ca. 2,5 Std.
ca. 8 km
Auf dem Gang von Zuhause bis zur Arbeitsstelle wird der Wandel der Region anhand von persönlichen Anekdoten beschrieben. Geschichten von Menschen die am „Wegesrand“ leben oder gelebt haben: Eltern, Freude, Ruhgebietsbewohner wie ehemalige Zechenarbeiter, Fußballkumpel, Imbissbudenbesitzer und Taubenzüchter.
Diese Tour gibt es auch zum Anhören:

Den Text der Tour als PDF:

Der lange Weg von der Wilhelmshöhe zum Schauspielhaus

Wolfgang Welt

Fotos: Peter Wasielewski

Alles zentriert sich um die ehemalige Bergarbeitersiedlung „Wilhelmshöhe“. Jedes Stück ist mit einer Erinnerung verbunden, mit Leuten, Freunden von mir, von denen die meisten schon nicht mehr unter den Lebenden weilen. Es ist ein nüchterner, wehmütiger Blick: geschlossene Kneipen, fehlende Gemeinschaft, kaum noch früher aktive Bergleute. Glücklicherweise gab der Endsiebziger Taubenvater Eberhard Klette Auskunft über vergangene Zeiten.

Zu meiner täglichen Routine gehört die Fahrt mit dem Bus zur Arbeitsstelle, dem Bochumer Schauspielhaus. Auf diesem Weg streifen wir noch den Friedhof Werne, das Bermudadreieck, das Opel Werk III, die alte Zeche Bruchstraße, die Steigerhäuser in der Somborner Straße, Zechenhäuser um die letzte Jahrhundertwende gebaut.

Und mögen Sie Theater? Ich erzähle Ihnen etwas über das hiesige Schauspielhaus.

Friedhof Werne
Am Kerkdahl
44894 Bochum








































Hauptstraße 51
















































Irene's Stuben
Somborner Straße 83
44894 Bochum

Vereinsheim
Everstalstraße
44894 Bochum

“N’abend, Hubert, lange nicht gesehen. Ich wohne nicht mehr auf der Wilhelmshöhe.”
Ich treffe Hubert Sperling, einen alten Vereinskameraden, an der Bushaltestelle am Langendreer Markt.
“Weißt Du noch, wie wir früher zusammen gesoffen haben?” Er erinnert mich an die Flasche Schwarzwälderkirsch an meinem 22. Geburtstag.
“Wenn Du nicht mehr auf der Wilhelmshöhe wohnst, kannst Du auch noch nicht wissen, dass der Detlef Reinhardt tot ist. Der hatte ‘n Tumor im Kopf.”
“Das wusste ich.”
„Letzte Woche sind sie noch in Urlaub nach Oberbayern. Da ist er dann gestorben.”
Er war unser langjähriger, konkurrenzloser Torwart. Mit vierzig spielte er noch in der 1. Mannschaft. Im Rauslaufen war er nicht besonders gut, aber auf der Linie unschlagbar.
Er ist jetzt schon der Fünfte aus unserer Mannschaft, der das Zeitliche gesegnet hat, Henner Kortüm, der Mittelstürmer, Atze Wenske, der Mittelfeldregisseur, Dietmar Pente, der Vorstopper und Jürgen Waßmann, der Rechtsaußen. Keiner hatte das Rentenalter erreicht. Wann bin ich dran?
Mein Bus fährt, ich muss zur Arbeit.

Eine Woche später gehe ich zur Beerdigung zum Friedhof in Werne. Hier lassen die meisten Wilhelmshöher ihre Angehörigen begraben und nicht auf einem der beiden Langendreerer Friedhöfe. Dieser hier liegt auch näher.
Meine Eltern sind auch hier bestattet. Da heute der Geburtstag meiner Mutter wäre, sehe ich an ihrer Gruft vorbei.
Die Ansprache zur Trauerfeier hält kein Pastor und ich denke an Uwe Timms “Rot”.

Ich denke, ich setze hier meine Literatour an: weg vom Friedhof über den langen Feldweg zur geliebten Wilhelmshöhe, am Opel Werk III vorbei, von dem ich nicht weiss, ob es noch in Betrieb ist. Wenn ich den Feldweg verlasse, laufe ich direkt auf die Hauptstraße 51 zu, das Haus in dem ich fast fünfzig Jahre gewohnt hatte, bis mich missliche Umstände, vor allem der Tod meiner Mutter, vertrieben. Ich gehe noch einmal, vielleicht ein letztes Mal, über die Wilhelmshöhe.

