Regula Horlacher

© Johanna Bossart

Steckbrief

geboren am: 1.5.1963
geboren in: Brugg/Aargau/Schweiz
lebt in: Bern

Vita

Regula Horlacher (vormals Haus-Horlacher) wurde am 1. Mai 1963 in Brugg/CH geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zusammen mit einem jüngeren Bruder in verschiedenen Nachbardörfern der aargauischen Kleinstadt.


Regula Horlachers erster Roman Das schwarze Sofa (erschienen im eFeF-Verlag Wettingen/CH, 2012) ist zwar fiktiv, aber die Anlehnung an die ländliche bzw. kleinstädtische Umgebung ist dennoch in vielen Schilderungen spürbar. Auch die Gepflogenheiten, wie sie in den frühen 1980erjahren an einem Seminar für pädagogische Berufe Brauch waren, kennt sie aus eigener Anschauung, da sie sich als junge Frau zur Handarbeitslehrerin ausbilden liess. Im Gegensatz zur Romanfigur Lea beendete sie jedoch ihre Ausbildung und unterrichtete im Anschluss hörbehinderte Kinder an einer Internatsschule in der Nähe von Aarau/CH. Nebenbei belegte sie Semesterkurse an der Schule für Gestaltung Zürich in den Fächern Sticken, Holzbearbeitung, Zeichnen und Farbenlehre.


Regula Horlacher ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern (1989 und 1991). 1989 gab sie das Unterrichten zu Gunsten der Familienarbeit auf und betätigte sich ansonsten ehrenamtlich in ihrer Wohngemeinde Windisch. Ausserdem besuchte sie Kurse an der Fachstelle für Freiwilligenarbeit Zürich in Kommunikation und Seelsorge. 2011 liess sie sich beim Schweizerischen Roten Kreuz zur Pflegehelferin ausbilden und begann danach in Altersheimen zu arbeiten.  


 


Ihre schriftstellerische Tätigkeit fing im April 2007 mit Werkstattarbeit bei Milena Moser in Aarau an. Von September 2008 bis März 2009 beteiligte sie sich an einem Kolloquium bei Dr. Franziska Schwarzenbach, Lektorin, in Zürich, und seit Dezember 2008 nimmt sie bei Irina Schönen, Schauspielerin, in Langnau am Albis Sprechunterricht vor Lesungen. Bereits ab 2008 erreichte sie mit der Teilnahme an Literaturwettbewerben erste Erfolge und im Mai 2012 erschien ihr mit einem Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums geförderter Roman Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen. Januar bis März 2015: Schreib-Aufenthalt in Berlin.


 


Regula Horlacher lebt heute in Bern. Zur Zeit arbeitet sie an einem experimentellen Schreibprojekt, das den Werktitel 365 tägliche Notate trägt. Auszüge aus dem laufenden Projekt befinden sich weiter unten auf dieser Seite in der Rubrik Aktuelles. 



Würdigung

JUNI 2008: 7. Rang am Preisausschreiben der Schreibszene Schweiz 2008 (Postkartentexte)   //    AUGUST 2008: Erste Veröffentlichung eines literarischen Textes in der Aargauer Zeitung   //   21. OKTOBER 2008: Erste Lesung in der Stadtbibliothek Aarau   //   9. JANUAR 2009: Verleihung Essaypreis 2008 der Berner Tageszeitung Der Bund für Die Katze der Nachbarin grüsst mich nicht mehr; Lesung im Kulturzentrum Dampfzentrale Bern und Veröffentlichung des Essays im Bund    https://www.derbund.ch/bern/dossier/bundessaywettbewerb/1Einblick-in-eine-abstruse-Beziehung/story/12248780  //   FEBRUAR 2009: 4. Rang am Kurzgeschichtenwettbewerb des Lektoratsbüros Obst und Ohlerich, Berlin mit Bei uns, veröffentlicht unter   www.literatur-nordost.de/texte/haus_horlacher.pdf   //   24. SEPTEMBER 2009: Beitrag an das künstlerische Schaffen des Aargauer Kuratoriums für das Romanmanuskript Das schwarze Sofa (Jurybericht: Felicitas Hoppe)   //   19. MÄRZ 2011: Literaargau-Beitrag des Aargauer Kuratoriums in der Aargauer Zeitung   //   7. APRIL 2011: Lesung in der Gemeindebibliothek Riniken   www.oltnertagblatt.ch/beitrag/leserbeitrag/regula-haus-horlacher-vom-7-april-2011-124314865   //   14. JUNI 2011: Engere Wahl Walter-Kempowski-Literaturpreis 2011 der Hamburger Autorenvereinigung mit der Kurzgeschichte Familienwanderung   //   16. AUGUST 2011: Bund-Kolumne 15 Fragen   //   26. SEPTEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe Der Bund im Kairo im Kulturcafé Kairo, Bern   www.cafe-kairo.ch/kultur/der-bund-im-kairo-11   //   Literarischer Beitrag Brugger Neujahrsblätter 2012; 27. NOVEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Vernissage im Salzhaus Brugg   //  MÄRZ 2012: Druckkostenbeitrag des Aargauer Kuratoriums für Das schwarze Sofa   //   APRIL 2012: Druckkostenbeitrag der Gemeinde Windisch für Das schwarze Sofa   //   31. MAI 2012: Erscheinen des Romans Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen   www.efefverlag.ch/3022.html; Buchvernissage in der Buchhandlung Thalia, Brugg   //   OKTOBER 2012: Literaturwettbewerb Danke, gut! des Kantonsspitals Aarau; Aufnahme der Erzählung Ein Tag in meinem Leben in die Anthologie Danke, gut!   //   JANUAR 2013: Aufnahme in den Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS)   //   APRIL 2013: 3. Rang am Literaturwettbewerb Auf dem Lande des Landverlags, Langnau; Aufnahme der Kurzgeschichte Die Giesskanne im Garten der Nachbarin in die Anthologie Auf dem Lande; 27. SEPTEMBER 2013: Lesung im Rahmen der Vernissage auf Schloss Wil in Schlosswil bei Worb    //   25. APRIL 2014: Talk and Read im Kellertheater Katakömbli Bern, mit Milena Moser und Daniela Hess   //   www.talkfactory.ch/index.php?section=gallery&cid=31   //   27. April 2018:  Schreibwettbewerb Texten, Nominierung der Kurzgeschichte Heiligabend, Lesung im Berner Generationenhaus, veröffentlicht unter http://www.offene-kirche.ch/fileadmin/data/veranstaltungen/veranstaltungen_18/heiligabend 

Aktuelles

366 / 9.September 2018 (Sonntag)

Das Jahr ist vorbei. Das Projekt 365 tägliche Notate ist abgeschlossen. Eigentlich. Nur fühlt es sich nicht so an. Eher so, als hätte ich erst richtig angefangen damit, als hätte ich erst vor ziemlich kurzer Zeit überhaupt begriffen, wie ich es anpacken muss. Ich möchte nicht aufhören! Ich wusste nichts mit mir anzufangen in der vergangenen Woche. Ich gab mir frei, nahm mir vor zu lesen, spazieren zu gehen, Dinge zu tun, ohne die Absicht, darüber zu schreiben, doch ich war angespannt und fand keine Ruhe: Mir fehlte etwas. Ich mochte weder in die Stadt gehen, noch in den Bremgartenwald. Nicht einmal in die Bümplizer Fussgängerzone, um den Bon für das Eis einzulösen, den ich und meine Nachbarn von der Hausverwaltung geschenkt bekommen hatten, nachdem der Baulärm während der Sanierungsarbeiten einmal besonders gross gewesen war. Ich hatte zu überhaupt nichts Lust. Ich wusste, dass man nach dem Beenden der ersten Fassung eines Buchprojekts in ein Loch fallen konnte, aber darum ging es nicht, das spürte ich. Viel mehr hatte ich das Gefühl, nicht fertig zu sein, als wäre ich mitten auf der Zielgerade stecken geblieben und dort ging mir nun langsam die Luft aus …

Einer der Vorteile, erst drei Jahre an einem Ort zu wohnen und nicht schon fünfzig, ist, dass es noch so viel Unbekanntes zu entdecken gibt, so viele Wege, von denen man nicht weiss, wohin sie führen. Ich raffte mich auf und griff nach den Wanderstöcken.

Wenn ich mit dem Tram nachhause fahre, sehe ich linkerhand, unmittelbar bevor es kurz nach dem Europaplatz in die Unterführung abtaucht, am Rand des Könizer Walds ein Wanderwegzeichen. Dieses Wanderwegzeichen sollte mein Ausgangspunkt sein, ich wollte mich von ihm überraschen lassen. Ich hatte kein Ziel - der Weg war das Ziel. Ich musste meinen Kopf auslüften. Nichts denken, nur gehen.

Schliesslich war ich sechseinhalb Stunden unterwegs und landete in Schwarzenburg. Das zeichnete sich bereits in Köniz ab. Als ich oberhalb des Dorfes aus dem Wald trat, glaubte ich zwar für eine Weile, der Ulmizberg würde sich als Ziel herausstellen - er schien mir so nah - aber es zeigte sich, dass er keine Option war. Er war auf dem Wegweiser im Zentrum nicht angegeben und auch später nie. Schwarzenburg schon - und ich wusste auch sofort, dass ich dorthin wollte. Nur ob ich es schaffen würde, wusste ich nicht: Die Zeit war nicht angegeben. Sie war noch sehr lange nicht angegeben. Zum ersten Mal in der Grabenmüli am Eingang des Scherlibach-Tälchens. Von da waren es noch drei Stunden.

