Am Kap des guten Abends

Lutz Seiler

Fotos: Peter Walther


Ländliche Wirtschaft

Das Haus, in dem ich seit beinah zehn Jahren wohne, steht am Westrand der Ortschaft Wilhelmshorst. Auf Höhe des Hauses beginnt der Wald, der Garten reicht in den Wald hinein und wird vom Wald umschlossen. Gäste, die vom Haus aus die Terrasse betreten, sagen: „Ach, hier gibt es nicht einmal einen Zaun.“ Der Zaun steht im Wald, unsichtbar. Wer von Norden die schmale Pflasterstraße herunterkommt, hat das Gefühl, direkt auf das Haus zuzufahren, dann ändert der Weg seine Richtung. Anfangs hatte ich es nicht bemerkt: das Grundstück liegt in einer Senke. Hier hält sich der Schnee, wenn es taut, so lange, daß man nicht mehr glaubt, es könne sich um Schnee handeln, und sich vergewissern möchte. 



Peter-Huchel-Haus
Hubertusweg 41
14552 Michendorf / OT Wilhelmshorst

Tel.: 033205 · 62963

Öffnungszeiten
Sonntags
10:00 - 13:00
14:00 - 17:00
und nach Vereinbarung

Jeden Morgen vor der Arbeit gehe ich ums Haus. Ich starre eine Kiefernrinde an oder das Gras, ich stehe in der Garage oder ich schaue von hinten, vom Waldrand her, auf das Haus und bin abwesend. Mit seinem spitzen Dach und seiner quadratischen Grundfläche gleicht es einer Pyramide. Die Kiefern überragen und überwachsen das Haus. Bei Wind schlagen die Äste aufs Dach, unter dem ich schlafe und erinnern daran, daß es längst Zeit gewesen wäre, den Wald zurückzuschneiden. Die Kiefern bilden ein Gewölbe, von dem man annimmt, daß es sich nachts schließt über dem Haus. Francis Ponge nennt den Kiefernwald eine Totholzfabrik. Die an den hoch aufstrebenden Bäumen absterbenden Äste werden abgestoßen und liegen wie dunkle Gliedmaßen überall im Garten verstreut. Ich sammle sie auf und werfe sie auf einen Haufen in der Ecke unseres Waldstücks. Lange war das die ganze Gartenarbeit.

Vor einiger Zeit durchschlug eine der im Sturm abgebrochenen Gliedmaße das Dach des Fahrradschuppens, der neben dem Schreibschuppen liegt. Im Schreibschuppen sind Dinge gesammelt, die im Haus keinen Platz finden: Bücher, ein Koffer mit Briefen, Photos, abgelegtes Spielzeug, ein Terrarium mit zwei vertrockneten Blindschleichen und einiges mehr, auch ein Schreibtisch. Im Regal: Manuskripte und aus vor mir selbst nie geklärten Gründen aufbewahrten Vorlesungsmitschriften wie „Geschichte der Indus-Kultur“ oder „Geschichte der deutschen Italienkreuzzüge“. Ab und zu stehe ich in diesem Schuppen und schaue mir etwas an, aber mehr wie von fern, wie ich vom Waldrand her das Haus ansehe oder die Rinde. 

Nachbar des Schreibschuppens ist der älteste der drei Schuppen, der Urschuppen, die anderen sind Anbauten aus späterer Zeit. Der Dichter Huchel benutzte ihn als Katzenquartier, für Werkzeug und für Teile seines Sinn-und-Form-Archivs, Korrespondenz und eingesandte Manuskripte. Die Katzenklappe in der Schuppentür ist herausgebrochen. Bis auf Reste verschwand das Archiv nach dem Tod Erich Arendts, der nach Huchel im Hubertusweg wohnte. Der Dichter Arendt soll Huchels Werkzeugschuppen nie betreten haben. Er war kein Mann des Werkzeugs und, anders als Huchel, nicht verbunden mit der Vorstellung, in einer ländlichen Wirtschaft zu hausen, sei es auch nur, um eine Nähe zu halten zu den dörflichen Materialien und Verrichtungen, von denen das Schreiben in der Erinnerung ausgegangen war. Einen „Hof des Gedächtnisses, daselbst Himmel, Erde und Meer gegenwärtig sind“, hatte Huchel mit Augustinus in einer Rundfunk-Selbstanzeige von 1932 für sich reklamiert. Daß daraus ein märkischer Hof geworden sei, mache ihn nicht weniger weit und grenzenlos, schrieb Huchel 1963 in einem Dankbrief an die Westberliner Akademie, die ihm den Fontanepreis verliehen hatte. Auch andere wie Faulkner, Heaney oder Les Murray sind später auf das Land gezogen, das ihr Schreiben bereits bewirtschaftet hatte. Als Peter Huchel zu Beginn der fünfziger Jahre Haus und Garten im Hubertusweg erwarb, war die landnam lange abgeschlossen, eine Heiligung des Landes, die nach Joseph Campbell darin besteht, daß man in den Gestalten der örtlichen Landschaft die mythischen Bilder erkennt. Bertolt Brecht, der bei diesem Kauf als Immobilienexperte auftrat, riet, für das Anwesen nicht mehr als 6000 Mark zu bezahlen. Der Kaufpreis betrug schließlich das Vierfache.