Mit den meisten Häusern verbinde ich Leute, von denen die meisten schon tot sind. Die Nachgezogenen kenne ich kaum. Hier in der Somborner Straße 1 wohnte zeitweilig mein Bruder, auch er ein Mitspieler der SUS Wilhelmshöhe, der den sterbenden Torwart noch eine Woche vor seinem Tod besucht hatte. Wegen der Nähe zu unserer eigenen Wohnung konnte unsere Mutter immer auf den Sohn des Bruders aufpassen.
Nebenan wohnte Fräulein Grütz. Sie hat sich auf die alten Tage noch einen Knappschaftsrentner geangelt. Vorher betrieb sie den Wedag Konsum. Er gehörte zum Standard der Wilhelmshöhe, der Siedlung, die zur Zeche Bruchstraße gehörte, von der aber nun nur noch ein Stück Mauer über ist. Selbstverständlich hat auch mein Vater hier gearbeitet. Vor dem Krieg hatte er hier Bergmann gelernt. Als er versehrt aus dem Krieg nach Hause kam, konnte er unter Tage nicht mehr arbeiten und fing auf dem Lohnbüro an. In der Kantine lernte er dann meine Mutter kennen und lieben.

Zunächst zogen sie nach der Heirat ins Langendreer Dorf, bevor sie zu viert zur Wilhelmshöhe zogen, wo meine Schwester noch hinzukam. Erst landeten sie in den Steigerhäusern in der Somborner Straße, obwohl mein Vater kein Steiger war und als wir mehr Platz brauchten, in der Hauptstraße 51, wo schon der Polizist Erwin Hüllen wohnte. Der hatte da einen Polizei-Posten und galt als der “Sheriff von der Wilhelmshöhe”. Gleichzeitig war er einige Jahre Vorsitzender des Sportvereins. Anschließend wurde er Schalke-Fan. Er starb ziemlich früh. Seine Frau Otti überlebte ihn um zehn Jahre.

Kommen wir zurück zur Somborner Straße. Es sind hier alles Zechenhäuser, um die vorletzte Jahrhundertwende erbaut. Errichtet wurde die Siedlung in den fünfziger Jahren, als der Pütt noch brannte, und in den siebziger Jahren, als Opel florierte.

Auf Nr. 2 wohnte der Obersteiger Alfred Dieckmann, dessen Waffen gestohlen wurden, als er beerdigt wurde. Nebenan bei Jellisch wohnte ein junger Spund, der das erste Interview mit mir als Literator gemacht hat, 1982.
Gegenüber der Pörschke ist erst vor kurzem gestorben. Er war besonders geschlagen, weil einer seiner Söhne das Gehör verloren hatte.

Die Somborner Straße biegt rechts ab, und wenn man geradeaus geht, kommt man zu dem Haus, in dem Otto Kitzelmann gewohnt hat, ein Rutschenbär auf der Zeche. Er war auch jahrelang an der Seite meines Vaters, der Vorsitzender in den 70er Jahren war, Hauptkassierer des Sportvereins.

Rechts vor Kitzelmanns erstreckt sich die blaue Grundschule, auf die ich mit aller Macht nicht gehen wollte; und ich durfte dann auch auf der Kirchschule bei meinem geliebten Herrn Strumpf bleiben. Wurde ich auch erst nicht warm mit den anderen Kindern, änderte sich dies,  als ich begann Fußball zu spielen.

Neben der Schule wohnte ein alter Kumpel meines Vaters, Walter Grünewald. Der kaufte sich jeden Morgen im Plus eine Flasche Chantré. Zeche und Alkohol –  ein dunkles Kapitel –. Auch mein Vater hat nicht reingespuckt. Er hat die Familie aber nie geschlagen, wenn er besoffen nach Hause kam.
Zwei Häuser weiter der Rechnungsführer, Heinrich Kirchner, ein hohes Tier auf der Zeche. Sie hatten ein Adoptivkind, Gudrun, in das sich später mein Bruder verliebte und sein Sohn verknallte sich in Gudruns Tochter. Auf die Dauer wurde aber jeweils nichts draus.

