Regula Horlacher

© Johanna Bossart

Steckbrief

geboren am: 1.5.1963
geboren in: Brugg/Aargau/Schweiz
lebt in: Bern

Vita

Regula Horlacher (vormals Haus-Horlacher) wurde am 1. Mai 1963 in Brugg/CH geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie zusammen mit einem jüngeren Bruder in verschiedenen Nachbardörfern der aargauischen Kleinstadt.


Regula Horlachers erster Roman Das schwarze Sofa (erschienen im eFeF-Verlag Wettingen/CH, 2012) ist zwar fiktiv, aber die Anlehnung an die ländliche bzw. kleinstädtische Umgebung ist dennoch in vielen Schilderungen spürbar. Auch die Gepflogenheiten, wie sie in den frühen 1980erjahren an einem Seminar für pädagogische Berufe Brauch waren, kennt sie aus eigener Anschauung, da sie sich als junge Frau zur Handarbeitslehrerin ausbilden liess. Im Gegensatz zur Romanfigur Lea beendete sie jedoch ihre Ausbildung und unterrichtete im Anschluss hörbehinderte Kinder an einer Internatsschule in der Nähe von Aarau/CH. Nebenbei belegte sie Semesterkurse an der Schule für Gestaltung Zürich in den Fächern Sticken, Holzbearbeitung, Zeichnen und Farbenlehre.


Regula Horlacher ist Mutter von zwei erwachsenen Kindern (1989 und 1991). 1989 gab sie das Unterrichten zu Gunsten der Familienarbeit auf und betätigte sich ansonsten ehrenamtlich in ihrer Wohngemeinde Windisch. Ausserdem besuchte sie Kurse an der Fachstelle für Freiwilligenarbeit Zürich in Kommunikation und Seelsorge. 2011 liess sie sich beim Schweizerischen Roten Kreuz zur Pflegehelferin ausbilden und begann danach in Altersheimen zu arbeiten.  


 


Ihre schriftstellerische Tätigkeit fing im April 2007 mit Werkstattarbeit bei Milena Moser in Aarau an. Von September 2008 bis März 2009 beteiligte sie sich an einem Kolloquium bei Dr. Franziska Schwarzenbach, Lektorin, in Zürich, und seit Dezember 2008 nimmt sie bei Irina Schönen, Schauspielerin, in Langnau am Albis Sprechunterricht vor Lesungen. Bereits ab 2008 erreichte sie mit der Teilnahme an Literaturwettbewerben erste Erfolge und im Mai 2012 erschien ihr mit einem Werkbeitrag des Aargauer Kuratoriums geförderter Roman Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen. Januar bis März 2015: Schreib-Aufenthalt in Berlin.


 


Regula Horlacher lebt heute in Bern. Zur Zeit arbeitet sie an einem experimentellen Schreibprojekt, das den Werktitel 365 tägliche Notate trägt. Auszüge aus dem laufenden Projekt befinden sich weiter unten auf dieser Seite in der Rubrik Aktuelles. 



Würdigung

JUNI 2008: 7. Rang am Preisausschreiben der Schreibszene Schweiz 2008 (Postkartentexte)   //    AUGUST 2008: Erste Veröffentlichung eines literarischen Textes in der Aargauer Zeitung   //   21. OKTOBER 2008: Erste Lesung in der Stadtbibliothek Aarau   //   9. JANUAR 2009: Verleihung Essaypreis 2008 der Berner Tageszeitung Der Bund für Die Katze der Nachbarin grüsst mich nicht mehr; Lesung im Kulturzentrum Dampfzentrale Bern und Veröffentlichung des Essays im Bund    https://www.derbund.ch/bern/dossier/bundessaywettbewerb/1Einblick-in-eine-abstruse-Beziehung/story/12248780  //   FEBRUAR 2009: 4. Rang am Kurzgeschichtenwettbewerb des Lektoratsbüros Obst und Ohlerich, Berlin mit Bei uns, veröffentlicht unter   www.literatur-nordost.de/texte/haus_horlacher.pdf   //   24. SEPTEMBER 2009: Beitrag an das künstlerische Schaffen des Aargauer Kuratoriums für das Romanmanuskript Das schwarze Sofa (Jurybericht: Felicitas Hoppe)   //   19. MÄRZ 2011: Literaargau-Beitrag des Aargauer Kuratoriums in der Aargauer Zeitung   //   7. APRIL 2011: Lesung in der Gemeindebibliothek Riniken   www.oltnertagblatt.ch/beitrag/leserbeitrag/regula-haus-horlacher-vom-7-april-2011-124314865   //   14. JUNI 2011: Engere Wahl Walter-Kempowski-Literaturpreis 2011 der Hamburger Autorenvereinigung mit der Kurzgeschichte Familienwanderung   //   16. AUGUST 2011: Bund-Kolumne 15 Fragen   //   26. SEPTEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Veranstaltungsreihe Der Bund im Kairo im Kulturcafé Kairo, Bern   www.cafe-kairo.ch/kultur/der-bund-im-kairo-11   //   Literarischer Beitrag Brugger Neujahrsblätter 2012; 27. NOVEMBER 2011: Lesung im Rahmen der Vernissage im Salzhaus Brugg   //  MÄRZ 2012: Druckkostenbeitrag des Aargauer Kuratoriums für Das schwarze Sofa   //   APRIL 2012: Druckkostenbeitrag der Gemeinde Windisch für Das schwarze Sofa   //   31. MAI 2012: Erscheinen des Romans Das schwarze Sofa im eFeF-Verlag, Wettingen   www.efefverlag.ch/3022.html; Buchvernissage in der Buchhandlung Thalia, Brugg   //   OKTOBER 2012: Literaturwettbewerb Danke, gut! des Kantonsspitals Aarau; Aufnahme der Erzählung Ein Tag in meinem Leben in die Anthologie Danke, gut!   //   JANUAR 2013: Aufnahme in den Verband Autorinnen und Autoren der Schweiz (AdS)   //   APRIL 2013: 3. Rang am Literaturwettbewerb Auf dem Lande des Landverlags, Langnau; Aufnahme der Kurzgeschichte Die Giesskanne im Garten der Nachbarin in die Anthologie Auf dem Lande; 27. SEPTEMBER 2013: Lesung im Rahmen der Vernissage auf Schloss Wil in Schlosswil bei Worb    //   25. APRIL 2014: Talk and Read im Kellertheater Katakömbli Bern, mit Milena Moser und Daniela Hess   //   www.talkfactory.ch/index.php?section=gallery&cid=31   //   27. April 2018:  Schreibwettbewerb Texten, Nominierung der Kurzgeschichte Heiligabend, Lesung im Berner Generationenhaus  

Aktuelles

330/28. Juli 2018 (Samstag)

Ein Wort noch zum Frankfurter Bahnhofsviertel: Es gibt viel unübersehbares Elend dort. Das ist mein Eindruck. Ich habe das so noch an keinem anderen Ort beobachtet in letzter Zeit. Aber das ist nicht von Bedeutung, weil ich mich auch nicht an vielen anderen - vergleichbaren - Orten aufgehalten habe. Ich weiss also nicht, wie viel an solch geballtem Drogenelend inmitten eines Geschäfts- und Wohnquartiers heutzutage als „normal“ gilt. Doch damit bin ich nicht die Einzige: Mir scheint, die Einschätzungen der herrschenden Zustände im Frankfurter Bahnhofsviertel hängen vorwiegend vom persönlichen Empfinden ab - und sie gehen sehr weit auseinander.

Es gab eine Zeit, da fand die Frankfurter Drogenpolitik weitherum Beachtung. Der Frankfurter Weg hatte Vorbildcharakter. Erstmals stand die Hilfe für die Abhängigen im Vordergrund und nicht deren strafrechtliche Verfolgung. Das Modell stützte sich auf vier Säulen: Prävention, Beratung und Therapie, Überlebenshilfe und Bekämpfung des Drogenhandels. Es wurden saubere Spritzen abgegeben und mehrere Räume eingerichtet, wo sich die Abhängigen unter hygienischen Bedingungen ihren Schuss setzen konnten. Dadurch reduzierte sich die Zahl von fast 150 Toten im Jahr auf weniger als 30. Ein grosser Erfolg, der bis heute anhält. Das ist das Eine. Das andere ist, dass offenbar irgendwann der Punkt kam, an dem sich mit dem abhängigenfreundlichen Viersäulenkonzept nichts mehr verbessern liess. Seither stagniert die Szene, und ob man das als Problem betrachtet, gegen das vorgegangen werden sollte oder als quasi gegebenen Umstand, mit dem es sich ganz gut leben lässt - darüber sind die Meinungen geteilt.

Eine Journalistin äussert in einem Online-Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Überzeugung, so könne es nicht weitergehen, es brauche einen „neuen Frankfurter Weg“, zu lange habe man das Drogenproblem nur „verwaltet“, statt versucht, es zu lösen, während ein Anwohner in einem Interview auf Youtube der Meinung ist, es liege am Crack. Davon sei man überfordert, und es brauche noch Zeit, um herauszufinden, wie damit umzugehen sei. In meinem Reisführer lese ich von einer „Mischung aus entspannter Atmosphäre und Wuseligkeit“, die das multikulturelle Bahnhofsviertel mit seinen bunten Läden und kleinen Cafés auszeichne und im Merianheft, dass aus dem früheren „Problembezirk ein Hotspot der Hipster-Szene“ geworden sei. Beide Autoren verschweigen das Drogenproblem nicht, betrachten es aber offenbar als eher nebensächlich und einem Aufenthalt im Viertel keinesfalls abträglich -

Nun ja. Ich fand die Atmosphäre nicht wirklich entspannt, eher umgekehrt: Mir kamen Verkäufer und Serviererinnen in den Geschäften und Cafés, in denen ich einkaufte und einkehrte, gestresst vor. Man wurde mehr abgefertigt als freundlich bedient. Und ob allnächtliche, hemmungslose Partys tatsächlich die angemessene Kur sind für einen Stadtbezirk von so fragilem Gleichgewicht - also, ich weiss nicht …

Ich will den beiden Autoren keine Blauäugigkeit unterstellen, sowohl Reiseführer wie Merianheft sind 2016 erschienen, und es ist möglich, dass sich die Zustände inzwischen wieder verschlimmert haben. Vielleicht würden sie ja heute nicht mehr dasselbe schreiben wie vor zwei Jahren.

