9 Stunden
50 Kilometer
Abend-Nacht-Tour mit allem Drum und Dran: Trinken, Essen, Spiel, Spaß, Abenteuer, Sport und Entspannung.
Diese Tour gibt es auch zum Anhören:

Den Text der Tour als PDF:

Bis die U-Bahn nicht mehr leuchtet

Tilman Rammstedt

Fotos: Tobias Bohm


»Seien wir ehrlich, Spontaneität hat doch einen etwas zu guten Ruf. Ich empfehle also, die folgenden Vorschläge für einen guten Abend in der exakt richtigen Reihenfolge und unter Einhaltung der vorgegebenen Zeiten wahrzunehmen, sonst geschieht vielleicht ein Unglück.
Benötigt wird für diesen Abend dreierlei: Ein Tischtennisschläger, eine Krawatte und mindestens ein adäquater Mensch.«


Cafe Bar Haliflor
Schwedter Strasse 26
10199 Berlin

030-54713311
Mo-So: 10-02 Uhr

20 Uhr
Haliflor
Prenzlauer Berg

Mit dem adäquaten Menschen ist man im Haliflor verabredet. Im Haliflor lässt sich ein Abend gut beginnen, man ist dort zwar schon aus der Wohnung aber noch nicht so richtig in der Welt. Die einzige Gefahr dieses Treffpunkts besteht darin, dass sich im Haliflor ein Abend auch gut beenden lässt, leicht kommt man in Versuchung, die Bar gar nicht mehr zu verlassen, und dann war es zwar wahrscheinlich auch ein guter Abend, aber nicht der geplante.

Man sollte ruhig etwas zu früh erscheinen, denn im Haliflor wartet man gern. Man kann dann am Tresen sitzen und noch einen Kaffee trinken, die Bedienung ist gelangweilt, was ihr aber gut steht, die Musik flauschig, hinter den großen Fenstern werden Kinder und Einkaufstüten getragen, der Abend ist noch früh.

Wenn der adäquate Mensch dann erscheint, wenn man ihn ausgiebig umarmt hat, wechselt man von der Bar an einen der Tische am Fenster und von Kaffee zu polnischem Bier. Man hat den adäquaten Menschen lange nicht gesehen (Ausland, schwierige Phase, was auch immer), es gibt einander so viel zu erzählen, dass es anfangs noch stockt, weil man gar nicht weiß, womit man beginnen soll. Keine Sorge, das ist ganz normal.

Die Bar füllt sich langsam, noch nicht alle Tische sind besetzt, doch um den Tresen wächst schon eine beachtliche Traube. Dass er noch nichts gegessen habe, sagt der adäquate Mensch, als man überlegt, ob man noch eins bestellen soll, und essen kann man im Haliflor nur Kleinigkeiten. Bloß nicht indisch, sagt der adäquate Mensch. Bloß nicht Sushi, sagt man selbst. Also überlegt man hin und her, und immer, wenn man hin und her überlegt, fällt einem irgendwann das Il Santo ein.

Von der Straße aus schaut man noch einmal zurück in die Bar und fragt sich, ob es ein Fehler war, diesen Ort so schnell schon wieder zu verlassen, schon nach einer dreiviertel Stunde hat einen die Haliflor-Behaglichkeit vollkommen umgarnt. Dass man ja später wiederkommen könne, sagt man sich. Aber dazu wird es nicht kommen.



Il Santo
Elisabethkirchstrasse 1
10115 Berlin

030-44033760
Mo-Mi: 10-19 Uhr
Do-Sa: 10-22 Uhr
So: 10-18 Uhr


21 Uhr
Il Santo
Mitte

Eigentlich will man beim Essen mit Melancholie nichts am Hut haben, im Il Santo ist sie aber höchst willkommen. Im Grunde ist sie sogar der Hauptgrund, dieses Restaurant überhaupt zu besuchen. Ja, das Essen ist gut, aber man kann leicht besser essen als dort. Ja, es ist günstig, aber das darf nicht zählen. Schon die Speisekarte, eine kleine Tafel an der Wand, strahlt eine wohltuende Schwermut aus: vier Nudelgerichte, allesamt Klassiker, mehr nicht. Das lange Blättern und Überlegen bleibt einem also erspart, und selbst bei solch kleiner Auswahl möchte man sich ohnehin am besten vom Wirt beraten lassen, der müde und liebevoll lächelnd an den Tisch schwebt und mit leiser, melodiöser Stimme sämtliche Gerichte mit der gleichen vernuschelten Inbrunst empfiehlt, und wenn er „Die Arrabiata ist auch gut“ seufzt, dann weiß man, dass er eigentlich sagen möchte: „Das Wetter in Berlin ist schlimm, man bekommt kein frisches Gemüse, alle trinken Coffee to go, aber lasst uns zusammen das Beste draus machen, okay.“