Es war schön, durch das schattige Tälchen zu gehen. Vielleicht ein bisschen einsam, aber friedlich. Hohe, glattgeschliffene Felswände an den Seiten deuteten darauf hin, dass hier einmal ganz andere Kräfte am Werk gewesen waren als dieses Bächlein, das nun so sanft plätschernd meinen Weg begleitete. Gewaltige Wassermassen hatten sich im Laufe der Jahrtausende immer tiefer in den Stein gefressen, bis sie aus irgendeinem Grund irgendwann - ebenfalls schon vor tausenden von Jahren - abflossen und dieses hübsche Tälchen zurückliessen … durch das mir jetzt laut bellend ein schwarzer Hund entgegengerannt kam. Er machte mir Angst. Ich dachte an ein abgeschiedenes Gehöft, das er bewachte, und dass er aus lauter Pflichtgefühl zubeissen würde, wenn ich in ihm einen verdächtigen Eindruck erweckte. Um das zu vermeiden, tat ich so, als bemerkte ich ihn gar nicht. Da stutzte er einen Augenblick, wandte sich ab und rannte davon. Ich ging weiter. Ein gewissenhafter Wachhund, der mich passieren liess, weil er mich als ungefährlich eingestuft hatte, das war alles, glaubte ich. Doch ich täuschte mich: Er kam zurück. Er hatte nur sein Apportstöckchen geholt. Ich war gerührt.

Bald darauf musste ich abzweigen. Der Weg stieg sofort steil bergauf und, kaum war der höchste Punkt erreicht, ebenso steil wieder bergab. Ich weiss nicht, wie oft sich das im Laufe dieser Wanderung wiederholte, ich habe nicht gezählt, aber jedenfalls viele viele Male. Es begann schon ganz am Anfang mit dem Pfaffensteig bei Bümpliz, und beide, die Auf- und die Abstiege waren jedes Mal lang und beschwerlich. „Niemand hat dich darum gebeten. Es gab Bus- und Bahnstationen am Weg - du hättest jederzeit nachhause fahren können“, sagt eine innere Stimme streng. So? Hätte ich das? Da bin ich mir aber nicht so sicher! Ich lasse mich von meinen inneren Stimmen nicht mehr so leicht ins Bockshorn jagen. Ausserdem war es nicht nur beschwerlich: Diese Wälder, durch die ich kam, während ich über die Hügel kletterte! Wie still es dort war! Dass es das überhaupt gibt in der Schweiz, wenn man sich nicht gerade in den Hochalpen befindet oder irgendwo zuhinterst im Jura, habe ich nicht gewusst.

Die eigentliche Durststrecke begann nach der Schwarzwasserbrücke. Von da an gab es kaum mehr Schatten. Mittag war längst vorbei, ich war hungrig und brauchte eine Pause. Ich hatte schon seit einiger Zeit nach einer Sitzgelegenheit Ausschau gehalten, aber es gab keine. Kein Baumstrunk, kein Stein, keine Bank. Und jetzt folgte der Wanderweg sogar der Autostrasse! Danach ging es wieder bergauf. Hier wurden keine Bänke benötigt, fiel mir ein, hier spazierte niemand. Obwohl Samstag war und wunderschönes Wetter, waren mir ausser einer Gruppe von drei älteren Frauen und einem Mann keine Spaziergänger begegnet, überhaupt war mir fast niemand begegnet, und wenn, dann waren es Bauern bei der Arbeit gewesen. Der Mann erzählte seinen Begleiterinnen von einer Bekannten, die in letzter Zeit unmässig viel zugenommen habe. Dabei lachte er verächtlich, als könnte ihm das selber nie passieren. Ich war nicht gemeint, aber es kränkte mich dennoch. Wer hart arbeitet, kann es sich nicht leisten, an die schlanke Linie zu denken, man muss genug essen, sonst hält man nicht durch. Trotzdem nimmt man zu - sogar wenn man, wie ich, kaum Fett isst, weil ein zu hoher Cholesterinspiegel bei uns in der Familie liegt, und ich nicht wie mein Grossvater und zwei meiner Onkel mit sechzig an einem Herzinfarkt sterben will. Als ich dann doch endlich eine Bank fand, war es schon fast zu spät, und ich musste mich vorsichtig mit Traubenzucker aufpäppeln, bevor ich mich meinem Brötchen zuwenden konnte - an dem mir der selbstgefällige Kerl die ganze Freude verdorben hatte.

Eine knappe Stunde bevor ich in Schwarzenburg eintraf, hatte ich plötzlich Sicht auf die Alpen. Ich trat aus einem Wäldchen, das sich links vom Weg der Krete entlang locker noch etwas weiterzog, da schimmerten sie zwischen den Bäumen hindurch: Eiger, Mönch und Jungfrau und das Schreckhorn. Merkwürdigerweise nur diese vier und rechts von ihnen die Stockhornkette. Das hatte nichts mit dem Wäldchen zu tun, nur mit der Perspektive: Es war aus diesem Blickwinkel gar nicht möglich, mehr zu sehen, obwohl man hier eindeutig nah dran war. Aber vielleicht war ja gerade die Nähe der Grund für diese Begrenzung! Weil man, je näher man kam, umso weniger über das hinwegsehen konnte, was davorstand. Auf den Gedanken war ich schon früher gekommen: Als nach der Schwarzwasserbrücke auf den Hügelkuppen, über die mich mein Weg immer von neuem führte, die Wälder ausblieben, und ich eigentlich freie Sicht gehabt hätte - die ich aber nicht hatte. Das verstand ich nicht, und ich fragte mich, woran es liegen könnte. Jetzt auf dieser Krete begriff ich, dass man dafür offenbar zuerst eine bestimmte Höhe erreicht haben musste. Und auch nicht mehr allzu viel dazwischenstehen durfte, zwischen einem selbst und dem Point de vue. Es bedurfte einer Sichtachse, wie man das in der Gartenarchitektur nannte, einer Art durchgehender Lücke, die den direkten, unverstellten Blick auf das besonders Sehenswerte ermöglichte. Das hatte ich bei meinem Besuch in der Elfenau gelernt.

Eine Sichtachse also. Nur eine Sichtachse.

Wenigstens eine Sichtachse - immerhin. Ich liebe den Blick in die Berge. Wenn ich weiterging, würde sich unweigerlich wieder etwas Unüberwindbares vor sie schieben. Das wollte ich noch eine Weile hinauszögern. Erneut suchte ich nach einer Bank, und diesmal hatte das Schicksal ein Einsehen: Es stellte mir unverzüglich eine hin.

Auf der Bank lag ein Bleistift. Ein rostbrauner Bleistift mit schwarzlackiertem, leicht angekautem Ende. Härtegrad B.

Ich nahm mein Schreibheft aus dem Rucksack. Für Schwarzenburg war noch lange früh genug.

354/21. August 2018 (Dienstag)

Anna Feodorowna hatte ebenfalls jemand anders kennengelernt: Den 1775 in Thun geborenen Dr. Rudolf Abraham von Schiferli, Arzt, Chirurg und Geburtshelfer. Was man so auf die Schnelle über sein Leben herausfinden kann, ist etwas rätselhaft. Zuerst lässt es sich noch gut nachvollziehen: Er studiert in verschiedenen europäischen Städten und geht anschliessend für einige Zeit auf Reisen, um sein Wissen zu vervollkommnen. Danach kehrt er in die Schweiz zurück, wo er mehrere Stellen innehat, unter anderem im Dienst der Armee. 1803 lässt er sich in Bern nieder, wo er als Garnisonsarzt arbeitet. Im selben Jahr heiratet er die 1782 in Bern geborene Katharina Margaretha Ith. 1804 wird er zum kantonalen Oberimpfarzt und 1805 zum Professor der Chirurgie und Gynäkologie an der Hochschule Bern berufen. 1806 und 1808 kommen seine Söhne Friedrich Ludwig und Karl Moritz zur Welt - und dann ist plötzlich 1811, und er wird zum Mecklenburg-Schwerinischen Hofrat ernannt! Wie ging das zu? War er nach Mecklenburg umgezogen? Warum? Und was war mit seiner Familie? Hatte er sie mitgenommen? Oder gar verlassen? Und dann war er auf einmal auch kein Arzt mehr, sondern kümmerte sich als Oberhofmeister um die Belange der russischen Grossfürstin Anna Feodorowna, die ein illegitimes Töchterchen - Louise-Hilda-Aglae - von ihm bekam, und zwar bereits 1812, also ein Jahr bevor sie sich in Bern niederliess, im am südwestlichen Ende der Stadt gelegenen Brunnaderngut, das sie ein paar Monate nach ihrem Einzug kaufte und daraufhin mit viel Liebe und offensichtlichem Fingerspitzengefühl in die zauberhafte Elfenau verwandelte?

Wie ging das zu? Wie arrangierten sich diese drei Menschen? Rudolf Abraham, seine Ehefrau Katharina Margaretha und Anna Feodorowna? Dass Rudolf der Vater von Annas Mädchen war, gilt gemäss dem Schweizerischen Kunstführer als sicher, weil es durch Briefe belegt ist. Einfach kann das nicht gewesen sein -

Natürlich könnte ich Therese Bichsels 2012 erschienenen Roman Grossfürstin Anna lesen, dann würde mir auf einen Schlag alles klar. Den Rezensionen zufolge ist es ein kluges Buch: sorgfältig recherchiert und nichts beschönigend. Aber Rudolf ist 1837 gestorben. Im selben Jahr starb, erst fünfundzwanzigjährig, Louise Hilda Aglae. Katharina Margaretha hatte ihren Sohn Friedrich Ludwig 1834 im Alter von 28 Jahren verloren. Beide Frauen - Katharina Margaretha und Anna Feodorowna - mussten danach noch viele lange Jahre weiterleben, Katharina Margaretha achtzehn und Anna Feodorowna sogar dreiundzwanzig. Mich würgt schon, wenn ich mir nur diese nackten Tatsachen vor Augen führe. Beim Gedanken, ein Buch zu lesen, das, weil es ja ein gutes Buch ist, glaubhaft veranschaulicht, wie sich die beiden Frauen angesichts dieser erneuten Schicksalsschläge fühlen mussten, packt mich das nackte Grausen.