Obwohl: Mir ist bewusst, es klingt merkwürdig, aber ich mochte die Stadt auch - irgendwie. Und trotz Geschrei und Gegröhle vor dem Hotelfenster bis morgens um vier und dem Aufheulen der Polizeisirenen alle fünf Minuten, verliess ich sie, als meine vier Tage um waren, nicht ohne Bedauern.

Dabei hatte ich mir noch nicht einmal vom Mainufer aus den Sonnenuntergang ansehen können, weil ich mich abends nach achtzehn Uhr nicht mehr aus dem Hotel traute -

328/26. Juli 2018 (Donnerstag)

Noch etwas hatte beim Blättern im Merianheft während der schlaflosen Nacht meine Neugier geweckt: Das nach seinem Stifter benannte Städel-Museum. Dort wird vor allem alte Kunst gezeigt, aber auch Einiges an Modernem. Hinein wollte ich nicht. Nur der spektakuläre unterirdische Erweiterungsbau interessierte mich - oder genauer, das von ihm, was man von aussen sehen konnte: Die flachen, runden in den Rasen eingelassenen Oberlichter.

Als ich den Hof hinter dem Museum betrat, verschlug mir eine mörderisch-tropische Hitze den Atem. Ein Rasensprenger lief, und das, die ganze Länge der einzigen offenen Seite des Hofs einnehmende, orangelackierte Wellblech sorgte dafür, dass die Feuchtigkeit nicht so leicht entweichen konnte. Ich wusste aus den Fernsehnachrichten, wie sehr das gegenwärtige heisse und trockene Wetter den „Grünen Lungen“ der Grossstädte zusetzt und glaubte, das Blech sei eigens zu diesem Zweck angebracht worden - dass es sich dabei um ein Kunstwerk und bei dem Feuchtigkeitsstau um einen Zufall handelte, gewahrte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht. Vorerst hatte ich nur Augen für ein anderes Konstrukt, das sich an der Wand eines Nebentrakts auf der dem Wellblech gegenüberliegenden Hofseite befand: Sich kreuzende, leicht schräg verlaufende, horizontale und vertikale Metallstangen waren an die aus hellgrauen Steinquadern zusammengefügte Wand angeschraubt und an diesen Stangen waren wiederum etwa vierzig linsenförmige Spiegel befestigt. Je nach Platz und Stellung zeigte jeder Spiegel ein bestimmtes Bild. Sobald man als Betrachter seinen Standort änderte, veränderte sich dieses Bild, und es ergab sich auch aus dem Zusammenklang aller Spiegel miteinander etwas Neues. Man konnte sich den Spiegeln von zwei Seiten nähern, rechts oder links vom Rasen. Die linke Seite lag im Schatten. Die Rechte war der prallen Sonne ausgesetzt, aber von da aus gesehen war das Spiegelbild viel reichhaltiger und die Veränderungen ergiebiger als von links. Man sah die von den Oberlichtern gepunktete Rasenfläche, die rückwärtige Fassade des Museums-Hauptgebäudes, die ein wenig der einer italienischen Villa glich, und über das erwähnte orangefarbene Wellblech hinaus die Umgebung - Bäume und Häuser. Und je näher man kam, desto mehr schob sich der Himmel ins Bild! Es war so schön! Ich kann gar nicht beschreiben, wie sehr mir das gefiel. Links vom Rasen hielt es sich zwar wegen des Schattens sehr viel angenehmer auf, aber von dort aus spiegelte sich lediglich die rückwärtige Fassade des Hauptgebäudes. Immer nur diese Fassade -

Ich wusste, dass ich es in der geradezu höllischen Temperatur nicht lange aushalten würde, aber ich wollte die Spiegelung von rechts noch einmal sehen, bevor ich ging!

Ich tauchte ein … und wieder auf. Danach ass ich ein Eis. Und dann kehrte ich ins Hotelzimmer zurück.

327/25. Juli 2018 (Mittwoch)

Es gibt hier noch mehr Martialisches: Grosse, weissbemalte Betonklötze riegeln zur Sicherheit der Passanten vor Lastwagen-Attentätern neuralgische Punkte in der Innenstadt ab. Zur Sicherheit, damit sich niemand daraufsetzt, sind sie oben mit Noppen versetzt wie Fussballschuhe an den Sohlen, und zur Sicherheit, damit niemand sie übersieht, in sie hineinläuft und sich verletzt, wurden an den Kanten rotweisse Klebebänder angebracht. Darum sind sie mir auch nicht gleich aufgefallen: In Frankfurt wird so viel gebaut und renoviert, dass mein Kopf sie wohl unbewusst mit rotweissen Baustellen-Abschrankungen in Verbindung gebracht hat. Erst nachdem ich heute Morgen aus dem Westend in die Innenstadt zurückkam - schaute ich sie zum ersten Mal wirklich an und ordnete sie am richtigen Ort ein.

Bereits um sieben Uhr früh verliess ich das Hotel, um noch bevor es dafür zu heiss wurde, einen Spaziergang ins Westend zu machen. Ich wollte die Universität sehen und das Holzhausenschlösschen. Zwischen 1929 und 1931 entstanden, gilt die Universität als Meisterwerk moderner Architektur. Sie ist von erschlagender Scheusslichkeit! Zu welchem Zweck der schauerliche Bau ursprünglich vorgesehen war, weiss ich nicht, im Reiseführer steht nur, dass er zur Nazizeit der IG Farben AG als Firmensitz diente - noch heute wird er IG-Farben-Haus genannt -, und dass innerhalb seiner Mauern gleich nach der Machtübernahme der Nazis die unverzügliche Entwicklung des Nervengases Zyklon B beschlossen wurde. Das trägt nicht gerade dazu bei, meinen Abscheu zu mindern, den ich beim Anblick dieses hässlichen Ungetüms unweigerlich empfinde. Doch ob einem das IG-Farben-Haus gefällt oder nicht, es ist ein Baudenkmal und muss als Solches erhalten und geschützt werden. Das ganze riesige Gebäude ist rundherum in etwa zwei bis drei Metern Abstand mit einem Bauzaun umgeben. Ein Kommentar zu dieser Massnahme ist nirgends zu finden. Ich erkläre es mir so: Die Wände sind aus Travertin, und es ist ohne Zweifel kostengünstiger, Bauzäune aufzustellen, als dieses poröse, heikle Baumaterial zu reinigen, wenn es versprayt würde. Ich habe solche Bauzäune auch im Holzhausenpark und am Main-Ufer angetroffen - dort ist der Nizza-Garten so abgesperrt. Im eingezäunten Teil des Holzhausenparks befinden sich irgendwelche undefinierbare, an runde Pilzhüte erinnernde Objekte. Der Nizzagarten darf tagsüber betreten werden, dann steht ein Durchgang offen. Nachts wird er geschlossen.

Gewiss - diese Bauzäune sind gewöhnungsbedürftig. Auch ich war im ersten Moment irritiert und dachte an eine unsensible Machtdemonstration. Aber dann merkte ich, dass man das anders betrachten muss: Rein sachlich. Die Bauzäune verhindern, dass etwas oder man selbst Schaden nehmen könnte. Verbotstafeln müssten nicht nur gelesen, sie müssten auch verstanden werden, die Zäune hingegen sprechen eine eindeutige Sprache: Bis hierher und nicht weiter. Umgekehrt sagen sie aber auch, dass der gesamte Rest der Anlagen genutzt werden darf. Das genügt den meisten ohnehin, und wer mehr wissen möchte, kann sich ja - wie ich es soeben tue - seine eigenen Gedanken machen.

Mir kommt vor, als wolle die Stadt Frankfurt ihre Bewohner und Gäste in einem ganz besonders hohen Mass beschützen und bewahren, dies aber auf eine etwas ungeschickte, ziemlich schwer durchschaubare Weise. So bin ich noch an keinem Ort derart vielen Fussgängerampeln begegnet wie hier. Jedes noch so schmale Nebensträsschen ist mit Fussgängerstreifen und Ampeln ausgerüstet! Die natürlich - ausser mir - keiner beachtet, weil es ewig dauert, bis sie von Rot auf Grün schalten. Nur - umgekehrt ist es dasselbe: Es dauert auch ewig, bis sie von Grün auf Rot schalten - genug lange, dass hinkende alte Leute am Rollator, ohne in Stress oder auch nur ausser Atem zu geraten, die andere Strassenseite erreichen können …

326/24. Juli 2018 (Dienstag)

Letzte Nacht konnte ich wegen des Strassenlärms, der zu mir heraufdrang, und der Hitze nicht schlafen. Aus Ungeduld und Langeweile wurde ich meinem Vorsatz untreu und blätterte im Merianheft, das ich, noch bevor ich mich entschied, mich auf meinen Städtetrip nicht vorzubereiten, aus der Bibliothek geholt hatte. Der Autor eines Beitrags über den auf der anderen Seite des Mains gelegenen Stadtteils Sachsenhausen schwärmt von einem lauschigen, in einem Hinterhof versteckten Lesecafé mit Buchhandlung, einem stillen Ort ohne Ambitionen - was bedeutet, dass die Betreiber kein Aufhebens machen, wegen ihrer illustren Gäste wie der Belegschaft des S. Fischer-Verlags oder dem Frankfurter Kulturdezernenten. Hier ist jeder gleichermassen willkommen, schreibt der begeisterte Sachsenhausener in seinem Bericht und weckt prompt meine Neugier: Ich will - ich muss - dieses Café sehen und ein wenig in der ihm angeschlossenen Buchhandlung stöbern!

