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Theodor Fontane
Schloß Plaue gegenüber
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Schloß Plaue gegenüber

Eine schwere Aufgabe – so schloß unser voriges Kapitel – war damit dem Königsmarckschen Aussichtsbalkone gestellt, denn von der andern Havelseite her blickte, statt Konstantinopel und des Halbmondes von der Aga Sophia, nur das Storchnest einer Ziegelscheune herüber. Demohneracht war das Ufer drüben eine "hübsche Stelle", der ich es, wenn ich sie so nenne, noch nicht einmal anrechne, daß just auf ihr die Schanze stand, von der aus 1414 die "große Büchse" des Burggrafen ihre Steinkugeln gegen Schloß Plaue schleuderte.



Wie wenn es gestern gewesen wäre, steht der Tag vor mir, zu dem ich "in großer Kumpanei" zum ersten Male auf diese Schloß Plaue gegenüber gelegene Ziegeleistelle zufuhr. Eine lange Wagenreihe, die Damen in eleganter Toilette, so kamen wir, um Pfingsten, die staubige Sommerchaussee von Brandenburg daher, und ehe Mittag heran war, hielten wir – unmittelbar vor der Planer Brücke links einbiegend – auf einem Vorplatz, zu dessen einer Seite sich die vorgenannte Storchenscheune, zur anderen ein primitives Wohnhaus erhob. In der Haustür aber stand ein alter Herr, in leichter sommerlicher Tracht, mit hoher Stirn und hohen weißen Vatermördern, dazu von breitem Bau und mit noch breiteren Lippen, und begrüßte seine Gäste, während herzueilende Dienstleute sich der Reisetaschen und Köfferchen bemächtigten und mit ihnen in einem unmittelbar angrenzenden, weinumrankten Logierhause verschwanden. Bald danach schlenderten wir in dem die Villa samt ihren Annexen umgebenden Parkgarten umher und lugten, von diesem Spaziergange heimkehrend, in die Fenster eines großen, erst neuerdings angebauten Gartensaals, wo sich schon die Vorbereitungen zu festlicher Bewirtung zeigten. Und abermals eine Stunde später, und wir saßen in ebendiesem Saale zum Déjeuner nieder, an lang gedeckter Tafel, an der der alte Herr jetzt präsidierte. Die Gänge wechselten, die Rheinweine lösten sich untereinander ab, und der silbernen Weinkühler auf dem Tisch wurden immer mehr. Trinkspruch reihte sich an Trinkspruch. Der Sieg der Wahrheit, der Sieg "der guten Sache" wurde proklamiert, alles unter der Fahne "Similia similibus", und nachdem schließlich der Kaffee von allen Seiten her als das Hauptgift der Menschheit festgestellt worden war, schritt man dazu, ihn einzunehmen. Die Stunden enteilten und mit ihnen zuletzt auch wieder die Gäste. Nur ich und ein Freund, der mich eingeführt hatte, waren als "Logierbesuch" zurückgeblieben.

Wer aber war der Wirt? Wer der Einsiedler in diesem Sanssouci?

Carl Ferdinand Wiesike,

geboren 24. Dezember 1798, gestorben 11. Oktober 1880

Nun denn, der alte Herr, der uns mit so viel Liebenswürdigkeit zu begrüßen und mit so viel Gastlichkeit zu bewirten wußte, war Carl Ferdinand Wiesike, geboren den 24. Dezember 1798 zu Brandenburg a. H. Er war Schul- und Altersgenosse von dem als Reichstagsabgeordneten vielgenannten und vielgefeierten Oberbürgermeister Ziegler, dem er, bis an das Ende seiner Tage, mehr ein Interesse als eine besondere Bewunderung entgegenbrachte. Schulkameraden kennen sich zu gut, um gegenseitig an einen Glorienschein recht glauben zu wollen. Noch Berühmtere haben das erfahren müssen.

