Regula Horlacher

© Johanna Bossart

Steckbrief

geboren am: 1.5.1963
geboren in: Brugg/Aargau/Schweiz
lebt in: Bern

Vita

Regula Horlacher (vormals Haus-Horlacher) wurde am 1. Mai 1963 in Brugg/CH geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zusammen mit einem jüngeren Bruder in verschiedenen Nachbardörfern der aargauischen Kleinstadt.


Regula Horlachers erster Roman Das schwarze Sofa (erschienen im eFeF-Verlag Wettingen/CH, 2012) ist zwar fiktiv, aber die Anlehnung an die ländliche bzw. kleinstädtische Umgebung ist dennoch in vielen Schilderungen spürbar. Auch die Gepflogenheiten, wie sie in den frühen 1980erjahren an einem Seminar für pädagogische Berufe Brauch waren, kennt sie aus eigener Anschauung, da sie sich als junge Frau zur Handarbeitslehrerin ausbilden liess. Im Gegensatz zur Romanfigur Lea beendete sie jedoch ihre Ausbildung und unterrichtete im Anschluss hörbehinderte Kinder an einer Internatsschule in der Nähe von Aarau/CH. Nebenbei belegte sie Semesterkurse an der Schule für Gestaltung Zürich in den Fächern Sticken, Holzbearbeitung, Zeichnen und Farbenlehre.


Regula Horlacher ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern (1989 und 1991). 1989 gab sie das Unterrichten zu Gunsten der Familienarbeit auf und betätigte sich ansonsten ehrenamtlich in ihrer Wohngemeinde Windisch. Ausserdem besuchte sie Kurse an der Fachstelle für Freiwilligenarbeit Zürich in Kommunikation und Seelsorge. 2011 liess sie sich beim Schweizerischen Roten Kreuz zur Pflegehelferin ausbilden und begann danach in Altersheimen zu arbeiten.  


 


Ihre schriftstellerische Tätigkeit fing im April 2007 mit Werkstattarbeit bei Milena Moser in Aarau an. Von September 2008 bis März 2009 beteiligte sie sich an einem Kolloquium bei Dr. Franziska Schwarzenbach, Lektorin, in Zürich, und seit Dezember 2008 nimmt sie bei Irina Schönen, Schauspielerin, in Langnau am Albis Sprechunterricht vor Lesungen. Bereits ab 2008 erreichte sie mit der Teilnahme an Literaturwettbewerben erste Erfolge und im Mai 2012 erschien ihr mit einem Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums geförderter Roman Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen. Januar bis März 2015: Schreib-Aufenthalt in Berlin.


 


Regula Horlacher lebt heute in Bern. Zur Zeit arbeitet sie an einem experimentellen Schreibprojekt, das den Werktitel 365 tägliche Notate trägt. Auszüge aus dem laufenden Projekt befinden sich weiter unten auf dieser Seite in der Rubrik Aktuelles. 



Würdigung

JUNI 2008: 7. Rang am Preisausschreiben der Schreibszene Schweiz 2008 (Postkartentexte)   //    AUGUST 2008: Erste Veröffentlichung eines literarischen Textes in der Aargauer Zeitung   //   21. OKTOBER 2008: Erste Lesung in der Stadtbibliothek Aarau   //   9. JANUAR 2009: Verleihung Essaypreis 2008 der Berner Tageszeitung Der Bund für Die Katze der Nachbarin grüsst mich nicht mehr; Lesung im Kulturzentrum Dampfzentrale Bern und Veröffentlichung des Essays im Bund    https://www.derbund.ch/bern/dossier/bundessaywettbewerb/1Einblick-in-eine-abstruse-Beziehung/story/12248780  //   FEBRUAR 2009: 4. Rang am Kurzgeschichtenwettbewerb des Lektoratsbüros Obst und Ohlerich, Berlin mit Bei uns, veröffentlicht unter   www.literatur-nordost.de/texte/haus_horlacher.pdf   //   24. SEPTEMBER 2009: Beitrag an das künstlerische Schaffen des Aargauer Kuratoriums für das Romanmanuskript Das schwarze Sofa (Jurybericht: Felicitas Hoppe)   //   19. MÄRZ 2011: Literaargau-Beitrag des Aargauer Kuratoriums in der Aargauer Zeitung   //   7. APRIL 2011: Lesung in der Gemeindebibliothek Riniken   www.oltnertagblatt.ch/beitrag/leserbeitrag/regula-haus-horlacher-vom-7-april-2011-124314865   //   14. JUNI 2011: Engere Wahl Walter-Kempowski-Literaturpreis 2011 der Hamburger Autorenvereinigung mit der Kurzgeschichte Familienwanderung   //   16. AUGUST 2011: Bund-Kolumne 15 Fragen   //   26. SEPTEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe Der Bund im Kairo im Kulturcafé Kairo, Bern   www.cafe-kairo.ch/kultur/der-bund-im-kairo-11   //   Literarischer Beitrag Brugger Neujahrsblätter 2012; 27. NOVEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Vernissage im Salzhaus Brugg   //  MÄRZ 2012: Druckkostenbeitrag des Aargauer Kuratoriums für Das schwarze Sofa   //   APRIL 2012: Druckkostenbeitrag der Gemeinde Windisch für Das schwarze Sofa   //   31. MAI 2012: Erscheinen des Romans Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen   www.efefverlag.ch/3022.html; Buchvernissage in der Buchhandlung Thalia, Brugg   //   OKTOBER 2012: Literaturwettbewerb Danke, gut! des Kantonsspitals Aarau; Aufnahme der Erzählung Ein Tag in meinem Leben in die Anthologie Danke, gut!   //   JANUAR 2013: Aufnahme in den Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS)   //   APRIL 2013: 3. Rang am Literaturwettbewerb Auf dem Lande des Landverlags, Langnau; Aufnahme der Kurzgeschichte Die Giesskanne im Garten der Nachbarin in die Anthologie Auf dem Lande; 27. SEPTEMBER 2013: Lesung im Rahmen der Vernissage auf Schloss Wil in Schlosswil bei Worb    //   25. APRIL 2014: Talk and Read im Kellertheater Katakömbli Bern, mit Milena Moser und Daniela Hess   //   www.talkfactory.ch/index.php?section=gallery&cid=31   //   27. April 2018:  Schreibwettbewerb Texten, Nominierung der Kurzgeschichte Heiligabend, Lesung im Berner Generationenhaus, veröffentlicht unter http://www.offene-kirche.ch/fileadmin/data/veranstaltungen/veranstaltungen_18/heiligabend 

Aktuelles

370 / 8. November 2018

Nehmen Sie ein Glas, halten Sie sich daran fest - diesen Satz las ich kürzlich in einem Buch. Und weil ich nicht lange davor einen Fernsehfilm gesehen hatte, indem eine Weindegustation vorgekommen war, und in dem Buch mit dem Satz auch gerade Wein getrunken wurde, stellte ich mir das Glas automatisch so vor wie die Gläser aus dem Film, und darum fiel mir, als ich den Satz las, auch der Film wieder ein. Und ich brach in Schweiss aus. Das ist nichts Besonderes, daran bin ich gewöhnt. Ich breche ständig scheinbar aus heiterem Himmel in Schweiss aus und werde zugleich von einer überwindlichen Schwäche ergriffen. Ich bin diesen Anfällen ausgeliefert. Sie sind nicht vorhersehbar und deshalb nicht umgehbar. Mir bleibt jedes Mal von neuem nichts anderes übrig, als abzuwarten, bis sich der Körper von selbst wieder abkühlt und die Schwäche nachlässt.

Ja, natürlich - theoretisch bin ich für solche Schweissausbrüche im richtigen Alter, und ich behaupte auch gar nicht, dass es diesen Zusammenhang nicht gibt: Ursprünglich lag der Grund für die Hitzeanfälle wohl tatsächlich in den Wechseljahren. Ursprünglich. Aber mittlerweile sind die Wechseljahre längst vorbei, während die Anfälle beharrlich weiter auftreten. Darum reicht mir mein passendes Alter als Erklärung nicht! Ich stelle es mir ungefähr so vor: Äusserlich sind sich die Anfälle gleichgeblieben. In ihrem Inneren jedoch hat sich ein Wandel vollzogen, so etwas wie ein fliessender, nicht wahrnehmbarer, stillschweigender Mieterwechsel. Nicht mehr die Hormonumstellung lässt mich schwitzen und schwach werden, etwas anderes, Unbekanntes gibt jetzt den Impuls dazu und zwar eine irrtümliche, automatisch erfolgende Verbindung in meinem Kopf! Eine Art Kurzschluss. Das habe ich nach und nach herausgefunden.

Etwas, das ich erlebe - sehe, höre, lese - schliesst sich kurz mit etwas bereits in mir Vorhandenem. Das Perfide daran ist, dass es sich bei diesen Erlebnissen nicht um grosse, besonders eindrückliche Ereignisse handelt, sondern im Gegenteil, um nebensächliche, kaum beachtenswerte Kleinigkeiten. Unbedeutender als Mückenstiche, und daher im Nachhinein auch so gut wie nie mehr auszumachen. Der Satz vom Glas war ein ausserordentlicher Glücksfall.

An der Weindegustation im Film hatte auch ein blindes junges Mädchen teilgenommen. Die Schauspielerin, die diese Rolle spielte, mimte die Blinde so perfekt, dass ich als Zuschauerin ohne Recherche im Internet nicht mit Sicherheit hätte sagen können, ob sie nicht nur so tat, als wäre sie blind, sondern tatsächlich - in ihrem wirklichen Leben - auch blind war.

