Rudolf Lorenzen

Steckbrief

geboren am: 5.2.1922
geboren in: Lübeck
lebt in: Berlin

Vita

Rudolf Lorenzen ist am 27. November 2013 in Berlin im Alter von 91 Jahren gestorben. Lorenzen war ein Schriftsteller von Rang, der trotz einer umfangreichen Produktion seit über 50 Jahren nicht in den Bestsellerlisten zu finden war. Er wurde am 5. Februar 1922 in Lübeck geboren und wuchs in Bremen auf. Dort besuchte er das Realgymnasium und absolvierte anschließend eine Ausbildung zum Schiffsmakler. Er war beim Arbeitsdienst und Soldat. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er Grafik und arbeitete anschließend in der bayerischen Provinz als Werbetexter.
     1955 las er bei der Autorin Annemarie Weber von Frauen, die aufgrund ihrer Berufstätigkeit keine heiratswilligen Männer fänden. Lorenzen fühlte sich angesprochen, und schrieb an die Autorin, um eine dieser Damen kennen zu lernen. Als Annemarie Weber ihm gestand, dass es keine dieser interviewten Frauen wirklich gebe – da die betreffenden Frauen keine Interviews geben wollten – und sie so nur eigene Erfahrungen berichtet habe, heiratete Lorenzen kurzerhand die bereits sehr erfolgreiche Journalistin. Das nicht ganz ohne Kalkül, denn so bekam er schnell das Zuzugsrecht nach Westberlin. Weber und Lorenzen führten eine offene Ehe, arbeiteten aber eng zusammen, und verschafften sich gegenseitig Schreibaufträge. Weber, die später selbst gefeierter Romanautorin wurde, animierte den Mitdreißiger Lorenzen dazu, auch einmal literarische Texte zu schreiben. Mit einem dieser ersten Texte, der Erzählung „Kein Soll mehr und kein Haben“, die damals unter dem Titel „Der junge Mohwinkel“ erschien, gewann Lorenzen 1957 überraschend einen großen Wettbewerb der „Süddeutschen Zeitung“.
    
Vom Preis animiert, arbeitete Lorenzen das Material zu der umfangreichen Romansatire „Alles andere als ein Held“ um, der 1959 bei Ullstein erschien. Das Jahr war ungünstig gewählt, denn der Erfolg der Grass’schen „Blechtrommel“ machte den Literaturbetrieb geradezu besoffen und ließ für andere große Bücher keinen Platz. Außerdem hatte Lorenzen zur Gruppe 47 ein distanziertes Verhältnis. Eine Berliner Buchhandlung, erinnerte sich Lorenzen, habe den Roman daraufhin sogar aus der Auslage entfernt, als die Gruppe in Berlin tagte. Die alten Nazis wiederum reagierten auf dem Roman empört. In den „Weser Nachrichten“ aus Bremen stand zu lesen: „Es ekelt mich an, dass der Name unserer Stadt für diese miserable, literarisch undiskutierbare Lebensschilderung eines jungen Deutschen unserer Zeit bemüht wird.“
     Zwar verkehrte Lorenzen mit Westberliner Bohemiens wie Robert Wolfgang Schnell, Günther Bruno Fuchs und andere Künstlern, doch blieb er über die Grenzen Westberlins hinaus zunächst unbekannt. Selbst als Sebastian Haffner verspätet, im Jahr 1962, in „konkret“ eine beigeisterte Rezension veröffentlichte, und Lorenzen als einen der besten lebenden deutschsprachigen Schriftsteller bezeichnete, half dies wenig, denn der Roman war bereits vergriffen, eine Neuauflage nicht in Sicht. Sein Roman „Die Beutelschneider“, ein Satire auf das Werbewesen, wurde kaum zur Kenntnis genommen.  Als der Rotbuch Verlag 1999 den sehr umfangreichen Roman „Cake Walk oder Eine katalanische Reise in die Anarchie“ publizierte, an dem Lorenzen über 10 Jahre lang gearbeitet hatte, war Lorenzen kaum noch bekannt.

Nichtsdestotrotz ging es ihm gut, er arbeitete sehr erfolgreich als Journalist. Geradezu legendär ist die Deutschlandkarte, auf der Lorenzen die Reichweiten der jeweiligen Regionalzeitungen abgesteckt hatte, um seine Erzählungen, Feuilletons und Reportagen gleich mehrfach verkaufen zu können. Seine Kolumne „Ein Boulevardier unterwegs“, die Mitte der Sechzigerjahre in der Zeitung „Der Abend“ erschien, machte ihn in der Stadt berühmt. Lange Jahre noch wurde er auf diese Glossen angesprochen. Er arbeitete ab 1969 intensiv für das Fernsehen. Für den Bayerischen Rundfunk verfasste der leidenschaftliche Tänzer und Plattensammler in den 80er Jahren eine „Geschichte der Unterhaltungsmusik 1800 bis 1950“. Eine etwas unglückliche Ausgabe einer Geschichte der Berliner Gartenkonzerte erschien unter dem Titel „Possen, Piefke und Posaunen“ im Jahr 1987.
     „Alles andere als ein Held“ erschien zu seinem 80. Geburtstag noch einmal und wurde diesmal begeistert gefeiert. Gerade die Nüchternheit, mit der Lorenzen die Mitläufer im Dritten Reich und ihre Erfolgsmöglichkeiten im Wirtschaftswunderdeutschland beschreibt, wurde gelobt, die FAZ nannte Lorenzen „einen Erzähler von europäischem Rang“. Seine schonungslose Darstellung der Wehrmachtsverbrechen, seine unpathetische Schilderung der russischen Gefangenschaft wurden nun, da die meisten Wehrmachtsangehörigen tot waren, lobend hervorgehoben. Allerdings erkannten nicht alle Rezensenten den Satiriker Lorenzen, sondern erblickten nur den realistischen Schriftsteller, der sich in seinen Romanen weigert, vordergründig pädagogisch zu wirken und stattdessen unmoralische Verhaltensweisen und das Grauen für sich sprechen lässt. Die Neuausgabe von „Alles andere als ein Held“ schaffte es 2002 auf die SWR-Bestenliste und lief sehr gut. Doch nach zwei Hardcoverauflagen und einer Taschenbuchausgabe und mehreren Lizenzverkäufen ins benachbarte Ausland verschwand das Buch unerklärlicherweise wieder vom deutschen Markt.
     Lorenzen ließ sich davon nicht beeindrucken. Seit 2007 läuft eine Werkausgabe mit seinen Werken. Einen fünften Roman hat er in seinem 86. Lebensjahr abgeschlossen.

Würdigung

„Ja, da gab es ein Buch, es hieß ‚Alles andere als ein Held’. Von Rudolf Lorenzen. Darin wird das erste Kriegsjahr beschrieben, und die Sprache, die war so authentisch, so anders, dass ich dachte: So müsste man schreiben.“
Walter Kempowski in Cicero (April 2007) auf die Frage nach Vorbildern für seinen Stil.

Literaturport ID: 431