C. F. Wiesikes Knaben- und Jünglingsjahre verliefen durchschnittsmäßig; er war ein guter Schüler, ohne sich gerade hervorzutun, lernte die Handlung im Hause seines Vaters und ging dann nach Berlin, um daselbst in das bekannte Heylsche Geschäft, an der Ecke der Leipziger und Charlottenstraße, einzutreten. Hier las er viel, studierte und musizierte (seine Gabe für Musik war hervorragend) und kehrte Anfang der zwanziger Jahre nach seiner Vaterstadt zurück, woselbst er bald danach, 1823, wenn ich nicht irre, das dem Schloß Plaue gegenüber gelegene, trotz der weiten Entfernung aber zu Stadt Brandenburg gehörige Wiesenterrain pachtete. Frühere Pächter waren hier gescheitert, weil diese beständig der Havelüberschwemmung ausgesetzte "Wische" nur zu zwei Prozent rentiert hatte. C. F. Wiesike ließ sich aber diese Dinge, die man ihm warnungshalber erzählte, wenig anfechten, begann vielmehr sofort mit Drainierungen und Eindeichungen und schritt, nachdem er seinen Besitz auf diese Weise sichergestellt hatte, des weiteren dazu, ihn für die Zukunft auch fruchtbar zu machen. Zu diesem Behufe schloß er mit den Kasernenverwaltungen der Potsdamer Kavallerieregimenter Kontrakte ab und ließ den Dünger in großen Havelkähnen heranfahren. Daß dies alles von den Um- und Anwohnern Plaues als weggeworfenes Geld, als Übermut und Unsinn bezeichnet und belacht wurde, bedarf selbstverständlich keiner Versicherung. Wann war es anders gewesen? Das Lachen aber war bald auf Wiesikes Seite. Hand in Hand mit den Meliorationen ging ein Ziegeleibetrieb und Torfstich, wozu das ziemlich ausgedehnte Terrain ebenfalls das Material hergab, und ehe die vierziger Jahre heran waren, erwiesen sich halb unwirtbare Strecken, die seit Menschengedenken für so gut wie wertlos gegolten hatten, als ein wertvoller Besitz. 1844 löste W. den auf dem Grund und Boden lastenden Kanon ab und hatte vier Jahre später (1848) infolge veränderter Gesetzgebung das Glück, das bis dahin bloß in Erbpacht gehabte Stück Land sich als freies Eigentum zufallen zu sehen. C. F. Wiesike selbst aber ließ, als seine Bemühungen bis zu diesem Punkte gediehen waren, nach Vorbild des Königs von Thule "alles seinen Erben" und spann sich, von etwa 1853 an, immer fester in das schon erwähnte, primitive Wohnhäuschen ein, von dem aus er, durch alle zurückliegenden dreißig Jahre hin, seine Meliorationen unternommen hatte. Da saß er nun, weltabgeschieden, und begann als ein Fünfundfünfzigjähriger – der sich übrigens längst vorher mit der 1808 zu Berlin (Breite Straße) geborenen Julie Tannhäuser verheiratet hatte – sein eigentliches Leben, ein Leben, das von diesem Zeitpunkt an nur noch drei Dingen gewidmet war: der Schöpfung eines Parks, der Homöopathie Hahnemanns und der Philosophie Schopenhauers.

Zunächst der Park.

Wiesike fing um das genannte Jahr (1853) an, sich in die Schönheit der Natur liebevoll zu versenken, was doch wieder etwas anderes war als das Urbarmachen von Sand und Sumpf zu rein praktischen Zwecken. Ein den Boden bestellender Landmann ist in vielen Stücken mehr als ein Gärtner, aber das Verhältnis, in das der letztere zur Natur tritt, ist doch ein intimeres: er nimmt jeden Zollbreit Erde in Pflege, und während in der Landwirtschaft das Einzelne und Kleine wenig bedeutet, bedeutet es in der Gartenbeschäftigung alles. Das Terrain, auf dem jetzt, Schloß Plaue gegenüber, ein Park entstehen sollte, war das denkbar schlechteste, der findige Kopf aber, der an ebendieser Stelle fruchtbare Ländereien und schließlich ein Freigut herzustellen gewußt hatte, konnte bei dem vergleichsweise Leichteren, das jetzt vorlag, nicht wohl scheitern. Erde wurde herangefahren, ein Wasserturm errichtet, Hecken und Gräben gezogen, und siehe da, ehe ein Jahrzehnt um war, gab es hier Anlagen mit Rondeelen und Schlängelwegen, mit Rosen- und Verbenenbeeten, und auf demselben Ufervorsprunge, wo, 1414, neben der "großen Büchse" die zu schleudernden Steinkugeln gelegen hatten, lagen jetzt Melonen oder reiften Reinetten und pfundschwere Birnen an dem am Boden sich hinziehenden Spalier. Dazwischen standen Pfirsich- und Aprikosenbäume, und in den Flieder- und Goldregenbosquets schlugen die Nachtigallen. Alsbald lagen sich Schloß Plaue und die zur "Villa Wiesike" umgewandelte ehemalige Lehmkate gegenüber, und wenn das eine lange Front bildende Schloß durch den Blick auf das Idyll und seine Gartenanlagen gewann, so gewann das Idyll durch den Blick auf das Schloß mit seinen in der Sonne blinkenden Fensterreihen und seinen historischen Erinnerungen.