Mir war als Kind beigebracht worden, man dürfe nichts vortäuschen. Man dürfe nicht lügen, nicht bluffen, anderen nichts vormachen. Am Vehementesten hatte mir meine Grossmutter väterlicherseits eingeschärft, dass man stets bei der Wahrheit bleiben müsste - dabei galt gerade sie diesbezüglich als schlechtes Beispiel! Ihr Vorgehen war so plump, dass sie sich damit regelrecht lächerlich machte. Sogar ich als kleines Kind war in der Lage, das zu durchschauen. Sie war in der ganzen Familie unbeliebt, weil sie sich dermassen absonderlich aufführte. So wie sie wollte ich ganz bestimmt nicht sein! Weshalb sie trotzdem fast uneingeschränkte Macht besass in unserer Familie, so dass niemand es je wagte, sich offen gegen sie zur Wehr zu setzen, und weshalb sich diese Frage nie jemand stellte, bis ich vor ungefähr zehneinhalb Jahren aus meinem Dornröschenschlaf erwachte, ist eine andere Geschichte.

Zurück zur Schauspielerin: Ihre Aufgabe war es, das blinde junge Mädchen so gut wie möglich darzustellen, und diese Aufgabe erfüllte sie tadellos. Und genau das glaubte nun mein auf Wahrhaftigkeit gedrillter Kopf ihr zum Vorwurf machen zu müssen! Das war so absurd, so unglaublich verkehrt, dass es gar nichts anderes sein konnte als ein Irrtum!

Natürlich ist mir klar, dass in Wirklichkeit ich es bin, die gesündigt hat, sonst wäre ich ja nicht in Schweiss ausgebrochen. Die Schauspielerin agierte nur als meine Stellvertreterin. Was ich getan habe, bleibt aber trotzdem mein Geheimnis, obwohl es sich, wie sich ja inzwischen herausgestellt hat, gar nicht um eine Sünde handelt.

Immerhin so viel sei verraten: Bei der Weindegustation im Film wurden schwarzeingefärbte Gläser verwendet, damit keiner der Beteiligten die Farbe des Weins sehen konnte, nicht nur das blinde Mädchen - gleiche Bedingungen für alle.

369 / 13. Oktober 2018

Ich bin viel allein. Zu viel, meint meine Mutter, die sich Sorgen macht. Zu viel, fände wohl auch die Allgemeinheit, wenn sie es denn wüsste. Das tut sie aber nicht. Hier herrscht eine Bevölkerungsdichte von 5384 Einwohnern pro km2 - das garantiert angenehme Anonymität.

Ich bin gern allein. Seit ich vor drei Jahren hierhergezogen bin, habe ich nicht nur einen „room of my own“, sondern gleich zwei: ein Wohnzimmer mit eingebauter Küche und ein Schlafzimmer. In beiden Räumen habe ich mir einen Arbeitsplatz eingerichtet, ich kann mich also, je nach Stimmung, im lichtdurchfluteten Wohnzimmer aufhalten, von wo sich mir eine sehr schöne Aussicht über die Baumwipfel hinweg auf den Kirchturm von Bern-Bümpliz bietet, oder im Schlafzimmer, das nach hinten hinausgeht und durch dessen Fenster ich hauptsächlich das Geländer des Fluchtbalkons im Blick habe.

Ich mag mein Schlafzimmer. Es hat etwas von der wohligen Gemütlichkeit einer Bärenhöhle. Ich arbeite immer hier, nie im Wohnzimmer. Ich fühle mich hinter dem Balkongeländer geborgen. Es ist aus bruchsicherem Milchglas. Einmal wöchentlich gehe ich im Quartierladen einkaufen. Zweimal monatlich besuche ich meine Mutter und meine Enkelin. Beide wohnen am selben Ort, das ist praktisch. Jeden Tag nach dem Mittagessen fahre ich mit dem Lift ins Erdgeschoss, um die Rüstabfälle in den Grün-Container zu werfen und den Briefkasten zu leeren. Es ist nie was drin. Für den Rückweg benutze ich die Treppe, damit ich fit bleibe. Ich wohne im siebten Stock.

Meine Vorstellungen von Lebensqualität sind ziemlich unkonventionell, das ist mir bewusst, aber leider bin ich immer noch fast so schüchtern und furchtsam wie damals in der vierten Klasse, als ich mich auf den Schulzimmerboden erbrach. Das macht mein Leben umständlich und anstrengend. Ich muss mich andauernd selber überlisten. Kein Wunder, fühle ich mich in der Abgeschiedenheit meiner Bärenhöhle, unbehelligt von Ansprüchen und Anfechtungen, am wohlsten. Trotzdem überkommt mich manchmal - wenn ich an die ungefähr vierzig Jahre denke, die ich noch zu leben habe - leise Panik: Es könnte ja sein, dass ich dessen, was ich heute schätze, doch irgendwann überdrüssig werde, und was dann?

Ich muss etwas tun. Es führt kein Weg daran vorbei.

In den Lesesälen der Nationalbibliothek gibt es rund hundert Arbeitsplätze. Einen von diesen Plätzen will ich.

Als Kenner werden Sie sich jetzt vermutlich etwas verwirrt fragen, weshalb ich mich auf so sonderbar vehemente Art ausdrücke. Sie haben Recht: Die Arbeitsplätze sind frei zugänglich. Es werden keine Gebühren erhoben, und eine Anmeldung ist auch nicht erforderlich. Man kann kommen und gehen, wie man will. Jeder kann kommen und gehen, wie er will, auch ich! Warum tue ich dann beinahe so, als stellte ich einen ungebührlichen Anspruch? Ich weiss es nicht. Aber es ist so, und es hat keinen Sinn, diesen Umstand zu ignorieren - das hingegen weiss ich aus Erfahrung. Ich muss ihm Rechnung tragen. Schüchternheit und Furchtsamkeit machen das Leben umständlich. Man muss sich ständig selber überlisten. Die Nationalbibliothek ist ein öffentlicher Ort, und irgendwie muss ich mich dazu bringen zu glauben, dass mir der Platz, den ich an diesem Ort einnehme, genauso zusteht, wie allen anderen auch. Das ist wichtig. Mir geht es um Nachhaltigkeit, nicht um eine Mutprobe. Ich will nicht mit eingezogenem Kopf hoffen, dass der Tag rasch vorbeigeht und mich möglichst niemand bemerkt - nach dem Motto „Augen zu und durch“. Ich will mich nicht unsichtbar machen, ich will Normalität -

Zum Glück fehlt es mir wenigstens nie an Ideen. Meistens kommen sie auf Umwegen. Die Folgende habe ich ursprünglich Nicolas Bouvier zu verdanken. Seiner Erzählung „Gesegnet sei das Auge …“. Er schildert darin, wie er, ohne es beabsichtigt zu haben, Ikonograph wurde. Ein Ikonograph ist jemand, der nach Bildern sucht, um sie zu beschreiben. Man könne dieses Metier nicht erlernen, erklärt er, man wähle es nicht, man werde von ihm gewählt. Es lauere einem auf und schlage zu. Ihn packte die Leidenschaft anlässlich eines journalistischen Auftrags: Er musste im Jahr der Augenheilkunde für die WHO ein Dossier mit Bildern von Augen in allen Erscheinungsformen zusammenstellen. Er hatte diesen Auftrag nicht freiwillig angenommen: Das Manuskript seiner ersten Reiseerzählung war überall abgelehnt worden, und er brauchte Geld. Das war sein Glück. Mir ging es ähnlich mit einem Auftrag, den mir meine Mutter und meine Tante im Frühling 2008 erteilt hatten, nachdem ihr elterlicher Bauernhof verkauft worden war. Ich sollte eine kleine Broschüre graphisch gestalten über unsere Vorfahren, die diesen Hof bewohnt hatten, und mir fehlte die Lust dazu. Ich hatte mir lange einen solchen Auftrag gewünscht, aber das war vorbei, er kam zu spät. Seit ich das Schreiben entdeckt hatte, geizte ich mit jeder Minute, die ich für etwas anderes aufwenden sollte. Die kleine Bastelwerkstatt, die ich zuvor während einigen Jahren betrieben hatte, lag auf Eis. Doch wie Bouvier überfiel auch mich jäh und völlig überraschend eine heftige Leidenschaft. Mich interessierten nicht in erster Linie die Namen und Verwandtschaftsgrade meiner Vorfahren, es war das Irrationale, das mich fesselte, dieses plötzliche Bewusstsein eines Angenommen- und Aufgehobenseins, das ich in dem Zusammenhang niemals erwartet hätte. In der Folge dieser bedeutsamen Erfahrung entstand fast von selbst ein Text, der sich nicht nur für die Broschüre bestens eignete, sondern auch in eine Leser-Sommerserie passte, die gerade von der Aargauer Zeitung lanciert worden war. Ich sandte den Text ein, und er wurde veröffentlicht. Einige Tage darauf rief mich ein Herr an, den ich vom Hörensagen kannte. Er betrieb ernsthaft Ahnenforschung an dem Zweig meiner Familie, von dem mein Text handelte, und war deshalb auch mehrmals bei meiner Grossmutter gewesen, als sie noch lebte. Er wies mich auf ungenaue Jahrzahlen hin, auf die er in meinem Text gestossen war, und machte mich auf seine Bücher aufmerksam, in denen er die Forschungsergebnisse festgehalten hatte. Man konnte die Belegsexemplare in der Nationalbibliothek einsehen. Danach erwog ich hin und wieder, einen Ausflug nach Bern zu machen, um sie mir anzuschauen, aber mein Ärger über seine Kleinlichkeit war jedes Mal grösser als mein Interesse an den Büchern, und irgendwann vergass ich sie. Dank Nicolas Bouvier sind sie mir nun genau zur rechten Zeit wieder eingefallen. Ich werde auf sie zurückgreifen und sie für meine Zwecke nutzen - das garantiere ich!

Ich mache mir keine Illusionen: Mir wird im Lesesaal der Nationalbibliothek die innere Ruhe fehlen, um zu schreiben. Ich werde mich mit etwas anderem beschäftigen müssen. Zum Beispiel damit, meine Notate ordentlich zu archivieren. Das ist, glaube ich, ein realisierbares Vorhaben. Doch es genügt nicht! Zuvor muss mich irgendwie legitimieren. Wie ein Schauspieler die Bühne betreten, sozusagen. Ich tue das, indem ich mich als Benutzerin einschreibe und auch gleich etwas ausleihe: Die Bücher über meine Vorfahren. Diese werde ich neben mir aufschichten und ab und zu darin herumblättern. Das wird dann unheimlich ernsthaft und wichtig aussehen. Man wird sich fragen, wofür ich wohl recherchiere und in wessen Auftrag. Darüber wird man mich selber ganz vergessen, und ich kann mich entspannen. Schlau, nicht?