good evening kap

„good evening kap“ steht als erstes Gedicht in meinem ersten Gedichtband, der 1995 erschienen ist. Zwei Jahre zuvor war ich von Berlin nach Wilhelmshorst gezogen, zunächst in ein Haus am Ortsrand. Der Sandboden auf den Wegen und die Kiefern rundum bedeuteten für mich „Norden“. Wenn wir früher in den Ferien von Thüringen an die Ostsee fuhren, begann für uns in dieser Gegend die Küste, dahinter lag das Meer.

Wie ein Eingangsbild meines neuen Wohnens erschien mir „Cape Cod Evening“ von Edward Hopper, das nach unserem Umzug eine zeitlang als Postkarte über meinem Schreibtisch hing. Das Bild, 1939 entstanden, zeigt einen Mann, sitzend auf den Stufen zum Haus, daneben lehnt eine Frau an der Wand. Ein Hund im halbhohen, gebräunten Waldgras schaut aus nach etwas, das der Mann vielleicht geworfen hat oder noch zu werfen beabsichtigt – die Geste, die der Mann mit der Hand macht, ist nicht eindeutig, vielleicht berührt er auch nur die Spitzen des Waldgrases, während die Frau, ihr Kleid in der Farbe des Waldes, den Hund beobachtet. Der Wald erinnerte nicht an den märkischen Wald, aber das Bild erinnerte mich an mein neues Wohnen, an eine Art von entspannter Abwesenheit, die ich sah bei dem Mann und der Art, wie er seine Hand ausstreckte.

Das aufmerksam-zerstreute Hinschauen, aus dem Gedichte entstehen, machte aus „Cape Cod“ ein „Cape Good“ und daraus wurde „Good Evening Kap“, der Titel zum ersten Gedicht, das ich „draußen“ in Wilhelmshorst schrieb.


Der Schreibschuppen


Zu viele Stimmen

„Bei Huchel eingebrochen“, schrieb ich am 8. Oktober 1995 in mein Notizbuch. Es gab Schwierigkeiten mit der örtlichen Wohnungsverwaltung, die in ein paar ärmlichen Baracken am Rande von Beelitz hauste und sich geweigert hatte, die Schlüssel für das Haus herauszugeben. Neben dem Haus lag eine Riffelstahlplatte im Sand. Unter dieser befand sich ein Kohlebunker, über den wir in den Keller gelangten und von dort in ein Badezimmer mit geblümten Fliesen. In der Wanne des Kellerbades lag ein toter Marder, mit Kohlenstaub überzogen. Monica Huchel, die diesen Einbruch aus der Ferne angeregt und legitimiert hatte, erklärte später am Telephon, wie der Nationalkessel im Heizungskeller funktionierte. Ein gußeisernes Wunderwerk, das nicht nur Kohle benötigte, auch Koks, für den man in den fünfziger Jahren die Kohlenträger bestechen mußte. Dann wurden bei Dunkelheit am Tor Schwarzlieferungen abgekippt oder zum Kohlefenster getragen, „sie schütten aus schmutzigen Körben / die schwarze kantige Trauer / der Erde in meinen Keller.“ Huchel nannte Verse wie diese „Gelegenheitsgedichte“ im goetheschen Sinne. Er bezog sich auf die Dinge, die ihn umgaben. Das waren Dinge des Hauses, des Gartens, das Tägliche und vor allem Landschaft. Ohne Zweifel gehen die Gedichte weit über das Sichtbare und Konkrete hinaus, für den Autor bleibt wichtig, daß sie darin „Grund und Boden“ haben.

Bevor wir von innen die Tür aufbrachen, wanderte ich eine Weile durch das verschlossene Haus. Das Bad entsprach der früheren Waschküche, zugleich Waschraum für das „Mädchen“, die Hausangestellte, die bis 1957 in einer Kammer zwischen Küche und Eßzimmer wohnte. Über ein Rohr wurde das Abwasser aus dem Keller nach draußen zwischen die Tannen gepumpt. Die Kellertreppe hinauf gelangte man in die Küche, von dort über einen kleinen Vorflur ins Vestibül, wie Monica Huchel den Treppenflur nannte. Vom Vestibül gingen Türen ins Eßzimmer und ins Redaktionszimmer, von der Mitte des Raums bog sich die große, dunkel gebeizte Treppe nach oben. Im Vestibül hatte das „Klassikerregal“ gestanden, vor dem Huchel sich photographieren ließ. Auf dem Photo erkennt man die Ausgaben der Werke Tschechows, Schillers und Hauptmanns, darüber ein Brockhaus mit Löchern in den Buchrücken, an  seinem vorherigen Berliner Standort war er von Granatsplittern getroffen worden.

