als Flüchtling im eigenen Land zu leben“, schreibt Kingsolver, deren Bücher ich sehr schätze, darum geht es nicht, und ich behaupte auch nicht, dass sie nicht recht hat, lediglich, dass das Zitat zu meinen Früchtchen nicht passt, denn sie werden sich entfalten, Pink und Orange werden sie leuchten, nichts kann sie daran hindern, so will es die Natur.

306/4. Juli 2018 (Mittwoch)

Die Früchtchen des Pfaffenhütchen-Strauchs werden rot. Es ist ein Wandel in kleinsten Schritten. Zelle für Zelle nimmt die neue Farbe überhand.

 

301/29. Juni 2018 (Freitag)

La Chaux-de-Fonds. Was für eine sehenswerte Stadt! Voyez vous-même, bin ich versucht zu sagen, weil sich das, was sie so aussergewöhnlich macht, eigentlich gar nicht mit Worten erklären lässt. Nicht einmal zufriedenstellend fotografieren lässt es sich - ausser vielleicht von einem sehr guten Fotografen, aber sicher nicht von mir. Ich will mein Licht nicht unter den Scheffel stellen, ich bin keine schlechte Fotografin, aber um die Vorzüge von La Chaux-de-Fonds sicht- und spürbar zu machen, reichen meine Fähigkeiten nicht aus. Es genügt nicht, schön renovierte Häuser mit hübschen Jugendstil-Balkongeländern abzubilden, es geht um eine andere Art von Schönheit.

Es gibt diese schönen Häuser. Es wird je länger je mehr davon geben, weil an vielen Stellen in der Stadt rege Renovationstätigkeit herrscht. Und ich nehme auch an, die renovierten Häuser machen es einem einfacher, die Schönheit, die ich meine, zu sehen und zu fühlen, als wenn man sich mit dem Anblick von vor Alter und Luftverschmutzung hässlich gewordener Fassaden konfrontiert sähe und sich erst darüber klarwerden müsste, was diese Hässlichkeit in einem auslöste, bevor man überhaupt etwas Weiteres wahrzunehmen imstand wäre.

1794 brannte La Chaux-de-Fonds fast vollständig ab. Man lernte daraus und errichtete das neue Dorf auf dem freigewordenen Platz nach neuen Grundsätzen: Man liess mehr Raum zwischen den einzelnen Häusern, um die Gefahr zu vermindern, dass das Feuer in einem Brandfall von einem Haus auf das nächste übergriff, aber auch, um der aufkommenden Uhrenindustrie mehr Licht zu verschaffen. Diese Uhrenindustrie machte La Chaux-de-Fonds in den folgenden Jahrzehnten zu einem blühenden Ort, der Zuwanderer in Massen anzog. Sie alle benötigten Wohnungen und Arbeitsplätze - Arbeitsplätze im ganz handfesten Sinn: Uhrenarbeiter brauchten eine Werkbank am Fenster. Das bedingte eine sorgfältige Planung, die Häuser durften nicht einfach kreuz und quer hingestellt, sie mussten so gebaut werden, dass sie bis ins Erdgeschoss den ganzen Tag über mit genügend Licht versorgt wurden. Der langgezogene und ganz nach Süden ausgerichtete, sanft ansteigende Hang rechts vor dem Dorf erleichterte es, diese Bedingung zu erfüllen. Allerdings musste dafür eine strenge Ordnung eingehalten werden. Diese Ordnung wurde erreicht durch die klar horizontale Ausrichtung der Strassen und den penibel genau berechneten Abständen zwischen ihnen. Die Abstände wiederum hingen von der Höhe der Häuserreihen ab. Ich habe die Absicht hinter der Breite dieser Abstände und deren Zusammenhang mit der Höhe der Häuser wahrgenommen, ohne zu wissen, was ich da überhaupt wahrnahm. Erst als ich mir am Nachmittag die Ausstellung über die Aufnahme von La Chaux-de-Fonds ins Unesco Welterbe Stadtlandschaft Uhrenindustrie ansah, begriff ich verblüfft, dass diese Aufnahme unter anderem auf exakt das zurückging, was ich ganz unwillkürlich und unvoreingenommen am Morgen erfasst hatte.