Bei Kirchners gegenüber stand der Plus, zwanzig Jahre lang die Haupteinkaufsquelle der Wilhelmshöhe, bis Tengelmann die Miete zu hoch war. Dann mussten wir ins Dorf ausweichen, zum Real. Außerdem gab’s an der Hauptstraße noch Wohlhaupt, eine Mischung aus Tante-Emma-Laden und Supermarkt. Der ist nun allerdings auch schon ein paar Jahre dicht.

Lange Zeit stand neben Plus die Kneipe, die im Volksmund Sputnik hieß, eigentlich Bürgerkrug, aber weil man sich in den fünfziger Jahren die Wirtschaft so klein vorstellte wie das russische Raumgefährt, nannte man es so. Hier gab’s Ritter Bier im Ausschank und es bediente die Dynastie Korinth, zuletzt Hans. Inzwischen sind Wohnungen aus der Wirtschaft gemacht worden. Dann die Steigerhäuser. In einem wohnte der Gewerkschaftsboss Karl Krämer, dessen Sohn ich Nachhilfe gegeben habe.

Weiter runter die letzte Kneipe auf der Wilhelmshöhe – Irene’s Stuben. Als ich das letzte Mal für ein Medium, die taz, einen Rundgang machte, gab es auf der Höh noch vier Pinten, und es liegt mir auf der Zunge über den Niedergang der Vorortkneipen (nicht nur) im Ruhrgebiet zu schreiben. Aber auch Irene’s Stuben hat nur am Wochenende auf, höchstens noch donnerstags und freitags für Kegelvereine und SPD. Als ich vorbei kam, war denn auch zu.

Eine Konkurrenz gibt’s aber doch, das ist das Vereinsheim des SUS, das aber nur sonntags auf hat. Die Vereinsfrauen bedienen unentgeltlich.

Der Platz war zwanzig Jahre meine zweite Heimat. 500 Spiele habe ich darauf absolviert, immer im Schatten der Ritter Brauerei, die allerdings auch nicht mehr in Betrieb ist. Und es liegt mir auf der Zunge, etwas über den Niedergang der Dortmunder Brauereien zu schreiben.


Eberhard Klette
Am Gröppersweg 9
44894 Bochum




LottoToto
Hauptstr.18
44894 Bochum

Salon Yousefi
Hauptstraße 31
44894 Bochum



Bahnhof Langendreer










Café Ferdinand
Ferdinandstraße 44
44789 Bochum

Ubu
Universitätsstraße 26
44789 Bochum
(Foto zeigt Inhaber Wolfgang Jöst)

Buchhandlung Janssen
Brüderstraße 3
44787 Bochum

Bratwursthaus und Café Konkret
Am Engelbertbrunnen
44787 Bochum




Tucholsky
Viktoriastraße 79
44787 Bochum

Eberhard erzählt vom Pütt

Stattdessen gehen wir zum Eberhard Klette, 78, einem Taubenvater mit 39 Tieren und 20 Jungtieren. Acht Taubenzüchter gibt es auf der Wilhelmshöhe. Es werden immer weniger. Nachwuchs ist nicht in Aussicht. Liebevoll behandelt Eberhard seine Tiere. Seine Frau spielt mit. „Wir waren alle eine Mannschaft. Uns verband die harte Arbeit und wenn einer mal eine Stunde zu spät kam, arbeitete der andere für ihn ohne Murren mit.“

Gerne erinnert er sich an eine Hochzeit, die am Fuße einer Halde stattfand und bei der zwei Mann Schifferklavier spielten. Eberhard springt. Man kann sagen, wir waren ein Stück von der Zeche und die Zeche ein Stück von uns. Anders ausgedrückt: Du kannst den Bergmann aus der Zeche holen, aber nicht die Zeche aus dem Bergmann. Als ich auf Erin war – wie die meisten Bergleute war er auf verschiedenen Zechen – startete die Werksleitung eine Aktion. 600 Castroper, Arbeitslose, sollten zur Probe eingestellt werden. Aber als die ersten einfuhren, kriegten sie schon einen Schrecken, und es blieb nur eine Handvoll übrig.

