Walle Sayer

Steckbrief

geboren am: 13.9.1960
geboren in: Bierlingen (Kreis Tübingen), Baden-Württemberg
lebt in: Horb am Neckar, Dettingen

Kontakt: Diessener Straße 5, 72160 Horb am Neckar

Telefon: 07482-357

Vita

STIMULANZIEN 

Ein Fenster, das unsignierte Jahreszeiten rahmt.
Die tote Maus, die morgens vor der Haustür liegt.
Abgestandenes Gesöff aus Wahlbier, Meßwein, Siegersekt.
Der Kinderblick, der einstmals Zirkuswägen nachsah.
In eine unreife Mostbirne beißen. 
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Walle Sayer, geboren 1960.Kindheit und Jugend im Schatten des 1478 erbauten und 62 Meter hohen Bierlinger Kirchturmes. Mit Siebzehn schlitterte er nach der Schule in eine Bankkaufmannlehre. Entkam in ein Kindergartenpraktikum und leistete seinen Zivildienst ab. Gab Deutschkurse und Hausaufgabenhilfe  in der damaligen Sammelunterkunft für Asylbewerber in Horb. Verband Leben und Arbeit durch „zwölf Kneipensemester“ (1985 – 1991) in einer selbstverwalteten Kulturgaststätte in Horb-Nordstetten.Und arbeitete danach zwei Jahre als Nachtbereitschaft im "Refugium", einem Altersheim in Horb-Dettingen.

Seit 1992 lebt er als Autor, Hausmann und Aushilfskellner mit seiner Familie in Horb-Dettingen.
Er ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und im Deutschen P.E.N


"Dieser im Schwäbischen beheimatete, katzenleise daherkommende Menschenfreund hat sich im Ländlichen zu einem Meister des Minutiösen gemausert. Querweltein gratwandernd zwischen Verinnen und Entrinnen und noch dem Kleinsten zugewandt, erkennt er in ihm die Wunder alles Lebendigen: Feinheiten, die uns fortan freuen, wenn Pfützen den Himmel anhimmeln, Schnecke und Zeit einander bändigen, wir wieder um ein Ja und ein Nein gealtert sind."
Richard Pietraß

"In Walle Sayers Gedichten begegnen wir einer Welt, die noch in ihrer Erdenschwere etwas Lichtes und Schwebendes besitzt, und die für Augenblicke von allem Werkeln und Machen erlöst ist. Mitten am hellichten Tag darf sie von sich selbst ausruhen und zu einem Stillstand gelangen, bei dem uns nur die leise Frage umtreibt, ob nicht viel mehr die Dinge uns als wir die Dinge ansehen. Als sei der chinesische Dichter Po Chü-I nach einer über tausendjährigen Reise in den waldigen Bergen und Ebenen des Neckartales angelangt, machen diese Verse das, was immer schon offen zutage liegt, sichtbar."
Karl-Heinz Ott

Würdigung

1989, Vera-Piller-Poesiepreis
1994, Thaddäus-Troll-Preis
1995, Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg
1996, Literaturstipendium des Landes Baden-Württemberg
1997, Förderpreis zum Hölderlinpreis der Stadt Bad-Homburg
1999, Förderpreis der Hermann-Lenz-Stiftung
2003, Amsterdam-Stipendium der Stiftung Kulturaustausch-Niederlande/Deutschland
2005, Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg
2006, Aufenthaltsstipendium des Landes Schleswig-Holstein im Kloster Cismar
2009, Ludwig-Uhland-Förderpreis



Wo Sprache Berührung istMiniaturen von Walle Sayer.Manchmal die Aufzählung knapper und einfacher Sätze, manchmal ein in Nebensätzensich windender Satz, bis die angeschauten und wahrgenommenen Dinge - auch dieMenschen - auf den Punkt gebracht sind, wo sie erneut ihrer Einsamkeit gehören, ihrerStille, ihrem Schweigen, ihrer Trauer, ihrer Schönheit. Dies ist der ureigene Ort vonWalle Sayers Erzählen, genau dort, wo sich Sinnliches in einem wortwörtlichSinnhaften sedimentiert hat, wo Sprache Berührung ist.Walle Sayers Miniaturen zeugen von einer Arte Povera, die ihre Schätze sorgsam ausden Alltagsverschüttungen der Redewendungen, aus dem im unzählige Male Gehörten,Verschwiegenen und fast Vergessenen birgt und scheinbar ohne großes Zutun vor unshinstellt. Ein bisschen poliert mit zarter Ironie, in Hauchspuren von Glück undSchmerz, mit leisen Irritationen, die das Lesen auf sich selbst zurückwirft: als eineKunst des Ver-Lesens, des Absetzens, des Schweifens. Kein linearer Erzählstrang,keine Handlung, keine Bedeutungshierarchie strukturiert Sayers Prosa, vielmehrdeuten sich Geschichten an als Geschichtetsein, als "Zusammenkunft" all jener HauptundNebensächlichkeiten in einem Jetzt, dem die Möglichkeiten manchmal diestärkeren Wirklichkeiten sind.Gerade die kaum spürbaren Implosionen der Zeit rechtfertigen es, dass hier in einemgrundlegenden Sinne von Idyllen gesprochen werden kann, denn es ist derPhantomschmerz des Abwesenden in uns, der angesichts des Erinnerten undErwarteten die Schattenräume unseres Selbst durchzieht. "Wackelgerüste, die in sichzusammenfallen, und alle Wackelgerüste, die nicht in sich zusammenfallen", sagt einer,das "täte ihn im Allgemeinen interessieren". Walle Sayer besitzt die Geduld, noch dasUnscheinbarste genau zu beobachten, um das so Auf- und Zugefallene in die Wörterheimzubringen. Nun sind Texte aus 25 Jahren Schreib- und Schweigarbeit versammeltund warten in aller Seelenruhe auf uns Leser: Preziosen der Abseitigkeit.- Walle Sayer: Zusammenkunft. Ein Erzählgeflecht. Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen2011. 190 Seiten.Autor: Andreas Kohm

Literaturport ID: 1505