Tatsächlich ist - auch das steht im Merianheft -, als ich gegen halb zehn eintreffe, der Hinterhof vollgestellt mit Kinderwagen und die dazugehörigen Mütter unterhalten sich an den Gartentischen bei Cappuccino und Grüntee. Ich muss lächeln und ziehe mich mit meiner Kaffeetasse ins Hinterzimmer zurück, einer Art angebautem Gartensälchen mit Glasdach und Glaswand, durch die man in ein verwildertes kleines Gartengrundstück hinaussieht. Dort schreibe ich zwei lange Stunden in schönster Ruhe.

325/23. Juli 2018 (Montag)

Seit gestern Mittag bin ich in Frankfurt. Ohne Fotoapparat und unvorbereitet. Eintauchen wollte ich in diese Stadt, von der ich nichts kannte als den Blick aus dem Zugfenster vor der Einfahrt in den Bahnhof, der mich jedes Mal auf dem Vorbeiweg von neuem entzückte: Mainhatten. Diesmal stieg ich aus -

Ich will nichts beschönigen: Ein Sonntagmittag im Hochsommer ist keine gute Zeit, um hier anzukommen. Frankfurt bedarf, um einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen, der Kühle eines frühen Montagmorgens und frisch geduschter junger Männer in weissen Hemden auf dem Weg zur Arbeit. In Frankfurt ist der erste Schritt aus dem Bahnhof zugleich der Schritt ins Rotlichtviertel. Da muss man durch, wenn man in die Innenstadt will. An einem Sonntagmittag im Hochsommer lässt die Hitze jeden noch nicht ganz eingetrockneten Fleck auf dem Asphalt als das erkennen, was er ist, nämlich Pisse. Am Montagmorgen fällt das nicht so auf.

Mein Hotel steht in der Karlstrasse. Das Zimmer hat schallisolierte Fenster, aber ich kann bei geschlossenem Fenster nicht schlafen. Die Wettervorhersage hat für die kommenden Tage Temperaturen von bis zu 36 Grad angekündigt - nirgends in ganz Deutschland soll es so heiss werden wie hier, in Frankfurt. Gestern Abend geriet ich wegen dieser Konstellation in eine Krise: So hatte ich mir das nicht vorgestellt. Eine Draufgängerin war ich noch nie. Anwesend sein. Den mir fremden Ort in mich aufnehmen. Ohne Fotoapparat. Unvorbereitet. Ich würde herausfinden, wie es sich anfühlt, durch von Wolkenkratzern gebildete Strassenschluchten zu gehen, hatte ich gedacht. Hochhäuser aus der Nähe anschauen wollte ich, das war alles …

Strassenschluchten gibt es hier schon - aber nicht nur. Die meisten der Türme stehen sich gar nicht nahe genug, um Schluchten zu bilden, und zwischen ihnen bleibt Platz für anderes. Doch imposant ist es so oder so. Diese Eingangshalle im Taunus-Tower beispielsweise - gigantisch! Bis auf ein monumentales modernes Gemälde und die Blumendekoration auf dem Empfangstresen ist alles weiss, sogar der Boden. Die Halle ist um diese Zeit noch menschleer, nur ein winziges Frauenköpfchen über dem Tresen ist zu sehen. Verglichen mit den Blumenbehältern ist es ungefähr so gross wie ein Golf- im Verhältnis zu einem Fussball und die Vorstellung, dass jeder, der sich nicht mittels eines Badges selber Zugang verschaffen kann, vom O.K. dieses Empfangsdamenköpfchens abhängig ist, bringt mich zum Lachen. Die Fenster, durch die man hineinsehen kann, sind mindestens sieben Meter hoch und so breit, dass sich in einem einzigen von ihnen die ganze Skyline von gegenüber spiegelt. Diese Spiegelung hätte zusammen mit der Halle dahinter bestimmt ein tolles Bild ergeben! Schon will ich bereuen, dass ich den Fotoapparat nicht dabei habe, als mir bewusst wird, wie gut mir das plan- und ziellose Herumschlendern bereits nach dieser kurzen Zeit bekommt. Ich fühle mich so leicht und frei wie schon lange nicht mehr! Was ich sehe, sehe ich zufällig - im Vorbeigehen. Und was mir davon im Gedächtnis bleibt, schreibe ich später auf. Ich überlasse mich einer natürlichen Selektion, und das tut mir gut.

In einer breiten, verkehrsfreien Strasse mit Bäumen und Bänken zieht die in Rauten und gleichschenklige Dreiecke aufgeteilte Glasfassade eines Einkaufszentrums meinen Blick an - und in sich hinein! Das Blau des Himmels spiegelnd und in der Sonne glitzernd ähnelt sie einer senkrecht stehenden Wasserfläche, die in der Mitte - man sehe und staune! - wie durch einen gewaltigen Strudel ins Gebäudeinnere gesogen zu werden scheint.

Der aus rotem Sandstein erbaute Dom hat - genau wie in Freiburg - als einziges Gebäude der Stadt den Bombenhagel von 1944 beinahe unversehrt überstanden. Eine Luftaufnahme im Eingangsbereich zeugt, ebenfalls wie in Freiburg, von dieser wundersamen Bewahrung.

Zum Schutz gegen die Tauben über und über mit Stahlnadeln bewehrt, bieten die in Stein gehauenen spielenden Kinderpärchen auf dem Vordach der Börse einen martialischen Anblick.

Die Zeit vergeht. Erneut ist Mittag. Von irgendwoher bimmelt ein Glockenspiel. Neugierig folge ich den Klängen und erkenne im Näherkommen die Melodien von einem Kirchen- und einem Volkslied. Ich werde alt! Ich erinnere mich an Liedertexte, die ich als kleines Mädchen in der Primarschule auswendiggelernt und gesungen habe:

Es, es, es und es,

Es ist ein harter Schluss,

Weil, weil, weil und weil,

Weil ich aus Frankfurt muss.

Drum schlag ich Frankfurt aus dem Sinn

Und wende mich weiss Gott wohin …

 

335/2. August 2018 (Donnerstag)

Es gab noch einen zweiten Aspekt, der ein friedliches Zusammenleben in der Familie Döblin während des Exils massiv erschwerte: Das Geld.

Als Arzt konnte Döblin nicht mehr arbeiten, und die Schriftstellerei brachte wohl nicht besonders viel ein. Der 1929 erschienene Roman Berlin Alexanderplatz hatte zwar kurzfristig grossen Erfolg gehabt, doch dieser Erfolg wirkte nicht nachhaltig. Das Exil in Frankreich dauerte sieben Jahre. Das ist lang. Wie hielt sich die Familie während dieser Zeit über Wasser? Unter Daten zu Leben und Werk im Anhang von Schicksalsreise steht nichts darüber, aber Sohn Stefan erinnert sich, die Mutter sei ständig in Sorge gewesen wegen der schwierigen finanziellen Lage und habe grossen Druck auf seine älteren Brüder ausgeübt, sich einen Job zu suchen. Hatte sie selbst auch eine Arbeit angenommen, um Geld zu verdienen? Ich weiss es nicht, aber anders kann ich es mir fast nicht vorstellen. Wie sonst hätte das gehen sollen?! Später in Amerika lebten sie von Arbeitslosen-Unterstützung, von der Wohlfahrt und auch der älteste Sohn Peter half, so gut er konnte. Trotzdem bewohnten sie während der ganzen fünf Jahre lediglich zwei mit ausrangierten Möbeln notdürftig ausgestattete Zimmer, keine Wohnung. Von solcher Ärmlichkeit war, was die Zeit in Frankreich betraf, nirgends die Rede - nur dass sie kein „Mädchen“ hatten, habe ich irgendwo gelesen. Nichtsdestotrotz war Geld nach Stefans Meinung nicht das Hauptproblem der Familie gewesen. Vermutlich sah er dieses „Hauptproblem“ in den aussereheliche Frauenbeziehungen seines Vaters, die er für das schlechte Verhältnis seiner Eltern zueinander verantwortlich machte, wie er an anderer Stelle des Interviews ausführte, und hatte damit sicher zu einem grossen Teil auch recht. Aber dass sich seine Mutter in dieses Beziehungsproblem derart verbiss und es so zum Hauptproblem machte - ich glaube, das hatte mit Geld sehr viel zu tun!

Sie war es, die dem jungen Assistenzarzt damals, als sie ihn heiratete, ermöglicht hatte, eine eigene Praxis zu eröffnen. Wenn er das allein überhaupt irgendwann geschafft hätte, dann ganz sicher nicht schon so früh! Abgesehen davon, dass er höchstwahrscheinlich noch dabei war, die Kosten seines Studiums abzustottern, war er gerade eben auch Vater eines unehelichen Kindes geworden, das er unterhalten musste. Und vor allem unterhalten wollte - was sie grosszügig tolerierte. Aber nicht mehr! In ihrer eigenen Familie bekam der kleine Bodo keinen Platz, und dessen Mutter wurde ihr wohl bald zu einem Dorn im Auge, weil ihr Ehemann nicht davon absah, sich um sie zu kümmern. Man müsste aber auch ein Übermensch sein, um angesichts einer solchen Unbeugsamkeit nicht - zumindest leise - Bitterkeit zu empfinden!