Vor allem aber hatte mich auf meinem morgendlichen Rundgang eine andere Entdeckung begeistert: Ich merkte plötzlich, dass sich, wohin ich auch schaute, aus der Stellung der Häuser zueinander ein ausgewogenes Bild ergab! Ob die Häuser selbst schön waren oder nicht, spielte dafür keine Rolle, wichtig war nur ihr geometrischer Körper. Die Schönheit ergab sich aus den Abständen und Begrenzungen, aus der Position der Linien und Flächen im Raum und den Winkeln, die diese Linien und Flächen bildeten, wenn sie aufeinandertrafen. All das zusammen - Positionen, Winkel, Abstände und Begrenzungen - war in seiner Anordnung in ausnahmslos jedem Fall richtig. So erklärte ich mir das, was nicht zu erklären war. Wenn ich wüsste, wie man den goldenen Schnitt definiert, würde ich sagen, die ganze Stadt war, wo auch immer ich stand und um mich blickte, im goldenen Schnitt, aber ich weiss es nicht, weil mir jede Erläuterung, die ich bisher dazu finden konnte, zu kompliziert war. Ich weiss nur, dass diese Ausgewogenheit eine wunderbar erholsame Wirkung auf meine Augen hatte. Mir kam vor, als würde mein Blick, ohne dass ich selber etwas dazutun musste, geleitet von dem, was ich sah. Als müssten die Augen für einmal nicht ständig diese winzigen Entscheidungen treffen, wie sie das im verwirrenden Durcheinander, das normalerweise herrscht, ununterbrochen tun müssen. Entscheidungen, die so klein sind, dass einem von ihnen nichts weiter bewusst wird, als dass sie auf Dauer ermüden -

 

297/25. Juni 2018 (Montag)

Vor einem Jahr waren vier traditionelle chinesische Maler aus Nanjing in Interlaken zu Gast. Die während ihres zehntägigen Aufenthalts in der Schweiz entstandenen Werke - alles Tusche-Zeichnungen - sind jetzt im Kunsthaus Interlaken zu sehen. Das habe ich in einem im Kleinen Bund vom 22. Juni erschienenen Bericht von Alexander Sury gelesen. Einige der rund fünfzig Zeichnungen zeigten auch Stadtberner Motive, stand da ausserdem, eines davon sei der Blutturm unten an der Aare …

Der Blutturm. Nicht das Bollwerk.

Wenn man mit dem Bus Richtung Wankdorf oder Bremgarten fährt, heisst die erste Haltestelle Bollwerk. Das ist ungefähr dort, wo die Altstadt fertig ist. Da gab es wohl früher eine Befestigungsanlage, von der jetzt nichts mehr zu sehen war, hatte ich für selbstverständlich angenommen. Aber meine Aarewanderung vom 27. Mai belehrte mich eines Besseren: Man sah doch noch etwas! Einen seltsam kurzen, halb in den Bäumen verborgenen Turm. Die Überresten eines ehemaligen Bollwerks.

Ein Bollwerk ist aber kein Turm! Boll kommt von Bohle, steht im Grossen Meyers Taschenlexikon, und eine Bohle ist ein Brett. Ein Bollwerk oder genauer Bohlwerk ist also eine Art Bretterwand. Alles klar, dachte ich: Eine Palisade! Wie beim Fort der Plastikindianer, mit denen mein Bruder und ich als Kinder gespielt hatten. Ein Bollwerk war also im übertragenen Sinn die Stadtmauer zwischen den Türmen. Logisch.