Das Essen bringt dann ein gefühlt zwölfjähriger Kellner, der noch viel leiser spricht als sein Chef, dabei aber so verschüchtert lächelt, dass man ihm ohnehin nicht zuhört. Man trinkt Wein aus viel zu kleinen Gläsern, und dabei schmieden der adäquate Mensch und man selbst dann die weiteren Abendpläne. Rastlos isst man etwas, man will auch erst einmal nicht mehr sitzen, hat auch trotz des anfänglichen Stockens fürs Erste genug geredet. Jetzt will man zusammen fiebern und bangen, und da empfiehlt sich das Glücksspiel.



Casino Berlin im Park Inn
Berlin-Alexanderplatz

Alexanderplatz 8
10178 Berlin

030-23894144

Klassisches Spiel
Täglich: 15-03 Uhr



21 Uhr 30
Casino
Mitte

Das gesamte Park Inn Hotel erstaunt einen mit seiner komplett charmefreien Schäbigkeit. Die Lobby geht schonungslos in eine Einkaufspassage über, hektische Rentner irren vor der Rezeption umher, überall Halogen und überall Furnier  - auch das Casino in der 37. Etage bildet da keine Ausnahme. Für Männer besteht zwar Krawatten- oder Jackettzwang (beides kann man sich notfalls am Eingang des Casinos leihen), auch darf man offiziell keine Jeans tragen, aber wer daraufhin auf irgendeine Art von Glamour schließt, liegt phänomenal falsch. Fast nirgendwo in Berlin trifft man auf eine solche Ansammlung von gehobener Geschmacklosigkeit wie zwischen den Roulettetischen des Park-Inn-Casinos. Allein das ist schon sehenswert und hebt gleichzeitig das Selbstbewusstsein, an kaum einem anderen Ort im Zentrum der Stadt ist man mit so wenig Aufwand der am besten gekleidete Gast.

Der Eintritt beträgt fünf Euro, für die man aber gleichwertige Chips erhält. Der adäquate Mensch setzt den gemeinsamen Eintritt gleich beim Black Jack, da geht es immer schnell, noch eine, noch eine, noch eine, und dann hat man verloren, sodass man sich erst einmal ein Getränk holen und sich vor den Panoramafenstern daran erfreuen kann, wie unspektakulär Berlin von oben aussieht.

Dann kauft man die erste Ladung Chips, entscheidet sich fürs Roulette, setzt gleichzeitig auf die 9, Pair, Schwarz, das zweite Dutzend und auch auf die ein oder andere von den Kombinationen am Rand des Tableaus, die man nicht versteht, irgendwas hat man dann ziemlich sicher gewonnen, zwar nicht so viel, wie man gesetzt hat, aber die Freude ist trotzdem groß. „Ich habe eine Glücksträhne“, ruft der adäquate Mensch immer wieder, „Komm, wir knacken die Bank“, ruft man selbst und setzt waghalsig zwei Euro auf Rot. Noch leichter als sich gut zu kleiden, ist es im Park-Inn Casino nämlich, der einzige Gast mit irgendwelchen menschlichen Regungen zu sein. Niemand blinzelt hier, niemand kreischt, niemand flucht, niemand lächelt, man fühlt sich hier so lebendig wie nie.

Irgendwann, recht schnell sogar, sind mit der wahllosen Setz-Methode jedoch die Chips weg, man setzt mal ein paar Runden aus, beobachtet, wie höchst dubiose Gestalten lakonisch ein paar Hunderter aufs Spielfeld werfen, um dann gar nicht zu abzuwarten, wo die Kugel stehen bleibt, das ist schnell langweilig, also tauscht man neue Chips und beschließt, diesmal einen Plan zu haben.