351/18. August 2018 (Samstag)

Katharina die Grosse starb im November 1796. Danach kam ihr einziger ehelicher Sohn Paul I an die Macht. Als Paul 1801 ermordet wurde, ging die Krone an seinen ältesten Sohn Alexander I über. Alexander war seiner Schwägerin wohlgesonnen. Unter seiner Herrschaft wurde es möglich, dass sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann trennen und Russland verlassen konnte.

Wie und wo Anna-Feodorowna-Juliane die Jahre nach ihrer Trennung verbrachte, bevor sie sich 1813 in Bern niederliess, ist nicht ganz klar. Sie habe sich sorgenlos den Leichtigkeiten des Lebens hingegeben, steht im Schweizerischen Kunstführer GSK Nr. 516/517 Die Elfenau in Bern. Das kann sein, die Vorstellung fällt mir aber schwer. Fünf derart peinvolle Jahre steckt man nicht so mir nichts dir nichts weg - vielleicht war sie einfach nur tapfer und liess sich nichts anmerken. Man hatte ihr Rang und Namen gelassen, sie hatte Verpflichtungen. Sie war eine russische Grossfürstin. Sie musste ein standesgemässes Leben führen - ein Leben, das ihr das russische Kaiserhaus finanzierte. Sie konnte nicht machen, was ihr gefiel. Zudem hätten wohl auch ihre Eltern - bei allem Verständnis - kaum geduldet, dass sie sich bei ihnen verkroch. Sie musste ihren Titel mit Würde tragen und ihm Ehre machen. Ihre Stellung öffnete ihren Geschwistern das Tor zu den glänzendsten Verbindungen Europas. Sie musste ihr gerecht werden.

Sie war eine russische Grossfürstin. Nicht irgendeine, die Erste. Konstantin war nach Alexanders Machtübernahme als Pauls zweitältester Sohn Thronfolger. Wenn Alexander etwas zugestossen wäre, wäre er Kaiser geworden und sie - immer noch mit ihm verheiratet - Kaiserin. Ob sie sich darüber hin und wieder Gedanken machte? Es war ihr zwar gelungen, sich aus seiner unmittelbaren Nähe zu entfernen, aber frei war sie nicht. Das war, so scheint mir, bei allen standesmässigen und wirtschaftlichen Vorteilen, die sich für sie aus dieser nach wie vor bestehenden Verbindung ergaben, eine doch wohl eher ungemütliche Lage!

Zum Glück kam es anders: Konstantin lernte eine andere Frau kennen, eine mit der er sich offenbar besser verstand als mit Anna Feodorowna - so gut, dass er sie unbedingt heiraten wollte. Er war sogar bereit zu ihren Gunsten auf die Krone zu verzichten. Doch seine Mutter widersetzte sich seinem Wunsch. Sie war strikt gegen eine Scheidung, steht im Schweizerischen Kunstführer. Sie behauptete sich fünf lange Jahre.

1820 wurde die Ehe des Russischen Grossfürsten Konstantin Pawlowitsch Romanow und Anna Feodorowna geschieden.

Zu diesem Zeitpunkt war Anna Feodorowna neunzehn Jahre lang von ihrem Mann getrennt und lebte schon seit sieben Jahren auf dem Landgut Elfenau in Bern. Rang und Name wurden ihr auch nach der Scheidung nicht aberkannt. Offenbar war sie ihren Verpflichtungen der russischen Krone gegenüber zur Zufriedenheit nachgekommen, und man wollte auf ihre Dienste nicht verzichten -

350/17. August 2018 (Freitag)

Im Sommer 1795 bestellte die russische Zarin Katharina die Grosse Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, geb. Gräfin Reuss zu Ebersdorf mit ihren drei ältesten Töchtern Sophie Friederike Karoline Luise, Antoinette Ernestine Amalie und Juliane Henriette Ulrike zu sich nach St. Petersburg. Ihr zweitältester Enkel, der sechzehnjährige Konstantin, sollte verheiratet werden und Katharina wünschte eine Verbindung mit dem Haus Sachsen-Coburg-Saalfeld einzugehen. Welches der drei Mädchen der junge Grossfürst zur Frau nehmen wollte, war ihm freigestellt. Dieses Detail hatte für die politischen Erwägungen der grossen Zarin offenbar keine Bedeutung. Genauso wenig, wie es sie zu kümmern schien, dass der junge Mann zu gewalttätigen Ausbrüchen neigte und das Leben der Frau an seiner Seite unweigerlich zur Hölle machen würde. Die Hochzeit fand im Februar 1796 statt. Juliane wurde in Anna Feodorowna umbenannt, so wollte es der Brauch. Grossfürstin war sie fortan - und ihr Leben ein einziges Leiden.

349/16. August 2018 (Donnerstag)

Eine kleine, graue Ente paddelt hastig und scheinbar zielstrebig vorwärts. Sie ist allein. Ununterbrochen schreit sie laut und schrill. Nach kurzer Zeit höre ich aus der entgegengesetzten Richtung andere Enten rufen, aber die Kleine achtet nicht darauf, sie schwimmt schreiend weiter, ohne auch nur den Kopf zu wenden.

Das verirrte Entlein ist mir in der Elfenau begegnet. Im Naturreservat unten an der Aare. Dort schwamm es auf dem abgetrennten alten Aarearm beharrlich geradeaus. Es dachte wohl, sein Geschick würde sich zu seinen Gunsten wenden, wenn es nur lange genug dem einmal eingeschlagenen Kurs treu blieb. …

Unsinn - Enten denken nicht. Aber merkwürdig war schon, dass es sich so ganz und gar unzugänglich zeigte. Das Entlein war noch jung. Es hatte sich zu weit von der Mutter entfernt und sie aus den Augen verloren. Bestimmt wollte es nichts lieber, als sie so bald wie möglich wiederfinden. Hörte es denn ihre Rufe nicht? Warum kehrte es nicht um und schwamm zurück? Oder blieb wenigstens da, wo es war?

Ich habe dieses Rätsel nicht gelöst. Ich verliess das Naturreservat, ohne die weitere Entwicklung des Geschehens abzuwarten, aber ich glaube nicht, dass es mit der kleinen Ente ein schlimmes Ende nahm, das Reservat ist von überschaubarer Grösse - sicher hat die Entenmutter ihr Kleines bald erspäht und wieder unter die Fittiche genommen.

347/14. August 2018 (Dienstag)

Ich habe die Erklärung gefunden. Man hat den Elefanten aus werbetechnischen Gründen eingewickelt. Die Museen im Kirchenfeld sind während der Sanierung der Kirchenfeldbrücke nicht auf direktem Weg erreichbar. Mit den orangeblauen Verhüllungen wollen sie während dieser Zeit auf sich aufmerksam machen. An jedem von ihnen ist im Moment etwas in orangen Stoff verpackt. Am Schützenmuseum ist es einer der Köpfe, das ist mir aufgefallen.

Ich bin ein bisschen enttäuscht. Ich hätte meinem goldhäutigen Freund vom Dach gewünscht, man hätte ihn zum Schutz gegen die UV-Strahlen in Stoff gepackt. Aus lauter Fürsorge. Das gibt es nämlich - Stoff, der UV-Strahlen abblockt. Aber so ist es nicht.

346/13. August 2018 (Montag)

Ich mag den goldenen Elefanten, der auf dem Dach des Naturhistorischen Museums steht. Ich mag es, an einem frischen Sommermorgen auf den Gurten zu fahren, und dann, wenn ich auf der Terrasse des Tapis rouge frühstücke, unten in der Stadt den in der Sonne aufblitzenden goldenen Punkt zu sehen, als wäre er ein mitten am Tag vom Himmel gefallener Stern. Derzeit würde ich allerdings vergeblich nach dem stellaren Glänzen Ausschau halten: Der Elefant ist verpackt! Bis auf die Zähne eingehüllt in orangefarbenen Stoff und sorgfältig verschnürt mit königsblauer Kordel.

Ich kam von der Monbijoubrücke und erkannte die andere Farbe nicht gleich als Verhüllung. Aus der Entfernung wirkte der Elefant wie neu bemalt: rosa und weiss, dazwischen feine schwarze Linien. Erst beim Näherkommen sah ich, dass es sich um Stoff handelte. Um leuchtend orangefarbenen Stoff, leicht und fein wie Fallschirmseide, den die Sonne auf der nach Südwesten ausgerichteten Seite des massigen Körpers zu einem blassen Rosa ausgebleicht hatte. Demnach musste die Verhüllung schon einige Zeit andauern. Ob es sich um eine Kunstaktion handelte? Ich konnte mich nicht erinnern, davon in der Zeitung gelesen zu haben. Ich kehrte nachhause zurück und machte mich im Internet kundig. Aber ich fand nichts, was ich nicht schon gewusst hatte. Fast nichts.

Das Jahr 2016 wurde vom Naturhistorischen Museum Bern zum „Elefantenjahr“ erklärt. 150 Jahre zuvor hatte in Murten ein Zirkus aus Amerika gastiert. Dieser Zirkus führte zwei dressierte Elefanten mit, die im Programm auftraten. Die Tiere waren eine Sensation: Noch nie vorher hatte in Murten jemand Elefanten gesehen. Am Tag nach der Vorstellung tötete jedoch eines der Tiere in den frühen Morgenstunden seinen Wärter. Danach brach es aus und verbreitete in der ganzen Stadt Angst und Schrecken. Schliesslich gelang es, das rasende Tier in den Stall zurückzutreiben, der ihm für die Dauer seines Aufenthalts in Murten als Unterkunft diente. Dort erschoss man es zum Schutz der Bevölkerung mit einer Kanone. Das Skelett wurde nach Bern verkauft, wo es heute noch im Naturhistorischen Museum zu sehen ist. Anlässlich des Elefantenjahres veranstaltete das Naturhistorische Museum nicht nur Vorträge und Sonderausstellungen, es bekam auch ein neues Wahrzeichen: Auf dem Dach wurde ein lebensgrosser, goldener Elefant montiert.