Ich will Frau Döblin auf keinen Fall unterstellen, sie wäre über Friedas frühen Tod froh gewesen. Vermutlich hatte sie ohnehin nicht damit gerechnet, dass das Problem „aussereheliche Beziehung zu einer anderen Frau“ damit ein für Allemal ausgestanden war. Jeder Mann hatte hin und wieder Affären, dachte sie wohl, damit konnte man fertigwerden. Doch Döblin war kein Lebemann, an Affären hatte er kein Interesse. Ihm ging es um Freundschaft, Verbundenheit, Vertrauen, Verständnis füreinander und gegenseitiges Verstehen - und als er in Yolla auf eine Frau traf, die dies alles verkörperte, nahm er das als seltenes Geschenk und liess sich auf sie ein. So sehe ich das. Für Erna jedoch war es ein Schock. Ein Affront! Frieda war man ja durch das Kind doch irgendwie verpflichtet und verbunden gewesen, so dass sich das Verhältnis zu ihr auf diese Weise immerhin rechtfertigen liess. Für Yolla hingegen gab es keine Legitimation! Sie hätte sich zurückziehen müssen! Erna wollte ihren Mann für sich allein - wie es sich gehörte. Affären waren ein Ärgernis. Eine Zweitfrau aber war ein No-Go. Gesellschaftlich wie privat.

Ich kann nicht glauben, wozu ich soeben anzusetzen im Begriff bin! Normalerweise habe ich doch eine sehr strenge Auffassung in solchen Dingen, besonders wenn Kinder mitbetroffen sind. Bin ich etwa vom Saulus zum Paulus geworden?! Es scheint so! Ich spreche Erna dieses alleinige Recht auf ihren Ehemann, das sie für sich beansprucht, ab, während ich Döblins Unnachgiebigkeit in Bezug auf seine geliebte Freundin Yolla billige! Es ist wirklich nicht zu fassen -

Aber es gibt einen Grund für meinen seltsamen Sinneswandel: Ich glaube, dass Döblin seine Frau sehr mochte! Er war ihr dankbar und schätzte sie. Und er war ihr treu - genauso treu wie Yolla. Er gab ihr alles, was er ihr geben konnte - das war es, was er ihr unentwegt klar zu machen versuchte. Ehrlich. Doch sie begriff nicht. Sie hatte sich derart auf dieses Yolla-Verhältnis eingeschossen, dass sie jedes Ich mag dich von Seiten ihres Ehemannes als Provokation auffasste, bis es irgendwann auch dazu wurde. So entstand ein grausiger Machtkampf. Erna wandte drastische Methoden an. So beschlagnahmte sie zum Beispiel während der Jahre in Amerika nachweislich Yollas Briefe! Trotzdem glaube ich, dass Döblin ihr durchaus gewachsen war. Die ironischen Passagen in Schicksalsreise sind beissend unangenehm. Es riecht daraus nach Rache und sie zu lesen tut weh, auch wenn einen das, was darin steht, überhaupt nicht betrifft. „Leb wohl, Amerika. Du hast mich nicht gemocht. Ich liebe dich doch.“, schreibt er beispielsweise am Schluss des letzten Amerika-Kapitels Das Abfahrtssignal. Wer über solche Waffen verfügt, ist wahrlich alles andere als ein harmloser Gegner!

Ich bin während meiner Arbeit im Altersheim mehrmals auf Ehepaare gestossen, die sich solcherart verstrickt hatten. Ihnen zuschauen zu müssen, wie sie sich gegenseitig zerfleischten, war kaum auszuhalten, und mich packte das blanke Entsetzen, wenn ich mir bewusst machte, wie knapp ich selber einer solchen Zukunft entkommen war.

333/31. Juli 2018 (Dienstag)

Alfred Döblin wurde 1878 in Stettin geboren. Er war das zweitjüngste von fünf Kindern, und als er zehn Jahre alt war, liess sein Vater, ein Schneidermeister, seine Familie im Stich, wegen eines Nähmädchens aus seiner Werkstatt. Die Mutter zog daraufhin mit den Kindern nach Berlin, wo sie in Armut lebten. Dieses Trauma machte es Döblin später unmöglich, seine eigene Familie zu verlassen, obwohl das Verhältnis zu seiner Ehefrau, den Stimmen im Internet zufolge, zerrüttet war. Schuld an dieser Zerrüttung war, gemäss dem bereits erwähnten Interview mit Döblins jüngstem Sohn Stefan, die langjährige aussereheliche Beziehung zu Yolla Niclas, die sein Vater nicht aufzugeben bereit war, was er - so Stefan - seiner Frau und Familie zuliebe hätte tun sollen.

Mir ist das alles ein wenig zu einfach. Wenn Döblin doch dieses Trauma hatte, warum konnte er dann Frieda Kunke so ohne weiteres verlassen? Nun ja - seine Mutter verlangte es von ihm. Aber wie konnte sie das? Frieda erwartete ein Kind! Wie konnte sie der jungen Frau das antun, wo sie doch selber erlebt hatte, wie schlimm es war, mit Kindern allein zurechtkommen zu müssen? Sie war mit der Verbindung nicht einverstanden, weil diese nicht standesgemäss war. Wirklich? Ging es nur um Konventionen? Oder vielleicht doch eher um ihr eigenes Trauma? Zuerst kam so ein Flittchen und nahm ihr den Mann weg und jetzt sollte ihr dasselbe noch einmal passieren mit dem Sohn??

Frieda war aber kein Flittchen! Sie verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Krankenschwester und mit Alfred verband sie ein ganz gewöhnliches Liebesverhältnis, wie es unter jungen Leuten üblich ist. Bevor sie schwanger wurde, war sie bereits seit ungefähr drei Jahren mit ihm zusammen.

Es war eine andere Zeit, das ist mir klar. Es war damals normal, dass Mütter ihren Söhnen die Zustimmung zu einer Heirat verweigerten, die nicht den gegebenen Konventionen entsprach. Die Konventionen ändern sich, das stimmt - aber menschliche Leidenschaften und innere Beweggründe dafür, warum man so oder so redet und handelt, ändern sich nicht!

Und Konventionen hin oder her: Seine kinderreiche Familie zu Gunsten einer jüngeren Geliebten sich selber zu überlassen, ist heute noch genauso verpönt, wie vor hundert Jahren. Oder dass ein Mann jahrelang eine aussereheliche Beziehung pflegt, während er weiterhin mit seiner Frau zusammenlebt, weil er sich von ihr nicht lösen kann oder mag, ist ebenfalls nach wie vor gesellschaftlich nicht akzeptiert. Dies nur nebenbei.

Stefan Döblin beschreibt Yolla Niclas im Interview als „sentimental-hingebungsvoll-bewundernd“. Ob sie wirklich so war, kann ich natürlich nicht beurteilen, ich weiss ja so gut wie nichts über sie. Jedenfalls war sie treu. Und offenbar genügsam: Sie lebte ihr eigenes Leben und begnügte sich mit dem, was sie von Döblin bekam. Vielleicht war ihm allein das schon sehr wertvoll: Er empfand es als befreiend, dass sie nichts forderte, was er ihr nicht geben konnte - sein verinnerlichtes Frauenbild war anders.

Als ich etwa achtzehn Jahre alt war, kam das Pink Floyd-Filmmusical The Wall in die Kinos. Ich war empört über das Bild der verschlingenden, alles beherrschenden Mutter, das hier gezeigt wurde, und verwahrte mich heftig dagegen. Mittlerweile weiss ich aus eigener Erfahrung, dass es solche Menschen leider tatsächlich gibt - nicht nur Frauen, auch Männer. Weil sie Lieben mit Besitzenwollen verwechseln, vereinnahmen sie einen vollständig. Sich von so jemandem zu lösen, ist unglaublich schwierig, und, solange man nicht in der Lage ist, das Muster zu durchschauen, indem man zusammen mit einem solchen Menschen gefangen ist, nicht möglich, glaube ich. Man hat ständig ein schlechtes Gewissen, weil man nicht genug gibt. Weil man das nicht gibt, was man nicht geben kann. Man sollte aber alles geben …

Ebendieses schlechte Gewissen war beim Suchen nach Hinweisen auf Yolla Niclas in Döblins Schicksalsreise mein erstes Stichwort. Der Ausdruck irritierte mich, weil er dort, wo er stand, überhaupt nicht angebracht war. Im Autobus nach Le Puy sitzt ein junger Soldat. An einer Haltestelle steigt ein Gendarm zu. „Mein schlechtes Gewissen schlägt“, schreibt Döblin - warum? Dass er Angst hat, ist klar: Immer wieder ist er auf dieser Reise misstrauisch beobachtet, aufgehalten worden, musste er seine Papiere vorweisen - aber ein schlechtes Gewissen? Der Soldat ist ein „Selbstbeurlauber“, ein Deserteur, die Polizei-Attacke gilt ihm. Döblin ist kein Deserteur, er reist in bester Absicht nach Le Puy. Er tut das Richtige, er ist auf dem Weg zu seiner Familie - dass er sie dort nicht antrifft, weiss er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch nicht, wie vertraut ihm die Stadt auf Anhieb vorkommen wird, so vertraut, dass er am liebsten bleiben würde. Fräulein S., die Bekannte, hat ebenfalls Tränen in den Augen, weil er wieder gehen muss.

Ja, er hat sich gut verstanden mit diesem Fräulein! Möglicherweise hat es in Paris mit Yolla eine ähnliche Abschiedsszene gegeben, der Vergleich liegt nahe, und in der Erinnerung hat sich beides vermischt. „Die Dame wird bitter“, ist mein zweites Stichwort, das auf der ersten Seite des Kapitels Der gestrandete Robinson steht - denn ja, der „Robinson“ ist in Le Puy gestrandet! Nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, in Mende, wo Döblin nach seiner Irrfahrt für längere Zeit festsitzt.

Die Dame wird bitter. Warum wird eine Dame bitter? Sie wollte „Erklärungen“, steht da, und als sie diese bekommen hatte, wurde sie bitter. Mit Fräulein S. spricht Döblin über „die allgemeine Situation“, den Krieg, nehme ich an. Mit Yolla hat er wohl darüber gesprochen, dass er sie zurücklassen und seiner Familie ins Ungewisse folgen würde. Eine solche Erklärung macht bitter - wie könnte sie nicht. Doch nicht für lange - Yolla kennt ihn und weiss, dass er nicht anders kann. Sie versteht das. In Amerika nimmt sie den Kontakt wieder auf. Sie hat noch nie mehr von ihm gewollt, als er ihr geben konnte. Auch Fräulein S. ist nicht lange bitter, unmittelbar nach dem Gespräch zeigt sie sich hilfsbereit: Sie treibt die Familienzusammenführung voran, indem sie für eine Fahrgelegenheit sorgt.