Mir ist klar, dass das alles furchtbar kompliziert klingt. Aber es ist auch kompliziert, leider. Darum bitte ich Sie: Wünschen Sie mir Glück!

368 / 8. Oktober 2018

Ein Pilonidalsinus ist eine Fistel, die am unteren Ende des Steissbeins durch das Einwachsen von Haaren entstehen kann. Ich habe zwei Bekannte, die eine solche Fistel bekamen und operiert werden mussten. Das Besondere an dieser Operation ist, dass die Wunde danach nicht zugenäht werden darf. Sie muss von innen heraus abheilen können. Die Heilung dauert lang, mehrere Wochen, und die Wunde muss während dieser Zeit von einer Zweitperson sorgfältig gepflegt werden. Wird sie gleich nach der Operation zugenäht, entsteht zwar an der Oberfläche neue Haut, und es sieht aus, als wäre alles in bester Ordnung, aber das ist es nicht! Anstatt ebenfalls mit der Zeit abzuheilen, entzündet sich das durch die Operation verletzte Gewebe darunter von neuem. Wieder bildet sich eine Fistel. Dem Einen meiner beiden Bekannten ist das passiert. Er musste sich ein zweites Mal operieren lassen. Der andere hatte Glück, bei ihm gingen die Ärzte von Anfang an richtig vor, und es war jemand für ihn da, der ihm die Wunde fachgerecht versorgte.

Ich verstehe nichts vom Operieren. Ich weiss nicht, warum der Heilungsprozess nach dem Entfernen eines Pilonidalsinus so schwierig ist, ich kann es mir nur vorstellen. Ich glaube, es ist wegen des Lochs! Damals als ich den vereiterten Finger hatte, blieb auch ein Loch zurück, nachdem es mir gelungen war, den Eiterherd zu entfernen. Der Finger ist nie mehr so geworden, wie er vorher war. Man sieht heute noch - nach fast vierzig Jahren - eine tiefe Einbuchtung, dort wo sich einmal das Loch befand, und die Stelle fühlt sich seither an wie eingeschlafen. Trotzdem reagiert sie auf Kälte und Schläge besonders heftig. Darüber wundere ich mich immer wieder. Doch zurück zum Heilungsprozess: Der verlief bei meinem Finger problemlos. Als der Eiter mal weg war und der Finger desinfiziert, ergaben sich keine weiteren Komplikationen, und ich glaube, ich weiss auch, warum. Weil es gar keine richtige Operation war! Ich brauchte nur die Haut aufzustechen, damit der Eiter abfliessen konnte, dann kam darunter gut sichtbar der Eiterherd zum Vorschein. Ich musste ihn lediglich mit einer Pinzette packen und herausziehen, nichts weiter. Das Gewebe wurde dadurch nicht verletzt, wie bei einer Operation, wo etwas herausgeschnitten wird. Bei einer Operation wird dem Körper, um ihn von dem zu befreien, was ihm schadet, zuerst noch mehr Schaden zugefügt! Man muss sich nicht nur von der eigentlichen Krankheit erholen, sondern auch von der Operation selbst! Die Schnittflächen müssen wieder zusammenwachsen. Aber wie soll das gehen, wenn sie gar keinen Kontakt mehr miteinander haben? Wenn wie nach dem Entfernen einer Steissbeinfistel ein Loch klafft?

Die Steissbeinfistel ist mir eingefallen, weil ich glaube, dass sie sich als Vergleich eignet. Als Vergleich im übertragenen Sinn. Wenn ich nach einem tief in der Seele verborgenen Auslöser für ein Trauma suche, ist das ähnlich wie eine Operation: Die Suche tut weh und schadet mir zunächst mehr, als dass sie nützt. Mittlerweile kennt man andere Methoden. Sanftere. Man dosiert genauer: Nicht immer ist das volle Programm nötig. Mir wäre es auch lieber gewesen, man hätte mich schonender behandelt. Nur fürchte ich, ich brauchte den klaren Schnitt. Ich musste mich grossräumig befreien, und das wäre ohne eine althergebrachte, umfassende Operation wohl kaum möglich gewesen. Eine Operation, die letztlich ein Loch zurückliess, einen Hohlraum in der Seele, der einen nachhaltigen Heilungsprozess erforderte. Und wenn schon die Operation mit so unerbittlicher Härte erfolgt war, wollte ich wenigstens diesen Heilungsprozess behutsam gestalten: Ich bestand darauf, die Wunde nicht zunähen zu lassen. Ich wollte, dass sie von innen heraus heilen konnte. Niemals hätte ich gedacht, dass sich dieses Anliegen als so schwer durchführbar erweisen würde! Ich bemühte mich, niemandem zur Last zu fallen, und das gelang mir auch, aber es genügte nicht: Man wollte mich fröhlich sehen. Glücklich. Ich war aber nicht fröhlich und glücklich schon gar nicht.

Was für eine lange Einleitung für eine an sich geringfügige Sache …

Am letzten Sonntag im September nahm ich an einem Zen-Workshop für Anfänger teil. Gleich nach der Ankunft wurden wir in eine fünfundzwanzigminütige Zen-Meditation eingeführt. „Die Aufgabe des Gehirns ist es zu denken“, erklärte die Sensei, „das Gehirn erfüllt diese Aufgabe automatisch.“

Die Aufgabe des Magens ist es zu verdauen. Die Aufgabe des Herzens, den Kreislauf am Laufen zu halten. Die der Nieren, das Blut zu reinigen. Alle diese Organe erfüllen ihre Aufgabe automatisch, man muss nichts dazu beitragen. Man könnte gar nicht, auch wenn man wollte. Genau gleich verhält es sich mit dem Gehirn: Das Denken kann man ebenso wenig willentlich abschalten wie den Herzschlag. Es ist eine Funktion des Körpers, nichts weiter, und inhaltlich geht es mich nicht mehr an, als das, was von morgens bis abends ununterbrochen an meine Ohren gelangt. So hatte ich das noch nie betrachtet!

Das Meditieren machte mir keine Mühe. An Stillsitzen bin ich gewöhnt und das Nichteingehen auf die Gedanken, die mir durch den Kopf gingen, fiel mir erstaunlich leicht. Man zählte die Ausatmungen, immer bis zehn, dann begann man wieder von vorn. Das war alles, aber es half enorm. Wir hatten die Anweisung bekommen, die Augen halb geöffnet auf den Boden zu richten. Blinzeln war erlaubt, schlucken auch. Doch mir ging es schon bald wie einem Bär im Winterschlaf: Meine körperlichen Notwendigkeiten schränkten sich ein. Ich musste nur sehr selten blinzeln und schlucken noch seltener - insgesamt vielleicht zweimal, während der ganzen Zeit. Mich kitzelte nichts und das Bedürfnis, zur Toilette zu gehen, überkam mich auch nicht. Der Parkettboden verschwamm leicht vor meinen Augen, alles wirkte beruhigend, der hohe, weiss getünchte Raum in der alten Villa, wo sich die Zenschule befand, und auch die anderen Kursteilnehmerinnen, obwohl ich ihnen doch vor diesem Morgen noch nie begegnet war. An die Sitzmeditation schloss sich eine kurze Gehmeditation an - man ging hintereinander im Kreis, indem man bei jeder Ausatmung eine halbe Fusslänge vorwärts schritt -, und dann durften wir Pause machen. In der Küche erwarteten uns Tee, Kaffee, Pfeffernüsse, Datteln, Mandeln und Früchte.

„Der menschliche Geist mag nicht im Trübsinn verharren, es langweilt ihn. Nach etwa zehn Minuten Meditation beginnt er, sich zu regen und wirft das, was ihn bedrückt, ab.“ Das hatte die Sensei während der Einführung auch noch gesagt. Jetzt sagte sie es ein zweites Mal - in der Küche zu mir persönlich, und mit anderen, persönlicheren Worten: Wenn es ihr schlecht ging, half ihr die Meditation wieder auf die Beine, darauf konnte sie sich verlassen und darüber war sie froh … Bis zu diesem Moment hatte ich mich wohl und geborgen gefühlt in ihrer Nähe wie ein kleines Kind in den Armen seiner Mutter. Nun schrillten auf einmal alle Alarmglocken: Das wollte ich nicht! Ich wollte kein Mittel in die Hand bekommen, mit dem ich meine Bedrücktheit abstellen konnte wie Kopfschmerzen mit einer Kopfwehtablette! Verwirrt schenkte ich mir Tee ein und nahm eine Dattel aus der Schale. Zum Glück kamen die anderen Kursteilnehmerinnen und belegten die Sensei mit Beschlag, so musste ich nicht antworten. Ich wusste nicht, was mit mir los war! Ich hatte mir von diesem Workshop so viel versprochen! Mir hatte eine Freundin diese Zenschule empfohlen, eine Freundin, der ich vertraute. Sie behauptete, die Seinsei habe ihr das Leben gerettet, und ich hatte keinen Grund, daran zu zweifeln! Ihr Selbstvertrauen war gewachsen, seit sie hierherkam, das war unübersehbar. Ihr ging es eindeutig besser. Und ich? Ich wollte doch auch, dass mir die Sensei das Leben rettete! Und nun scheiterte ich schon am ersten Tag wie die Pechmarie im Märchen! Ich verstand mich nicht!