Der Plan ist, die Taxikosten für den weiteren Abend zu erspielen, man überschlägt schnell, kommt auf ungefähr sechzig Euro, tauscht Scheine gegen rundes Plastik, und dann streitet man sich, „Gerade, ganz sicher gerade“, behauptet der adäquate Mensch, man selbst beharrt auf Rot, also setzt man als Kompromiss auf Manque, schiebt die Chips noch beim „Nichts geht mehr“, das tatsächlich gesagt wird, ohne Absprache auf Passe um, schaut abwechselnd auf das entsetzte Gesicht des adäquaten Menschen und die rollende Kugel, die, kaum zu glauben, bei der 29 stehen bleibt, und jubelt anschließend so laut, dass sich die höchst dubiosen Gestalten angewidert abwenden. Der adäquate Mensch will sofort alles noch einmal setzen, „die Null, ich spür es, die Null“, aber dann gilt es, einmal die Stimme der Vernunft herauszukramen, dann gilt es, nicht gierig werden, schnell das Geld zurücktauschen und diesen Ort zu verlassen, solange das Gefühl, mindestens Millionär zu sein, noch vorhält.

Sollte der perfekte Plan nicht aufgehen, es kommt nicht Passe und das Geld ist weg, bleiben einem drei Möglichkeiten:

1. Doppelt oder nichts. Klingt sexy, ist es aber nur dann wirklich, wenn man irgendwann auch gewinnt. Denn umso schwieriger wird es, beim nächsten Verlust klein bei zu geben, dann verdoppelt man wieder, und sehr schnell ist die Schmerzgrenze erreicht, und dann aufzuhören, ist wahrlich ernüchternd.

2. Man zuckt mit den Schultern, bucht den Verlust unter „Eintritt in eine überteuerte Art der Erlebnisgastronomie ab“ und fährt die anstehenden Strecken nicht mit dem Taxi, sondern mit dem Öffentlichen Nahverkehr, mit adäquaten Menschen geht auch das schließlich schnell.

3. Man zuckt die Schultern, fährt trotzdem alle Strecken mit dem Taxi, sagt sich, dass man immerhin nicht nach Potsdam oder Paris fährt und man daher eigentlich noch gutes Geld gespart hat, das man in Getränke investieren kann.

Für welche der drei Möglichkeiten man sich entscheidet, bleibt jedem selbst überlassen. Wichtig ist nur, es schnell zu tun, denn die Zeit drängt, und man braucht jetzt schleunigst Natur.



Flughafensee
Tegel

Mit dem Taxi bis zur Seidelstraße, Ecke Otisstraße
fahren, auf der anderen Seite der Seidelstraße dem
Stichweg folgen, hinter einem Holzsteg beginnt
dann der Waldweg zu den Buchten, mit der U-Bahn
fährt man die U6 bis Otisstraße.

22 Uhr 40
Flughafensee
Tegel

Der gute Abend ist natürlich auch ein lauer Abend, und an lauen Abenden sollte man zu einem See raus fahren. Meist denkt man nicht daran oder ist einfach zu faul, heute aber mal nicht.

Der Flughafensee ist nicht besonders groß und auch nicht besonders beliebt, obwohl er zu den wenigen Seen Berlins gehört, die recht schnell und einfach auch mit der U-Bahn zu erreichen sind. Seine Besonderheit erlangt er aber durch die einzigartige Kombination aus Luftverkehr im Hintergrund und Wildschweinen im Vordergrund.

Von der Straße aus muss man noch ein paar Minuten einem Waldweg folgen, schwach beleuchtet von den Scheinwerfern der angrenzenden JVA Tegel, bis sich dann links kleine Buchten auftun. Dabei raschelt es schon verdächtig im Unterholz. „Ein Vogel“, beruhigt einen der adäquate Mensch. „Oder ein Wiesel“, beruhigt man zurück, ohne es recht zu glauben, doch dann liegt auf einmal der See vor einem, der Mond spiegelt sich darin, in nicht allzu weiter Ferne raucht auf dem Flughafengelände irgendein charmant die Idylle brechender Schornstein, wenn es noch nicht zu spät ist, dröhnen auch die Turbinen eines startenden Flugzeugs hinüber, das kurz danach am Himmel verschwindet, und man ist froh, nicht darin zu sitzen, sondern stattdessen im nur ein ganz klein wenig zu kalten Wasser zu schwimmen, weit und breit nur man selbst und der adäquate Mensch, man fühlt sich wie in einem komplett ironiefreien Popsong, und wenn man wieder hinaussteigt, wartet am kleinen Strand eine stattliche Wildsau und schaut einen teilnahmslos an.