Im Haus schien es kälter zu sein als draußen, der Atem kondensierte. Ich war mir sicher, daß in diesem Haus zu viele Stimmen aufkreuzen würden. Zu viele jedenfalls für einen, der selbst vor sich hin, in den Raum spricht beim Schreiben. Dem Klang meiner Schritte durch die leeren Räume folgend, glaubte ich, man müsse eher leise gehen und sprechen. Als reiche schon der Widerhall über dem auf die Dielen genagelten Linoleum, die Stimmen der früheren Bewohner zu lockern in den Wänden. Aber das war es nicht, was ich bei diesem ersten Rundgang in mein Notizbuch schrieb. Dort steht: Heizung erneuern, Türen aufarbeiten, Elektrik, Fenster usw. 


Garten des Huchel-Hauses


Im Kieferngewölbe

Der Garten, im Grunde eine mit Waldgras bewachsene Lichtung, hoch umstanden und halb überdacht vom Kieferngewölbe, besitzt eine Besonderheit, die für uns erst im Frühling, als wir bereits ein halbes Jahr im Haus am Hubertusweg wohnten, sichtbar wurde: Im hinteren, zum Wald gelegenen Drittel wuchsen mit dem frischen, aufrechten Gras geometrische Grundrisse aus dem Boden. Kleinere und größere quadratische Einheiten und solche, die auf einer Seite durch einen Halbkreis geschlossen waren. Vom Haus aus gesehen, schwebten diese Umrisse an den vom Wind leicht bewegten hellgrünen Spitzen des frischen Waldgrases über dem Boden. Der Gedanke an eine überwachsene, aufgegebene, nur noch in der Zeichnung der Pflanzen überlieferte Grabanlage, wie wir sie im Nachbardorf gesehen hatten, verstärkte sich beim Spazierengehen durch die Grundrisse der Gräser. Unter den Sohlen meinte man im weichen Waldboden die härteren Einfassungen von Gruften zu spüren. Auch als ich mit dem Spaten daran ging und einige im märkischen Format gebrannte Kantensteine freigelegt hatte, fand ich mich noch nicht bereit, anzuerkennen, was nun nicht mehr zu ignorieren war. Meine Archäologie hatte nicht Gräber, sondern Beete aus der Vorkriegszeit zu Tage gefördert. Ich tröstete mich damit, daß die äußerliche Nähe eingefaßter Beete und Grabstellen schon T. S. Eliot empfunden haben mußte, als er in „Waste land“ fragen läßt, ob die Leiche schon ausgetrieben hätte, die im Vorjahr ins Beet gesetzt worden war: „Will it bloom this year?“ Etwas von dieser Frage blieb trotz Aufklärung schweben in den von den Gräsern überlieferten Grundrissen. Seitdem jedenfalls ist dieses hintere Drittel im Garten für mich ein Ort, wie Eliot ihn gemeint haben mag mit „Burial of the Dead“. Wie manche vielleicht Friedhöfe aufsuchen, um zu meditieren, einzukehren oder eine Verbindung herzustellen zur Vorzeit oder nur, um etwas Ruhe zu haben, spaziere ich, wann immer mir danach ist, zwischen den Grundrissen umher. Manchmal hocke ich mich in eines der weich überwachsenen Quadrate und schau nach oben in die Urwaldkronen dieser Kiefernbucht. Als wäre ich selbst an dieser Stelle ausgetrieben und hätte eine Verbindung in die Tiefe wie das Gras, das mir dann bis an die Ohren reicht. Niemand kann mich dabei sehen, die Lichtung ist nach allen Seiten verschlossen.