Ich bin Schriftstellerin. Vor einiger Zeit habe ich ein Buch beendet, indem ich meine Scheidung und sonst noch so Einiges aufarbeitete. Das Buch wird unveröffentlicht bleiben. Die Vorstellung, es überarbeiten zu müssen, war mir schon unerträglich, als ich es gerade fertiggeschrieben hatte, und daran hat sich seither nichts geändert. Ich muss das Thema hinter mir lassen. Mehr noch: Ich muss überhaupt aufhören, mein Leben zum Thema zu machen! Oder besser: Ich darf und will nicht zulassen, dass ich es von neuem zum Thema mache. Ich bin nämlich auf einem guten Weg - und zwar schon seit ich vor zwei Jahren über den Totensonntag in Berlin war. Der Toten- oder Ewigkeitssonntag ist für die evangelisch-reformierten Christen ungefähr das, was für die Katholiken Allerseelen. Ich hatte einige Wochen zuvor meinen Vater verloren, deshalb nahm ich an diesem Sonntagmorgen am Gottesdienst im Dom teil. Die Pfarrerin, Frau Dr. Zimmermann, sprach über die, in der Offenbarung des Johannes erwähnte, „neue Erde“ und über die ewig menschliche Frage, wann sie denn endlich komme, diese „neue Erde“. Frau Dr. Zimmermann beschönigte gar nichts: Die „alte“ Erde – oder „erste“, wie Johannes sie in der Offenbarung nannte – würde nicht von einer neuen Erde abgelöst werden, nie, sagte sie. Der Tod würde nie nicht mehr sein! Und das Leid und der Schmerz auch nicht. Die alte Erde blieb, wo sie war: Da. Aber anstatt vor Enttäuschung leer zu schlucken, erkannte ich darin augenblicklich meine Chance. Frau Dr. Zimmermann hatte nämlich nicht gesagt, die neue Erde komme nicht, sie hatte gesagt, sie löse die alte nicht ab, lösche sie nicht aus, sondern sie stelle sich einfach daneben … Neben das Leid, neben den Tod, neben alles. Noch selten hatte mir etwas so sehr eingeleuchtet. Es war mein Ausweg: Ich musste etwas neben mein Leben stellen, über das ich schreiben konnte. Etwas Neues. Etwas, das mir ermöglichte, andere Gedanken zu verfolgen als solche über meine Arbeit im Altersheim, über Verpflichtungen meinen Angehörigen gegenüber, über meine Vergangenheit und über das, was mir tagtäglich ohne mein Zutun widerfuhr, und auf das ich ständig, zumindest einigermassen angemessen, reagieren musste. So war es nämlich: Immer, wenn ich versuchte, mir mit écriture automatique über eine Schreibblockade hinwegzuhelfen, drängte sich sofort das vor, was mich ohnehin schon über Gebühr beschäftigte. Das ärgerte mich nicht nur, es rieb mich auf. Ich wollte mit meinen leiseren, weniger durchsetzungsstarken Gedanken nicht so umgehen, wie meine Lehrerin in der vierten Klasse mit mir umgegangen war, als mir in der Schule einmal schlecht wurde. Wir standen vorne bei der Wandtafel und besprachen etwas. Ich streckte verzweifelt die Hand hoch, aber die Lehrerin nahm mich nicht dran. Ich war ein schüchternes, folgsames Kind, ich traute mich nicht, einfach so, ohne Erlaubnis, zur Toilette zu gehen oder auch nur zum Lavabo in der Schulzimmerecke. Irgendwann konnte ich nicht mehr und erbrach mich auf den Boden und auf die beiden Schulkameraden links und rechts von mir.

Am 2. September 2017 begann ich mit einem Schreibprojekt, das ich 365 tägliche Notate nannte. Ich nahm mir vor, jeden Tag irgendetwas zu machen und dann darüber zu schreiben. Es sollte etwas sein, das mit meinem restlichen Alltag weder direkt noch indirekt zu tun hatte - etwas ganz und gar Zusätzliches also. Der Aufwand richtete sich nach der Zeit, die mir am jeweiligen Tag zur Verfügung stand: Ich las ein paar Seiten in einem Buch, schaute mir ein Bild an oder ein Foto, ich ging spazieren oder ins Kino, kundschaftete Unbekanntes in meiner Umgebung aus, beobachtete ein Tier oder wie sich eine Pflanze im Lauf der Wochen veränderte. Ich hatte wenig Vorstellungen und viele Ansprüche, von denen ich immer mal wieder einen über Bord warf wie ein Ballonfahrer den Inhalt eines seiner Sandsäcke. Es hielten sich das Zusätzliche und der Vorrang der Sprache vor dem Gedankenfluss. Mir tut es gut, etwas in Worte zu fassen. Mit nichts anderem kann ich mich so leicht und so effektiv vom „Leben“ absetzen, wie wenn ich mich mit Wörtern beschäftige, mit Sprache. Lieber nur wenige Sätze pro Tag, hatte ich mir für mein Projekt vorgenommen, dafür stimmte die Sprache, und als das Jahr vorbei war, war mir dieser Grundsatz so lieb und unentbehrlich geworden, dass ich ihn gar nicht mehr aufgeben mochte. Nicht ihn und nicht das Projekt selbst. Ich sah es als Furt, die es mir ermöglichte, einen Wildbach zu durchqueren, Schritt für Schritt, Tag für Tag, und eigentlich war ich mit diesem Bild recht zufrieden gewesen. Doch irgendwann im Lauf der vergangenen Woche stellte sich ein neues Bild ein: Der Wildbach war zu einem ruhigen See geworden, die Furt zu einem durchgehenden Steg.

Ich nehme an, die Veränderung steht in Zusammenhang mit dem, was ich am letzten September-Sonntag in der Zen-Schule gelernt habe. Ich gab meiner seltsamen Reaktion auf die Worte der Sensei in der Küche nicht nach. Ich tat so, als sei sie nichts anderes als einer dieser automatischen, irrelevanten Gedanken, die das Gehirn ununterbrochen produziert, weil Denken seine Aufgabe ist. Ich trank meinen Tee, ass Datteln und Pfeffernüsse, und als die Pause vorbei war, beteiligte ich mich einfach gewissenhaft an allen weiteren Übungen, die für diesen Tag noch vorgesehen waren. Und nun hat sich dieses Bild verändert! Was das für mich bedeutet, weiss ich noch nicht, es wird sich zeigen. Aber Eines ist sicher: Ich möchte sehr gern auf einem stabilen Steg über ruhiges Wasser gehen, wenn sich das irgendwie möglich machen lässt!

367 / 28. September 2018 (Freitag)

Ich liebe Nicolas Bouvier. Ich lernte ihn durch die Radiojournalistin Regula Renschler kennen. Sie hatte Die Erfahrung der Welt Anfang der 00er Jahre neu übersetzt und berichtete nach Erscheinen des Buchs in einer Radiosendung darüber.

In Sion findet alljährlich im September ein Reiseliteratur-Festival statt. Ich liebe Nicolas Bouvier und ich mag Reiseliteratur. Bouvier ist 1998 verstorben. Das ist zwanzig Jahre her. Aus diesem Anlass sind ihm heuer in Sion mehrere Programmpunkte gewidmet. Ich fahre hin. Der Zug um sieben Uhr früh ist gestossen voll, in Bern beginnen heute die Schulferien. Ich habe ein Buch bei mir, die ebenfalls von Regula Renschler übersetzten Blätter von unterwegs. Eine aus grauen Feldsteinen aufgeschichtete Mauer teilt das Foto auf dem olivgrünen Umschlag in zwei Hälften. Das abgebildete Land ist karg – wenig gelbliches Gras, viele Steine. Im Hintergrund ein schmaler, im Nebel kaum erkennbarer Streifen Meer. Bouvier hat das Foto in Inishmore aufgenommen, der grössten der drei Irland vorgelagerten Aran-Inseln, wo er sich im Februar 1985 aufhielt.

Ich hatte nicht vor, auf dem Weg nach Sion zu lesen, aber es fällt mir schwer, mir meine eigenen Gedanken zu machen, wenn rundherum geschwatzt wird. Es ist auch nicht einfach, sich auf ein Buch zu konzentrieren, in dieser Situation, unwillkürlich folge ich dem Gespräch meiner drei Sitznachbarinnen, das so privat ist, als sässen sie in ihrem eigenen Wohnzimmer. Hartnäckig versuche ich mich trotzdem in den Text zu vertiefen, den Bouvier seinen von zermürbendem Fieber und anhaltendem Sturm geprägten Tagen auf der winterlichen Insel abgerungen hat, wie deren Einwohner seit Jahrhunderten dem felsigen Boden die spärliche Fruchtbarkeit -

Schon um neun bin ich in Sion. Die Gassen und Plätze der schmucken Altstadt sind noch menschenleer. Der Morgen ist frisch, mich fröstelt. Ich schlendere etwas herum und setze mich dann an ein Tischchen in einer der zahlreichen Bäckereien. „Heute ist dem Felsen alles abgerungen, was möglich war“, schreibt Bouvier oder jedenfalls seine Übersetzerin, und ich überlege mir, während ich auf meinen Kaffee warte, ob es nicht eher ein Aufbauen gewesen war, als ein Abringen, mit dem die Inselbewohner „in unvorstellbar harter Arbeit das Grau dieses riesigen Kiesels in ein zartes Grün verwandelt haben.“ Ein sukzessives Aufbauen von Steinen zu Mauern, zwischen die man Sand und Algen füllte - Schicht für Schicht, Tag für Tag, Jahr für Jahr.

Schlag zehn öffnet mir ein junger Mann mit Basecape und Sonnenbrille das Tor zum Tourbillon und zieht die vier Fahnen hoch. Im Burghof zwischen den hohen Bruchsteinmauern ist es schattig. Der Himmel erscheint fast dunkelblau aus dieser Perspektive, ein Netz von Flugzeugspuren in den verschiedensten Stadien der Auflösung überzieht ihn. Der Wind bläst kleine, strahlend weisse Wolken vor sich her, geblendet wende ich mich ab. Blinzelnd schaue ich rasch in jede Turmruine hinein, nicht aus wirklichem Interesse, eher als müsste ich einer Pflicht genügen, weil ich doch schon mal hier bin … Ich habe - noch bevor mir das grelle Weiss der Wolken den Blick verdunkelte - einen kleinen Hinterausgang entdeckt, der mich nun auf eine beinahe magische Art anzieht. Er führt auf einen besonnten, baumbestandenen Platz hinaus! Wie kann das sein? Die Burg wächst direkt aus dem Fels! Das sieht man von unten, aber auch, wenn man sich in ihrem Innern befindet und über die auf der Rückseite teilweise verfallenen Mauern hinausschaut. Nur vor dem Eingangstor ist mir das Gelände etwas sanfter vorgekommen, doch zum gemütlichen Verweilen fühlte ich mich auch da nicht wirklich eingeladen. Und nun tut sich hinter diesem unscheinbaren Türchen plötzlich dieser Platz auf - an einem Ort, wo für einen Platz eigentlich gar kein Platz ist.