Lustig war, als einmal ein Pariser im Essen gefunden wurde. Es gab aber auch tragische Zwischenfälle. So kam ein Bergbaubeflissener unter einen Steinschlag. Eberhard, der in der Nähe war, schleppte ihn 1,5 km mit einem Kollegen auf einer Trage bis zur nächsten Bahn. Es gab Alarm. Anschließend, nach dem der Student tot war, wurde Eberhard drei Tage verhört. Es war ihm aber keine Schuld nachzuweisen.

Wie alle Bergleute hat auch Eberhard Klette gerne einen getrunken. Manchmal, wenn er nachts länger blieb, rief er auf der Zeche an, dass er später käme, die Kumpel haben dann die Stunde mitgemacht. Einmal war er so blau, dass ihn seine Frau nicht gehen lassen wollte und die Haustür abschloss. Er kletterte durchs Fenster und ohne Wasser und Brote fuhr er zur Arbeit.

Es gab auf Erin auch prominente Besucher: Strauß, Scheel und der Bischof von Münster. Meistens zeigte man diesen Leuten nichts Gefährliches. Bundespräsident Walter Scheel sollte aber in die Gewinnung. Damit zuvor frische Luft reinkam, hatte man die dann extra eine Woche ausgesetzt.

Wir gehen den Gröppersweg hoch und landen an der ehemaligen Volksbank, in der nach einigem Hin und Her eine Lottoannahmestelle mit Tabakwaren und Zeitschriften beheimatet ist. Bernd Wagner betrieb eine Zeit lang den Laden, gab dann aber auf und weiter an einen Türken: an Arifi, der sich von OPEL hatte auszahlen lassen. Die Frau, eine Deutsche, ist eifrig. Sie verkauft auch Backwaren, mehr Brötchen als der benachbarte Bäcker Hansen, der allerdings so viele Bildzeitungen verkauft wie Arifi. Nebenan ein Geschäft für Abendkleider, das auch nicht jeden Tag auf hat.

Dahinter erstreckt sich eine Sondersiedlung der 50er Jahre mit Eigentümern, die die Bergleute damals billig erhalten haben. Ich gehe rüber zum Friseursalon Yousefi und mache mit der Inhaberin Dietlinde einen Termin klar. Auch wenn ich nicht mehr auf der Wilhelmshöhe wohne, gehe ich weiter zu ihr. Das war’s auf der Wilhelmshöhe, ich nehm den nächsten Bus ins Dorf und fahr von da aus zur Arbeit.

Auf dem Weg dorthin sehen wir die Matrix, ein populärer Schuppen im Gebäude der ehemaligen Schultheiß Brauerei. Vom Bus aus sehen wir den Bahnhof Langendreer, in dem die alternative Kultur zu Hause ist.
Der Weg führt weiter durch Werne, ohne dass Fotografierenswertes an uns vorbeizieht. In Laer erstreckt sich Hardeck, der größte Möbeldiscounter vor Ort. Wir überqueren im 345er den Sheffieldring und gelangen nach Altenbochum, wo die Geschäfte ihre Sachen verkaufen.

Ich lande im Cafe Ferdinand, einem meiner Stammlokale, wo ich mich mit Peter und Ludger treffe. Peter trinkt Radler. Ich besauf mich nicht. Von da aus geht’s zum Ubu, einem dreißigjährigen Antiquariat. Wolfgang Jöst, der Inhaber, kann nur mit der Erbschaft seiner Mutter überleben. Hier hole ich mir immer das “Schreibheft” von Norbert Wehr. Auf dem Weg zum Bermudadreieck gehe ich durch den Tunnel, der einem meiner Romane den Titel gab.

Bermudadreieck

Bald bin ich bei „Janssen“, dem feinen Buchladen, dem es schon besser ging und der nun unter der Mayerschen Buchhandlung und Amazon leidet. Aber er wird es schon schaffen. Im übrigen habe ich hier schon gelesen. Eigens kam mein Lektor und hielt einen Vortrag. Hier hole ich mir den „Merkur“, „Akzente“ und „manuskripte“. Ich nehm diese mit ins Bermudadreieck, einer einzigartige Ansammlung von Gastronomiebetrieben.  