Das alles war mir bekannt. Und auch, dass man diesen Elefanten, anlässlich des Etappenhalts der Tour de France am 18. Juli 2016, mit einem T-Shirt bekleidet hatte, dem weissgrundigen, rotgepunkteten Bergpreisträger-Trikot. Nicht gewusst hatte ich: Es war nicht das einzige Mal. Zur WM im vergangenen Juni war ihm wieder ein T-Shirt angezogen worden, ein rotes mit weissem Kreuz. Dazu fand sich ein Foto. Dieses Foto zeigte deutlich, dass das Dasein auf dem Museumsdach seiner goldenen Elefantenhaut schlimm zugesetzt hatte: Sie fing an sich abzulösen, am Rücken und auf dem Kopf. Das Wetter, mutmasste ich, tat ihr nicht gut, die Stürme im Winter, der viele Schnee und jetzt diese endlose Hitze, die UV-Strahlen …

345/12. August 2018 (Sonntag)

Auch ein verpackter Elefant ist ein Elefant.

344/11. August 2018 (Samstag)

Etel Adnan hat ihre Tapisserien nicht selber gewebt. Sie hat sie entworfen und dann ausgebildete Handweber damit beauftragt, die Entwürfe - in enger Zusammenarbeit mit ihr selbst - auszuführen.

Die Entwürfe hat sie mit Filzstiften gemacht. Hin und wieder hat sie übereinander gemalt, als wäre sie noch ein kleines Mädchen und könnte es nicht besser. Auf mich wirkten diese scheinbar zufälligen Überschneidungen zweier Farbflächen, die von den Entwürfen in die Tapisserien übernommen worden und deutlich zu sehen waren, wie Illustrationen des Zusammentreffens von Etel mit Joana Hadjithomas, die das gleiche Familienschicksal teilte, aber nicht der gleichen Familie angehörte. Ich glaube, dieser Umstand - dass Joana aus einer anderen Familie neu dazukam - war für Etel von enormer, beinahe explosiver Bedeutung. Im Gegensatz zu ihren anderen Bildern, die mir trotz leuchtender Farbigkeit eher etwas verhalten vorkamen, sind die Tapisserien wahre Feuerwerke.

343/10. August 2018 (Freitag)

Es ist sinnlos. Ich sah diesen Film, und er machte auf mich den Eindruck, ausserordentlich transparent zu sein. Ich erkannte, dass Absicht dahintersteckte. Transparenz war das Anliegen der Filmemacher und das eigentliche Thema des Films, davon war - bin! - ich überzeugt. Aber wie soll ich das glaubhaft begründen?

„Die Filmemacher achteten sorgfältig darauf, nichts zu verschleiern, nichts zu beschönigen, nichts zu jemandes Gunsten oder Ungunsten zu verzerren.“ Schöne Worte!

Das gestern beschriebene Beispiel: Was soll daran besonders transparent sein?!

Mein langer Umweg vom Mittwoch, mit dessen Hilfe ich versuchte, das Aufkommen des Wunschs nach Transparenz in Joana und Etel plausibel zu machen - Phantasie!

Beinahe komme ich mir vor wie eine unschuldig Verdächtigte in einem Fernsehkrimi, die verzweifelt beteuert: „Ich habe ihn nicht umgebracht, das müssen Sie mir glauben!“ Wie eine solche Verdächtigte bin ich vollständig allein mit meiner Sicherheit, ich bin darauf angewiesen, dass man mir glaubt. Es ist unsäglich! Beteuern ist das Einzige, was mir bleibt! Ich habe etwas wahrgenommen, ich bin mir ganz sicher, aber ich kann es nicht mit handfesten Beweisen belegen.

Nun gut. Schliesslich passiert mir das nicht zum ersten Mal. Augen zu und durch. Zurück zu dem, was wirklich wichtig ist … Ha ha - noch mehr schöne Worte!, verhöhnt mich mein innerer Zensor. Ich schiebe ihn zur Seite. Ich habe RECHT!

Nie wurden in diesem Film künstlerische Mittel lediglich um des Effekts willen eingesetzt, immer dienten sie der Veranschaulichung eines Umstands oder einer Erfahrung, der besseren Verständlichkeit eines Sachverhalts. So entstand ein schlichter, ehrlicher Film.

Geborgenheit ergibt sich aus Transparenz, das ist seine Grundaussage: Ob das, was man zu sehen bekommt, schön oder weniger schön ist, spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ausschlaggebend ist das Teilhabenkönnen, das Einbezogenwerden.

Erläutert wird das am persönlichen Beispiel der Familiengeschichten von Joana Hadjithomas und Etel Adnan, die sich teilweise überschneiden und in einem gemeinsamen Brennpunkt treffen: der Stadt Izmir an der türkischen Westküste.

Und nein, dieser Film schreibt nichts fest! Es geht nicht darum, alles zu wissen.

342/9. August 2018 (Donnerstag)

Die beiden Filmemacher Joana Hadjithomas und Khalil Joreige haben zusammen mit Etel Adnan einen Film über den Brennpunkt in Etels und Joanas Familiengeschichten gemacht, über Izmir. Mich hat dieser Film tief berührt. Sicher lag das daran, dass ich die Behutsamkeit und Feinfühligkeit spürte, mit der sie sich dem Ort, wo Etels Eltern beziehungsweise Joanas Grosseltern unbeschwertes Glück und grösste Bedrohung erfahren hatten, annäherten. Aber ich glaubte noch etwas Weiteres festzustellen: Eine aussergewöhnliche Transparenz. Mir kam es vor, als sollte ich mich als Zuschauerin in keinem Augenblick aussen vor fühlen. Ich sollte absolut sicher sein können, dass man mich nicht in die Irre führte, dass man niemals mein Vertrauen missbrauchen würde. Da ich mir nur den fertigen Film anschauen konnte - ich war ja bei der Herstellung nicht dabei gewesen -, musste diese Herstellung in einer Weise offengelegt werden, die wahrnehmbar war, ohne sich auf die Handlung störend auszuwirken. So erfährt man zum Beispiel nicht nur durch Hörensagen, dass die einundneunzigjährige Etel sich die Reise nach Izmir nicht zutraut, weil sie nicht mehr gut genug gehen kann, sie erklärt es persönlich. Mehrmals im Lauf des Films kann man ihr zuschauen, wie sie sich mit ihrem alten, schwergewordenen Körper etwas vorgebeugt und leicht hinkend, sehr langsam in ihrer Wohnung fortbewegt. Dann geht Joana auf die Reise. Etel bleibt zuhause, aber als Zuschauer darf man Joana begleiten. Wieder daheim, erzählt sie Etel ihre Erlebnisse. Sie hat gefilmt und zeigt ihr diesen Film nun am Laptop. Als Zuschauer hat man keinen Blick auf den Bildschirm, aber das macht nichts, man empfindet das nicht als Geheimniskrämerei, man war ja zuvor auf der Reise persönlich mit dabei. Und so weiter.

341/8. August 2018 (Mittwoch)

Familiengeschichten sind komplex. Vielleicht bilden sich gerade deshalb so oft Legenden heraus, immer gleich erzählte Geschichten, an denen irgendwann nicht mehr gerüttelt werden darf, weil die scheinbare Einfachheit Sicherheit vermittelt, während das Komplexe, Kontroverse, Verwirrende schwer auszuhalten ist. Man möchte Klarheit. Wissen, woran man ist. Etwas haben, auf das man vertrauen kann. Man schreibt fest, was nicht festgeschrieben werden kann und macht die Familiengeschichte zu einem goldenen Kalb. Man verwechselt Erstarrung, Bewegungslosigkeit, Stillstand mit Geborgenheit, vertraut dem Tod, statt dem Leben.

Das Izmir der Familien von Joana Hadjithomas und Etel Adnan war nicht nur der Ort, der in der Ferne zum Traum-Ort geworden war, es war auch der brennende Ort, der Ort der Todesangst und des Verlusts. Das liegt in der Natur der Sache: Wenn man von einem Ort, an dem man glücklich war, fliehen musste, muss er sich zuvor in einen Ort des Schreckens verwandelt haben, sonst hätte man ja bleiben können. Wie kann es denn aber sein, dass ein solcher Ort trotzdem zum Traum-Ort wird? Mir leuchtet am Ehesten ein, dass man ihn, ohne es zu merken, in zwei verschiedene Orte aufgeteilt hatte, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben: Einen, an dem man nur das Gute, und einen, an dem man nur das Schlechte erlebt hat - und um diese beiden Orte beginnen sich dann die je entsprechenden Legenden zu spinnen.

Für ein sensibles Kind - oder Grosskind, wie Joana - ist das verwirrend. Es hört die beiden Geschichten, die nach seinem Ermessen vom selben Ort handeln, spürt aber gleichzeitig, dass mit diesem Ort etwas nicht stimmt. Instinktiv weiss es, dass es daran nicht rühren darf, weil das den Eltern und Grosseltern nicht recht wäre. Warum das so ist, kann es sich nicht erklären. Aber je älter es wird, desto weniger hält es das auch für nötig, eigentlich ist ja alles klar: Es gab einen Ort, an dem man glücklich war. Dann geschah an diesem Ort etwas Schreckliches, deshalb musste man ihn verlassen. Beides war traurig - dass man nicht an dem Ort bleiben konnte, und dass man etwas Schlimmes erlebt hatte, aber es ist lange her. Und es ist ja auch nicht sein eigenes Problem, sondern das der Eltern, beziehungsweise Grosseltern. Es tut das diffuse Unbehagen, das es verspürt, als nichtig ab und verdrängt es.