Überhaupt nichts ist logisch! Auf Wikipedia ist von einer Strasse die Rede! Das Berner Bollwerk, wird da behauptet, sei eine Strasse. Eine Strasse, die „über der äusseren Mauer des Stadtgrabens entstanden sei.“ Eine Strasse über einer Mauer?! Jetzt war ich vollends verwirrt.

Die Haldenmauer, die vom Blutturm her aufwärts führt, links der Treppe entlang, das war der Rest eines klassischen Bollwerks, hatte ich mir nach meiner kleinen Exkursion an die Aare heute Morgen zurechtgelegt, denn oben bei der Bus-Haltestelle war ja tatsächlich nichts mehr davon übrig, ausser dem Namen.

Ich ging von einer falschen Vorstellung aus. Bollwerk, dass klang für mich nach Abwehr, nach Schutzwall. Boll - Wall. So in etwa.

Ich schaute mir den Stadtplan an, alte Bilder, alte und neue Fotos. Ich fand im Internet eine Darstellung des alten Bern, auf der die beiden Schanzen, der Graben und das Bollwerk zu sehen waren - ich sah, aber ich begriff nicht, was ich sah. Erst als ich das Lexikon noch einmal zur Hand nahm, fiel der Groschen. Später schlug ich das Stichwort Bollwerk aus Neugier auch noch auf Wikipedia nach und erkannte, dass ich mit meiner Irrmeinung, ein Bollwerk sei eine Palisade oder ganz allgemein eine Festung, nicht allein war: Tatsächlich wurde das Wort im Volksmund offenbar so verwendet. Im Lexikon stand aber nur die korrekte Bedeutung: Ein Bollwerk ist eine senkrechte Stützwand mit der Erdeinschnitte begrenzt und Ufer befestigt werden. Jetzt verstand ich. Das Berner Bollwerk waren die Stützwände die den Stadtgraben begrenzten! Natürlich handelte es sich dabei nicht um Wände aus Bohlen und Pfählen, sondern um dicke Mauern - so dick, dass eine ganze Strasse darauf Platz fand. Zwei Strassen, auf jeder Seite des Grabens eine. Irgendwann war der Graben dann zugeschüttet und Häuser darauf gebaut worden. Die zweite Strasse ist die heutige Genfergasse.

Um zum Blutturm zu gelangen, bin ich mit dem Zug in die Tiefenau gefahren. Ich wollte mich ihm auf dem Aareweg annähern, auf Augenhöhe. Nicht über die Treppe bei der Lorrainebrücke, gewissermassen „von oben herab“.

Das erste Mal sah ich ihn aus ungefähr 400 Metern Entfernung. Dann verschwand er noch einmal für eine Weile, wegen der Biegung der Aare, und gelangte erst wieder in mein Blickfeld, als ich schon fast bei ihm angekommen war: Unter tiefhängenden Ästen wurde ein verspraytes Stück Mauer sichtbar: runde, weisse, schwarz umrandete, unlesbare Buchstaben. Links davon kletterten ein paar Efeuranken hoch, wie irgendein undefinierbares Tier an einem nackten, dicken Bauch. An den Turm schloss sich ein kurzer gedeckter Wehrgang an, der mit einem Durchgang für den Fussweg versehen war. Der Wehrgang wurde nach einem schmalen Unterbruch durch eine Mauer fortgesetzt, die sich den ganzen steilen Abhang emporzog, bis sie sich oben in den Bäumen verlor. Die Mauer war während der langen Jahrhunderte, die sie schon überdauert hatte, verwittert und oben nach und nach abgebröckelt. Sie war von Moos überzogen und aus den Ritzen wuchs Farn. Sie sah sehr malerisch aus, wie eine Filmkulisse.