Segelflugplatz in Saarmund


Die Lichtung

Die Lichtung ist ein Raum: der Tiere, der Geräusche, der Verlangsamung, eine Behausung unter freiem Himmel. Geräusche kommen von den beiden Bahnlinien, die den Ort durchziehen. Nachts hört man das Schlagen der Gleise auf den Schwellen und das Klirren der Güterwaggons. Am Morgen der Terror der Vögel in den Bäumen. Zwischen den Kieferkronen unter dem Dachstein hört man die Flügelschläge der Tauben. Vormittags, im Ausdampfen der Erde, kommen Stimmen aus den Moränen: spacke Typen, die mit den durchgebissnen Gummibällen ihrer Schäferhunde Fußball spielen. 10 Uhr: Ein arbeitsloser Nachbar beginnt Holz zu machen, das dumpfe Dröhnen seines Hackstocks pflanzt sich fort bis unter das Haus. Dann die Geräusche vom Tennisplatz, der einige hundert Meter entfernt hinter einem Waldstück liegt. Die Aufschläge, kurze Schreie, die angenehmen Plops beim Ballwechsel. Zu jeder Zeit an jedem Tag: das Singen einer Kreissäge, rhythmisch, kurz, Feuerholz wird auf Ofenlänge geschnitten. Neben der Hundehaltung ist das eine Lieblingsbeschäftigung der Leute hier. Kaum einer, der neben Gas- oder Ölheizung nicht noch seinen alten Ofen hat, der Sparsamkeit halber und vor allem: wer weiß, was kommt. Vertraut: das lange, langsame Brummen, bis über den Baumspitzen eines der kleinen einmotorigen Flugzeuge auftaucht, die bei klarem Wetter vom nahegelegenem Feldflugplatz Segelflieger in die Luft schleppen. Vom „Segelfliegerberg“ bei Saarmund, eine kahlköpfige Endmoräne, können die Mutigen auch nach ältestem Vorbild starten, indem sie sich den Berg hinunterstürzen. Als es in den achtziger Jahren einem dieser Lilienthal-Piloten gelungen war, bis ins zwanzig Kilometer entfernte Westberlin zu segeln, wurde die Moräne gesperrt. Auch neben meinem Heimatdorf gab es einen Feldflughafen. „Unsere Luftwaffe“, hatte mein Großvater mit seiner Flak-Erfahrung gewitzelt und dabei mit der Sense beim Heumachen gen Himmel gedeutet, wenn eine der alten Propellermaschinen über den Feldern kreiste, um junge Leute abzuwerfen, die „zur Verteidigung des Friedens“ das Fallschirmspringen einübten.


Birkenweg hinter dem Huchel-Haus


Villa Hoeft, Locken-Jonny und Arendts Birkenweg

Am Ende des Frühlings, wenn das Waldgras zu altern beginnt und es sich neigt und verbindet zu Wellen, die braun werden in der Sonne, verschwinden die Umrisse meiner Toten-Beete. Ihre Anlage geht zurück auf die Anfangszeit: „Villa Hoeft“ und das Baujahr 1923 stehen auf einer kleinen Marmorplatte links vom Eingang des Hauses. 1984 starb der Dichter Arendt in einem der kleineren oberen Zimmer, das früher Kinderzimmer war, dann Arbeitszimmer und Sterbezimmer, jetzt dient es wieder als Kinderzimmer. Bei der Renovierung nach seinem Tod verschwand das marode Schönbrunner Gelb der Fassade, die an der Rückseite mit Wein bewachsen war, die Marmorplatte des Erbauers geriet unter Putz. Von Dr. Bernhard Hoeft, dessen Todesjahr mit 1945 angegeben wird, ist wenig bekannt, unklar bleiben auch die Umstände seines Todes. Er war in Berlin akademischer Lehrer und schrieb Romane mit Titeln wie „Es ging ein Sämann“ oder „Väter und Söhne“. Als Rektor a.D. widmete er sich ganz seiner Leidenschaft namens Leopold von Ranke. Der Nachlaß Hoefts im Geheimen Staatsarchiv Berlin umfaßt mehrere Kisten, gefüllt mit Tausenden von handgeschriebenen Seiten, allesamt Kopien von Sitzungsprotokollen, Promotionsverhandlungen und Briefen, in denen Ranke eine Rolle spielte oder sich äußerte: „Auch über die Magna Charta gab der Cd. gute Auskunft; minder genügten seine Antworten über die englische Revolution ...“ – einen Moment schien die für den 25. Februar 1847 angesetzte Promotion des Candidaten Theodor Neumann aus Görlitz gefährdet, aber Dr. Leopoldo und die Fakultät zeigten sich gnädig. Eine der Kisten enthält Abschriften von Briefen an Frau Klara Ranke, den Verlag Hoffmann und Campe und an König Friedrich Wilhelm IV., dem Ranke „in tiefster Devotion“ den dritten Band seiner „Französischen Geschichte“ überreicht. Bis auf wenige kleine, am Rand vermerkte Ausrufungszeichen und ein undurchschaubares System von Bleistift-Kreuzchen bleibt Hoeft in seinen Exzerpten unsichtbar. Seine Handschrift ist diszipliniert, gedrängt und regelmäßig. Die Abschreibexzesse in Sachen Ranke waren jedoch nicht ohne Folgen für Dr. Hoefts eigenen Stil. Mit einem graziösen „Es war eigentlich nicht zu verwundern, daß ...“ hebt das letzte der Bücher Bernhard Hoefts über „Rankes Berufung nach München“ an, es erschien 1940. 1945 marschiert die Roten Armee mit zwei Panzern, je einem von jeder Seite, in Wilhelmshorst ein. Der Milchladen Willmann erhält einen Treffer und muß abgerissen werden. Auf dem Goetheplatz im Zentrum des Ortes richtet die Siegermacht ein Munitionslager ein. Das spätere Huchel-Haus, die vergleichsweise abgelegene „Villa Hoeft“, wird Kommandantura. Hoefts Spur verliert sich in diesem Moment. Auch seine Tochter kann keine Auskunft geben über den Verbleib des Vaters, ihre Mutter habe nie darüber gesprochen, auch nicht darüber, warum das Haus wenig später versteigert wurde und in den Besitz der Kreissparkasse kam. Nach dem Einzug der Besatzer verbringt die damals Fünfzehnjährige einige Tage unter dem Kaninchenstall des Nachbarhauses. Der russische Kommandant, Locken-Jonny oder „Syphilis für alle“ genannt, durchstreift den hinter dem Haus gelegenen Kiefernwald auf der Suche nach versteckten Frauen.          