Soviel über die Schöpfung eines Parkes. Nebenher aber lief, wie schon angedeutet, des alten Wiesike Beschäftigung mit der Homöopathie, zu deren begeistertsten Anhängern er freilich schon um viele Jahre früher gehört hatte, jedenfalls früh genug, um bei Schilderung dessen, was er auf diesem Gebiete tat, fast bis auf die Tage seines ersten Erscheinens in Plaue zurückgreifen zu müssen. Schon in den zwanziger Jahren entschloß er sich, gleichviel ob um Heilungs oder Unterweisungs willen, eine Reise nach Köthen, dem damaligen Wohnsitze Hahnemanns, zu machen, und kehrte von diesem Ausfluge nicht nur als ein enthusiastischer Anhänger, sondern auch als ein ausübender Adept der neuen Lehre zurück. Die Kunde davon drang in alle Kreise, namentlich zu den Armen (denn alles war unentgeltlich), und Haus Wiesike wurde nunmehr ein Wallfahrtsort für die Kranken und Gebrechlichen des Havellandes, die zu vielen Hunderten kamen und, auf Flur und Treppenstufen und, als ihrer immer mehr wurden, auch wohl im Freien lagernd, die Hilfe des Wunderdoktors anriefen. Dieser selbst sah sich bald außerstande, dem Andrange zu genügen, und infolge davon gezwungen, sich nach Beistand umzuschauen, den er auch fand, am hingebendsten und erfolgreichsten in seiner Frau, die ganz an der Begeisterung ihres Mannes teilnahm. Das ging so durch Jahre hin. Endlich wurde der Krankenstrom so groß, daß eine Verschwörung der mit Untergang bedrohten Doktoren und Apotheker nicht ausbleiben konnte, welcher Verschwörung – der übrigens der Wortlaut des Gesetzes zur Seite stand – es nach allerlei Zwischenfällen gelang, als Sieger aus dem hartnäckig geführten Kampfe hervorzugehen. Eine Strafandrohung folgte der anderen und erreichte, daß das als "Medizinalpfuscherei" gebrandmarkte Homöopathisieren eines Laien sein Ende nahm. Was aber nicht sein Ende nahm, das war Wiesikes Begeisterung, die, sozusagen, nur Weg und Kleid wechselnd, sich sofort auf neue Weise zu betätigen begann. Anstatt homöopathisch zu heilen, ging der Alte jetzt zu homöopathischen Studien und von diesen Studien wiederum zu Plänen über, die, kleinerer Dinge zu geschweigen, in nichts Geringerem als in Herstellung der Ebenbürtigkeit zwischen Homöopathie und Allopathie und in Gründung eines homöopathischen Lehrstuhls an der Universität Berlin gipfelten. Er deponierte zu diesem Behuf ein Kapital von 100 000 Mark und stellte, wenn ich recht berichtet bin, die seinem Zweck und Ziel entsprechenden Anträge. Sah sich aber freilich damit zurückgewiesen.

Die Pflege des Parks war viel, aber sie war Sommerarbeit und auch das nebenher laufende Studium der Homöopathie reichte nicht aus, um, wenn der Sommer vorüber, die langen, langen Wintertage zu füllen. So kam es, daß Wiesike, der der geistigen Anregung wie des täglichen Brotes bedurfte, neben Park und Homöopathie nach etwas Neuem Umschau hielt. Und dies Neue fand sich endlich. Es war die Zeit des ersten intimeren Bekanntwerdens Schopenhauers in Berlin, also etwa die Zeit der Regentschaft, als ein Ungefähr unseren Wiesike mit dem damaligen Chefredakteur der "Vossischen Zeitung", Dr. Lindner, einem leidenschaftlichen Schopenhauerianer, zusammenführte. Diese Begegnung war entscheidend für Wiesike. Nichts von dem Alten wurde beiseite geschoben, was aber, von Stund an, sein eigentlichstes Denken und Fühlen ausmachte, seiner Tätigkeit und seinem Gespräche den Stempel gab, das war doch Schopenhauer und die Schopenhauersche Weltanschauung. Daß er alle Werke des Philosophen kennenlernte, verstand sich von selbst, aber er las auch jede Zeile, die sich in Lob oder Tadel mit dem Manne beschäftigte, der ihm jetzt Leuchte und Gegenstand des Kultus war. Jedes Schopenhauersche Wort war ihm Weisheit, er sog wirkliche Lebenskraft daraus, und wenn Oberpräsident Schön auf die Frage, "was ihn, trotz seiner hohen Jahre, bei so guter Gesundheit erhalten habe", seinerzeit geantwortet hatte: "Kant und Kapuste (Sauerkraut)", so hätte Wiesike mit gleichem Rechte antworten können: "Schopenhauer und Homöopathie." Dankerfüllt trat er mit dem Frankfurter Philosophen in Korrespondenz, bald auch in persönliche Beziehungen und beteiligte sich von da ab bei jedem Huldigungsakte, den die Schopenhauer-Enthusiasten inszenierten. W. konnte sich nicht genugtun in Anerbietungen und Darbringungen, und als Schopenhauers siebzigster Geburtstag gefeiert wurde, war er mit einem großen Goldpokal in der vordersten Reihe der Gratulanten. Einzelne Schwächen des so leidenschaftlich von ihm Gefeierten, seine Ruhmsucht und Eitelkeit, seine selbstische Begehrlichkeit und ein gewisser Mangel an Gentilezza, entgingen ihm nicht, aber seine Bewunderung der geistigen Superiorität des Mannes war so groß, daß er ihm diese Mankos gern verzieh. "Wo viel Licht ist, ist viel Schatten." Er hielt es für seine Pflicht, über diese Schatten hinwegzusehen, und wenige Philosophen (auch die größten mit eingerechnet) wird es gegeben haben, die sich rühmen dürfen, in gleicher Weise gekannt, studiert und auswendig gelernt worden zu sein. Bis zu seiner letzten Stunde hielt Wiesike bei seinem Liebling aus, auch seinerseits "vivant et mourant comme philosophe".