Ich glaube: Existentielle Ausnahmesituationen haben - ob Krieg ist oder nicht - immer mit Angst vor dem Verlust von Liebe zu tun. Die himmlische Liebe ist gut und recht, aber wenn sie sich im Leben des Einzelnen hier auf der Erde nicht manifestiert, ist sie nicht viel wert! Die fürchterliche, den aufgeklärten Geist konsternierende Überhöhung der Maria im Kapitel Kirche und Religion von innen hat damit zu tun. Das ist meine Einschätzung. Mit Yollas offensichtlicher Bereitschaft, immer wieder zu Gunsten der Familie zurückzustehen. Als der Engel zu Maria kam, um ihr zu verkündigen, dass sie die Mutter Gottes werden würde, „wunderte sie sich nur einen Augenblick. Sie war vorbereitet. Sie trug in sich andere Bezüge und Zusammenhänge als wir. Mir geschehe nach deinem Wort, antwortete sie.“ So sah Döblin das.

Letztlich ging es bei seiner Irrfahrt durch Frankreich, auf die ihn das Schicksal beordert hatte - Döblin schreibt es zweimal, bevor er in Le Puy anlangt - nicht um die Familie und nicht um Le Puy, es ging allein um ihn selbst. Um sein Unvermögen, das schlechte Gewissen auszuhalten, das ihn unweigerlich unerträglich gequält hätte, wenn er seine Frau und das Kind sich selber überlassen hätte.

Zu Yolla kam kein Engel. Nur der Mensch Döblin, der immer und immer wieder noch keinen Schritt weiter war oder das jedenfalls so empfand. Und sie nahm ihn an, und wollte jedes Mal von neuem nicht mehr, als er geben konnte. Ob er sie deshalb auch überhöhte? Ich weiss es nicht. Als Schriftsteller möglicherweise schon, aber als Mensch? Vielleicht - doch eigentlich kann ich es mir nicht recht vorstellen. Sicher war er ihr dankbar. Und ziemlich sicher glaubte er, der Himmel habe sie ihm gesandt, das schon.

Alfred Döblin hat das nicht erwähnt, aber es scheint mir beachtenswert: Le Puy liegt im vulkanischen Teil des Zentralmassivs. Innerhalb des Stadtgebiets ragen zwei Vulkankegel in die Höhe. Auf dem einen steht eine Kapelle und auf dem anderen erhebt sich die 1860 errichtete Statue Notre-Dame de la France. Eine Marienstatue! Sie ist sechzehn Meter hoch. Man kann sie nicht übersehen.

323/21. Juli 2018 (Samstag)

Nachdem sich die Familie in Toulouse wiedergefunden hatte, überliess Döblin seiner Frau das Wort. Unter dem Titel Eine andere Flucht schrieb er auf, was sie erzählte. Der Unterschied in Ton und Inhalt ist frappant. Da ist nichts Realitätsfernes. Eine tüchtige Frau hatte ein schwieriges Stück Lebensweg tapfer und mutig gemeistert. Immer wieder hatte sie dafür gesorgt, dass ihr und ihrem Kind geholfen wurde. Ihr Mann hatte das auch versucht, aber ihm zu helfen war kaum jemand bereit gewesen. Vielleicht lag das daran, dass er so „sauer“ gewesen war in jenen Wochen, wie er im Kapitel Wartezeit schreibt. Geistig abwesend und wenig interessiert am Geschick derer, die er um Unterstützung anging. Vielleicht war es aber auch grundsätzlich schwieriger für einen alleireisenden Mann, Hilfe zu bekommen, als für eine Frau mit einem Kind. Oder bei der Frau handelte es sich um jemand, die daran gewöhnt war zu bekommen, was sie wollte, und das für ihr Recht hielt. Oder sie hatte einfach mehr Glück gehabt und war auf freundlichere Menschen getroffen als ihr Mann. Vieles ist möglich.

Ich las weiter, und als ich zu den Kapiteln über die Jahre in Amerika kam, 1940-45, passierte mir etwas Eigenartiges.

Im Herbst 2009 hatte ich einen Bericht gelesen über ein sich innig verbundenes Ehepaar. Zusammen trugen Mann und Frau den Schmerz, weil sie zwei Söhne in Europa hatten zurücklassen müssen, zusammen sorgten sie für den Jüngsten. Einander gegenseitig unterstützend standen sie die schweren Jahre des amerikanischen Exils durch. Gemeinsam fanden sie Halt im Glauben. Ich las mit Respekt und Hochachtung.

So war das damals. Jetzt hingegen merkte ich, dass ich voreingenommen war. Ich hatte im Sinn gehabt, die kommentierenden Stimmen aus dem Internet, auf die ich während meiner kleinen Recherche über Yolla Niclas gestossen war, ausser Acht zu lassen und mich nur auf das Buch zu konzentrieren. Ich wollte den sprechen lassen, den es betraf. Das funktionierte eine Zeitlang leidlich, doch dann war es plötzlich nicht mehr möglich. Das unheilvolle Flüstern aus dem Internet liess sich nicht länger beiseiteschieben, es nahm überhand. Meine Reaktion war heftig. Ich weiss nicht, warum, es ging mich doch eigentlich gar nichts an. Ich las den Text noch einmal, um herauszufinden, was mich daran so aufgewühlt hatte, und tatsächlich konnte ich nun nichts Aussergewöhnliches mehr feststellen: Ich blieb kühl und gleichgültig. Aber das erste Mal war ich bestürzt und verwirrt gewesen! Ich fühlte mich verraten, weil man mir etwas vorgemacht hatte. Das Eheleben der Döblins gestaltete sich in Wirklichkeit äusserst schwierig. In diesem Fall widersprachen sich die Stimmen nicht, sie waren sich alle einig. „Sie stritten und stritten“, sagte auch Sohn Stefan in einem seriös wirkenden Interview. Darum muss ich mich wohl damit abfinden: Döblin zeichnet in den Amerika-Kapiteln seiner Schicksalsreise ein geschöntes Bild von seiner Ehe! Ein Dream-Team waren er und seine Frau nicht. Nie.

 320/18. Juli 2018 (Mittwoch)

Ich erinnere mich gut an das dicke, alte, in cognacfarbenes Leinen gebundene Buch, das ich kurze Zeit nach dem Besuch der Ausstellung im Stauhofmuseum aus der Stadtbibliothek Baden mit nachhause nahm. Es war so dick, weil es etwa zur Hälfte aus Anhängen bestand, Sekundärtexten von Sachverständigen. Ich habe keine Ahnung mehr, durch wie viel von diesem Zusatzmaterial ich mich damals ackerte und ob überhaupt. Nur Eines weiss ich sicher: Falls mir der Name Yolla Niclas, dabei begegnet sein sollte, habe ich ihn entweder nicht beachtet oder vollkommen vergessen. Jedenfalls war er mir ganz unbekannt, als ich jetzt beim Durchsehen der Daten zu Leben und Werk im Anhang meines Taschenbuchs auf ihn stiess: Yolla Niclas, Fotografin, geboren 1900, gestorben 1977. Döblin soll ihr 1921 zum ersten Mal begegnet sein. Mehr steht nicht. Im Internet findet sich auch nicht viel. Und das Wenige ist widersprüchlich. Die Döblin-Gesellschaft bezeichnet die um zwanzig Jahre jüngere Fotografin diskret als „Freundin“. Faktisch war sie aber seine Geliebte, das ist eine Tatsache.

Ich bin kein misstrauischer Mensch. Döblin hat Schicksalsreise seiner Frau Erna gewidmet. Es ist eine schöne, liebevolle Widmung. Ich las sie als Beweis für eine ungetrübte Beziehung. Döblin bezeichnet sich darin als „schiffbrüchigen Robinson“, den sie „am Strand aufhob“. Damit rettete sie, wie er schreibt, nicht nur ihn, sondern auch sich selbst und den jüngsten Sohn. Während seiner Irrfahrt durch Frankreich, der eigentlichen „Schicksalsreise“, die ja nichts anderes ist, als die Suche nach Frau und Kind, vergleicht er sich mehrmals mit Robinson und das Lager in Mende, wo er schliesslich strandet, mit dessen einsamer Insel.

Die Widmung schliesst mit dem Schmerz darüber, dass er und seine Frau nicht noch andere, „die uns am Herzen lagen, mitnehmen konnten“. Sie mussten ihre beiden Söhne Wolfgang und Klaus in der Gefahr zurücklassen - das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Da kommen keine Fragen auf.

Döblin arbeitete von 1908 bis 1911 als Assistenzarzt im Städtischen Krankenhaus am Urban in Berlin. 1910 lernte er dort seine spätere Ehefrau Erna Reiss kennen. Das Datum ist der 2011 erschienenen Döblin-Biographie von Winfried E. Schoeller entnommen, deshalb nehme an, es sei verbürgt. Bevor Döblin ins Städtische Krankenhaus wechselte, war er zwei Jahre lang als Assistenzarzt in Buch an der Irrenanstalt der Stadt Berlin tätig, wo er sich in die Krankenschwester Frieda Kunke verliebte, die später ein uneheliches Kind von ihm bekam.