Man muss dann nicht abgeklärt tun, man darf, nachdem sich die Sau wieder im Unterholz verkrochen hat, ruhig Freunde anrufen, damit die im Internet nachschauen, ob vielleicht gerade doch Frischlingszeit ist, ob Wildschweine eigentlich schwimmen können, ob sie womöglich auch auf Bäume klettern können. Man darf ruhig wenig beruhigt sein von der Information, dass die Tiere mehr Angst vor Menschen haben, als man selbst vor ihnen, weil das bei ihrer Größe einfach eine übertriebene Schüchternheit wäre. Man darf ruhig bezweifeln, dass man sich im Falle eines Angriffs tatsächlich so verhalten würde, wie empfohlen, nämlich stocksteif stehen zu bleiben, damit die Sau denkt, man wäre ein Baum oder so etwas. Man darf auch ruhig den Rest des Abends voreinander prahlen, wie knapp man dem Tod entkommen sei, dass man im Grunde mit bloßen Händen eine ganze Horde Wildschweine erlegt hätte, aber man darf ruhig auch erst einmal genug von der Natur haben, man darf Menschen wollen, Musik wollen, die Paloma Bar wollen.



Paloma Bar
Skalitzer Str. 135
10997 Berlin

1. Stock
den Pfeilen auf der Treppe
neben dem "Kaisers" folgen,
nur donnerstags, freitags
und samstags geöffnet
ab 21 Uhr

Mitternacht
Paloma Bar
Kreuzberg

1. Stock, den Pfeilen auf der Treppe neben dem „Kaiser’s“ folgen, leider ist die Paloma Bar nur donnerstags, freitags und samstags geöffnet.

Die Paloma Bar liegt direkt über dem trostlosen „Kaiser’s“ Supermarkt am ohnehin nicht sehr tröstlichen Kottbusser Tor. Zum Glück braucht man gerade keinen Trost, und selbst wenn: in der Paloma Bar gibt es genug davon. Es passen ungefähr zwanzig Menschen in die Bar, doppelt so viele sind meistens da. Einen der wenigen Plätze auf der Fensterbank, hinter der die Hochbahn fast ins Zimmer fährt, bekommt man daher selten. Aber man will hier auch nicht sitzen, man will dicht gedrängt an der Bar stehen, man will durch den Holzperlenvorhang aufs winzige Unisex-Klo gehen, man will tanzen, denn tatsächlich hat sich in eine Ecke noch eine DJane gedrängt und lässt einem glücklicherweise kaum eine Wahl.

Der adäquate Mensch entdeckt dann plötzlich noch weitere adäquate Menschen, die er auch alle lange nicht gesehen hat, das Hallo fällt, der Uhrzeit entsprechend, etwas übertrieben laut aus, man selbst wird unbekannterweise mit umarmt und in die gerade von der Theke geholte Runde Wodka in kleinen Plastikbechern umgehend integriert. Irgendjemand lässt einen aufziehbaren Plüschdackel  über den Boden laufen, irgendjemand hat wahrscheinlich Geburtstag und die letzten Wunderkerzen verglühen gerade, irgendjemand hat beschlossen, dass es jetzt aber mal an der Zeit sei, die Abendbegleitung ausgiebig zu küssen. Von all dem ist man gern Teil, bei all dem möchte man gern bleiben, bis es schon nicht mehr dämmert, aber dafür hat man sich schließlich einen anderen Ort ausgesucht, und deshalb sollte man jetzt besser wieder etwas essen, die neu gewonnenen adäquaten Menschen finden das auch, und man geht schnell um die Ecke ins Hasir.



Hasir Restaurant
Adalbertstr. 10
10999 Berlin

030-6142373

1 Uhr 30
Hasir
Kreuzberg

Obwohl man eigentlich nicht schnell ins Hasir gehen kann, denn dem Hasir gelingt es, immer eine würdevolle Ruhe auszustrahlen, ganz gleich wie voll es drinnen ist, ganz gleich wie trubelig es draußen auf der Adalbertstraße zugeht. Die großen Fenster, die das Restaurant von der Straße trennen, scheinen zu einem Aquarium zu gehören, man ist sich nur nicht ganz sicher, ob man selbst Fisch oder Betrachter ist, aber beides ist einem Recht.