Zwei Tage später kommt mir am frühen Morgen im Halbschlaf alles durcheinander.

Der Platz hinter der Burg war gross, viel grösser als ich es für möglich gehalten hätte, aber dazu kam noch, dass nichts ausser dem Blick in die Weite auf seine Begrenztheit hinwies! Er war begrenzt, das war mir klar, weil es gar nicht anders sein konnte, doch er wirkte nicht so! Das kam davon, dass er sich zur Mitte hin leicht absenkte und sich zudem an seinem Rand kleine Felsen und niedrige Erdwälle befanden, die verhinderten, dass ich mir an diesem doch eigentlich sehr ausgesetzten Standort ungeschützt und gefährdet vorkam.

Lange nicht gemähtes, trockenes Gras bedeckte den sandigen Boden der Senke, an den Seiten standen Robinien zwischen denen ledrig-dorniges Gestrüpp wuchs. Ich fühlte mich zurückversetzt in glückliche Kindersommerferientage im Tessin. Ich glaubte, Grillengezirp zu hören und Thymian zu riechen, dabei war es ganz still und Thymian gab es hier keinen. Auch das Licht stimmte nicht überein. Abgesehen von den gleissend hellen, kleinen Wolken herrschte am späten Vormittag des vergangenen Samstags in Sion warmes, gebrochenes Herbstlicht, das alle Farben intensiv, aber ruhig leuchten liess. Ich hatte als Kind die Sommerferien im Tessin über alles geliebt, aber das Licht dort hatte mir nie gefallen: Es war zu grell, fand ich, es machte, dass alles bleich und langweilig aussah. In der Schule lernte ich, dass viele berühmte Maler - die Impressionisten - extra wegen des Lichts nach Südfrankreich gezogen waren: Ich kannte dieses südliche Licht und begriff nicht, warum.

Meine morgendliche Halbtraum-Sequenz war kurz und wirr - sie lässt sich nicht so einfach beschreiben. Es war das blitzschnelle Auffächern eines Vorgangs, den man normalerweise nicht bewusst miterlebt. Es ging darum, wie sich aktuelle Erlebnisse und Eindrücke miteinander und mit schon Vorhandenem, an dem sie sich zuerst orientieren und es sich anschliessend auch einverleiben, - eh man sich’s versieht und ohne es überhaupt zu merken, geschweige denn, etwas dagegen tun zu können - zu einem neuen Gesamtbild kombinieren.

Auf meiner Hinfahrt im Zug hatte ich in einem Buch gelesen. Nicht in irgendeinem Buch, sondern in einem, das mir sehr lieb ist. In diesem Buch war viel von Steinen die Rede gewesen, von felsigem Grund, von harter Arbeit. Unmittelbar nach dieser Lektüre stieg ich zum Tourbillon hoch. Der Pfad war steil und steinig, die Mauern der Burg schienen direkt aus dem Fels zu wachsen, und ich stellte mir vor, wie mühsam, schwierig und gefährlich es gewesen sein musste, diese Burg zu bauen. Es ist wohl nicht nur naheliegend, sondern vermutlich sogar unvermeidlich, dass zwei Erlebnisse, die einen so deutlichen gemeinsamen Nenner aufweisen, in dieselbe Erinnerungs-Schublade eingeordnet werden - oder eingeordnet würden, wenn - ja - wenn mir nicht schon während ich mich zwischen den Mauern dieser Burgruine aufhielt, bewusst geworden wäre, dass mich ebendiese Burgruine überhaupt nicht interessierte! Es gab hier nichts! Zwischen diesen, in ihrem halbverfallenen Zustand sorgfältig konservierten Mauern, war alles leer, und ohne diesen von Vornherein unübersehbar offenen Hinterausgang wäre ich wohl ziemlich schnell schulterzuckend wieder gegangen.

Der Platz, auf den ich durch die kleine Tür gelangte, überraschte mich, weil ich an diesem Ort einen Platz von solchem Ausmass nicht erwartet hätte. Gleichzeitig kam er mir vertraut vor - so vertraut, dass ich erst einmal vollkommen vergass, mich nach dem Weg umzusehen, der von hier aus nach unten führte. Später merkte ich, dass es diesen Weg gar nicht gab: Der Platz war eine Sackgasse. Der einzige Weg zurück in die Stadt, war der durch die Burg - doch ich will nicht vorgreifen. Vorerst rief der Platz Kindheitserinnerungen wach, und zwar die besten: Jene an unbeschwerte Sommerferien im Tessin - wo mir alles gefallen hatte, nur nicht das grelle Licht. Mit meinem Schritt durch die Hintertür des Tourbillon hätte sich dieser einzige Makel an meinem Kindheitsparadies nun beinahe auch noch aufgehoben - wenn - ja - wenn mir nicht ein frühmorgendlicher Halbtraum alles durcheinandergebracht hätte.

Als ich zweiundzwanzig Jahre alt war, reiste ich in meinen Sommerferien für zwei Wochen nach Norwegen. Es gefiel mir sehr gut dort. Vor allem das sanfte, warme Licht mochte ich. Die Landschaft war von einer ausgeprägten Farbigkeit, als würde sie von innen heraus leuchten. Hier liess das Licht den Dingen ihre eigenen Farben, glaubte ich, während es sie ihnen im Süden wegnahm - und ich verstand noch weniger, warum gerade dieses südliche Licht von den Malern so besonders geschätzt wurde: Ich sah nicht, was sie sahen, und weil ich nichts sah, glaubte ich, es sei nichts da. Dabei war ich nur blind.

Die Impressionisten hiessen so, weil sie ihren eigenen Eindruck wiedergaben, den etwas auf sie machte. Das hatte ich begriffen. Aber, dass sie auch tatsächlich sahen, was sie malten, ganz real - diese farbigen Schatten zum Beispiel - das hatte ich nicht gewusst. Sie malten die Dinge so, wie sie sie sahen, nicht so, wie sie waren, hatte ich geglaubt. Bis jetzt.

Durch eine kleine Tür gelangte ich auf den Platz hinter der Burg. Ich fühlte mich an den besten Ort meiner Kindheit zurückversetzt. Und dann erfolgte dieser Vorgang, den man normalerweise nicht bewusst miterlebt: Aktuelle Erlebnisse und Eindrücke werden miteinander und mit schon Vorhandenem, an dem sie sich zuerst orientieren und es sich anschliessend auch einverleiben, zu einem neuen Gesamtbild kombiniert.

Es begann mit Nicolas Bouvier. Sein Bericht über die zu Irland gehörigen Aran-Inseln stand am Anfang der Gedankenkette - wenn man etwas, das nicht bewusst abläuft überhaupt so nennen kann. Darauf folgte die gemeinsame Irlandreise meiner Kinder. „Finally we arrived in Paradise!“, schrieben sie mir auf einer Ansichtskarte. Dann kam die Reise nach Schottland, die die beiden im Herbst 2008 zusammen mit ihrem Vater unternahmen, und von der sie wunderschöne Fotos mit nachhause brachten. Fotos, die Landschaften von ungewöhnlich intensiver, aber gleichzeitig ruhiger Farbigkeit zeigten - der Farbigkeit, die ich selber als junge Frau in Norwegen kennengelernt hatte. Der Farbigkeit des Nordens, die ich hier auf diesem Platz hinter dem Tourbillon, der mich ans Tessin - das Paradies meiner Kindertage - erinnerte, wiedererkannte. Die sich über dieses Paradies gelegt zu haben schien, wie ein Stück bunteingefärbter Klarsichtfolie …

Mir fiel der Unterschied zu diesem Zeitpunkt noch nicht auf. Ich fand nur, dass der Platz schön aussah. Und ich wunderte mich ein wenig darüber, dass ich trotzdem nicht mehr Lust aufbringen konnte, länger zu bleiben. Ich schaute mich nach einem Weg um, der direkt vom Platz aus nach unten führte, und als mir klar wurde, dass es keinen gab, kehrte ich - viel früher als nötig - durch die Burg in die Stadt zurück.

Ich weiss nicht, wie und weshalb es zu dem Halbtraum kam, der verhinderte, dass sich die Erinnerung ans Tessin, wie ich es als Kind erlebt hatte, verändern konnte. Vielleicht, weil es sich unter Klarsichtfolie so schlecht atmen lässt.

Ich nahm an zwei Lesungen teil und fuhr danach über Lausanne, Neuenburg und Biel nach Bern zurück. In Lausanne hatte ich eine Viertelstunde Aufenthalt. Ich nutzte die Zeit, um im Touristenbüro einen Prospekt zu holen. In der Fondation de l‘ Hérmitage findet im Moment eine Henri-Manguin-Ausstellung statt: La volupté de la couleur. Verstehen Sie? La sieste! Die schlafende Frau im Liegestuhl aus der Hahnloser-Sammlung! Die glückliche Frau!