Das Bermudadreieck erstreckt sich vom Südring bis zum Adenauerplatz. Als in dieser Ecke Anfang der achtziger Jahre immer mehr Kneipen die traditionellen Geschäfte verdrängten, soll es der Bochumer Autor Werner Schmitz gewesen sein, der für das Viertel das karibische Phänomen adaptierte, weil auch hier angeblich auf Nimmerwiedersehn Leute verschwanden. Herzstück ist aber nicht einer der mittlerweile 60 Gastronomiebetriebe, sondern die Bratwurstbude von Dönninghaus, wegen dem eigentümlichen Geschmack der Würste.

Der Betrieb besteht seit Kriegsende, und Uwe Timm sollte seine “Erfindung der Currywurst” umschreiben. Ich finde, hier gibt es die beste Currywurst der Republik.

Die Gaststätten haben unterschiedlichen Charakter, von der winzigen Pinte bis zu den öden Hooters. Ich geh mit meinen Zeitschriften rüber ins Café Konkret, das nach der Zeitschrift benannt worden ist und wo auch schon mal Herausgeber Hermann L. Gremliza vorgetragen hat, für immerhin 1000 Mark wie es hieß. Man kann hier lange frühstücken. Anschließend schau ich vorbei in meinem Lieblingslokal Tucholsky, wo ich Fiege Pils trinke, besonders gerne dann, wenn mein Freund Rainer Küster einen ausgibt. Ich könnte in jedes der Lokale gehen und mich einigermaßen unterhalten. Ich gehe aber ins Tucholsky.

Manchmal, wenn ich bis Sonntags morgens arbeite, gehe ich noch in den Intershop (wie die 1962 gegründete Einzelhandelskette der DDR). Die Musik ist harter Rock.  Die Straßenbahnhaltestelle in der Nähe heißt mittlerweile auch schon ganz offiziell Engelbertbrunnen, Bermudadreieck. Von da aus ist es ein Katzensprung zu meiner Arbeitsstelle, dem Schauspielhaus.


Schauspielhaus Bochum
Königsallee 15
44789 Bochum















































Schauspielhaus Bochum

Das Schauspielhaus wurde nach dem Ersten Weltkrieg gegründet. Sein erster Intendant hieß Saladin Schmitt. Ihm folgten Hans Schalla, Peter Zadek, Claus Peymann, Frank-Patrick Steckel, Leander Haußmann, Matthias Hartmann, Elmar Goerden und neuerdings Anselm Weber. Alle hatten ihre eigene Handschrift und sprachen das Publikum auf unterschiedliche Weise an, meist erfolgreich.

Im Mittelpunkt der künstlerischen Bemühungen stand und steht William Shakespeare. Allerdings waren die Kritiker die letzten 15 Jahre dem Haus nicht zugeneigt. In dieser Zeit wurde nur eine Aufführung zum Berliner Theatertreffen, der Champions League, eingeladen. Das will der neue Chef ändern. Auch er ließ aber zum Auftakt Shakespeare spielen. Im übrigen will er das Haus an der Königsallee internationalisieren. Schon treten ausländische Regisseure an. Es gibt einen holländischen Candide, eine tunesische Medea und eine türkischen Faust.
Ob die Bochumer Zuschauer dieses Fremde annehmen, bleibt abzuwarten.

Ich selbst hatte neben einigen Lesungen zwei Highlights, eins mit dem Stück "Hughie" von Eugene O`Neill, in dem ich die stumme Titelrolle gespielt habe. Dann wurde gegen Schluß der Ära Goerden "Ute" aufgeführt, die Umarbeitung meines ersten Romans „Peggy Sue“.

Dies ist ein Stück meines letzten Romans („Doris hilft“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2009), der nicht nur im Schauspielhaus spielt, sondern teilweise auch hier geschrieben wurde:

Doch erst kam die Arbeit. Ich musste eine Aufzugswärterprüfung ablegen, gemeinsam mit Rainer Normann, einem neuen Hausmeister, und Aloys, damit wir notfalls die Leute aus einem steckengebliebenen Lift rausholen konnten. Am ersten Tag gab es eine Unterweisung an den fünf Fahrstühlen des Hauses, und am nächsten Tag kam jemand vom TÜV oder so, und wir absolvierten die Prüfung, die nicht einfach war mit dem Hochkurbeln des Fahrkorbes, aber wir schafften sie alle. Nachts rief mich Hubert an, der „Lichtausmacher“, der gerade auf seiner Tour durchs Haus war. Am Fotokopierer stünde was von Not.
Keine Ahnung was er meinte. Ich ging in das dritte Obergeschoß hoch; ich durfte ja nicht mit dem Lift fahren, weil ich mich selber im Notfall nicht rausholen konnte. Ich dachte der Kopierer sei kaputt, aber da stand nur etwas von "not ready", und Hubert konnte natürlich kein Englisch.