Doch dann, das Kind ist längst erwachsen, geschieht etwas Unerwartetes: Es trifft auf jemanden mit exakt derselben Familiengeschichte! Der gleiche Ort, die gleichen Legenden. Die beiden Menschen erkennen das sofort. Das alte Unbehagen taucht wieder auf, es bestätigt und verdichtet sich in der Verdoppelung. Der Wunsch, ihm auf den Grund zu gehen, wächst und mit ihm der Entschluss. Es ist vor allem der Wunsch nach Transparenz. Jetzt mag man sich nicht mehr aus Rücksicht zurückzuhalten, man will sich der Sache annehmen - auf die einem eigene künstlerische Art.

So könnte es gewesen sein.

338/5. August 2018 (Sonntag)

Etwas unbedarft stolperte ich gestern gegen elf in die Ausstellung mit Werken von Etel Adnan, die zurzeit im Paul Klee-Zentrum zu sehen ist. Ich wollte die Künstlerin kennenlernen, auf die Klees Kunstwerke so intensiv wirkten, dass es mystischem Erleben glich - aber mein Kopf hing immer noch im letzten Döblin-Notat fest, das ich eigentlich am Freitag fertiggestellt zu haben glaubte, dann aber doch am Samstagmorgen - unmittelbar, bevor ich zu meinem Museumsbesuch aufgebrochen war - noch einmal umzuschreiben für nötig hielt.

Ich nahm eine feine Tuschezeichnung von Venedig zur Kenntnis, die mir ausnehmend gut gefiel, und einige andere Klee-Bilder, die so typisch waren, dass ich sie auch problemlos erkannt hätte, ohne zu wissen, wer sie gemalt hatte, aber ein Zusammenhang zu den um sie herum gruppierten Werken der faszinierten Künstlerin, erschloss sich mir nicht. Ich konnte mich nicht konzentrieren, einerseits, weil ich noch gar nicht richtig angekommen war, vor allem aber, weil zudem riesige, farbenfrohe Tapisserien meine Aufmerksamkeit gefangennahmen. Sie waren wunderschön - und alle handgemacht! Leben ist Weben, stand hoch oben in schöner Schrift an der Wand, ein Zitat der Malerin, die auch Schriftstellerin war. Und Philosophin. Und als solche Hochschul-Dozentin. Und offenkundig Handweberin. Leben ist Weben. Ich war auch Schriftstellerin, und das Zitat erinnerte mich daran, dass auch ich einmal etwas über das mit dem Weben vergleichbare Leben geschrieben hatte. Oder war es gar nicht das Leben gewesen, das mir damals vergleichbar erschien, sondern das Schreiben? Ich wusste es nicht mehr. Ich hatte es vergessen. Es war vergessen. Von mir schrieb niemand Zitate in einem Kunstmuseum an die Wände.

Eine Tapisserie hatte ich auch einmal gemacht. Sie war gerade mal fünfzig auf achtzig Zentimeter gross, und ich hatte ein ganzes Jahr dafür gebraucht. Von den zehn - nein, sogar elf, eine hing etwas versteckt -, die hier ausgestellt waren, mass keine weniger als einen Meter achtzig auf zwei Meter fünfzig! Und meine war vom Entwurf her erst noch viel einfacher umsetzbar gewesen: Nichts weiter als gerade und schräge Abgrenzungen zwischen den Farben, und die Schrägen alle in derselben Neigung, was einen technisch leicht zu bewältigenden, regelmässigen Aufstieg ermöglichte, nämlich immer nach vier Durchzügen einen Zettelfaden weiter - während diese hier komplizierte farbliche Übergänge aufwiesen, wie die Millefleur-Teppiche aus der Burgunderbeute, was unglaublich schwierig hinzukriegen war! Und anstatt mich also einfach an der prächtigen Farbigkeit zu freuen, stieg Eifersucht in mir hoch, wie immer, wenn meine eigene Schwerfälligkeit, Langsamkeit, Unfähigkeit, mehrere Dinge unter einen Hut zu bringen, so deutlich zutage tritt …

Ich hätte mich wohl noch weiter sinnlos gegrämt, wenn ich mich nicht just zu dem Augenblick im rückwärtigen Teil des Saals eingefunden hätte, als der fünfzigminütige Film Ismyrne von Joana Hadjithomas und Khalil Joreige, der dort in Endlosschleife gezeigt wurde, im Begriff war, von neuem zu beginnen. Er zog mich sofort in seinen Bann. Zuerst lag es allein an der Sprache. Der Film war französisch gesprochen und englisch untertitelt. Doch obwohl ich im Moment darauf aus bin, mein Französisch zu verbessern und Englisch nur sehr schlecht verstehe, beschränkte ich mich nicht darauf, gut zuzuhören, sondern las gleichzeitig die englischen Untertitel. Das geschah ganz unwillkürlich, und ich versuchte mehrmals vergeblich, mich davon abzubringen - bis ich auf einmal verblüfft merkte, dass sich mir das Gesprochene viel leichter erschloss, wenn ich meinen Augen nachgab und sie tun liess, was sie anscheinend unbedingt tun wollten -

Der Film drehte sich um zwei Frauen - die einundneunzigjährige Etel Adnan und die siebenundvierzigjährige Joana Hadjithomas - und eine Stadt: Izmir. Die Familiengeschichten der beiden Frauen glichen sich. Sie hatten denselben Ausgangspunkt, der zugleich Kern des immer und immer wieder Erzählten war: Izmir und die Flucht aus dieser Stadt an der türkischen Westküste Anfang der 1920er Jahre. Von Etel waren es die Eltern, die vor dem griechisch-türkischen Krieg fliehen mussten, der dem Zerfall des osmanischen Reiches im Ersten Weltkrieg folgte, von Joana die Grosseltern.

Es war von der brennenden Stadt die Rede, von verlorenen Briefmarken- und Ansichtskartensammlungen, von der mühseligen Fahrt auf dem schaukelnden Schiff. Vom Verlust von Schmuck, Wertpapieren und Geld. Bruchstückhaft wie die Erzählungen gingen die von der Kamera eingefangenen Bilder immer wieder in weisses Nichts über: Ein kleiner roter Frachter, das Meer, die Stadt, die niemand aus den beiden Familien je wieder besucht hatte: Sie war zum Paradise lost geworden, zum Traum-Ort, den man sich nicht von einer Wirklichkeit, die ihm nicht standhielt, nehmen lassen wollte. Sie war ein Ort, wo man Esswaren, die auf dem Markt nicht mehr verkauft werden konnten, ins Meer warf, so dass die Fische ganz dick wurden davon - das war der nachhaltigste Eindruck, den die kleine Etel, die erst nach der Flucht, 1925 in Beirut zur Welt gekommen war, durch die Erzählungen ihrer Mutter gewonnen hatte. Joana hatte von ihrem Grossvater ähnliche Geschichten gehört.

Irgendwann, als die Zeit reif war dafür, begegneten sich Etel und Joana, und irgendwann als wieder die Zeit dafür reif war, fasste Joana Mut: Zusammen mit Etel wollte sie das verlorene Familienparadies kennenlernen. Sie schlug eine gemeinsame Reise vor, doch Etel fühlte sich zu alt, sie konnte nicht mehr gut gehen. Also planten sie die Reise miteinander, aber Joana fuhr allein hin. Als sie zurückkam, berichtete sie Etel, was sie gesehen und erlebt hatte. Mit Joanas Laptop sassen sie am Tisch im Wohnzimmer von Etels Pariser Wohnung. Man hatte den Bildschirm nicht im Blick, doch es war klar, dass darauf der Film ablief, den man zuvor selber gesehen hatte. Man begleitete Joana - im Kopf ehemalige Adressen von Verwandten memorierend - durch Izmirs enge Strassen, in denen sich die Hitze staute, und dann, angekommen am Quai, teilte sich mit einem Mal das blickdichte Bild in mehrere hauchfeine Schichten auf, die den Membranen von Seifenblasen glichen, nur dass sie nicht gewölbt waren, auf denen Schemen von Menschen hin- und hergingen und miteinander agierten. Es sah aus, wie früher, wenn sich beim analogen Fotografieren manchmal wegen eines technischen Fehlers ein doppelt belichtetes Foto ergab. Dann, so plötzlich wie sich das Bild geöffnet hatte - „durchsichtig“ geworden war, wie Döblin es nennen würde -, schlossen sich die Schichten wieder zu einer einzigen, kompakten, undurchsichtigen zusammen. Momente vager Hellsichtigkeit, Augenblicke nicht festhaltbarer Klarheit.

Ob sie in Izmir von der Vergangenheit der Verwandten etwas gespürt habe, ob sie von ihr berührt worden sei, belastet?, fragte Etel. Ja, antwortete Joana und lachte, ihr Körper sei auf einmal über und über mit roten Pusteln bedeckt gewesen, die dann, zurück in Beirut, ganz von selbst wieder verschwunden seien. Psychosomatisch.

Sich der Familienvergangenheit stellen. Einer Vergangenheit, die scheinbar nicht die eigene ist, sondern die der Mutter, des Vaters, der Grosseltern. Verwirrt erkennen, dass sie einen dennoch zutiefst betrifft. Sich einlassen. Es auf sich nehmen, zu ordnen, zu berichtigen, zurechtzurücken.

Joanas Reise endete mit einem langen Blick auf die vorbeiziehenden Lichter der Stadt Izmir in der Dunkelheit. Lichter aus der Vergangenheit, die in die Gegenwart leuchten und ein grosser im Dunkeln verbleibender Rest. Die Bruchstücke der Erinnerungen verloren sich nicht mehr in diffusem, schwindelerregendem Weiss, sie waren zu klar definierten, in wohltuende Dunkelheit gefassten Lichtpunkten geworden.

330/28. Juli 2018 (Samstag)

Ein Wort noch zum Frankfurter Bahnhofsviertel: Es gibt viel unübersehbares Elend dort. Das ist mein Eindruck. Ich habe das so noch an keinem anderen Ort beobachtet in letzter Zeit. Aber das ist nicht von Bedeutung, weil ich mich auch nicht an vielen anderen - vergleichbaren - Orten aufgehalten habe. Ich weiss also nicht, wie viel an solch geballtem Drogenelend inmitten eines Geschäfts- und Wohnquartiers heutzutage als „normal“ gilt. Doch damit bin ich nicht die Einzige: Mir scheint, die Einschätzungen der herrschenden Zustände im Frankfurter Bahnhofsviertel hängen vorwiegend vom persönlichen Empfinden ab - und sie gehen sehr weit auseinander.