366 / 9.September 2018 (Sonntag)

Das Jahr ist vorbei. Das Projekt 365 tägliche Notate ist abgeschlossen. Eigentlich. Nur fühlt es sich nicht so an. Eher so, als hätte ich erst richtig angefangen damit, als hätte ich erst vor ziemlich kurzer Zeit überhaupt begriffen, wie ich es anpacken muss. Ich möchte nicht aufhören! Ich wusste nichts mit mir anzufangen in der vergangenen Woche. Ich gab mir frei, nahm mir vor zu lesen, spazieren zu gehen, Dinge zu tun, ohne die Absicht, darüber zu schreiben, doch ich war angespannt und fand keine Ruhe: Mir fehlte etwas. Ich mochte weder in die Stadt gehen, noch in den Bremgartenwald. Nicht einmal in die Bümplizer Fussgängerzone, um den Bon für das Eis einzulösen, den ich und meine Nachbarn von der Hausverwaltung geschenkt bekommen hatten, nachdem der Baulärm während der Sanierungsarbeiten einmal besonders gross gewesen war. Ich hatte zu überhaupt nichts Lust. Ich wusste, dass man nach dem Beenden der ersten Fassung eines Buchprojekts in ein Loch fallen konnte, aber darum ging es nicht, das spürte ich. Viel mehr hatte ich das Gefühl, nicht fertig zu sein, als wäre ich mitten auf der Zielgerade stecken geblieben und dort ging mir nun langsam die Luft aus …

Einer der Vorteile, erst drei Jahre an einem Ort zu wohnen und nicht schon fünfzig, ist, dass es noch so viel Unbekanntes zu entdecken gibt, so viele Wege, von denen man nicht weiss, wohin sie führen. Ich raffte mich auf und griff nach den Wanderstöcken.

Wenn ich mit dem Tram nachhause fahre, sehe ich linkerhand, unmittelbar bevor es kurz nach dem Europaplatz in die Unterführung abtaucht, am Rand des Könizer Walds ein Wanderwegzeichen. Dieses Wanderwegzeichen sollte mein Ausgangspunkt sein, ich wollte mich von ihm überraschen lassen. Ich hatte kein Ziel - der Weg war das Ziel. Ich musste meinen Kopf auslüften. Nichts denken, nur gehen.

Schliesslich war ich sechseinhalb Stunden unterwegs und landete in Schwarzenburg. Das zeichnete sich bereits in Köniz ab. Als ich oberhalb des Dorfes aus dem Wald trat, glaubte ich zwar für eine Weile, der Ulmizberg würde sich als Ziel herausstellen - er schien mir so nah - aber es zeigte sich, dass er keine Option war. Er war auf dem Wegweiser im Zentrum nicht angegeben und auch später nie. Schwarzenburg schon - und ich wusste auch sofort, dass ich dorthin wollte. Nur ob ich es schaffen würde, wusste ich nicht: Die Zeit war nicht angegeben. Sie war noch sehr lange nicht angegeben. Zum ersten Mal in der Grabenmüli am Eingang des Scherlibach-Tälchens. Von da waren es noch drei Stunden.

Es war schön, durch das schattige Tälchen zu gehen. Vielleicht ein bisschen einsam, aber friedlich. Hohe, glattgeschliffene Felswände an den Seiten deuteten darauf hin, dass hier einmal ganz andere Kräfte am Werk gewesen waren als dieses Bächlein, das nun so sanft plätschernd meinen Weg begleitete. Gewaltige Wassermassen hatten sich im Laufe der Jahrtausende immer tiefer in den Stein gefressen, bis sie aus irgendeinem Grund irgendwann - ebenfalls schon vor tausenden von Jahren - abflossen und dieses hübsche Tälchen zurückliessen … durch das mir jetzt laut bellend ein schwarzer Hund entgegengerannt kam. Er machte mir Angst. Ich dachte an ein abgeschiedenes Gehöft, das er bewachte, und dass er aus lauter Pflichtgefühl zubeissen würde, wenn ich in ihm einen verdächtigen Eindruck erweckte. Um das zu vermeiden, tat ich so, als bemerkte ich ihn gar nicht. Da stutzte er einen Augenblick, wandte sich ab und rannte davon. Ich ging weiter. Ein gewissenhafter Wachhund, der mich passieren liess, weil er mich als ungefährlich eingestuft hatte, das war alles, glaubte ich. Doch ich täuschte mich: Er kam zurück. Er hatte nur sein Apportstöckchen geholt. Ich war gerührt.

Bald darauf musste ich abzweigen. Der Weg stieg sofort steil bergauf und, kaum war der höchste Punkt erreicht, ebenso steil wieder bergab. Ich weiss nicht, wie oft sich das im Laufe dieser Wanderung wiederholte, ich habe nicht gezählt, aber jedenfalls viele viele Male. Es begann schon ganz am Anfang mit dem Pfaffensteig bei Bümpliz, und beide, die Auf- und die Abstiege waren jedes Mal lang und beschwerlich. „Niemand hat dich darum gebeten. Es gab Bus- und Bahnstationen am Weg - du hättest jederzeit nachhause fahren können“, sagt eine innere Stimme streng. So? Hätte ich das? Da bin ich mir aber nicht so sicher! Ich lasse mich von meinen inneren Stimmen nicht mehr so leicht ins Bockshorn jagen. Ausserdem war es nicht nur beschwerlich: Diese Wälder, durch die ich kam, während ich über die Hügel kletterte! Wie still es dort war! Dass es das überhaupt gibt in der Schweiz, wenn man sich nicht gerade in den Hochalpen befindet oder irgendwo zuhinterst im Jura, habe ich nicht gewusst.

Die eigentliche Durststrecke begann nach der Schwarzwasserbrücke. Von da an gab es kaum mehr Schatten. Mittag war längst vorbei, ich war hungrig und brauchte eine Pause. Ich hatte schon seit einiger Zeit nach einer Sitzgelegenheit Ausschau gehalten, aber es gab keine. Kein Baumstrunk, kein Stein, keine Bank. Und jetzt folgte der Wanderweg sogar der Autostrasse! Danach ging es wieder bergauf. Hier wurden keine Bänke benötigt, fiel mir ein, hier spazierte niemand. Obwohl Samstag war und wunderschönes Wetter, waren mir ausser einer Gruppe von drei älteren Frauen und einem Mann keine Spaziergänger begegnet, überhaupt war mir fast niemand begegnet, und wenn, dann waren es Bauern bei der Arbeit gewesen. Der Mann erzählte seinen Begleiterinnen von einer Bekannten, die in letzter Zeit unmässig viel zugenommen habe. Dabei lachte er verächtlich, als könnte ihm das selber nie passieren. Ich war nicht gemeint, aber es kränkte mich dennoch. Wer hart arbeitet, kann es sich nicht leisten, an die schlanke Linie zu denken, man muss genug essen, sonst hält man nicht durch. Trotzdem nimmt man zu - sogar wenn man, wie ich, kaum Fett isst, weil ein zu hoher Cholesterinspiegel bei uns in der Familie liegt, und ich nicht wie mein Grossvater und zwei meiner Onkel mit sechzig an einem Herzinfarkt sterben will. Als ich dann doch endlich eine Bank fand, war es schon fast zu spät, und ich musste mich vorsichtig mit Traubenzucker aufpäppeln, bevor ich mich meinem Brötchen zuwenden konnte - an dem mir der selbstgefällige Kerl die ganze Freude verdorben hatte.

Eine knappe Stunde bevor ich in Schwarzenburg eintraf, hatte ich plötzlich Sicht auf die Alpen. Ich trat aus einem Wäldchen, das sich links vom Weg der Krete entlang locker noch etwas weiterzog, da schimmerten sie zwischen den Bäumen hindurch: Eiger, Mönch und Jungfrau und das Schreckhorn. Merkwürdigerweise nur diese vier und rechts von ihnen die Stockhornkette. Das hatte nichts mit dem Wäldchen zu tun, nur mit der Perspektive: Es war aus diesem Blickwinkel gar nicht möglich, mehr zu sehen, obwohl man hier eindeutig nah dran war. Aber vielleicht war ja gerade die Nähe der Grund für diese Begrenzung! Weil man, je näher man kam, umso weniger über das hinwegsehen konnte, was davorstand. Auf den Gedanken war ich schon früher gekommen: Als nach der Schwarzwasserbrücke auf den Hügelkuppen, über die mich mein Weg immer von neuem führte, die Wälder ausblieben, und ich eigentlich freie Sicht gehabt hätte - die ich aber nicht hatte. Das verstand ich nicht, und ich fragte mich, woran es liegen könnte. Jetzt auf dieser Krete begriff ich, dass man dafür offenbar zuerst eine bestimmte Höhe erreicht haben musste. Und auch nicht mehr allzu viel dazwischenstehen durfte, zwischen einem selbst und dem Point de vue. Es bedurfte einer Sichtachse, wie man das in der Gartenarchitektur nannte, einer Art durchgehender Lücke, die den direkten, unverstellten Blick auf das besonders Sehenswerte ermöglichte. Das hatte ich bei meinem Besuch in der Elfenau gelernt.

Eine Sichtachse also. Nur eine Sichtachse.

Wenigstens eine Sichtachse - immerhin. Ich liebe den Blick in die Berge. Wenn ich weiterging, würde sich unweigerlich wieder etwas Unüberwindbares vor sie schieben. Das wollte ich noch eine Weile hinauszögern. Erneut suchte ich nach einer Bank, und diesmal hatte das Schicksal ein Einsehen: Es stellte mir unverzüglich eine hin.

Auf der Bank lag ein Bleistift. Ein rostbrauner Bleistift mit schwarzlackiertem, leicht angekautem Ende. Härtegrad B.

Ich nahm mein Schreibheft aus dem Rucksack. Für Schwarzenburg war noch lange früh genug.