Als ich Wiesike zum ersten Male sah, war er sechsundsiebzig Jahr alt, und ein mehrtägiger Aufenthalt bot mir Gelegenheit, nicht bloß den alten Herrn in Person, sondern auch seinen Besitz und seine Lebensgewohnheiten kennenzulernen.

Die Wiesikesche Villa war bei seinem Eintreffen an dieser Stelle nicht viel besser als eine Lehmkate gewesen, die nur gerade den Ansprüchen eines Meiers oder Wirtschaftsinspektors genügen konnte. W. hatte demohngeachtet nicht viel daran geändert und, statt Umbauten vorzunehmen, sich darauf beschränkt, anzubauen, wie's das Bedürfnis erheischte. So war etwas wenig Künstlerisches, aber dafür etwas Pittoreskes und zugleich sehr Praktisches entstanden. Überall befanden sich Treppen und Balkone, während unter den verschiedenen Anbauten der große, schon erwähnte Speisesaal und neben demselben Wiesikes Arbeitszimmer den ersten Rang einnahmen. Der Speisesaal war kahl, nach dem Satze, "daß der Schmuck eines Eßsaals auf die Tafel, aber nicht an die Wände gehöre", desto bunter dagegen sah es in den angrenzenden Zimmern aus, die, wenn auch nichts künstlerisch Hervorragendes, so doch viel Interessantes beherbergten. Über die Familienbilder, untermischt mit mehr oder minder gleichgiltigen Stichen, geh ich hinweg; nicht so über den Bilderschmuck in seinem Arbeitszimmer. In diesem befanden sich vier kleine Marinen aus dem Nachlasse des durch die Tannhäusersche Familie mit ihm verwandt gewordenen Direktors von Klöden, ferner Statuetten von Lessing und Kant, ein großes Ölbild von Hahnemann (Kniestück) und ein sehr gutes Portrait, Bruststück, von Schopenhauer. Letzteres erstand W. in Frankfurt a. M., als nach dem Tode Schopenhauers die Hinterlassenschaft desselben auf einer Auktion versteigert wurde. Vielleicht auch, daß er mit seinem Angebot diesem Auktionsakte zuvorkam und ihn überhaupt unnötig machte. Zugleich erwarb er viel von dem, was sonst noch den Schopenhauerschen Nachlaß ausmachte, darunter Manuskripte, Bücher und ein großer, schwer vergoldeter Pokal, der dem Frankfurter Philosophen, bei Gelegenheit seines siebzigsten Geburtstages, von seinen Verehrern überreicht worden war. Unter diesen Verehrern hatte Wiesike mit seiner Beisteuer derart vorangestanden, daß wohl gesagt werden darf: "diese Verehrer waren er", und so kam es denn, daß W. den Pokal zweimal zu bezahlen hatte, erst als er ihn schenkte, und zweitens, als er ihn aus dem Nachlasse zurückerwarb.

Über die Bücher – eine ganze Bibliothek von Werken, die sich sämtlich mit Schopenhauer und seiner Philosophie beschäftigten – ist an dieser Stelle wenig zu sagen, aber der damals noch vorhandenen Manuskripte muß hier ausführlicher Erwähnung geschehen. Das umfangreichste darunter bestand aus 193 großen Blättern zum zweiten Bande der zweiten Auflage seines berühmten Werkes "Die Welt als Wille und Vorstellung", zugleich mit Inhaltsverzeichnis und Vorrede für das Ganze.