Es gab eine Zeit, da fand die Frankfurter Drogenpolitik weitherum Beachtung. Der Frankfurter Weg hatte Vorbildcharakter. Erstmals stand die Hilfe für die Abhängigen im Vordergrund und nicht deren strafrechtliche Verfolgung. Das Modell stützte sich auf vier Säulen: Prävention, Beratung und Therapie, Überlebenshilfe und Bekämpfung des Drogenhandels. Es wurden saubere Spritzen abgegeben und mehrere Räume eingerichtet, wo sich die Abhängigen unter hygienischen Bedingungen ihren Schuss setzen konnten. Dadurch reduzierte sich die Zahl von fast 150 Toten im Jahr auf weniger als 30. Ein grosser Erfolg, der bis heute anhält. Das ist das Eine. Das andere ist, dass offenbar irgendwann der Punkt kam, an dem sich mit dem abhängigenfreundlichen Viersäulenkonzept nichts mehr verbessern liess. Seither stagniert die Szene, und ob man das als Problem betrachtet, gegen das vorgegangen werden sollte oder als quasi gegebenen Umstand, mit dem es sich ganz gut leben lässt - darüber sind die Meinungen geteilt.

Eine Journalistin äussert in einem Online-Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Überzeugung, so könne es nicht weitergehen, es brauche einen „neuen Frankfurter Weg“, zu lange habe man das Drogenproblem nur „verwaltet“, statt versucht, es zu lösen, während ein Anwohner in einem Interview auf Youtube der Meinung ist, es liege am Crack. Davon sei man überfordert, und es brauche noch Zeit, um herauszufinden, wie damit umzugehen sei. In meinem Reisführer lese ich von einer „Mischung aus entspannter Atmosphäre und Wuseligkeit“, die das multikulturelle Bahnhofsviertel mit seinen bunten Läden und kleinen Cafés auszeichne und im Merianheft, dass aus dem früheren „Problembezirk ein Hotspot der Hipster-Szene“ geworden sei. Beide Autoren verschweigen das Drogenproblem nicht, betrachten es aber offenbar als eher nebensächlich und einem Aufenthalt im Viertel keinesfalls abträglich -

Nun ja. Ich fand die Atmosphäre nicht wirklich entspannt, eher umgekehrt: Mir kamen Verkäufer und Serviererinnen in den Geschäften und Cafés, in denen ich einkaufte und einkehrte, gestresst vor. Man wurde mehr abgefertigt als freundlich bedient. Und ob allnächtliche, hemmungslose Partys tatsächlich die angemessene Kur sind für einen Stadtbezirk von so fragilem Gleichgewicht - also, ich weiss nicht …

Ich will den beiden Autoren keine Blauäugigkeit unterstellen, sowohl Reiseführer wie Merianheft sind 2016 erschienen, und es ist möglich, dass sich die Zustände inzwischen wieder verschlimmert haben. Vielleicht würden sie ja heute nicht mehr dasselbe schreiben wie vor zwei Jahren.

Obwohl: Mir ist bewusst, es klingt merkwürdig, aber ich mochte die Stadt auch - irgendwie. Und trotz Geschrei und Gegröhle vor dem Hotelfenster bis morgens um vier und dem Aufheulen der Polizeisirenen alle fünf Minuten, verliess ich sie, als meine vier Tage um waren, nicht ohne Bedauern.

Dabei hatte ich mir noch nicht einmal vom Mainufer aus den Sonnenuntergang ansehen können, weil ich mich abends nach achtzehn Uhr nicht mehr aus dem Hotel traute -

328/26. Juli 2018 (Donnerstag)

Noch etwas hatte beim Blättern im Merianheft während der schlaflosen Nacht meine Neugier geweckt: Das nach seinem Stifter benannte Städel-Museum. Dort wird vor allem alte Kunst gezeigt, aber auch Einiges an Modernem. Hinein wollte ich nicht. Nur der spektakuläre unterirdische Erweiterungsbau interessierte mich - oder genauer, das von ihm, was man von aussen sehen konnte: Die flachen, runden in den Rasen eingelassenen Oberlichter.

Als ich den Hof hinter dem Museum betrat, verschlug mir eine mörderisch-tropische Hitze den Atem. Ein Rasensprenger lief, und das, die ganze Länge der einzigen offenen Seite des Hofs einnehmende, orangelackierte Wellblech sorgte dafür, dass die Feuchtigkeit nicht so leicht entweichen konnte. Ich wusste aus den Fernsehnachrichten, wie sehr das gegenwärtige heisse und trockene Wetter den „Grünen Lungen“ der Grossstädte zusetzt und glaubte, das Blech sei eigens zu diesem Zweck angebracht worden - dass es sich dabei um ein Kunstwerk und bei dem Feuchtigkeitsstau um einen Zufall handelte, gewahrte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Vorerst hatte ich nur Augen für ein anderes Konstrukt, das sich an der Wand eines Nebentrakts auf der dem Wellblech gegenüberliegenden Hofseite befand: Sich kreuzende, leicht schräg verlaufende, horizontale und vertikale Metallstangen waren an die aus hellgrauen Steinquadern zusammengefügte Wand angeschraubt und an diesen Stangen waren wiederum etwa vierzig linsenförmige Spiegel befestigt. Je nach Platz und Stellung zeigte jeder Spiegel ein bestimmtes Bild. Sobald man als Betrachter seinen Standort änderte, veränderte sich dieses Bild, und es ergab sich auch aus dem Zusammenklang aller Spiegel miteinander etwas Neues. Man konnte sich den Spiegeln von zwei Seiten nähern, rechts oder links vom Rasen. Die linke Seite lag im Schatten. Die Rechte war der prallen Sonne ausgesetzt, aber von da aus gesehen war das Spiegelbild viel reichhaltiger und die Veränderungen ergiebiger als von links. Man sah die von den Oberlichtern gepunktete Rasenfläche, die rückwärtige Fassade des Museums-Hauptgebäudes, die ein wenig der einer italienischen Villa glich, und über das erwähnte orangefarbene Wellblech hinaus die Umgebung - Bäume und Häuser. Und je näher man kam, desto mehr schob sich der Himmel ins Bild! Es war so schön! Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mir das gefiel. Links vom Rasen hielt es sich zwar wegen des Schattens sehr viel angenehmer auf, aber von dort aus spiegelte sich lediglich die rückwärtige Fassade des Hauptgebäudes. Immer nur diese Fassade -

Ich wusste, dass ich es in der geradezu höllischen Temperatur nicht lange aushalten würde, aber ich wollte die Spiegelung von rechts noch einmal sehen, bevor ich ging!

Ich tauchte ein … und wieder auf. Danach ass ich ein Eis. Und dann kehrte ich ins Hotelzimmer zurück.

327/25. Juli 2018 (Mittwoch)

Es gibt hier noch mehr Martialisches: Grosse, weissbemalte Betonklötze riegeln zur Sicherheit der Passanten vor Lastwagen-Attentätern neuralgische Punkte in der Innenstadt ab. Zur Sicherheit, damit sich niemand daraufsetzt, sind sie oben mit Noppen versetzt wie Fussballschuhe an den Sohlen, und zur Sicherheit, damit niemand sie übersieht, in sie hineinläuft und sich verletzt, wurden an den Kanten rotweisse Klebebänder angebracht. Darum sind sie mir auch nicht gleich aufgefallen: In Frankfurt wird so viel gebaut und renoviert, dass mein Kopf sie wohl unbewusst mit rotweissen Baustellen-Abschrankungen in Verbindung gebracht hat. Erst nachdem ich heute Morgen aus dem Westend in die Innenstadt zurückkam - schaute ich sie zum ersten Mal wirklich an und ordnete sie am richtigen Ort ein.

Bereits um sieben Uhr früh verliess ich das Hotel, um noch bevor es dafür zu heiss wurde, einen Spaziergang ins Westend zu machen. Ich wollte die Universität sehen und das Holzhausenschlösschen. Zwischen 1929 und 1931 entstanden, gilt die Universität als Meisterwerk moderner Architektur. Sie ist von erschlagender Scheusslichkeit! Zu welchem Zweck der schauerliche Bau ursprünglich vorgesehen war, weiss ich nicht, im Reiseführer steht nur, dass er zur Nazizeit der IG Farben AG als Firmensitz diente - noch heute wird er IG-Farben-Haus genannt -, und dass innerhalb seiner Mauern gleich nach der Machtübernahme der Nazis die unverzügliche Entwicklung des Nervengases Zyklon B beschlossen wurde. Das trägt nicht gerade dazu bei, meinen Abscheu zu mindern, den ich beim Anblick dieses hässlichen Ungetüms unweigerlich empfinde. Doch ob einem das IG-Farben-Haus gefällt oder nicht, es ist ein Baudenkmal und muss als Solches erhalten und geschützt werden. Das ganze riesige Gebäude ist rundherum in etwa zwei bis drei Metern Abstand mit einem Bauzaun umgeben. Ein Kommentar zu dieser Massnahme ist nirgends zu finden. Ich erkläre es mir so: Die Wände sind aus Travertin, und es ist ohne Zweifel kostengünstiger, Bauzäune aufzustellen, als dieses poröse, heikle Baumaterial zu reinigen, wenn es versprayt würde. Ich habe solche Bauzäune auch im Holzhausenpark und am Main-Ufer angetroffen - dort ist der Nizza-Garten so abgesperrt. Im eingezäunten Teil des Holzhausenparks befinden sich irgendwelche undefinierbare, an runde Pilzhüte erinnernde Objekte. Der Nizzagarten darf tagsüber betreten werden, dann steht ein Durchgang offen. Nachts wird er geschlossen.