Noch heute zieht sich quer durch diesen Wald der sogenannte Birkenweg, eine schmale, kerzengerade Chaussee von Birken mitten im Kiefernmeer – das war der Lieblingsweg Erich Arendts, dem Huchel nach seiner Ausreise in den Westen Haus und Garten im Hubertusweg anvertraut hatte. Arendts Liebesgedicht „Der Hohlraum“ geht durch den Birkenweg: „Oft denke ich / ich habe dich erfunden / um besser in den Morgen / sterben zu können // Du wie meines täglichen Birkenwegs / grünes Hell / aber bist / wirklich…“ Wer den inzwischen angelegten und vielfach beschilderten Wanderweg „Rund um Wilhelmshorst“ zurücklegt, stößt unweigerlich auf Arendts Birkenweg.


Viertel nach acht
          
Vielleicht hat der Rankeforscher Bernhard Hoeft auch die Entwürfe zur Anlage seines Hauses geliefert. Dann bliebe „eigentlich nicht zu verwundern“, daß Innen und Außen, ebenso die einzelnen Räume untereinander, nicht recht zusammenfinden. Für zusätzliche Verwirrung sorgen ein paar dünne Wände, die nach der Kommandantura-Zeit eingezogen wurden, um Räume zu gewinnen für die Unterbringung von Umsiedlern. Jedes Zimmer ist verwinkelt, voller Ecken und Alkoven. Eine tragende Wand läuft auf ein Fenster zu, biegt im letzten Moment ab, und eine Nische entsteht, in der zu Huchels Zeit das Radio seinen Platz fand. Davor zwei Sessel und ein kleiner Tisch, dessen Platte aus Keramikkacheln bestand. Dort vor dem Radio, in der oberen Etage, traf Huchel seine Gäste nach dem Essen zu Cognac und Kaffee. Eine Art Raucherzimmer, obwohl in diesem Haus ständig und ortsungebunden geraucht wurde. Zigaretten mußten vorhanden sein, wenn sie doch einmal ausgingen, fuhr eines der Kinder mit dem Zug durch den Wald nach Wannsee und kaufte eine neue Stange der Marke „Golddollar“. Die Aufnahmen des Photographen Roger Melis haben den Radioplatz und seine Gäste überliefert: Huchel mit Böll, Huchel mit Frisch, Huchel mit Kundera usw. In der Zimmerdecke und im Telephon hatte Huchel später „Wanzen“ vermutet. Um das Abhören zu erschweren, wurde das Radio angestellt bei den Gesprächen.  

„Heut denk ich an die Toten meines Hauses.“ So beginnt eine wundersame Elegie von Octavio Paz, die von den Toten, aber auch von der Zeit, die abläuft, erzählt:

    Zwischen Tür und Tod ist wenig Abstand
    und kaum bleibt noch die Zeit, sich hinzusetzen,
    den Kopf zu heben, nach der Uhr,
    und festzustellen: Viertel nach acht.


Die Zeugenschaft der aus der Vorzeit überlieferten Dinge und des Hauses selbst kann zwiespältig sein. Wer möchte schon ständig an seine Vergänglichkeit erinnnert werden oder daran denken, daß die gegebene Zeit in jedem Moment abgelaufen sein kann: „Viertel nach acht.“ Vielleicht, wer Gedichte schreibt, wie ein Blick auf die Geschichte des Genres vermuten läßt. In einem Haus, das selbst eine Art Ahnentempel der Literatur geworden ist, spricht man mit Toten, deren Werk bereits eine Verwicklung in dieses Gespräch darstellt. Das führt zu seltsamen Interferenzen. Im Gedicht heißt es:  

    Ihr Schweigen ist der Spiegel meines Lebens,
    in meinem Leben setzt sich fort ihr Sterben:
    ich bin der letzte Irrtum ihres Irrens.


Der „letzte Irrtum“? Sollte darin eine Art Trost begründet sein? Am Ende möchte man vielleicht das „Zeitliche segnen“, im Sinne des Wortes und vielleicht als der „Letzte“. Aber plötzlich ist es „Viertel nach acht“, und die Tür wird geschlossen. Und das Fest tobt weiter im anderen Zimmer.