354/21. August 2018 (Dienstag)

Anna Feodorowna hatte ebenfalls jemand anders kennengelernt: Den 1775 in Thun geborenen Dr. Rudolf Abraham von Schiferli, Arzt, Chirurg und Geburtshelfer. Was man so auf die Schnelle über sein Leben herausfinden kann, ist etwas rätselhaft. Zuerst lässt es sich noch gut nachvollziehen: Er studiert in verschiedenen europäischen Städten und geht anschliessend für einige Zeit auf Reisen, um sein Wissen zu vervollkommnen. Danach kehrt er in die Schweiz zurück, wo er mehrere Stellen innehat, unter anderem im Dienst der Armee. 1803 lässt er sich in Bern nieder, wo er als Garnisonsarzt arbeitet. Im selben Jahr heiratet er die 1782 in Bern geborene Katharina Margaretha Ith. 1804 wird er zum kantonalen Oberimpfarzt und 1805 zum Professor der Chirurgie und Gynäkologie an der Hochschule Bern berufen. 1806 und 1808 kommen seine Söhne Friedrich Ludwig und Karl Moritz zur Welt - und dann ist plötzlich 1811, und er wird zum Mecklenburg-Schwerinischen Hofrat ernannt! Wie ging das zu? War er nach Mecklenburg umgezogen? Warum? Und was war mit seiner Familie? Hatte er sie mitgenommen? Oder gar verlassen? Und dann war er auf einmal auch kein Arzt mehr, sondern kümmerte sich als Oberhofmeister um die Belange der russischen Grossfürstin Anna Feodorowna, die ein illegitimes Töchterchen - Louise-Hilda-Aglae - von ihm bekam, und zwar bereits 1812, also ein Jahr bevor sie sich in Bern niederliess, im am südwestlichen Ende der Stadt gelegenen Brunnaderngut, das sie ein paar Monate nach ihrem Einzug kaufte und daraufhin mit viel Liebe und offensichtlichem Fingerspitzengefühl in die zauberhafte Elfenau verwandelte?

Wie ging das zu? Wie arrangierten sich diese drei Menschen? Rudolf Abraham, seine Ehefrau Katharina Margaretha und Anna Feodorowna? Dass Rudolf der Vater von Annas Mädchen war, gilt gemäss dem Schweizerischen Kunstführer als sicher, weil es durch Briefe belegt ist. Einfach kann das nicht gewesen sein -

Natürlich könnte ich Therese Bichsels 2012 erschienenen Roman Grossfürstin Anna lesen, dann würde mir auf einen Schlag alles klar. Den Rezensionen zufolge ist es ein kluges Buch: sorgfältig recherchiert und nichts beschönigend. Aber Rudolf ist 1837 gestorben. Im selben Jahr starb, erst fünfundzwanzigjährig, Louise Hilda Aglae. Katharina Margaretha hatte ihren Sohn Friedrich Ludwig 1834 im Alter von 28 Jahren verloren. Beide Frauen - Katharina Margaretha und Anna Feodorowna - mussten danach noch viele lange Jahre weiterleben, Katharina Margaretha achtzehn und Anna Feodorowna sogar dreiundzwanzig. Mich würgt schon, wenn ich mir nur diese nackten Tatsachen vor Augen führe. Beim Gedanken, ein Buch zu lesen, das, weil es ja ein gutes Buch ist, glaubhaft veranschaulicht, wie sich die beiden Frauen angesichts dieser erneuten Schicksalsschläge fühlen mussten, packt mich das nackte Grausen.

351/18. August 2018 (Samstag)

Katharina die Grosse starb im November 1796. Danach kam ihr einziger ehelicher Sohn Paul I an die Macht. Als Paul 1801 ermordet wurde, ging die Krone an seinen ältesten Sohn Alexander I über. Alexander war seiner Schwägerin wohlgesonnen. Unter seiner Herrschaft wurde es möglich, dass sie sich von ihrem gewalttätigen Ehemann trennen und Russland verlassen konnte.

Wie und wo Anna-Feodorowna-Juliane die Jahre nach ihrer Trennung verbrachte, bevor sie sich 1813 in Bern niederliess, ist nicht ganz klar. Sie habe sich sorgenlos den Leichtigkeiten des Lebens hingegeben, steht im Schweizerischen Kunstführer GSK Nr. 516/517 Die Elfenau in Bern. Das kann sein, die Vorstellung fällt mir aber schwer. Fünf derart peinvolle Jahre steckt man nicht so mir nichts dir nichts weg - vielleicht war sie einfach nur tapfer und liess sich nichts anmerken. Man hatte ihr Rang und Namen gelassen, sie hatte Verpflichtungen. Sie war eine russische Grossfürstin. Sie musste ein standesgemässes Leben führen - ein Leben, das ihr das russische Kaiserhaus finanzierte. Sie konnte nicht machen, was ihr gefiel. Zudem hätten wohl auch ihre Eltern - bei allem Verständnis - kaum geduldet, dass sie sich bei ihnen verkroch. Sie musste ihren Titel mit Würde tragen und ihm Ehre machen. Ihre Stellung öffnete ihren Geschwistern das Tor zu den glänzendsten Verbindungen Europas. Sie musste ihr gerecht werden.

Sie war eine russische Grossfürstin. Nicht irgendeine, die Erste. Konstantin war nach Alexanders Machtübernahme als Pauls zweitältester Sohn Thronfolger. Wenn Alexander etwas zugestossen wäre, wäre er Kaiser geworden und sie - immer noch mit ihm verheiratet - Kaiserin. Ob sie sich darüber hin und wieder Gedanken machte? Es war ihr zwar gelungen, sich aus seiner unmittelbaren Nähe zu entfernen, aber frei war sie nicht. Das war, so scheint mir, bei allen standesmässigen und wirtschaftlichen Vorteilen, die sich für sie aus dieser nach wie vor bestehenden Verbindung ergaben, eine doch wohl eher ungemütliche Lage!

Zum Glück kam es anders: Konstantin lernte eine andere Frau kennen, eine mit der er sich offenbar besser verstand als mit Anna Feodorowna - so gut, dass er sie unbedingt heiraten wollte. Er war sogar bereit zu ihren Gunsten auf die Krone zu verzichten. Doch seine Mutter widersetzte sich seinem Wunsch. Sie war strikt gegen eine Scheidung, steht im Schweizerischen Kunstführer. Sie behauptete sich fünf lange Jahre.

1820 wurde die Ehe des Russischen Grossfürsten Konstantin Pawlowitsch Romanow und Anna Feodorowna geschieden.

Zu diesem Zeitpunkt war Anna Feodorowna neunzehn Jahre lang von ihrem Mann getrennt und lebte schon seit sieben Jahren auf dem Landgut Elfenau in Bern. Rang und Name wurden ihr auch nach der Scheidung nicht aberkannt. Offenbar war sie ihren Verpflichtungen der russischen Krone gegenüber zur Zufriedenheit nachgekommen, und man wollte auf ihre Dienste nicht verzichten -

350/17. August 2018 (Freitag)

Im Sommer 1795 bestellte die russische Zarin Katharina die Grosse Herzogin Auguste von Sachsen-Coburg-Saalfeld, geb. Gräfin Reuss zu Ebersdorf mit ihren drei ältesten Töchtern Sophie Friederike Karoline Luise, Antoinette Ernestine Amalie und Juliane Henriette Ulrike zu sich nach St. Petersburg. Ihr zweitältester Enkel, der sechzehnjährige Konstantin, sollte verheiratet werden und Katharina wünschte eine Verbindung mit dem Haus Sachsen-Coburg-Saalfeld einzugehen. Welches der drei Mädchen der junge Grossfürst zur Frau nehmen wollte, war ihm freigestellt. Dieses Detail hatte für die politischen Erwägungen der grossen Zarin offenbar keine Bedeutung. Genauso wenig, wie es sie zu kümmern schien, dass der junge Mann zu gewalttätigen Ausbrüchen neigte und das Leben der Frau an seiner Seite unweigerlich zur Hölle machen würde. Die Hochzeit fand im Februar 1796 statt. Juliane wurde in Anna Feodorowna umbenannt, so wollte es der Brauch. Grossfürstin war sie fortan - und ihr Leben ein einziges Leiden.

349/16. August 2018 (Donnerstag)

Eine kleine, graue Ente paddelt hastig und scheinbar zielstrebig vorwärts. Sie ist allein. Ununterbrochen schreit sie laut und schrill. Nach kurzer Zeit höre ich aus der entgegengesetzten Richtung andere Enten rufen, aber die Kleine achtet nicht darauf, sie schwimmt schreiend weiter, ohne auch nur den Kopf zu wenden.

Das verirrte Entlein ist mir in der Elfenau begegnet. Im Naturreservat unten an der Aare. Dort schwamm es auf dem abgetrennten alten Aarearm beharrlich geradeaus. Es dachte wohl, sein Geschick würde sich zu seinen Gunsten wenden, wenn es nur lange genug dem einmal eingeschlagenen Kurs treu blieb. …

Unsinn - Enten denken nicht. Aber merkwürdig war schon, dass es sich so ganz und gar unzugänglich zeigte. Das Entlein war noch jung. Es hatte sich zu weit von der Mutter entfernt und sie aus den Augen verloren. Bestimmt wollte es nichts lieber, als sie so bald wie möglich wiederfinden. Hörte es denn ihre Rufe nicht? Warum kehrte es nicht um und schwamm zurück? Oder blieb wenigstens da, wo es war?

Ich habe dieses Rätsel nicht gelöst. Ich verliess das Naturreservat, ohne die weitere Entwicklung des Geschehens abzuwarten, aber ich glaube nicht, dass es mit der kleinen Ente ein schlimmes Ende nahm, das Reservat ist von überschaubarer Grösse - sicher hat die Entenmutter ihr Kleines bald erspäht und wieder unter die Fittiche genommen.

347/14. August 2018 (Dienstag)

Ich habe die Erklärung gefunden. Man hat den Elefanten aus werbetechnischen Gründen eingewickelt. Die Museen im Kirchenfeld sind während der Sanierung der Kirchenfeldbrücke nicht auf direktem Weg erreichbar. Mit den orangeblauen Verhüllungen wollen sie während dieser Zeit auf sich aufmerksam machen. An jedem von ihnen ist im Moment etwas in orangen Stoff verpackt. Am Schützenmuseum ist es einer der Köpfe, das ist mir aufgefallen.

Ich bin ein bisschen enttäuscht. Ich hätte meinem goldhäutigen Freund vom Dach gewünscht, man hätte ihn zum Schutz gegen die UV-Strahlen in Stoff gepackt. Aus lauter Fürsorge. Das gibt es nämlich - Stoff, der UV-Strahlen abblockt. Aber so ist es nicht.