Gewiss - diese Bauzäune sind gewöhnungsbedürftig. Auch ich war im ersten Moment irritiert und dachte an eine unsensible Machtdemonstration. Aber dann merkte ich, dass man das anders betrachten muss: Rein sachlich. Die Bauzäune verhindern, dass etwas oder man selbst Schaden nehmen könnte. Verbotstafeln müssten nicht nur gelesen, sie müssten auch verstanden werden, die Zäune hingegen sprechen eine eindeutige Sprache: Bis hierher und nicht weiter. Umgekehrt sagen sie aber auch, dass der gesamte Rest der Anlagen genutzt werden darf. Das genügt den meisten ohnehin, und wer mehr wissen möchte, kann sich ja - wie ich es soeben tue - seine eigenen Gedanken machen.

Mir kommt vor, als wolle die Stadt Frankfurt ihre Bewohner und Gäste in einem ganz besonders hohen Mass beschützen und bewahren, dies aber auf eine etwas ungeschickte, ziemlich schwer durchschaubare Weise. So bin ich noch an keinem Ort derart vielen Fussgängerampeln begegnet wie hier. Jedes noch so schmale Nebensträsschen ist mit Fussgängerstreifen und Ampeln ausgerüstet! Die natürlich - ausser mir - keiner beachtet, weil es ewig dauert, bis sie von Rot auf Grün schalten. Nur - umgekehrt ist es dasselbe: Es dauert auch ewig, bis sie von Grün auf Rot schalten - genug lange, dass hinkende alte Leute am Rollator, ohne in Stress oder auch nur ausser Atem zu geraten, die andere Strassenseite erreichen können …

326/24. Juli 2018 (Dienstag)

Letzte Nacht konnte ich wegen des Strassenlärms, der zu mir heraufdrang, und der Hitze nicht schlafen. Aus Ungeduld und Langeweile wurde ich meinem Vorsatz untreu und blätterte im Merianheft, das ich, noch bevor ich mich entschied, mich auf meinen Städtetrip nicht vorzubereiten, aus der Bibliothek geholt hatte. Der Autor eines Beitrags über den auf der anderen Seite des Mains gelegenen Stadtteils Sachsenhausen schwärmt von einem lauschigen, in einem Hinterhof versteckten Lesecafé mit Buchhandlung, einem stillen Ort ohne Ambitionen - was bedeutet, dass die Betreiber kein Aufhebens machen, wegen ihrer illustren Gäste wie der Belegschaft des S. Fischer-Verlags oder dem Frankfurter Kulturdezernenten. Hier ist jeder gleichermassen willkommen, schreibt der begeisterte Sachsenhausener in seinem Bericht und weckt prompt meine Neugier: Ich will - ich muss - dieses Café sehen und ein wenig in der ihm angeschlossenen Buchhandlung stöbern!

Tatsächlich ist - auch das steht im Merianheft -, als ich gegen halb zehn eintreffe, der Hinterhof vollgestellt mit Kinderwagen und die dazugehörigen Mütter unterhalten sich an den Gartentischen bei Cappuccino und Grüntee. Ich muss lächeln und ziehe mich mit meiner Kaffeetasse ins Hinterzimmer zurück, einer Art angebautem Gartensälchen mit Glasdach und Glaswand, durch die man in ein verwildertes kleines Gartengrundstück hinaussieht. Dort schreibe ich zwei lange Stunden in schönster Ruhe.

325/23. Juli 2018 (Montag)

Seit gestern Mittag bin ich in Frankfurt. Ohne Fotoapparat und unvorbereitet. Eintauchen wollte ich in diese Stadt, von der ich nichts kannte als den Blick aus dem Zugfenster vor der Einfahrt in den Bahnhof, der mich jedes Mal auf dem Vorbeiweg von neuem entzückte: Mainhatten. Diesmal stieg ich aus -

Ich will nichts beschönigen: Ein Sonntagmittag im Hochsommer ist keine gute Zeit, um hier anzukommen. Frankfurt bedarf, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen, der Kühle eines frühen Montagmorgens und frisch geduschter junger Männer in weissen Hemden auf dem Weg zur Arbeit. In Frankfurt ist der erste Schritt aus dem Bahnhof zugleich der Schritt ins Rotlichtviertel. Da muss man durch, wenn man in die Innenstadt will. An einem Sonntagmittag im Hochsommer lässt die Hitze jeden noch nicht ganz eingetrockneten Fleck auf dem Asphalt als das erkennen, was er ist, nämlich Pisse. Am Montagmorgen fällt das nicht so auf.

Mein Hotel steht in der Karlstrasse. Das Zimmer hat schallisolierte Fenster, aber ich kann bei geschlossenem Fenster nicht schlafen. Die Wettervorhersage hat für die kommenden Tage Temperaturen von bis zu 36 Grad angekündigt - nirgends in ganz Deutschland soll es so heiss werden wie hier, in Frankfurt. Gestern Abend geriet ich wegen dieser Konstellation in eine Krise: So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eine Draufgängerin war ich noch nie. Anwesend sein. Den mir fremden Ort in mich aufnehmen. Ohne Fotoapparat. Unvorbereitet. Ich würde herausfinden, wie es sich anfühlt, durch von Wolkenkratzern gebildete Strassenschluchten zu gehen, hatte ich gedacht. Hochhäuser aus der Nähe anschauen wollte ich, das war alles …

Strassenschluchten gibt es hier schon - aber nicht nur. Die meisten der Türme stehen sich gar nicht nahe genug, um Schluchten zu bilden, und zwischen ihnen bleibt Platz für anderes. Doch imposant ist es so oder so. Diese Eingangshalle im Taunus-Tower beispielsweise - gigantisch! Bis auf ein monumentales modernes Gemälde und die Blumendekoration auf dem Empfangstresen ist alles weiss, sogar der Boden. Die Halle ist um diese Zeit noch menschleer, nur ein winziges Frauenköpfchen über dem Tresen ist zu sehen. Verglichen mit den Blumenbehältern ist es ungefähr so gross wie ein Golf- im Verhältnis zu einem Fussball und die Vorstellung, dass jeder, der sich nicht mittels eines Badges selber Zugang verschaffen kann, vom O.K. dieses Empfangsdamenköpfchens abhängig ist, bringt mich zum Lachen. Die Fenster, durch die man hineinsehen kann, sind mindestens sieben Meter hoch und so breit, dass sich in einem einzigen von ihnen die ganze Skyline von gegenüber spiegelt. Diese Spiegelung hätte zusammen mit der Halle dahinter bestimmt ein tolles Bild ergeben! Schon will ich bereuen, dass ich den Fotoapparat nicht dabei habe, als mir bewusst wird, wie gut mir das plan- und ziellose Herumschlendern bereits nach dieser kurzen Zeit bekommt. Ich fühle mich so leicht und frei wie schon lange nicht mehr! Was ich sehe, sehe ich zufällig - im Vorbeigehen. Und was mir davon im Gedächtnis bleibt, schreibe ich später auf. Ich überlasse mich einer natürlichen Selektion, und das tut mir gut.

In einer breiten, verkehrsfreien Strasse mit Bäumen und Bänken zieht die in Rauten und gleichschenklige Dreiecke aufgeteilte Glasfassade eines Einkaufszentrums meinen Blick an - und in sich hinein! Das Blau des Himmels spiegelnd und in der Sonne glitzernd ähnelt sie einer senkrecht stehenden Wasserfläche, die in der Mitte - man sehe und staune! - wie durch einen gewaltigen Strudel ins Gebäudeinnere gesogen zu werden scheint.

Der aus rotem Sandstein erbaute Dom hat - genau wie in Freiburg - als einziges Gebäude der Stadt den Bombenhagel von 1944 beinahe unversehrt überstanden. Eine Luftaufnahme im Eingangsbereich zeugt, ebenfalls wie in Freiburg, von dieser wundersamen Bewahrung.

Zum Schutz gegen die Tauben über und über mit Stahlnadeln bewehrt, bieten die in Stein gehauenen spielenden Kinderpärchen auf dem Vordach der Börse einen martialischen Anblick.

Die Zeit vergeht. Erneut ist Mittag. Von irgendwoher bimmelt ein Glockenspiel. Neugierig folge ich den Klängen und erkenne im Näherkommen die Melodien von einem Kirchen- und einem Volkslied. Ich werde alt! Ich erinnere mich an Liedertexte, die ich als kleines Mädchen in der Primarschule auswendiggelernt und gesungen habe:

Es, es, es und es,

Es ist ein harter Schluss,

Weil, weil, weil und weil,

Weil ich aus Frankfurt muss.

Drum schlag ich Frankfurt aus dem Sinn

Und wende mich weiss Gott wohin …

 

335/2. August 2018 (Donnerstag)

Es gab noch einen zweiten Aspekt, der ein friedliches Zusammenleben in der Familie Döblin während des Exils massiv erschwerte: Das Geld.