Huchel Findling





Goetheplatz in Wilhelmshorst


Dämmerungsschaltung

„Warum, Antäus, dieser Ort, den ganzen Tag / durch Astgabeln zu sprechen?“ beginnt ein Gedicht über das Wohnen im Kieferngewölbe. Seit der Rekonstruktion ist das Dach mit einer Reihe von Fenstern durchbrochen. Darunter stehen die Arbeitstische, man sitzt im oberen Drittel des Waldes.
Die Bewegung der Baumkronen vor Augen erzeugt einen Schwindel, und das Haus beginnt zu schwanken. Bei Sturm knackt es bedrohlich in den Verbindungen der Hölzer, man sagt: der Dachstuhl dreht sich ein. Bei Regen sitze ich hier wie in einem Zelt, ein geschlossener Ort und alles noch einmal umschlossen im Rauschen. In den Eichen, die nach vorn zur Straße stehen, ist der Regen lauter als in den Kiefern, die Kiefern halten still im Regen. Im Sommer, bei klarem Wetter, wechseln fließend die Zustände des Lichts im Geäst. Die Beleuchtung der ausblätternden Rinden, Palimpseste, die alles übersteigen und um die sich jeden Tag langsam die Sonne dreht. Am Abend färben sich die Lichtseiten der Bäume mit einem dunklen Gelb, wie es in den Bildern von Bonnard vorkommt. Später röten sich die Kiefernkronen, im letzten Moment, so kurz, daß man vielleicht an eine Täuschung glauben mag, erscheint ein Blutrot – dann wird es auch in den Spitzen dunkel.
 
Unter diesem Dach in einer Kammer hat Huchel geschrieben. Zu Mittag kam der Dichter die „altersschwache Treppe“, wie es im Gedicht „Hubertusweg“ heißt, herunter und murmelte bei Tisch Zeilen vor sich hin, die seine Frau sofort notierte und anschließend in ein Typoskript verwandelte. Mit dieser Fassung verschwand der Meister am Nachmittag wieder in seiner Kammer. Mit fortgeschrittenen Fassungen stieg er weiter hinunter bis in die Redaktion im Erdgeschoß. Dort diktierte er der Sekretärin Frau Narr den Text, die, wie der Potsdamer Redaktionsmitarbeiter Fritz Erpel erzählt, auch im Gedicht auf Dudens Orthographie bestand. Wenn Huchel in der Redaktion an „Sinn und Form“ arbeitete, schrieb er nebenher Gedichtzeilen oder einzelne Worte auf Zettel. Kam Besuch, mußten die mit der Zeit überall verstreuten Papiere eingesammelt und verwahrt werden. In der Nachkriegszeit hatte Huchel einige Zeilen und Bilder seiner Gedichte bei Karl Krolow wiedergefunden, das hatte ihn empfindlich gemacht. Die Anleihen enstammten Gedichten, die bereits zu Beginn der dreißiger Jahre in der „Literarischen Welt“ und in der Zeitschrift „Kolonne“ publiziert worden waren. Huchel war seitdem als Dichter bekannt, obwohl sein erstes Buch mit dem Titel „Gedichte“ erst 1948, in seinem sechsundvierzigsten Lebensjahr, erschien.

Gegenüber der Schreibkammer liegt das Auge, ein kleines, vom Dach in einem sanften Bogen überwölbtes und oben leicht gerundetes Fenster, durch das man den vorderen Teil des Grundstücks überblickt. Selbst verborgen, sieht man von dort, wer vorbeigeht, wer stehenbleibt oder welcher Besuch sich vorn am Tor eingefunden hat. Wenn ich die steile, „altersschwache“ Treppe zum Dachboden heraufkomme, erscheint – aber nur von einem bestimmten Punkt auf der vorletzten Stufe – im Dachauge der Stein, ein Findling, den Huchel sich bei einem Spaziergang zum Grabstein gewählt und in seinen Garten bringen ließ. Der durch das winzige Fenster gerahmte Ausblick erinnert dann an Robert Frosts Gedicht „Home Burial“: „The little graveyard where my people are! / So small the window frames the whole of it. / Not so much larger than a bedroom, is it?“ Wer Frosts Pastorale liest und dazu noch den Kommentar Joseph Brodskys, erfährt so gut wie alles von dem, was man über Bewegung, Dramatik und die Führung des Blicks im Gedicht wissen kann. Und obwohl immer wieder auf das typisch Amerikanische in den Gedichten Frosts hingewiesen wird, erscheint mir sein „North of Boston“ nicht zu weit entfernt von dieser Gegend.  

Rechts vom Findling, am rechten Rand des vom Auge gerahmten Bildes liegt der Schacht zur Wasseruhr, am linken Rand das Tor mit der Einfahrt. Mitten durch das Bild geht die Säule einer einzelnen Kiefer, die wie der große Zeiger einer Uhr vor dem Haus steht, schräg, kurz nach der vollen Stunde. Mittags und abends werden automatisch die Glocken geläutet in der kleinen, während der Nazizeit errichteten Kirche am Goetheplatz. Mit den Glocken schlagen die Hunde an. Erst ein einzelnes, kurzes Aufkläffen von gegenüber, vielleicht eine Straße weiter, dann folgen die Nachbarhunde, schließlich ein großer Gesang über dem ganzen Ort, der auch von einem Rudel Wölfe stammen könnte. Die Wölfe sind dabei, zurückzukehren in die Wälder dieser Gegend, es heißt, sie benutzen dazu exakt die Routen ihrer Urahnen. Viel geschieht nicht im Auge. Zweimal täglich, manchmal schon morgens 8 Uhr, kommt ein Hundebesitzerehepaar vorbei mit seinen beiden weißen Pudeln, mittags kommt die Post. Am Abend das Antacken der Laternen die Straße herunter –  Dämmerungsschaltung.