Erna Reiss war Medizinstudentin und von Haus aus sehr gut situiert. Sie war auf dem besten Weg, sich ein eigenes Leben aufzubauen. Ausserdem hatte sie alle Zeit der Welt! Sie war zehn Jahre jünger als Döblin, zum Zeitpunkt des Kennenlernens, also erst zweiundzwanzig. Warum liess sie sich auf einen Mann in einer solchen Situation ein? Döblin hatte keine heimliche Affäre mit Frieda Kunke, das war eine langjährige Liebesbeziehung, die immer noch andauerte, als er mit ihr zusammenkam. Bodo Kunke wurde im Oktober 1911 geboren, im Jahr ihrer Verlobung mit Döblin. Er brachte kein Kind aus einem längst vergangenen Verhältnis in die Ehe mit, sondernd aus einem immer noch aktuellen! Warum löste Erna die Verlobung nicht, als sie davon erfuhr? Warum heiratete sie Döblin trotzdem? Durch dieses Kind war er doch erst recht mit Frieda verbunden. Es war ihm gar nicht mehr möglich, sich endgültig von ihr zu trennen. Was stellte Erna sich vor? Man muss schon sehr selbstlos lieben, um mit so etwas auf Dauer leben zu können, ohne Groll zu entwickeln!

Schicksalsreise ist kein Roman. Der Titel ist mit Bericht und Bekenntnis ergänzt. In der Beschreibung seiner Irrfahrt durch Frankreich kommen von Döblins Angehörigen und Bekannten nur seine Ehefrau und sein jüngster Sohn Stefan, ein Freund und dessen Ehefrau und die Bekannte in Le Puy vor. Frieda Kunke und Yolla Niclas werden nicht erwähnt. Frieda Kunke war 1918 erst 26-jährig verstorben, aber Yolla Niclas gab es noch! Als Jüdin hatte auch sie emigrieren müssen. Wie Döblin lebte sie in Paris. Sie war inzwischen verheiratet, doch ihre Beziehung zu ihm pflegte sie nach wie vor.

Bevor ich von Yolla Niclas‘ Existenz und ihrer Bedeutung für Döblin wusste, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, seine existentielle Ausnahme-Situation könnte von etwas anderem herrühren, als von dieser absoluten Unsicherheit, der er ausgesetzt war, wie alle anderen, die sich in jenen Tagen auf der Flucht befanden. Doch nun, in Kenntnis dieses Umstands, wurde es schwierig, ihn ausser Acht zu lassen. Döblin musste an Yolla gedacht haben auf seiner Reise! Auch ihr Leben war in Gefahr und ihre Zukunft ungewiss - das konnte ihn nicht unberührt gelassen haben … Ich war neugierig und suchte nach Hinweisen. Selbst der letzte Abschnitt der Widmung warf jetzt Fragen auf.

318/16. Juli 2018 (Montag)

Ich bin im Herbst 2009 an einer Ausstellung über Autorenfilme auf Döblin aufmerksam geworden, weil dort die Verfilmung seines Romans Berlin Alexanderplatz gezeigt wurde. Danach hätte ich gern den Roman gelesen. Doch als ich ihn in der Bibliothek holen wollte, war er ausgeliehen. Nur Schicksalsreise stand im Regal. Also nahm ich stattdessen dieses Buch mit. Natürlich ist das an sich völlig unwichtig. Nicht wert, dass davon erzählt wird. Ich erwähne es trotzdem, weil es exakt um solche Erfahrungen geht in Döblins Schicksalsreise. Erfahrungen, die den Rahmen der gegebenen Umstände nicht überschreiten, die für einen unbeteiligten Zuschauer völlig normal wirken:

Es ist normal, dass ein Buch, das man gerne lesen möchte, in der Bibliothek nicht da ist, dafür ein anderes. Und es ist Ansichtssache, ob man glaubt, das sei Zufall, oder vielmehr, dass man dieses andere Buch in die Hände bekam, weil man es gerade zu diesem Zeitpunkt unbedingt lesen sollte.

Doch auch wenn man grundsätzlich eher die zweite Möglichkeit für zutreffend hält, denkt man im Alltag meistens nicht daran, man macht einfach. Man liest das Buch vielleicht nicht, und das hat dann irgendeine Konsequenz, aber den Zusammenhang erkennt man nicht. Nur manchmal, wenn man in eine Ausnahme-Situation von sehr grosser existentieller Bedeutung gerät, kann es offenbar sein, dass man plötzlich ganz klar sieht: Was einem zustösst, begegnet, ins Auge sticht ist kein Zufall, sondern Richtungsweiser, Lenkung, Führung. Von einer solchen Ausnahme-Situation ist in Schicksalsreise die Rede.

Ich las das Buch. Und als ich es gelesen hatte, war ich froh darüber, dass mich mein Schicksal darauf aufmerksam gemacht hatte. Ich war einige Jahre zuvor selber in eine derartige Ausnahme-Situation geraten. Ich war verwirrt und verängstigt gewesen, während jener Wochen und hatte nicht begriffen, was mit mir geschah. Ich zweifelte an meinem Verstand und wusste gleichzeitig, dass es dafür keinen Anlass gab: Ich hatte mich in meinem ganzen Leben noch nie so sehr eins mit mir selber gefühlt. Ich wurde gebeutelt, aber ebenso sehr wusste ich mich gehalten. Und nun wurde mir diese Empfindung bestätigt! Nicht von irgendeinem obskuren Geistheiler oder überspannten Prediger, der behauptete, das Alleinseligmachende zu kennen, sondern von einem grossen Dichter und Denker, einem der Grössten seiner Zeit. Und zudem Nervenarzt. Mir war dasselbe widerfahren wie Alfred Döblin. Das berührte mich tief. Ich war nicht verrückt gewesen, nur besonders sensibel und hellhörig. Es ging bei solchem Erleben nicht um verstandesmässiges Deuten von Zeichen und Begebnissen, nicht um Aberglauben, sondern um unmittelbare Erfahrung, um unwillkürliches Erkennen. Mir war - wie ihm - ein Licht aufgegangen.

316/14. Juli 2018 (Samstag)

Am 10. Juni 1940 bricht Alfred Döblin zu seiner Flucht aus Paris auf, die er später in seinem Buch Schicksalsreise beschreibt - allein, seine Frau und sein jüngster Sohn Stefan sind schon am 26. Mai abgereist. Döblin war - als Jude und zeitkritischer Schriftsteller doppelt gefährdet - 1933 über die Schweiz nach Frankreich geflohen. Im Pariser Vorort St-Germain hatte er sich und seiner Familie ein neues Leben aufgebaut und 1936 die französische Staatsbürgerschaft erhalten. Im Mai 1940 gibt es auch hier keine Sicherheit mehr. Die beiden Söhne Wolfgang und Klaus sind für Frankreich an der Front, der älteste Sohn Peter ist, zum Glück, 1935 dreiundzwanzigjährig nach Amerika ausgewandert. Döblin muss ein weiteres Mal alles Erarbeitete aufgeben. Erneut ist alles ungewiss.

Mich interessierte, wie es war, wenn man mitten drin war - damals, nicht aus heutiger Sicht. Denn auch wenn Christoph Petzolds Film Transit die Adaption eines Romans aus den 1940er Jahren ist, erfolgte diese Adaption doch erst jetzt und durch jemanden, der die Zeit damals nicht selber miterlebt hat. Das ist keine Wertung. Es zeigt nur auf, wie ich vorgehe, wenn ein Thema mein längerfristiges Interesse weckt, und ich anfange, mich näher damit zu befassen. Meist treffe ich dabei bald auf etwas, worüber ich mehr wissen möchte, und das gibt dann die Richtung für meine weiteren Nachforschungen an.

Ich erinnerte mich, während ich meine Notate über Transit schrieb, an Döblins Schicksalsreise, weil Döblin zu Kriegsbeginn ebenfalls als Deutscher in Frankreich weilte und vor dem Einmarsch der Deutschen zuerst in den Süden und von da aus nach Amerika flüchtete. Döblin verliess seine Frau und den jüngsten Sohn zwar nicht, wie Marie in Transit ihren Schriftstellergatten, aber sie traten die Flucht getrennt an und hatten anschliessend in den Wirren der Zeit grösste Schwierigkeiten, einander wiederzufinden. Über diese „Wirren der Zeit“ hoffte ich mehr zu erfahren, wenn ich die Schicksalsreise noch einmal las.

Döblin arbeitete seit Kriegsbeginn für das Pariser Informationsministerium an der Propaganda gegen Nazideutschland, steht im Anhang meines neugekauften Taschenbuchs unter dem Titel Daten zu Leben und Werk. Das erklärt zwar nicht, warum er Frau und Kind zwei Wochen vor seiner eigenen Abreise allein losschickte, aber immerhin seine Beziehung zu den „Behörden“, mit denen er selber nachzukommen gedachte: Er gehörte dazu. Jedenfalls gerade genug, um sich ihnen anzuschliessen zu können -

Die Behörden hatten Anweisung, Paris erst im letzten Moment zu verlassen. Nach Dünkirchen und dem Bombardement von Paris war es so weit. Döblin beschreibt anschaulich, wie im Ministeriumsviertel Lastwagen mit Kisten, Säcken und Papierbündeln beladen wurden. Für die Menschen stand am Güterbahnhof Port d’Ivry ein Zug bereit. Er fuhr bis Tours. Die „Behörden“ richteten sich dort ein, aber nach drei Tagen mussten sie ihre Schreibmaschinen und Kisten voller Papier erneut verladen. Immer mehr Flüchtlinge füllten die Stadt und Militär durchquerte sie. Niemand - jedenfalls niemand von der Zivilbevölkerung - wusste, wohin und zu welchem Zweck der Soldatenstrom unterwegs war. Für die Weiterreise wurde ein Lastwagen zur Verfügung gestellt. Einer von den mit Papier beladenen. Döblin spricht von etwa dreissig Personen, die mitfuhren. Es ist mehrmals von verschiedenen Dienststellen die Rede. Vermutlich waren die dreissig die Belegschaft einer dieser Dienststellen. Auf der Fahrt regnete es. Der Lastwagen hatte kein Verdeck.