Aus den Boxen zirpen anatolische Geigen, das Licht ist wohlig gedämpft, an den Wänden prangen Fotos von Berühmtheiten, die man allesamt nicht kennt, sie lächeln milde, man lächelt zurück, und dann wird aufgetischt: ein ganzes Sortiment an Suppen und Spießen und Blätterteigtaschen, dazu Tee, Ayran und klebriges Gebäck – all das, was einem zu dieser Tageszeit enorm wichtig erscheint. Man isst wild durcheinander und überbietet sich mit den versammelten adäquaten Menschen gegenseitig im Preisen der Gerichte – nach der Paloma Bar und ihren schnell geleerten Plastikbechern schmeckt ohnehin alles nach haute cuisine; zum Schluss des Preisens will einer in die Küche rennen, um den Koch zu küssen, was der allerdings abwehren kann. Alle eventuellen Müdigkeitssymptome verschwinden hier schnell, beinah ein wenig zu übermütig kann man werden, und so findet auch der Vorschlag, nun wieder in den Prenzlauer Berg zu fahren,  keine Gegenstimme.



Yes Bar
Knaackstr. 14
10405 Berlin

Mo-Sa: ab 20 Uhr

2 Uhr 20
Yes Bar
Prenzlauer Berg

Vielleicht liegt es an der mild-euphorischen Stimmung, die einen im Hasir übermannt hat, dass nun nur die Yes Bar in Frage kommt. Dort nämlich ist die Warmherzigkeit zu Hause. Und das ausgerechnet beim Kollwitzplatz gegenüber dem Wasserturm, also der Gegend, die schon seit Jahren nachts eigentlich nur noch von Touristen mit veralteten Stadtführern aufgesucht wird. Fast heißherzig wird es, wenn man Glück hat und vom Inhaber selbst, dem freundlichsten Barkeeper der Welt, bedient wird, der jede Bestellung lässig-verzückt entgegen nimmt und selbst einen Mars-Riegel auf einem kleinen Silbertablett serviert. An schlecht besuchten Abenden schließt er den Laden auch schon mal um zehn Uhr, weil er sich dann lieber eine DVD anschaut, aber das erklärt er einem so begeistert, dass man sich aufrichtig für ihn freut. Aber heute ist ja kein schlecht besuchter Abend, heute ist ja ein guter Abend, und da auch die Yes Bar nicht unbedingt mit ihrer Größe protzen kann, muss man sich selbst mit einer überschaubaren Gruppe adäquater Menschen an verschiedenen Tischen dazu setzen, spätestens um diese Zeit ist es in der Yes Bar mit den in Berlin sonst so ausgeprägten Privatsphären und Höflichkeitsabständen ohnehin vorbei, und es kann leicht geschehen, dass man von vollkommen Fremden als Sachverständiger in sportlichen („Weißt du, wie Bremen gespielt hat?“), modischen („Das ist ja wohl das grauenhafteste Hemd, das die Welt je gesehen hat, oder?“) und amourösen („Sie bricht mir das Herz, sag ihr, dass sie mein Herz bricht, sag ihr, dass sie das nicht tun soll.“) Fragen zu Rate gezogen wird.

In der Mitte der Bar, auf den paar Quadratzentimetern zwischen den Tischen tanzt ein Paar seit einer halben Stunde einen langsamen Walzer, obwohl die Musik ein anderes Tempo anregt,  soweit man sehen kann, sind hier alle selig, wovon auch immer, und schon wieder gäbe es keinen wahren Grund zu gehen, man beschließt sogar, das ständige Ortswechseln nun mal endlich bleiben zu lassen, doch genau dann schlendert der freundlichste Kellner der Welt von Tisch zu Tisch und erklärt jedem, dass er nun schließen werde, er wolle gerne ins Bett, und wieder erklärt es einem so, als ob das eine gleichermaßen originelle wie fantastische Idee wäre, und man ist voll und ganz mit ihm einverstanden, und erst auf der Knaackstraße fällt einem auf, dass man selbst aber eigentlich noch gar nicht ins Bett möchte, und die adäquaten Menschen nicken zum Glück.