Peter-Huchel-Stele von Wieland Förster






Mittelgraben in Langerwisch


Draußen

Vielleicht gab es tatsächlich einmal etwas, das an diesem Ort außerhalb der Zeit und ihres Geschehens lag, „draußen“ also. „Draußen im Walde von Wilhelmshorst, nichtreisend und scheinbar unbeweglich“, schreibt Hans Mayer, sei Huchel „den viel emsigeren literarischen Zeitgenossen um ein Jahrzehnt voraus“ gewesen. Der scheinbare Widerspruch zwischen „voraus“ sein und „draußen“ sein erinnerte mich an einen schönen Satz von Hermann Lenz: „Wer stehenbleibt, rückt weit vor in der Zeit.“ Während Mayers Bemerkung den Zeitstrahl aus der Schule und die damit verbundenen Verpflichtungen in Sachen Fortschritt in Erinnerung bringt, darf man bei Lenz länger darüber nachdenken, in welche Richtung er eigentlich vorzurücken gedenkt, stehenden Fußes. „Die Wandlungen des Ichs sind das Wesentliche einer Zeit“, schrieb Günter Eich 1932 in seinen „Bemerkungen über Lyrik“ und: „Die Wandlungen des Ichs sind das Problem des Lyrikers.“ Auch wenn Eich solche Sätze später nicht mehr in den Vordergrund stellte, erscheinen sie doch als Basis für das, was er Ende der fünfziger Jahre „Ressentiment eines anarchischen Instinkts“ nannte. Auch Eich hatte versucht, „draußen“ zu siedeln. Dabei hatte dieses „Draußen“ natürlich nichts von „Weltflucht“, nichts Idyllisches außerhalb der Metropolen. Die befreundeten Huchel, Eich und Raschke hatten sich vom spätexpressionistischen Mainstream und der Neuen Sachlichkeit, der automatischen Kopplung von Stadt und Moderne, abgegrenzt und ferngehalten. Das war kein Ausdruck von Traditionalismus. Eich war technikbegeistert und hatte eine Leidenschaft für Automobile, Huchel und Eich gehörten zu den ersten, die das neue Medium Rundfunk für ihre Arbeiten nutzten. Im Bewußtsein der formalen Möglichkeiten ging es ihnen um eine Moderne ohne die üblichen Modernismen, mit denen sich die neuen Dichter als „auf der Höhe ihrer Zeit“ ausweisen wollten.

Vorstellungen zum „Draußen“ durchziehen die Kommentare und Briefe. „Wie Sie wissen, waren Ingeborg Bachmann und Enzensberger bei mir draußen“, schrieb Huchel in einem Brief von März 1959. Huchel zeigte sich vor allem beeindruckt von Frau Bachmann („Haben Sie gesehen, eine Stirn wie von Trakl, dieses Erschöpfte, Weiße ...“), die wegen eines vergessenen Gepäcks zunächst sofort nach Berlin zurückfahren mußte, ehe man zusammen wie geplant nach Leipzig zu Hans Mayer weiterreisen konnte. Wie unterschiedlich „Draußen“ war, zeigt ein Briefwechsel mit Rudolf Leonhard: „Meine Bitte, mich einmal hier draußen inmitten meiner vielen Kinder und Kater zu besuchen, ist ja wie immer umsonst an Dich gerichtet, obwohl ich jedesmal hinzufüge: ab Wannsee nur 28 Minuten!“ Leonhard: „28 Minuten von Wannsee, aber wie oft am Tage? Und dann noch wie viel zu laufen? Und bis Wannsee ist garnichts? Es ist doch ein Tagesausflug ...“ Wenn das Telephon aussetzte – aus welchen Gründen auch immer – brach die Verbindung zur Stadt scheinbar vollends ab: „Heute erfahre ich über die Störungsstelle, daß meine Möglichkeit mit Berlin zu sprechen, erst in einigen Tagen wieder in Ordnung gebracht werden kann.“ Hanns Eisler entgegnet: „Ihre Unerreichbarkeit in Michendorf verbessert auch nicht meine Laune“, und eine schöne Steigerung hält der Brief von Arnold Zweig aus dem Jahre 1963 bereit. Es handelt sich dabei um eine der wenigen Solidaritätserklärungen, die Huchel nach seinem unfreiwilligen Rücktritt als Chefredakteur erreichten, eingeleitet mit den Worten: „Sicherlich wissen Sie ja, daß ich bei manchen Gelegenheiten zu der Tatsache kritisch stand, daß unser „Sinn und Form“ in einem fernen Winkel jenseits von Michendorf seinen Sitz hatte.“ Da schon Michendorf aus Berliner Sicht ein beinahe böhmisches Dorf darstellte, konnte dieses „jenseits von Michendorf“, zumal „in einem fernen Winkel“, für die Hauptstadtliteraten nur noch im Nirwana liegen. Nach dem Mauerbau, nach Huchels politischer Stigmatisierung und der damit verbundenen Isolation war Wilhelmshorst schließlich „Exil“: „Am Abend nahen die Freunde, / die Schatten der Hügel. / Sie treten langsam über die Schwelle, / verdunkeln das Salz, verdunkeln das Brot / und führen Gespräche mit meinem Schweigen.“