Ich setzte mich stadteinwärts neben dem Turm auf eine Bank und versuchte mir klar zu werden darüber, was ich angesichts dieses 550 Jahre alten Gemäuers fühlte. Aus dem Dach ragten zwei Kamine und im spärlichen Gras lag ein heruntergefallener Ziegel. In den Bäumen rauschte der Wind. Ich fühlte nichts. Es wunderte mich, dass der Ziegel nicht stärker beschädigt war, ihm fehlte nur ein kleines Stück an einer Ecke. Auf der Eisenbahnbrücke, die ich durch den schönen Bogen der Lorrainebrücke hindurch sah, fuhr ein Zug vorbei. Ein Doppelstöcker. Mir fielen die beiden Entenmütter ein mit ihren niedlichen, wolligen Küken, denen ich auf dem Weg von der Tiefenau hierher begegnet, und die tote Spitzmaus, an der ich vorbeigekommen war. So eine hatte mich als Kind einmal in den Finger gebissen. Es hatte höllisch wehgetan.

 

268/27. Mai 2018 (Sonntag)

Drei Stunden, nachdem ich meine Wohnung verlassen habe, stellen sich endlich tröpfchenweise erste Wörter ein: Es war schön. Sehr schön. Frösche. Viel Wald. Breite bemooste Abhänge, aus denen Quellwasser sprudelte. Als Kind hätte mir das sehr gefallen. Ich hätte mir Zwerge und Elfen vorgestellt, die in dieser Mooslandschaft ihre Höhlenwohnungen hatten. Die Phantasie wäre mit mir durchgegangen. Jetzt bleibt es bei bemoosten Abhängen.

Dann der Ruf der Mönchsgrasmücke an jeder Ecke! So ununterbrochen präsent, dass ich mich beinahe darüber ärgerte. Früher kam mir der Ruf dieses Vogels im Vergleich mit anderen besonders rein und fein vor, aber seit ich hier wohne und in verschwenderischer Fülle mit dem Gesang der Nachtigall verwöhnt werde, habe ich diesen Eindruck nicht mehr und finde die ständige lautstarke Anwesenheit der Grasmücke unbescheiden. Deshalb muss sich die Nachtigall derart abmühen! Am Tag wird sie gnadenlos übertönt! Es bleibt ihr gar nichts anderes übrig, als mit ungeheurem Fleiss rund um die Uhr zu singen, wenn sie nicht vollends im allgemeinen Gezwitscher untergehen will. Die Nacht ist ihre einzige Chance.

An das Schloss Reichenau erinnere ich mich auch. Es gleicht in seiner vielstöckigen, strukturierten Massigkeit der Vorwegnahme eines Bethlehemer Hochhauses.

Ich bin über den Stegmattsteg auf die andere Seite der Aare und dann dem Flussufer entlang von Hinterkappelen bis nach Bern gegangen. Das hatte ich vor, seit ich, kurz nachdem ich hierhergezogen war, zum ersten Mal am Wohlensee stand und mich, nur eine halbe Wegstunde zu Fuss von meiner Wohnung im Bern-Bümplizer Schwabgut entfernt, so vollständig auf dem Land wiederfand, dass ich aus dem Staunen kaum herauskam - und dann doch glaubte, ich käme in nur einer weiteren halben Stunde flussaufwärts wieder in der Stadt an, dort, wo man aus dem Zugfenster, fast unmittelbar nach der Ausfahrt aus dem Bahnhof, das Lorrainebad sieht. Ich ging also und ging, bis ich irgendwann verwirrt innehielt. Ich hatte einen Spaziergang geplant, keine ausgedehnte Wanderung! Bisher war auf keinem Wegweiser von Bern die Rede gewesen, nur von Bremgarten und Zollikofen - und dorthin wollte ich nicht. Bei der gedeckten Holzbrücke kehrte ich um. Ich brauchte eine Karte.

Drei Stunden nachdem ich meine Wohnung in Bern-Bümpliz verlassen habe, betrete ich, während sich in meinem Kopf endlich Wörter einstellen, vor denen der Dschungel meiner Gedanken langsam zurückweicht, wieder Stadtgebiet. Eine kleine, hellblaue Tafel heisst mich willkommen. Willkommen in der Stadt Bern. Und so fühle ich mich auch: Willkommen. Angekommen zuhause.