346/13. August 2018 (Montag)

Ich mag den goldenen Elefanten, der auf dem Dach des Naturhistorischen Museums steht. Ich mag es, an einem frischen Sommermorgen auf den Gurten zu fahren, und dann, wenn ich auf der Terrasse des Tapis rouge frühstücke, unten in der Stadt den in der Sonne aufblitzenden goldenen Punkt zu sehen, als wäre er ein mitten am Tag vom Himmel gefallener Stern. Derzeit würde ich allerdings vergeblich nach dem stellaren Glänzen Ausschau halten: Der Elefant ist verpackt! Bis auf die Zähne eingehüllt in orangefarbenen Stoff und sorgfältig verschnürt mit königsblauer Kordel.

Ich kam von der Monbijoubrücke und erkannte die andere Farbe nicht gleich als Verhüllung. Aus der Entfernung wirkte der Elefant wie neu bemalt: rosa und weiss, dazwischen feine schwarze Linien. Erst beim Näherkommen sah ich, dass es sich um Stoff handelte. Um leuchtend orangefarbenen Stoff, leicht und fein wie Fallschirmseide, den die Sonne auf der nach Südwesten ausgerichteten Seite des massigen Körpers zu einem blassen Rosa ausgebleicht hatte. Demnach musste die Verhüllung schon einige Zeit andauern. Ob es sich um eine Kunstaktion handelte? Ich konnte mich nicht erinnern, davon in der Zeitung gelesen zu haben. Ich kehrte nachhause zurück und machte mich im Internet kundig. Aber ich fand nichts, was ich nicht schon gewusst hatte. Fast nichts.

Das Jahr 2016 wurde vom Naturhistorischen Museum Bern zum „Elefantenjahr“ erklärt. 150 Jahre zuvor hatte in Murten ein Zirkus aus Amerika gastiert. Dieser Zirkus führte zwei dressierte Elefanten mit, die im Programm auftraten. Die Tiere waren eine Sensation: Noch nie vorher hatte in Murten jemand Elefanten gesehen. Am Tag nach der Vorstellung tötete jedoch eines der Tiere in den frühen Morgenstunden seinen Wärter. Danach brach es aus und verbreitete in der ganzen Stadt Angst und Schrecken. Schliesslich gelang es, das rasende Tier in den Stall zurückzutreiben, der ihm für die Dauer seines Aufenthalts in Murten als Unterkunft diente. Dort erschoss man es zum Schutz der Bevölkerung mit einer Kanone. Das Skelett wurde nach Bern verkauft, wo es heute noch im Naturhistorischen Museum zu sehen ist. Anlässlich des Elefantenjahres veranstaltete das Naturhistorische Museum nicht nur Vorträge und Sonderausstellungen, es bekam auch ein neues Wahrzeichen: Auf dem Dach wurde ein lebensgrosser, goldener Elefant montiert.

Das alles war mir bekannt. Und auch, dass man diesen Elefanten, anlässlich des Etappenhalts der Tour de France am 18. Juli 2016, mit einem T-Shirt bekleidet hatte, dem weissgrundigen, rotgepunkteten Bergpreisträger-Trikot. Nicht gewusst hatte ich: Es war nicht das einzige Mal. Zur WM im vergangenen Juni war ihm wieder ein T-Shirt angezogen worden, ein rotes mit weissem Kreuz. Dazu fand sich ein Foto. Dieses Foto zeigte deutlich, dass das Dasein auf dem Museumsdach seiner goldenen Elefantenhaut schlimm zugesetzt hatte: Sie fing an sich abzulösen, am Rücken und auf dem Kopf. Das Wetter, mutmasste ich, tat ihr nicht gut, die Stürme im Winter, der viele Schnee und jetzt diese endlose Hitze, die UV-Strahlen …

345/12. August 2018 (Sonntag)

Auch ein verpackter Elefant ist ein Elefant.

344/11. August 2018 (Samstag)

Etel Adnan hat ihre Tapisserien nicht selber gewebt. Sie hat sie entworfen und dann ausgebildete Handweber damit beauftragt, die Entwürfe - in enger Zusammenarbeit mit ihr selbst - auszuführen.

Die Entwürfe hat sie mit Filzstiften gemacht. Hin und wieder hat sie übereinander gemalt, als wäre sie noch ein kleines Mädchen und könnte es nicht besser. Auf mich wirkten diese scheinbar zufälligen Überschneidungen zweier Farbflächen, die von den Entwürfen in die Tapisserien übernommen worden und deutlich zu sehen waren, wie Illustrationen des Zusammentreffens von Etel mit Joana Hadjithomas, die das gleiche Familienschicksal teilte, aber nicht der gleichen Familie angehörte. Ich glaube, dieser Umstand - dass Joana aus einer anderen Familie neu dazukam - war für Etel von enormer, beinahe explosiver Bedeutung. Im Gegensatz zu ihren anderen Bildern, die mir trotz leuchtender Farbigkeit eher etwas verhalten vorkamen, sind die Tapisserien wahre Feuerwerke.

343/10. August 2018 (Freitag)

Es ist sinnlos. Ich sah diesen Film, und er machte auf mich den Eindruck, ausserordentlich transparent zu sein. Ich erkannte, dass Absicht dahintersteckte. Transparenz war das Anliegen der Filmemacher und das eigentliche Thema des Films, davon war - bin! - ich überzeugt. Aber wie soll ich das glaubhaft begründen?

„Die Filmemacher achteten sorgfältig darauf, nichts zu verschleiern, nichts zu beschönigen, nichts zu jemandes Gunsten oder Ungunsten zu verzerren.“ Schöne Worte!

Das gestern beschriebene Beispiel: Was soll daran besonders transparent sein?!

Mein langer Umweg vom Mittwoch, mit dessen Hilfe ich versuchte, das Aufkommen des Wunschs nach Transparenz in Joana und Etel plausibel zu machen - Phantasie!

Beinahe komme ich mir vor wie eine unschuldig Verdächtigte in einem Fernsehkrimi, die verzweifelt beteuert: „Ich habe ihn nicht umgebracht, das müssen Sie mir glauben!“ Wie eine solche Verdächtigte bin ich vollständig allein mit meiner Sicherheit, ich bin darauf angewiesen, dass man mir glaubt. Es ist unsäglich! Beteuern ist das Einzige, was mir bleibt! Ich habe etwas wahrgenommen, ich bin mir ganz sicher, aber ich kann es nicht mit handfesten Beweisen belegen.

Nun gut. Schliesslich passiert mir das nicht zum ersten Mal. Augen zu und durch. Zurück zu dem, was wirklich wichtig ist … Ha ha - noch mehr schöne Worte!, verhöhnt mich mein innerer Zensor. Ich schiebe ihn zur Seite. Ich habe RECHT!

Nie wurden in diesem Film künstlerische Mittel lediglich um des Effekts willen eingesetzt, immer dienten sie der Veranschaulichung eines Umstands oder einer Er

Werk

Eigenständige Veröffentlichungen

Veröffentlichungen in Anthologien

Auf dem Lande / Die Giesskanne im Garten der Nachbarin

Landverlag, Langnau i.E./CH2013 Anthologie

Danke, gut! / EinTag in meinem Leben

Kantonsspital Aarau (Herausgeber)2012 Anthologie

Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften

Brugger Neujahrsblätter 2012 / So war das mit dem Schreiben

Verlag Brugger Neujahrsblätter2011 Zeitschrift

sonstige Werke

Milena Moser über den Roman „Das schwarze Sofa":

„Lea ist eine junge Frau scheinbar ohne Probleme, ohne Zweifel. Sie hat sich das Leben zurechtgelegt, sie weiss, was sie will. Kindergärtnerin werden. Doch vom ersten Tag der Ausbildung an wird ihr klar, dass sie sich getäuscht hat. Leas Lebensplan, den sie so früh gefasst und auf den sie so lange gebaut hat, trägt nicht. Und in dieser Verunsicherung verliebt sie sich in einen ihrer Lehrer, eine Liebe, die nicht sein darf, und trotzdem ist. Diese feinen Haarrisse, die sich im Boden unter Leas Füssen bilden und ihn unaufhaltsam sprengen, beschreibt Regula Haus-Horlacher mit beinahe mikroskopischer Genauigkeit. Das schwarze Sofa ist ein subtiler Entwicklungsroman, der die erste Krise im Leben einer jungen Frau beschreibt. Es ist ein leises Drama, ein von aussen kaum sichtbarer Wirbel, der sich unter einer trügerisch glatten, harmlosen Oberfläche abspielt und gerade deshalb umso stärker wirkt."
 

Jurybericht des Aargauer Kuratoriums zur Beitragssprechung 2009 verfasst von Felicitas Hoppe:

„Leas Geschichte ist scheinbar so unspektakulär, wie sie erzählt wird. Erst auf den zweiten Blick öffnet sich unter der biografisch so linearen wie sprachlich sparsamen Erzählung in Regula Haus-Horlachers Romanmanuskript Das schwarze Sofa ein doppelter Boden. Leas Aufbruch aus dem Elternhaus in die klar abgesteckte Ausbildung und Zukunft wird konterkariert mit Kindheitserinnerungen, der Geschichte einer ersten und keineswegs unkomplizierten Liebe und ersten Versuchen, dem eigenen Leben Gestalt zu geben. Dabei setzt die Autorin Fuss vor Fuss, versucht weder erzählerisch aufzutrumpfen, noch literarisch auffallende Effekte zu setzen. Sie vertraut detailgenau auf die Realität, ohne sie jemals für bare Münze zu nehmen. Auf diese Weise schafft sie jenseits reiner Abbildungsprosa atmosphärische Dichte und macht neugierig auf den Fortgang einer Geschichte, deren grosser Reiz in ihrer vermeintlichen Banalität liegt."

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Zuletzt durch Regula Horlacher aktualisiert: 09.11.2018

Literaturport ID: 1998