„Draußen“, das ist heute Peripherie, der Großraum Berlin. Über die alte Transitstrecke – inzwischen dreispurig – legen wir die vierzig Kilometer bis Berlin-Mitte in einer Dreiviertelstunde zurück. Am Mittelgraben hinter Langerwisch kreuzen Nebelbänke die Chaussee auf dem Weg zur Autobahn. Keine Seltenheit sind hier die Blumen an den Bäumen, Stechvasen, halb umgekippt, mit Dreck bespritzt ein Abschiedstext in Klarsichthülle. Randlage: Eine Unruhe scheint unter den Hügeln der Moränen zu liegen, ein Gemurmel, Beschwörungen bis in die Spitzen der Nesseln, bis in die Köpfe der Vermesser und bis in ihre Pflöcke. Bei jedem Hinsehen ist etwas verschwunden, Banderolen an den Stämmen zeigen an, was jetzt zu roden ist. Lückenbebauung, Ausweitung der Besiedlungsgrenze, Ausschreibung der neuen Bauerwartungsräume. Lange, scheinbar reglos, wie Christbäume der Luft stehen am Abend die grün und rot beleuchteten Linienmaschinen in ihren Warteschleifen vor Berlin.

In einem ihm eigenen, umfassenderen Sinne ist Peter Huchel bis heute „draußen“ geblieben, dem Zugriff entzogen. Bis heute ist er der Abgewandte, im selben Haus, aber immer in einem anderen Zimmer. Ich erinnere mich an keine einzige Bemerkung in den Erzählungen derjenigen, die Huchel freundschaftlich verbunden waren, die darauf hätte schließen lassen, daß sie ihm auch „nahe“ gekommen wären. Privates ist wenig bekannt, in seinen Briefen kommt kaum etwas davon vor. Trotz der Zeitschrift und den damit verbundenen Kontakten, die auf der Arbeitsebene intensiv sein konnten und zwangsläufig nicht ohne Konflikte verliefen, hielt Huchel seine Existenz „draußen in Wilhelmshorst“ verschlossen. Dagegen spricht nicht, daß er im Umgang mit den Mitarbeitern seiner Redaktion oder den Dorfleuten, die er traf bei seinen Spaziergängen über die Felder, gern einen witzigen und unterhaltsamen Erzähler von Geschichten gab – so jedenfalls erinnert man sich.


Ende der Mitschrift

„Oktober, November, / die Lungen des Herbstes / atmen die Nebel aus.“ Auf der Lichtung hinter dem Haus atmen wir den Nebel ein, er hält sich zwischen den Kiefern, die wie der Nebel und seine Feuchte zu den Substanzen der Gedichte Peter Huchels gehören.
Auf dem Boden der Lichtung, auf der Terrasse, den Wänden und den Dielen im Haus, auch auf unseren Gesichtern liegt das Schattentheater des Waldes, seine bewegliche Zeichnung, der Stummfilm, den die Sonne durch das Gewölbe aus Nadeln und Holz projiziert. Zuerst denkt man vielleicht: Wer in diesem Astwerk lesen lernte, in dieser Lichtung mit den Beeten, verkümmerten Obstbäumen und alten Gemüsen, unten hockend im Gras über der Erde, im Hochstand der Geschichte, dieser Stille, wie sie dem Pendel an den Umkehrpunkten innewohnt. Doch, wie Ponge schreibt vom Kiefernwald: „Alles hier, ohne Exzeß, ist darauf eingerichtet, einen sich selber zu überlassen ... Nichts Anekdotisches. Alles hier hemmt die Neugier, zugleich jedoch fast ohne Willkür, und das inmitten der Natur, ohne scharfe Trennung, ohne gewollte Isolation, ohne große Gesten, ohne Hemmschwellen.“ So fällt man zurück, läßt nach und beginnt, sich aus der Mitschrift zu lösen. Im Nervenbündel dreier Bäume: Umrisse der Existenz, Rohaufnahmen einer fremden Gegend, Sprechort meines Schreibens.


Autorenlexikon
Lutz Seiler wurde am 8. Juni 1963 in Gera/Thüringen geboren; aufgewachsen ist er in den Dörfern Culmitzsch und Korbußen in Ostthü ...