Des weiteren gehörte zu diesen Manuskripten ein langer, essayartiger, an Sir Charles Eastlake, den Direktor der Londoner Kunstakademie, gerichteter Brief. Dieser Brief behandelt die Goethesche Farbenlehre und beginnt: "Sir. Allow me to hail and to cheer You as the propagator of the true theory of colours into England and as the translator of a work, which occupied its author's thoughts, during all his lifetime, far more, than all his poetry – as his biography and memoirs amply testify. As to myself I am G'.s personal scholar and first publicly avowed proselyte in the theory of colours. In the year 1813 and 14 he instructed me personally, lent me the greater part of bis own apparatus and exhibited the more compound and difficult experiments himself to me. Accordingly You will find me mentioned in his: ‘Tag- und Jahreshefte’ under the year 1816 and 1819." Also in Übersetzung etwa: "Gestatten Sie mir, hochgeehrter Herr, Sie als Verbreiter der richtigen Farbenlehre in England zu begrüßen, zugleich auch als den Übersetzer eines Werkes, das die Gedanken seines Autors mehr als alle seine poetischen Arbeiten (wie seine biographischen Aufzeichnungen bezeugen) beschäftigte. Was mich selbst angeht, so bin ich Goethes persönlicher Schüler und der erste, der sich, als ein Bekehrter, öffentlich zu seiner Farbentheorie bekannte. In den Jahren 13 und 14 unterwies er mich persönlich darin, lieh mir einen großen Teil seiner Apparate und erklärte mir die komplizierteren und schwierigeren Experimente. So werden Sie denn auch, hochgeehrter Herr, meiner in den ‘Tag- und Jahresheften’ von 1816 und 19 erwähnt finden."

So interessant dieser essayartige Brief in seinem weiteren Verlaufe ist, so wird er an Interesse doch übertroffen von vier andern an Brockhaus, Firma und Druckerei, gerichteten Briefen beziehungsweise Briefentwürfen. Der erste derselben, in dem der Verfasser immer neue Anläufe nimmt (was dann selbstverständlich zu Wiederholungen führt), lautet im wesentlichen wie folgt:

"An Friedrich Brockhaus. Ew. Wohlgeboren werden es ganz in der Ordnung finden, daß ich mich zunächst an Sie wende, da ich den zweiten Band der ‘Welt als Wille und Vorstellung’, den ich soeben vollendet habe, herauszugeben beabsichtige. Hingegen mag es Sie wundern, daß ich diesen erst nach einem Zeitraum von vierundzwanzig Jahren auf den ersten Band folgen lasse. Die Ursache ist jedoch ganz einfach diese, daß ich nicht früher fertig geworden bin, obwohl ich alle jene Jahre hindurch wirklich unausgesetzt daran gearbeitet habe, indem ich fortwährend die Gedanken niederschrieb und berichtigte, welche nun, in einer für das Publikum passenden Form, in diesem zweiten Bande von mir höchst sorgfältig und con amore dargestellt worden sind. Länger wollte ich es nicht anstehen lassen, abgesehen, daß ich soeben mein fünfundfünfzigstes Jahr zurückgelegt habe (wonach der Brief 1843 geschrieben sein muß), also in einem Alter stehe, wo schon das Leben anfängt, ungewisser zu werden, und selbst wenn ich noch lange leben sollte, ich alsdann darauf gefaßt sein muß, daß meine Geisteskräfte nicht die volle Energie behalten werden, in der sie jetzt noch stehn. Ich habe wirklich, unter beständigem Arbeiten an diesem Bande, die Schwelle des Alters erreicht, was ich freilich nicht voraussah. Aber was lange bestehen soll, braucht lange Zeit zum Werden, und meine persönliche Wohlfahrt war nicht dabei beteiligt noch bezweckt."

Hier folgen nun einige undeutliche Stellen. Dann fährt Schopenhauer fort:

"Schon 1835 hatten Sie nur wenige Exemplare übrig; es kann also unmöglich viel mehr dasein. Ich wünsche sehnlichst, vor meinem Ende mein Werk in einer vollständig korrekten und würdigen Ausgabe zu sehen und es so zurückzulassen. Denn man wird gegen mich nicht immer so ungerecht sein wie jetzt. Ich weiß, daß durch das planmäßig durchgeführte Sekretieren meiner Schriften, durch Schweigen darüber von seiten der Professoren, deren Scheinphilosophie neben meiner ernstlich gemeinten nicht bestehen kann, auch Sie haben leiden müssen. Aber auf die Länge wird es nicht gehn. Es sollte mich wundern, wenn von den vielen Gelehrten Ihrer Bekanntschaft nicht einer Sie über den wahren und verkannten Wert meiner Schriften aufgeklärt haben sollte. Einzelne starke Äußerungen darüber sind auch öffentlich gemacht worden, so zum Beispiel in Rosenkranz' Geschichte der Kantschen Philosophie, desgleichen in einem Aufsatz im ‘Pilot’, Mai 1841: ‘Jüngstes Gericht über die Hegelsche Philosophie’, sogar in den Halleschen Jahrbüchern (denen ich doch als der stärkste Verdammer der Hegelei todverhaßt bin), und zwar in der Kritik der Krauseschen Schriften circa im Juli 1841. Wenigstens könnten Sie daraus die Wahrheit mutmaßen, daß ich nämlich einer bin, dem großes Unrecht geschieht (worunter Sie mitgelitten haben), und daß ich es einmal überwinden werde."