3 Uhr 30
Tischtennisplatten
Prenzlauer Berg

Nach der Yes Bar will man nicht sofort in eine andere Bar, das wirkt blasphemisch, auch wurde mal wieder genug gesessen, und ohnehin ist halb vier Uhr morgens die ideale Zeit für Sport. Ein paar Meter entfernt von der Yes Bar, in einer von Büschen versteckten Ecke des Kollwitzplatzes, stehen zwei Tischtennisplatten. Wer ein ernsthaftes Match bestreiten möchte, sollte auch ein paar Teelichter eingepackt haben, die in gleichmäßigen Abständen auf der Platte positioniert werden (wer ein Teelicht trifft, gewinnt den Punkt), für den heutigen Anlass aber reicht das hereinfallende Licht der Straßenlaternen vielleicht aus. Wenn noch genug adäquate Menschen mit von der Partie sind, spielt man ohnehin Rundlauf oder ein Doppel-Doppel. Beim Doppel-Doppel stehen je zwei Spieler auf allen vier Seiten der beiden Platten, und man muss immer wieder überkreuz von einer Platte auf die nächste spielen. Das gelingt zwar sehr selten, aber wenn, ist der Jubel grenzenlos. Außerdem besitzt diese Variante den Vorteil, dass das Spiel, bevor es allzu langweilig wird, sein natürliches Ende findet, indem der Ball irgendwann unauffindbar in den Büschen landet. Außerordentlich zufrieden damit, auch seinem Körper mal etwa Gutes getan zu haben, begibt man sich zur letzten Station des Abends.



Schwarz Sauer
Kastanienallee 13
10435 Berlin

030-4485633
tgl. ab 8 Uhr

4 Uhr
Schwarz Sauer
Prenzlauer Berg

Denn am Ende ist es immer das Schwarz Sauer. Das Schwarz Sauer hat keinen besonders guten Ruf, es versinnbildlicht alles Schlechte, was man über die Kastanienallee sagt, das Arrogante, das Gewollte, das gequält Hippe, das Unfreundliche, das Laute, das Homogene, das Etablierte, das Touristische. Aber genau wie die ganze Straße, all diesen nicht unzutreffenden Vorwürfen trotzend, immer noch eine der schönsten Straßen Berlins ist, so kann man sich auch dem Schwarz Sauer nur sehr schwer entziehen, und schon gar nicht gelingt das nachts. Tagsüber und am frühen Abend ist dieser Ort eher unangenehm, aber nach drei, spätestens vier Uhr, wenn es zum Sammelbecken der Nichtschlafenwoller und Nichtschlafenkönner wird, wenn dort um diese Zeit noch so viel los ist, wie in den umliegenden Kneipen noch nicht einmal um Mitternacht, wenn man dort dann auch nicht ängstlich fragen muss, ob man vielleicht noch ein kleines Bier bekommt, sondern sogar mitunter die Kaffeemaschine noch nicht geputzt ist, dann kann diese Bar sehr glücklich machen.

Nach dem Tischtennis hat sich die Zahl der adäquaten Menschen reduziert, und so finden die Verbleibenden noch alle einen Platz um den Tresen. Die Barkeeper und Barkeeperinnen sind komplett im erwartbaren adretten Neo-Punk-Stil gehalten, sie dürfen einen nicht anschauen, sonst zerfallen sie zu Staub, aber das ist man seit Jahren von diesem Ort gewohnt, das stört einen längst nicht mehr, im Gegenteil: das fast rührend Allürenhafte der Bedienungen im Schwarz Sauer gehört genauso zur Bar wie die Panoramafenster, wie die Uhr über der Tür, wie die versifften Toiletten und die am großzügigsten abgemessenen 4 cl des ganzen Bezirks.

Bis halb fünf wird es immer voller, dann stagniert es kurz, und dann wird das Schwarz Sauer erst wahrhaft betörend. Um den Abend rund zu machen, ist man dann am besten wieder allein mit dem eigentlichen adäquaten Menschen, vielleicht sitzt auch noch ein schweigsamer Finne mit dabei, den keiner kennt, der aber aus unerfindlichen Gründen schon beim Tischtennis mitgespielt hat, man trinkt ein letztes Flachenbier, es gibt nur noch Flaschenbier, draußen wird es hell, die Straßenbahnen fahren ständig durchs Bild, Frühaufsteher stoßen mit Spätheimkommern zusammen, man sagt nicht mehr viel, aber das hat längst nichts mehr mit Stocken zu tun, und wenn der Barkeeper dann irgendwann sagt, dass er jetzt schließe, seinetwegen dürfe man aber draußen warten, bis er durchgewischt habe, dann käme die Schichtablösung und es gebe Frühstück, kann man sich das ja überlegen.


Autorenlexikon
Nach Schulzeit und Zivildienst in Bielefeld, studierte Tilman Rammstedt eine ganze Reihe von Dingen, hauptsächlich Philosophie und Literaturwisse ...