Im Schauspielhaus bin ich als Nachtportier tätig. Die meiste Zeit sitze ich an der Pforte und sehe die Leute rein- und rausgehen. Wenn die Kantine zu ist, schließe ich den Bühneneingang und beginne meinen einzigen Rundgang in der Nacht. Ich muss auf Fenster, Türen und Licht achten.

Zunächst geht’s durch die Unterbühne. Anschließend geht‘ s in die Schreinerei. Vorbei an der Elektrowerkstatt zum Notausgang hin zur Eve Bar, wo am Wochenende immer reichlich besuchte Partys stattfinden, meist mit Techno-Musik. Nebenan das Theater unten, wo Nachwuchskräfte meist neue Stücke ausprobieren. Hier habe ich auch schon so manches Mal gelesen. Von da geht es an der geschlossenen Kantine vorbei, am Feuerwehrraum. Die Männer in blau sind bei jeder Aufführung im großen Haus und in der Kammer dabei. Meist umsonst. Im Dirigentenzimmer stellen die Musiker ihre Instrumente ab. Auch findet hier Gesangsunterricht statt.
Dann kommen wir wieder an der Pforte vorbei und gehen auf den Hof, dessen Tor ich abschließe. Anschließend kontrolliere ich die Schuhmacherei und den Gipsraum.

Der letzte Teil des Parterres gehört der Speisekammer, neuerdings Tanas (benannt nach Tana Schanzara). Wenn ich die absolviert habe, gehe ich außen rum und kontrolliere die Türen und sehe zu, dass alle Fenster zu sind.

Wieder zurück, ich habe nun auch den Neubau hinter mir, gehe ich durch die fünf Stockwerke, was meist langweilig ist. Schneiderei, Beleuchterbüros, Technikleitung, Probenräume. Nur einmal hatte ich Pech. Da gab’s einen Schwelbrand und ich hatte ihn im Dunkeln nicht festgestellt. Es ist aber nicht viel passiert.

Um halb sechs ist meine Schicht vorbei. Ein Pförtner oder eine Pförtnerin von der Stadt löst mich ab. Ich hingegen bin bei einer Wach- und Schließgesellschaft beschäftigt. Vorher hab ich ein halbes Dutzend Zeitungen gelesen. Ich tausche mich mit meinem Nachfolger aus, was es dienstlich Neues gibt. Manchmal habe ich auch was geschrieben für meinen neuen Roman.
Im Grunde bin ich ganz zufrieden (bis auf die Bezahlung) und werde, wenn ich mich weiter gut benehme, bis zur Rente weitermachen.

Nach der Verabschiedung gehe ich zur Bushaltestelle. Zurück fahre ich anders als hin.
Früher bin ich immer alleine eingestiegen.
Seit einem halben Jahr fährt eine junge Dame mit mir. Sie ist etwa zehn Jahre jünger und trägt immer blau: Anorak, Jeans, Schuhe, alles in blau. Meistens kommt sie auf die letzte Minute. Aber egal wie spät sie kommt, sie steckt sich eine Zigarette an und schmeißt sie erst in dem Moment weg, wenn sie den Bus betritt. Gern würde ich sie mal ansprechen, aber ich trau mich nicht. Am Bahnhof steigen wir beiden aus und holen uns was bei Kamps zu knabbern. Dann trennen sich uns unsere Wege. Sie fährt Richtung Wattenscheid ich Richtung Langendreer. Hier soll meine Literatour enden.


Autorenlexikon
Geboren am 31.12.1952 als Sohn eines Bergmanns und einer Hausfrau. Kein Kindergarten. Volksschule, Gymnasium, Abitur 1971. Anschließend Studium ...