Dann im weiteren Verfolge:

"Wenn Sie sich zu einer zweiten Auflage entschließen, erbiete ich mich, falls Sie es für nötig erachten, allem Honorar für beide Bände zu entsagen. Wahrlich keine Kleinigkeit. Aber mir liegt daran, die Wirksamkeit meiner Mühen zu erleben, und glauben Sie mir, das sind die echten Autoren, die so denken, und nicht sind es die auf Gewinn gerichteten. Im Falle Sie sich also dazu entschließen, werde ich an den vier Büchern des ersten Bandes nur wenige und nicht bedeutende Verbesserungen anbringen, hingegen den Anhang, welcher die Kritik der Kantschen Philosophie enthält, durch größere Änderungen und manche Zusätze um etwa einen Bogen vermehren. Ich kann Ihnen nur sagen, daß mein Buch nicht, wie die meisten, ein bloßes Scheinbuch, sondern ein wirkliches Buch ist, das heißt ein solches, welches bleibenden Wert hat, daher lange bestehen und viel Auflagen erleben wird, obgleich ich wohl weiß, daß Sie mir das nicht glauben werden. Am Ende kann es Ihnen auch gleichgiltig sein. Denn Ihre Sache ist der Debit der nächsten Jahre, und daß der rasch gehe, kann ich Ihnen nicht garantieren, sondern nur das eine, daß, wenn es daran fehlt, dies nicht die Schuld des Buches, sondern des Publikums sein wird." Und zum Schluß: "Dieser zweite Teil ist bei weitem wichtiger als der erste und übertrifft ihn an Gründlichkeit und Reichtum der Kenntnisse unendlich, eben weil er die Frucht fünfundzwanzigjährigen Studiums und Nachdenkens und der reiferen Jahre ist. Mein System, welches der erste Band im Umriß gibt, tritt hier in der Vollendung auf, die ihm nur das Nachdenken und der Fleiß eines ganzen damit zugebrachten Lebens geben konnte. Denn wenn in der ersten, noch unvollendeten Erscheinung desselben nur einzelne die Wichtigkeit und den Wert erkannt haben und es bei dem Gewirre der materiell interessierten Parteien nicht durchdringen konnte, so dürfen wir doch hoffen, daß es jetzt, in seiner vollendeten Gestalt und bei der schon eingetretenen Entlarvung der bloßen Spiegelfechtereien, endlich durchdringen wird."

So der Brief.

All dies, ursprünglich in einer lesbaren Handschrift geschrieben, ist nichtsdestoweniger, und zwar um der fünf- und sechsfachen, an allen nur erdenkbaren Stellen angebrachten Korrekturen willen, überaus schwer zu entziffern. Alle möglichen Zeichen stehen in seinem Dienst, Bojen oder Signallaternen, die den Weg zeigen sollen, aber so zahlreich sind, daß sie mehr verwirren als orientieren.

Vielleicht der interessanteste dieser vier an Brockhaus beziehungsweise an die Brockhaussche Druckerei gerichteten Briefe ist der, der die Überschrift trägt "An meinen Setzer". Derselbe (spezifisch Schopenhauersch) lautet:

"Mein lieber Setzer. Wir verhalten uns zueinander wie Leib und Seele, müssen daher, wie diese, einander unterstützen, auf daß ein Werk zustande komme, daran der Herr (Brockhaus) Wohlgefallen habe. Ich habe hierzu das Meinige getan und stets, bei jeder Zeile, jedem Wort, ja jedem Buchstaben, an Sie gedacht, ob Sie nämlich es auch würden lesen können. Jetzt tun Sie das Ihre. Mein Manuskript ist nicht zierlich, aber sehr deutlich, auch groß geschrieben. Die viele Überarbeitung und fleißige Feile hat viele Korrekturen und Einschiebsel herbeigeführt, jedoch alles deutlich und mit genauster Hinweisung auf jedes Einschiebsel durch Zeichen, so daß Sie hierin nie irren können, wenn Sie nur recht aufmerksam sind und mit dem Vertrauen, daß alles richtig sei, jedes Zeichen bemerken und sein entsprechendes auf der Nebenseite suchen. – Beobachten Sie genau meine Rechtschreibung und Interpunktion und denken Sie nie, Sie verständen es besser: ich bin die Seele, Sie der Leib. – Habe ich, am Ende der Zeile, die in die Nebenseite hineingehenden Zusatzworte durch einen Haken der Zeile angeschlossen, so hüten Sie sich, solche für unterstrichen zu halten! – Was mit lateinischen Buchstaben geschrieben, in eckigen Klammern eingeschlossen steht, sind Notizen für Sie allein bestimmt. – Wo Sie eine Zeile ausgestrichen finden, sehn Sie wohl zu, ob nicht doch ein Wort derselben stehengeblieben sei, und überall sei das letzte, was Sie denken oder annehmen, dieses, daß ich eine Nachlässigkeit begangen hätte. – Manchmal habe ich ein fremdartiges Wort, das Ihnen nicht geläufig wäre, am Rande, auch wohl zwischen den Zeilen mit lateinischen Buchstaben wiederholt und in einige Klammern geschlossen. Bedenken Sie, wenn die vielen Korrekturen Ihnen beschwerlich fallen, daß eben infolge derselben ich nie nötig haben werde, auf dem gedruckten Korrekturbogen noch meinen Stil zu verbessern und Ihnen dadurch doppelte Mühe zu machen.

Ich setze gern doppelte Vokale und das den Ton verlängernde h, wo es früher jeder setzte. Ich setze nie ein Komma vor denn, sondern Kolon oder Punkt. – Ich schreibe überall ahnden, nie ahnen. – Ich schreibe ‘trübsälig, glücksälig’ usw., auch ‘etwan’, nie ‘etwa’. Teilen Sie diese Ermahnung dem Korrektor mit.

Ich wünsche, daß oben auf den Seiten die Überschrift des jedesmaligen Buches und Kapitels fortlaufend angegeben stehe, zum Beispiel auf der Seite zur Linken: ‘Viertes Buch, Kap. 43’, auf der zur Rechten: ‘Erblichkeit der Eigenschaften’ usf.

Bloß das erste Buch (nicht die andern) zerfällt in zwei Hälften, die nicht gerade durch ein Titelblatt gesondert zu werden brauchen, sondern die bloße Überschrift kann hinreichen."

Das Schicksal dieser Manuskripte – seitdem vielleicht in Schopenhauerschen Sammelwerken veröffentlicht – ist mir unbekannt.



Der Ausschmückung seines zeitlichen Hauses widmete Wiesike durch ein halbes Jahrhundert hin nur wenig Sorgfalt, desto mehr seiner letzten Ruhestätte, nachdem ihm 1865 die Frau gestorben war. Im genannten Jahre beschloß er – vielleicht nicht ganz unbeeinflußt durch den eigenartigen Friedhof der Humboldts in Tegel –, einen Begräbnisplatz in seinem Park herzurichten, und ging auch sofort an die Ausführung dieses Beschlusses. Als ich (wie erzählt) 1874 zum ersten Male nach Villa Wiesike kam, war dieser Begräbnisplatz schon vorhanden und fesselte mich weniger durch seine Schönheit – darüber wäre zu streiten gewesen – als durch eine gewisse Originalität der Anlage. Ein etwa 300 Schritt langer Fliedergang führte zu einem großen, von einer Fliederhecke kreisförmig umstellten Rondeel: inmitten dieses Rondeels ein quadratisches Eisengitter und wiederum inmitten dieses Gitters ein Sockelbau mit einer Granitpyramide samt drei Grabstellen und einem Blumenbeet. Dies Blumenbeet in Front. In Front auch ein Marmorrelief, "Hygiea und Psyche" darstellend (mit der Legende: Mens sana in corpore sano), an beiden Seiten des Obelisken aber die Medaillonportraits des Wiesikeschen Ehepaars: Carl Ferdinand Wiesike und Julie Wiesike, geborene Tannhäuser. Endlich, an der Rückfront, nicht Bild, nicht Portrait, wohl aber die Inschrift: "Wilhelmine Rolle; ihren langjährigen treuen Diensten zum Gedächtnis." Nur erst Julie Wiesike, geborene Tannhäuser, hatte von den genannten dreien ihre Grabstelle schon bezogen, wovon, außer dem eingravierten Todesdatum, auch der Efeuhügel Zeugnis gab. Die beiden andern, der alte Herr und die treue Dienerin seines Hauses, freuten sich noch des himmlischen Lichts und traten täglich an die Stelle, wo sie, früher oder später, ebenfalls ihre Ruhestätte finden sollten. Ursprünglich, was nicht vergessen werden darf, war auch diese Stätte bestimmt gewesen, neben der Bestattung der Familie dem Kultus des Genius zu dienen, und statt "Hygiea und Psyche" hatten Hahnemann und Schopenhauer und des weiteren die Büsten von Äschylus, Bach und Kant den diese Stelle Besuchenden begrüßen sollen. Es war aber schließlich doch Abstand von dieser Lieblingsidee genommen worden, einerseits um Verwirrung und andererseits um den Schein der Prätension zu vermeiden. Seitdem ist der alte Wiesike selber heimgegangen (11. Oktober 1880) und ruht nun ebenfalls zu Füßen des Obelisken, weshalb es sich geziemen mag, diesen Kapitelabschnitt mit dem Versuch einer Wiesikeschen Charakteristik zu schließen.