Aber noch ist es nur ein Gefühl. Der Weg führt mich an Schrebergärten vorbei, es riecht nach offenem Feuer. Dann unter einer Autobahnbrücke durch. Irgendwann höre ich das Rauschen eines Stauwehrs, und gleich darauf stehe ich davor. Nichts davon kann ich einordnen. Die Gegend, durch die ich gekommen bin, mit dem Blatt 1166 der Schweizerischen Landestopografie, Bern/Wohlen-Köniz-Zollikofen, das ich bei mir habe, in Einklang zu bringen, ist unmöglich: Mein Kopf ist nicht in der Lage, eine Verbindung herzustellen.

Vom Stauwehr an ist der Weg geteert. Das gestaute Wasser ist blaugrün wie Schmelzwasser in den Bergen. Es kommt mir weit vor bis zur Lorrainebrücke, der Asphalt fährt in den Rücken.

Seit ich die Grenze überschritten habe, weiss ich, dass ich bis zum Bärengraben gehen werde. Geplant habe ich das nicht. Geplant habe ich überhaupt nichts. Nur möglicherweise für selbstverständlich angenommen, ich würde dann, in der Nähe der Lorrainebrücke, irgendwo hochsteigen. Von dort ist man ja rasch beim Bahnhof.

Letztes Jahr am Heiligabend bin ich auf dem Wanderweg der Aare nach vom Bärengraben bis zum Tierpark Dählhölzli gegangen. Wenn ich jetzt von der Lorrainebrücke zum Bärengraben weitergehe, schliesse ich eine Lücke. Das ist zwar unwichtig, aber es gibt mir das gute Gefühl, etwas in Ordnung gebracht zu haben.

Wie seltsam anders eine Umgebung auf einen wirkt, wenn man sich in ihr drin aufhält, statt von oben auf sie herunterzuschauen! Alles scheint viel näher zusammengerückt und vieles kommt mir verwirrend fremd vor, jetzt, wo ich unmittelbar davorstehe. Einiges sehe ich aber wirklich heute zum ersten Mal: Zum Beispiel den eigenartig gedrungenen, halb in den Bäumen versteckten Turm, bei dem es sich, seinem Standort nach zu schliessen, um das Bollwerk handelt. Und etwas später den Altenberg-Steg gleich neben der Kornhausbrücke nur viele Stockwerke tiefer.

Ich komme an einem Turnplatz vorbei, der von mächtigen, kurz vor dem Aufblühen stehenden Linden gesäumt ist. Auf der anderen Seite geht es jäh bergauf - ein stark bewaldeter Schattenhang. Dazwischen der blaugrüne, kühle, saubere Fluss. Es ist mehr als schön: Es ist herzerfrischend, und ich brauche nicht mehr als einen Augenblick, um zu begreifen, warum die Berner so gern in der Aare schwimmen. Ich spüre es. Man muss hier unten am Altenberg entlanggehen, um dieses Besondere zu erfassen, von oben kann man das nicht.

Etwas weiter vorne, linkerhand putzige Häuser mit Werkstätten. Alle sagten, „Das geht nicht!“ Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach gemacht, ist mit weisser Kreide auf eine Schiefertafel geschrieben, die neben einem Garagentor hängt.

Mir wird schwindlig. Das letzte Stück meines Wegs steigt steil an. Ich gehe zu schnell und habe zulange nichts gegessen. Ich muss mir mit Traubenzucker auf die Beine helfen.

Dann bin ich da. Wieder zeigen sich die Bären nicht. Von unten hätte ich den besseren Überblick. Von dort wäre die ganze Anlage einsehbar. Aber ich bin zu müde, um die lange Treppe hinab- und wieder hinaufzusteigen, und der Lift ist ständig gestossen voll.