Nächste Station war Moulin. Ein Knabengymnasium. Wieder wurde abgeladen und eingerichtet - aber diesmal für noch kürzere Zeit. Es musste irgendeine Nachricht eingetroffen sein. Noch am selben Abend wurde alles Papier verbrannt und einige höhergestellte Herren, die es sich leisten konnten, mieteten für sich und ihre Damen Autos und verabschiedeten sich ins Privatleben. Nichtsdestotrotz war die Dienststelle, man wusste nicht wie, seit der Ankunft in Moulin um ein Vielfaches angewachsen. Dabei durfte niemand hierbleiben! Alle mussten weiter, und so wurde denn der erwähnte Vieh-Zug organisiert. Die Fahrt ging bis Cahors und war die letzte Etappe der Evakuierung der „Behörden“ durch die Behörden. Am 25. Juni wurde der Waffenstillstand ausgerufen, Frankreich hatte kapituliert. Sämtliche weitere Flucht der Zivilbevölkerung war ab sofort untersagt, jede Evakuation musste eingestellt werden. Für Eisenbahnfahrten brauchte es eine Sondergenehmigung, Autofahrten waren wegen des Benzinmangels kaum möglich. Man sollte dort bleiben, wo man war, während sich die Behörden - oder das, was von ihnen zu jenem Zeitpunkt noch übrig war - nach Bordeaux und wenige Tage später nach Vichy verschoben. Vichy lag in der von Deutschland unbesetzten Zone und war am 1. Juli zur vorübergehenden französischen Hauptstadt ernannt worden. Das blieb so bis im August 1944.

309/7. Juli 2018 (Samstag)

Tag der offenen Tür im Béatrice von Wattenwyl-Haus. Ich habe schon einmal einen Tag der offenen Tür genutzt, um dieses schöne Haus, das sonst ganz dem Bundesrat vorbehalten ist, zu besichtigen, vor drei Jahren, am allerersten Wochenende, das ich in meiner Berner Wohnung verbrachte.

Mir hat es damals vor allem der Blick aus dem Fenster eines kleinen Salons im Parterre angetan. Man sah von dort auf die Dächer einer Reihe Häuser in der Matte. Nur gerade auf diese Ziegeldächer und darüber hinweg auf die Aare. Alles andere war vom Laub der Bäume verdeckt, so dass es einem ganz leicht fiel, sich in eine frühere Zeit zurückversetzt zu fühlen. Ich konnte mich kaum trennen von diesem Blick und bedauerte sehr, den Fotoapparat nicht mitgenommen zu haben.

Nichts Weiteres interessierte mich heute, als diesen einen Blick für immer festzuhalten! Und natürlich kam es, wie es kommen muss, wenn man so unvorsichtig ist, alles auf eine Karte zu setzen: Man wird enttäuscht. Meine Erinnerung hatte mir zwar nichts vorgegaukelt, es gab diesen Blick tatsächlich, doch diesmal war die Hälfte der Dächer eingerüstet und um das Foto zu machen, das mir vorschwebte, war der Zeitpunkt alles andere als geeignet.

Nicht jede derartige Enttäuschung lässt sich so leicht wegstecken wie dieses durch Baugerüste vereitelte Foto, aber das Béatrice von Wattenwyl-Haus ist so schön, dass es mich rasch darüber hinwegtröstete, und ich gleich damit begann, so viel wie möglich von seiner reizvollen Einrichtung zu fotografieren: die mit blau-goldenem Satin bezogenen Lehnstühle, das Himmelbett, das so weich aussah, dass ich mich am liebsten hineingelegt hätte, die zylinderförmigen weissen Kachelöfen, das Kästchen mit den geschwungenen Beinen, auf dem, golden gerahmt, das Porträt der ehemaligen Hausherrin stand, die Vitrine mit dem Porzellan, die wunderbar frischen Blumenarrangements in allen Abstufungen von Rosa, die fast jedes Beistelltischchen verschönten, den gelbblühenden Baum im Innenhof …

Ich knipste und knipste - bis mich irgendwann eine Aufseherin beinahe schüchtern ansprach, doch bitte das Blitzlicht nicht zu benutzen. Ich weiss nicht, wie lange sie mich schon beobachtet hatte - still leidend vor Besorgnis, wegen des Schadens, der den wertvollen Möbeln und Tapeten zugefügt wurde, durch das Blitzlichtgewitter, das ich veranstaltete. Was war ich nur für ein Trampel! Ich hatte zwar am Eingang freundlichen Bescheid bekommen, dass Fotografieren erlaubt sei - aber doch nicht so! Es ging ja nicht nur um das Blitzlicht, es ging auch um Masslosigkeit! In jedem anderen Museum war Fotografieren verboten. Hier war es erlaubt - aber nur weil etwas erlaubt ist, heisst noch lange nicht, dass man es bis zum Äussersten ausreizen darf! Im Gegenteil, gerade wenn etwas erlaubt ist, ist der eigene Anstand gefordert, und man hat ungeschriebene Gesetze zu befolgen. Zwei, drei diskret eingefangene Andenkenfotos wären in Ordnung gewesen, mein blindwütiges Herumgeknipse jedoch war respektlos. Mehr noch, es war rücksichtslos und gab Aufschluss über meinen wahren Charakter! Raffgierig und eigennützig war ich!

Ja - seit mich die Aufseherin auf meinen Fehler hingewiesen hatte, quälte mich das unumstössliche Gefühl, mir mit jedem Blick durch die Linse, mit jedem Drücken auf den Auslöser etwas zu nehmen, was mir nicht gehörte. Zwar liess ich mir nichts anmerken - nachdem ich mich entschuldigt und die Blitzklappe geschlossen hatte, machte ich im nächsten Raum weiter, als sei alles in bester Ordnung mit mir - aber das Gefühl, mir unrechtmässig etwas anzueignen, konnte ich mir nicht ausreden. Und dann ging wie zur Bestätigung mein Fotoapparat kaputt! Es schien eindeutig: Da ich selber nicht vernünftig genug war, mein schändliches Tun endlich einzustellen, musste ich von höherer Warte aus gebremst werden …

Doch vorher geschah noch etwas höchst Merkwürdiges! Mir war es nämlich plötzlich möglich, ohne Blitzlicht zu fotografieren. Unter normalen Umständen geht das nicht. Wenn ich in einem Innenraum vergesse, die Blitzklappe zu öffnen, erscheint ein Symbol, das mir den Mangel an Licht anzeigt. Beachte ich dieses Symbol nicht, wird das Bild unweigerlich verwackelt. Diesmal erschien das Symbol nicht, so dass ich gleichermassen erstaunt wie erfreut, alle Bedenken für einen kurzen Moment an den äussersten Rand meines Bewusstseins verbannte und nur noch die wunderbare Richelieustickerei auf dem Tischtuch vor mir sah, die ich unbedingt aufnehmen musste. Und den glitzernden Kronleuchter im Esszimmer … Aber dann war auf einmal fertig. Das Bild vor der Linse verschwamm, danach wurde alles weiss. Nichts ging mehr. Der Auslöser liess sich nicht mehr betätigen, das Objektiv nicht mehr einfahren, nicht einmal mehr abschalten konnte ich! Es bestand kein Zweifel: Ich hatte es geschafft, meinen Fotoapparat, der mir dreizehn Jahre lang treuste und beste Dienste geleistet hatte, mit meiner Masslosigkeit an einem einzigen Nachmittag kaputtzumachen! Mir blieb nichts, als mich geschlagen zu geben und nachhause zu gehen.

Natürlich war das Unsinn, und ein Teil von mir wusste das auch. Es war an diesem Nachmittag mehr als dreissig Grad heiss und der Apparat ganz einfach überhitzt. Zurück zuhause tastete ich meine Wohnung nach dem kühlsten Fleck ab - die Chromstahl-Arbeitsfläche in der Küche - und legte ihn dorthin, damit er auskühlen konnte. Zwei Stunden später war er wiederhergestellt, und die Fotos hatten auch überlebt.

Trotzdem - meine Fotografiererei hat etwas Manisches, das lässt sich nicht beschönigen. Ich brauche die Fotos als Gedächtnisstütze. Ich habe Angst davor, mich nicht genau genug erinnern zu können, wenn ich später über das, was ich mir angeschaut habe, schreiben muss. Und weil ich ja im Voraus nie sicher weiss, was vom Gesehenen ich brauchen werde, muss ich halt möglichst alles erfassen.

Mir ist klar, dass mein Vorgehen falsch ist. Anstatt wahllos zu knipsen, sollte ich anwesend sein. Mit allen meinen Sinnen aufnehmen, was ich sehe, nicht mit dem Fotoapparat. Meiner Phantasie vertrauen sollte ich, und die Sache ihren Lauf nehmen lassen.

Loslassen sollte ich. Jeder Schriftsteller würde mir das raten. Ich aber zerbreche mir zuhause am Schreibtisch den Kopf, weil ich mich an unwichtige Kleinigkeiten nicht erinnere und bekomme Migräne davon. Wenn ich dann ein Foto zur Hand habe, hilft mir das. Niemand will mehr leiden als nötig. Ich auch nicht.

310/8. Juli 2018 (Sonntag)

Neues von der Pfaffenhütchen-Front! Bei den meisten der kleinen Früchte hat sich noch nicht viel geändert. Sie werden, wie ich es beschrieben habe, ganz langsam immer röter. Doch es gab schon am vergangenen Mittwoch einige wenige, die bereits ganz rot waren. Nicht pink, es war ein mattes Dunkelrot, dem man, wie mir schien, das Grün noch ansah. Dass sie so bald aufspringen würden, erwartete ich deshalb nicht. Das sind sie aber! Aufgeplatzt an den feinen, dunklen, mit den Meridianen auf einem Globus vergleichbaren Linien!