Carl Ferdinand Wiesike war eine spezifisch märkische Figur, unter anderem auch darin, daß er mehr war, als er schien. Sah man ihn öfter, so wurde man freilich gewahr, eine wie kluge Stirn und wie kluge Augen er hatte, wer dieses Vorzuges häufigerer Begegnungen aber entbehrte, der nahm ihn, mit seiner breiten Unterlippe, notwendig für eine Alltagserscheinung. Unter denen, die den Alten mit am besten kannten, war auch die betagte, drüben im Schloß wohnende Gräfin Königsmarck, geborene von Bülow. Sicherlich waren die Gräfin und Wiesike Gegensätze: Hochadel und Bürgertum, Konservatismus und Fortschritt, Christentum und Atheismus standen sich in ihnen gegenüber, aber die Gräfin hielt trotz alledem große Stücke auf ihren Nachbar, von dem sie wußte, daß er nicht bloß klug, sondern auch mutig und ehrlich war und das Herz auf dem rechten Flecke hatte.

Wiesike war nicht bloß ein genialer Praktiker, der mit Hilfe selbständigen Denkens sich rein äußerlich vorwärts zu bringen verstand, er hatte, wie nicht genug hervorgehoben werden kann, dies sein selbständiges Denken auf jedem Gebiet und verachtete nichts so sehr wie den Glauben an das allein Seligmachende der Überlieferung. Er ließ die Tradition gelten und war weitab davon, ein Reformer à tout prix sein zu wollen, aber ebenso kritisch er die Neuerungen ansah, ebenso kritisch verhielt er sich gegen das Alte, dessen Anspruch auf Giltigkeit, und zwar bloß weil es alt, er mit jugendlichem Eifer bestritt. Sein Hahnemann- und Schopenhauer-Enthusiasmus ging aus dieser seiner Geistesrichtung hervor, und er nahm sich dessen an, was er seitens der den Tag beherrschenden Mächte mit Unrecht ignoriert oder befehdet glaubte. So ward er der Freund Hahnemanns und Schopenhauers und zugleich eine Stütze derer, die für beide "Schule" zu bilden begannen.

Einige haben in all diesem Tun nur Eitelkeit und in Wiesike selbst nichts als einen von einer Koterie geschickt "Eingefangenen" erkennen wollen. Aber der alte kluge Wiesike war nicht der Mann, sich ohne weiteres einfangen zu lassen, und durfte mit Windhorst-Meppen sagen: "Wer mich ausnutzen oder hinters Licht führen will, der muß früher aufstehn." Alles, was er der Person wie der Lehre seiner zwei Meister an Huldigungen darbrachte, sproß nicht aus einem sich geschmeichelt fühlenden Mottenburgertum, sondern aus jener innerlichen Kraft und Überzeugung, die da, wo der Glaube versagt, das Wissen gibt, das Zuhausesein in den jeweiligen Disziplinen. Er hatte seinen Schopenhauer immer wieder und wieder gelesen und bot ein geradezu leuchtendes Beispiel dafür, daß der Pessimismus nicht bloß ruiniere, sondern unter Umständen auch eine fördernde humanitäre Seite habe. Wiesike hatte das Mitleid und half immer, wo Hilfe verdient war. Eine vielleicht zu weit gehende Vorstellung von der ungeheuren Bedeutung des Besitzes, ja mehr, ein Stück vom Bourgeois und altmodischen Kleinkaufmann war ihm freilich geblieben. Aber auch das trat sehr gemildert, um nicht zu sagen, geläutert auf.

Ich persönlich kann seiner nicht ohne Dank und Rührung gedenken und zähle die mit ihm verplauderten Stunden zu meinen glücklichsten und bestangelegten. Jedenfalls aber gehört er in seiner für märkische Verhältnisse merkwürdigen Mischung von finanzlicher und philosophischer Spekulation, von Pfadfinder und Sokrates, von Diogenes und Lukull zu den interessantesten Figuren, die mir auf meinem Lebenswege begegnet sind.
Quelle      
 
Fontane, Theodor
Fünf Schlösser. Altes und Neues aus Mark Brandenburg, Berlin 1889
 
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