Wieder bin ich gerade im Begriff zu gehen, als jemand ruft: „Da sind zwei!“ Hastig nehme ich mein Handy hervor, um den seltenen Anblick einzufangen, doch ich bin zu langsam: Schon sind die beiden im Gebüsch verschwunden. Auf dem Foto ist vor allem mein Daumen zu sehen - aber tatsächlich auch ein kleines, etwas verschwommenes Stück Bärenfell zwischen Holunderblüten! Das überrascht mich. Und es erinnert mich an ein Märchen: Ein verwunschener Prinz war irgendwo hängengeblieben und hatte sich ein Loch in sein Bärenfell gerissen. Durch dieses Loch sah ein schönes Mädchen sein seiden-goldenes Prinzengewand. Das ist zwar, wie ich soeben merke, eher umgekehrt als ähnlich, aber ich mag den Vergleich trotzdem. Wie die Geschichte weiterging, weiss ich nicht mehr.

Der Bus fährt vor. Ich beeile mich, um ihn zu erreichen. Es ist Zeit, nachhause zu fahren.

Werk

Eigenständige Veröffentlichungen

Veröffentlichungen in Anthologien

Auf dem Lande / Die Giesskanne im Garten der Nachbarin

Landverlag, Langnau i.E./CH2013 Anthologie

Danke, gut! / EinTag in meinem Leben

Kantonsspital Aarau (Herausgeber)2012 Anthologie

Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften

Brugger Neujahrsblätter 2012 / So war das mit dem Schreiben

Verlag Brugger Neujahrsblätter2011 Zeitschrift

sonstige Werke

Milena Moser über den Roman „Das schwarze Sofa":

„Lea ist eine junge Frau scheinbar ohne Probleme, ohne Zweifel. Sie hat sich das Leben zurechtgelegt, sie weiss, was sie will. Kindergärtnerin werden. Doch vom ersten Tag der Ausbildung an wird ihr klar, dass sie sich getäuscht hat. Leas Lebensplan, den sie so früh gefasst und auf den sie so lange gebaut hat, trägt nicht. Und in dieser Verunsicherung verliebt sie sich in einen ihrer Lehrer, eine Liebe, die nicht sein darf, und trotzdem ist. Diese feinen Haarrisse, die sich im Boden unter Leas Füssen bilden und ihn unaufhaltsam sprengen, beschreibt Regula Haus-Horlacher mit beinahe mikroskopischer Genauigkeit. Das schwarze Sofa ist ein subtiler Entwicklungsroman, der die erste Krise im Leben einer jungen Frau beschreibt. Es ist ein leises Drama, ein von aussen kaum sichtbarer Wirbel, der sich unter einer trügerisch glatten, harmlosen Oberfläche abspielt und gerade deshalb umso stärker wirkt."
 

Jurybericht des Aargauer Kuratoriums zur Beitragssprechung 2009 verfasst von Felicitas Hoppe:

„Leas Geschichte ist scheinbar so unspektakulär, wie sie erzählt wird. Erst auf den zweiten Blick öffnet sich unter der biografisch so linearen wie sprachlich sparsamen Erzählung in Regula Haus-Horlachers Romanmanuskript Das schwarze Sofa ein doppelter Boden. Leas Aufbruch aus dem Elternhaus in die klar abgesteckte Ausbildung und Zukunft wird konterkariert mit Kindheitserinnerungen, der Geschichte einer ersten und keineswegs unkomplizierten Liebe und ersten Versuchen, dem eigenen Leben Gestalt zu geben. Dabei setzt die Autorin Fuss vor Fuss, versucht weder erzählerisch aufzutrumpfen, noch literarisch auffallende Effekte zu setzen. Sie vertraut detailgenau auf die Realität, ohne sie jemals für bare Münze zu nehmen. Auf diese Weise schafft sie jenseits reiner Abbildungsprosa atmosphärische Dichte und macht neugierig auf den Fortgang einer Geschichte, deren grosser Reiz in ihrer vermeintlichen Banalität liegt."

Multimedia

Zuletzt durch Regula Horlacher aktualisiert: 15.07.2018

Literaturport ID: 1998