Ich habe immer wieder betont, die Früchtchen seien kompakt und robust. Dieser Eindruck erklärt sich nun aus der Beschaffenheit der vier oder fünf Einzelteile, die durch das Aufplatzen sichtbar geworden sind: Das sind keine leicht zerbrechlichen, dünnen Schalen oder gar Blättchen, die man so mir nichts dir nichts mit zwei Fingern zerdrücken kann! Das sind mit einem grünlich-weissen, schaumgummiartigen Polstermaterial gefüllte, in sich geschlossene Schnitze, zwischen denen die knallorangen, etwa sieben Millimeter langen und nierenförmigen Samen während ihrer Entwicklungszeit gut geschützt sind. Sie sind knapp innerhalb des unteren Endes jeweils auf der rechten Seite mit einem weniger als haarfeinen Fädchen am Schnitz festgemacht.

Übrigens sehen die Schnitze, von diesem, ihrem unteren Ende her betrachtet - um beim Vergleich mit dem straff gestopften Stofftier zu bleiben - aus wie stilisierte Mäusegesichter.

307/5. Juli 2018 (Donnerstag)

Eine junge Frau macht an der Biennale in Venedig eine irritierende Erfahrung mit einem Kunstwerk. Sand wird mit immer wieder anderen Farben beleuchtet. In Wirklichkeit ist der Sand blau und die Wände des Raums, in dem er sich befindet, sind weiss. Durch die wechselnde, andersfarbige Beleuchtung ist sich der Betrachter dessen aber bald nicht mehr sicher, und diese Verunsicherung ist schwer zu ertragen. Die meisten Besucher verlassen den Raum deshalb rasch wieder, doch die junge Frau ist Kunststudentin und interessiert sich für derartige Phänomene. Sie hält die Irritation aus und macht eine nachhaltige Erfahrung. Diese Erfahrung will sie zusammen mit Erkenntnissen, die sie im Kontakt mit farbenblinden Menschen gewonnen hat, zum Thema ihrer Masterarbeit machen.

Der jungen Frau ist es gelungen, die Verunsicherung, die entsteht, wenn das Wissen um einen Umstand nicht mit der Wahrnehmung desselben Umstands übereinstimmt, künstlerisch umzusetzen. Ich habe das Resultat dieser Umsetzung an der Abschlussausstellung der Hochschule der Künste Bern gesehen. Und auch wie es zu diesem Resultat gekommen ist, denn die Umsetzung ist, da es sich um eine Masterarbeit handelt, umfassend dokumentiert.

An der Abschlussausstellung der Hochschule der Künste Bern sind sechsundvierzig Bachelor- und Masterarbeiten zu sehen. Ich ging von falschen Vorstellungen aus. Ich dachte, alle Arbeiten seien so wie das Beispiel der eingangs erwähnten jungen Frau. Das stimmte aber nicht. Beim grössten Teil lag das Resultat in der schriftlich festgehaltenen Vermittlung der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem gewählten Thema. Mir macht es nichts aus, wenn ich in einer Ausstellung lesen muss, aber hier ging es um siebzig Seiten starke Broschüren. Davon konnte ich nicht einmal eine einzige bewältigen. Ich geriet in Stress. Es war viel zu viel.

Der Stress kam daher, dass ich keine Ahnung hatte, wie ich es schaffen sollte, über diese Ausstellung zu schreiben. Wie sich diese Fülle in Worte fassen liess, wo sie sich doch überhaupt nicht fassen liess! Niemals würde ich einen Einstieg finden: Es gab keinen. Als ich das dachte, hatte ich ihn schon gefunden. Ich wusste es nur noch nicht.

Ich war keine Mutter, die hergekommen war, um sich die Abschlussarbeit ihrer Tochter oder ihres Sohnes anzuschauen, und ich war keine Berichterstatterin für eine Zeitung oder sonst ein Medium, die einem Publikum einen allgemeinen Eindruck der Ausstellung vermitteln musste. Ich war nur ich. Und die Fülle dieser Ausstellung, die Fülle, die jede einzelne der sechsundvierzig ausgestellten Arbeiten barg, überforderte mich. Ich stand ihr ratlos gegenüber.

Natürlich gibt es in einer solchen Situation immer die Möglichkeit auszuweichen. Ich hätte eine Rolle spielen können. Ich hätte so tun können, als sei ich eine Mutter, die sich nur gerade für eine Arbeit interessiert, nämlich für die ihrer Tochter. Ich hätte mir - pro forma - diese eine Arbeit auswählen, mich eingehend mit ihr beschäftigen und dann über sie schreiben können. Über den Rest hätte ich locker hinweggesehen. Oder ich hätte mir wie eine Journalistin Notizen machen und darüber nachdenken können, wie sich das, was ich sah, am besten vermitteln liess. So dass sich die Leser etwas darunter vorstellen konnten. Oder ich hätte einfach gehen können. Schulterzuckend, als wäre mir die ganze Sache gleichgültig. Aber dann hätte ich mir etwas vorgemacht. Und das wusste ich von Anfang an. Ich musste mich stellen, etwas anderes kam gar nicht infrage. Ich musste mich meiner Überforderung aussetzen, wie sich die junge Künstlerin an der Biennale in Venedig ihrer Irritation ausgesetzt hatte.

Es ging erstaunlich lange gut. Ich spazierte herum, blätterte in den grafisch exzellent gestalteten Dokumentationen. Schaute mir Fotoreihen von Versuchsanordnungen an, bunte Videos, die ich nicht verstand, Zeichnungen, Bilder, Plakate. Biss mich da und dort für ein Weilchen fest und liess wieder los. Doch dann, nach etwa anderthalb Stunden, war ganz plötzlich Schluss. Ich weiss nicht, was den Ausschlag gab. Es ging gegen zwölf, vielleicht war ich auch nur hungrig - jedenfalls hatte ich das Gefühl, es keinen Moment länger auszuhalten.

Ich bin keine Überfliegerin. Vom einen zum nächsten zu flattern und überall nur ein wenig zu nippen - das genügt mir nicht. Es ist gegen meine Natur. Wenn ich mich nicht in die Dinge vertiefen kann, werde ich unglücklich.

306/4. Juli 2018 (Mittwoch)

Die Früchtchen des Pfaffenhütchen-Strauchs werden rot. Es ist ein Wandel in kleinsten Schritten. Zelle für Zelle nimmt die neue Farbe überhand.

286/14. Juni 2018 (Donnerstag)

Aus den kompakten, robusten, hellgrünen kleinen Blüten des Pfaffenhütchen-Strauchs in der Rabatte vor dem Eingang zum Fahrradeinstellraum, sind während der vergangenen Wochen ebenso kompakte, robuste kleine Früchte geworden! Noch sind sie grün und hart - vom intensiven Rosarot und Orange, das sie dereinst annehmen werden, ist bisher nichts zu erahnen.

So wie sich die Hände jedes einzelnen Menschen von denen aller anderen in Form und Grösse unterscheiden - oder auch die Füsse, die Ohren, die Nase, die Brüste, der Penis - unterscheidet sich ein Früchtchen des Pfaffenhütchen-Strauchs vom anderen, und doch ist jedes von ihnen eindeutig als solches zu erkennen - wie jede menschliche Hand ja auch e

Werk

Eigenständige Veröffentlichungen

Veröffentlichungen in Anthologien

Auf dem Lande / Die Giesskanne im Garten der Nachbarin

Landverlag, Langnau i.E./CH2013 Anthologie

Danke, gut! / EinTag in meinem Leben

Kantonsspital Aarau (Herausgeber)2012 Anthologie

Veröffentlichungen in literarischen Zeitschriften

Brugger Neujahrsblätter 2012 / So war das mit dem Schreiben

Verlag Brugger Neujahrsblätter2011 Zeitschrift

sonstige Werke

Milena Moser über den Roman „Das schwarze Sofa":

„Lea ist eine junge Frau scheinbar ohne Probleme, ohne Zweifel. Sie hat sich das Leben zurechtgelegt, sie weiss, was sie will. Kindergärtnerin werden. Doch vom ersten Tag der Ausbildung an wird ihr klar, dass sie sich getäuscht hat. Leas Lebensplan, den sie so früh gefasst und auf den sie so lange gebaut hat, trägt nicht. Und in dieser Verunsicherung verliebt sie sich in einen ihrer Lehrer, eine Liebe, die nicht sein darf, und trotzdem ist. Diese feinen Haarrisse, die sich im Boden unter Leas Füssen bilden und ihn unaufhaltsam sprengen, beschreibt Regula Haus-Horlacher mit beinahe mikroskopischer Genauigkeit. Das schwarze Sofa ist ein subtiler Entwicklungsroman, der die erste Krise im Leben einer jungen Frau beschreibt. Es ist ein leises Drama, ein von aussen kaum sichtbarer Wirbel, der sich unter einer trügerisch glatten, harmlosen Oberfläche abspielt und gerade deshalb umso stärker wirkt."
 

Jurybericht des Aargauer Kuratoriums zur Beitragssprechung 2009 verfasst von Felicitas Hoppe:

„Leas Geschichte ist scheinbar so unspektakulär, wie sie erzählt wird. Erst auf den zweiten Blick öffnet sich unter der biografisch so linearen wie sprachlich sparsamen Erzählung in Regula Haus-Horlachers Romanmanuskript Das schwarze Sofa ein doppelter Boden. Leas Aufbruch aus dem Elternhaus in die klar abgesteckte Ausbildung und Zukunft wird konterkariert mit Kindheitserinnerungen, der Geschichte einer ersten und keineswegs unkomplizierten Liebe und ersten Versuchen, dem eigenen Leben Gestalt zu geben. Dabei setzt die Autorin Fuss vor Fuss, versucht weder erzählerisch aufzutrumpfen, noch literarisch auffallende Effekte zu setzen. Sie vertraut detailgenau auf die Realität, ohne sie jemals für bare Münze zu nehmen. Auf diese Weise schafft sie jenseits reiner Abbildungsprosa atmosphärische Dichte und macht neugierig auf den Fortgang einer Geschichte, deren grosser Reiz in ihrer vermeintlichen Banalität liegt."

Multimedia

Zuletzt durch Regula Horlacher aktualisiert: 17.08.2018

Literaturport ID: 1998