Als Arzt konnte Döblin nicht mehr arbeiten, und die Schriftstellerei brachte wohl nicht besonders viel ein. Der 1929 erschienene Roman Berlin Alexanderplatz hatte zwar kurzfristig grossen Erfolg gehabt, doch dieser Erfolg wirkte nicht nachhaltig. Das Exil in Frankreich dauerte sieben Jahre. Das ist lang. Wie hielt sich die Familie während dieser Zeit über Wasser? Unter Daten zu Leben und Werk im Anhang von Schicksalsreise steht nichts darüber, aber Sohn Stefan erinnert sich, die Mutter sei ständig in Sorge gewesen wegen der schwierigen finanziellen Lage und habe grossen Druck auf seine älteren Brüder ausgeübt, sich einen Job zu suchen. Hatte sie selbst auch eine Arbeit angenommen, um Geld zu verdienen? Ich weiss es nicht, aber anders kann ich es mir fast nicht vorstellen. Wie sonst hätte das gehen sollen?! Später in Amerika lebten sie von Arbeitslosen-Unterstützung, von der Wohlfahrt und auch der älteste Sohn Peter half, so gut er konnte. Trotzdem bewohnten sie während der ganzen fünf Jahre lediglich zwei mit ausrangierten Möbeln notdürftig ausgestattete Zimmer, keine Wohnung. Von solcher Ärmlichkeit war, was die Zeit in Frankreich betraf, nirgends die Rede - nur dass sie kein „Mädchen“ hatten, habe ich irgendwo gelesen. Nichtsdestotrotz war Geld nach Stefans Meinung nicht das Hauptproblem der Familie gewesen. Vermutlich sah er dieses „Hauptproblem“ in den aussereheliche Frauenbeziehungen seines Vaters, die er für das schlechte Verhältnis seiner Eltern zueinander verantwortlich machte, wie er an anderer Stelle des Interviews ausführte, und hatte damit sicher zu einem grossen Teil auch recht. Aber dass sich seine Mutter in dieses Beziehungsproblem derart verbiss und es so zum Hauptproblem machte - ich glaube, das hatte mit Geld sehr viel zu tun!

Sie war es, die dem jungen Assistenzarzt damals, als sie ihn heiratete, ermöglicht hatte, eine eigene Praxis zu eröffnen. Wenn er das allein überhaupt irgendwann geschafft hätte, dann ganz sicher nicht schon so früh! Abgesehen davon, dass er höchstwahrscheinlich noch dabei war, die Kosten seines Studiums abzustottern, war er gerade eben auch Vater eines unehelichen Kindes geworden, das er unterhalten musste. Und vor allem unterhalten wollte - was sie grosszügig tolerierte. Aber nicht mehr! In ihrer eigenen Familie bekam der kleine Bodo keinen Platz, und dessen Mutter wurde ihr wohl bald zu einem Dorn im Auge, weil ihr Ehemann nicht davon absah, sich um sie zu kümmern. Man müsste aber auch ein Übermensch sein, um angesichts einer solchen Unbeugsamkeit nicht - zumindest leise - Bitterkeit zu empfinden!

Ich will Frau Döblin auf keinen Fall unterstellen, sie wäre über Friedas frühen Tod froh gewesen. Vermutlich hatte sie ohnehin nicht damit gerechnet, dass das Problem „aussereheliche Beziehung zu einer anderen Frau“ damit ein für Allemal ausgestanden war. Jeder Mann hatte hin und wieder Affären, dachte sie wohl, damit konnte man fertigwerden. Doch Döblin war kein Lebemann, an Affären hatte er kein Interesse. Ihm ging es um Freundschaft, Verbundenheit, Vertrauen, Verständnis füreinander und gegenseitiges Verstehen - und als er in Yolla auf eine Frau traf, die dies alles verkörperte, nahm er das als seltenes Geschenk und liess sich auf sie ein. So sehe ich das. Für Erna jedoch war es ein Schock. Ein Affront! Frieda war man ja durch das Kind doch irgendwie verpflichtet und verbunden gewesen, so dass sich das Verhältnis zu ihr auf diese Weise immerhin rechtfertigen liess. Für Yolla hingegen gab es keine Legitimation! Sie hätte sich zurückziehen müssen! Erna wollte ihren Mann für sich allein - wie es sich gehörte. Affären waren ein Ärgernis. Eine Zweitfrau aber war ein No-Go. Gesellschaftlich wie privat.

Ich kann nicht glauben, wozu ich soeben anzusetzen im Begriff bin! Normalerweise habe ich doch eine sehr strenge Auffassung in solchen Dingen, besonders wenn Kinder mitbetroffen sind. Bin ich etwa vom Saulus zum Paulus geworden?! Es scheint so! Ich spreche Erna dieses alleinige Recht auf ihren Ehemann, das sie für sich beansprucht, ab, während ich Döblins Unnachgiebigkeit in Bezug auf seine geliebte Freundin Yolla billige! Es ist wirklich nicht zu fassen -

Aber es gibt einen Grund für meinen seltsamen Sinneswandel: Ich glaube, dass Döblin seine Frau sehr mochte! Er war ihr dankbar und schätzte sie. Und er war ihr treu - genauso treu wie Yolla. Er gab ihr alles, was er ihr geben konnte - das war es, was er ihr unentwegt klar zu machen versuchte. Ehrlich. Doch sie begriff nicht. Sie hatte sich derart auf dieses Yolla-Verhältnis eingeschossen, dass sie jedes Ich mag dich von Seiten ihres Ehemannes als Provokation auffasste, bis es irgendwann auch dazu wurde. So entstand ein grausiger Machtkampf. Erna wandte drastische Methoden an. So beschlagnahmte sie zum Beispiel während der Jahre in Amerika nachweislich Yollas Briefe! Trotzdem glaube ich, dass Döblin ihr durchaus gewachsen war. Die ironischen Passagen in Schicksalsreise sind beissend unangenehm. Es riecht daraus nach Rache und sie zu lesen tut weh, auch wenn einen das, was darin steht, überhaupt nicht betrifft. „Leb wohl, Amerika. Du hast mich nicht gemocht. Ich liebe dich doch.“, schreibt er beispielsweise am Schluss des letzten Amerika-Kapitels Das Abfahrtssignal. Wer über solche Waffen verfügt, ist wahrlich alles andere als ein harmloser Gegner!

Ich bin während meiner Arbeit im Altersheim mehrmals auf Ehepaare gestossen, die sich solcherart verstrickt hatten. Ihnen zuschauen zu müssen, wie sie sich gegenseitig zerfleischten, war kaum auszuhalten, und mich packte das blanke Entsetzen, wenn ich mir bewusst machte, wie knapp ich selber einer solchen Zukunft entkommen war.

333/31. Juli 2018 (Dienstag)

Alfred Döblin wurde 1878 in Stettin geboren. Er war das zweitjüngste von fünf Kindern, und als er zehn Jahre alt war, liess sein Vater, ein Schneidermeister, seine Familie im Stich, wegen eines Nähmädchens aus seiner Werkstatt. Die Mutter zog daraufhin mit den Kindern nach Berlin, wo sie in Armut lebten. Dieses Trauma machte es Döblin später unmöglich, seine eigene Familie zu verlassen, obwohl das Verhältnis zu seiner Ehefrau, den Stimmen im Internet zufolge, zerrüttet war. Schuld an dieser Zerrüttung war, gemäss dem bereits erwähnten Interview mit Döblins jüngstem Sohn Stefan, die langjährige aussereheliche Beziehung zu Yolla Niclas, die sein Vater nicht aufzugeben bereit war, was er - so Stefan - seiner Frau und Familie zuliebe hätte tun sollen.

Mir ist das alles ein wenig zu einfach. Wenn Döblin doch dieses Trauma hatte, warum konnte er dann Frieda Kunke so ohne weiteres verlassen? Nun ja - seine Mutter verlangte es von ihm. Aber wie konnte sie das? Frieda erwartete ein Kind! Wie konnte sie der jungen F

Werk

Eigenständige Veröffentlichungen

Veröffentlichungen in Anthologien

Auf dem Lande / Die Giesskanne im Garten der Nachbarin

Landverlag, Langnau i.E./CH2013 Anthologie

Danke, gut! / EinTag in meinem Leben

Kantonsspital Aarau (Herausgeber)2012 Anthologie

Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften

Brugger Neujahrsblätter 2012 / So war das mit dem Schreiben

Verlag Brugger Neujahrsblätter2011 Zeitschrift

sonstige Werke

Milena Moser über den Roman „Das schwarze Sofa":

„Lea ist eine junge Frau scheinbar ohne Probleme, ohne Zweifel. Sie hat sich das Leben zurechtgelegt, sie weiss, was sie will. Kindergärtnerin werden. Doch vom ersten Tag der Ausbildung an wird ihr klar, dass sie sich getäuscht hat. Leas Lebensplan, den sie so früh gefasst und auf den sie so lange gebaut hat, trägt nicht. Und in dieser Verunsicherung verliebt sie sich in einen ihrer Lehrer, eine Liebe, die nicht sein darf, und trotzdem ist. Diese feinen Haarrisse, die sich im Boden unter Leas Füssen bilden und ihn unaufhaltsam sprengen, beschreibt Regula Haus-Horlacher mit beinahe mikroskopischer Genauigkeit. Das schwarze Sofa ist ein subtiler Entwicklungsroman, der die erste Krise im Leben einer jungen Frau beschreibt. Es ist ein leises Drama, ein von aussen kaum sichtbarer Wirbel, der sich unter einer trügerisch glatten, harmlosen Oberfläche abspielt und gerade deshalb umso stärker wirkt."
 

Jurybericht des Aargauer Kuratoriums zur Beitragssprechung 2009 verfasst von Felicitas Hoppe:

„Leas Geschichte ist scheinbar so unspektakulär, wie sie erzählt wird. Erst auf den zweiten Blick öffnet sich unter der biografisch so linearen wie sprachlich sparsamen Erzählung in Regula Haus-Horlachers Romanmanuskript Das schwarze Sofa ein doppelter Boden. Leas Aufbruch aus dem Elternhaus in die klar abgesteckte Ausbildung und Zukunft wird konterkariert mit Kindheitserinnerungen, der Geschichte einer ersten und keineswegs unkomplizierten Liebe und ersten Versuchen, dem eigenen Leben Gestalt zu geben. Dabei setzt die Autorin Fuss vor Fuss, versucht weder erzählerisch aufzutrumpfen, noch literarisch auffallende Effekte zu setzen. Sie vertraut detailgenau auf die Realität, ohne sie jemals für bare Münze zu nehmen. Auf diese Weise schafft sie jenseits reiner Abbildungsprosa atmosphärische Dichte und macht neugierig auf den Fortgang einer Geschichte, deren grosser Reiz in ihrer vermeintlichen Banalität liegt."

Multimedia

Zuletzt durch Regula Horlacher aktualisiert: 12.09.2018

Literaturport ID: 1998