Die Berliner Salons, die in der Zeit der Romantik aufblühten, hatten ihre Entsprechung in den Musensitzen auf dem Lande. Es waren zwei unterschiedliche Typen, die Fontane unter dem Begriff Dichterhöfe zusammenfaßte, nämlich der von Wiepersdorf und Nennhausen, wo der Gutsherr selbst dichtete, und der von Kunersdorf und Ziebingen-Madlitz, wo kunstliebhabende Adlige als Mäzene auftraten, indem sie Dichtern Unterkunft und Unterhalt boten.

Märkische Musenhöfe

Günter de Bruyn

Fotos: Peter Walther



»An der Entwicklung der deutschen Literatur im 18. Jahrhundert war mit dem Freiherrn von Canitz und mit Ewald von Kleist auch der märkisch - pommersche Adel beteiligt, und auf den Herrensitzen an der Spree, Oder und Havel wuchs im Lauf des Jahrhunderts das Interesse an ihr. Die französischen Bildungseinflüsse wurden allmählich geringer, und als nach dem Tod Friedrichs des Großen, 1786, deutsche Sprache und Literatur auch im Königshof Eingang fanden, stärkte das zusätzlich diese Tendenz auch in Adelskreisen, und es setzte an einigen Orten eine Art Mäzenatentum ein. Um 1800 gab es märkische Herrensitze, die man Musenhöfe nennen könnte. Am ehesten trifft diese Bezeichnung wohl auf Fouqués Nennhausen und die Finckensteinischen Güter Madlitz und Ziebingen zu.

Beide Orte sind in Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" nicht vertreten. Im Nachlaß des Dichters aber haben sich Vorarbeiten erhalten, die sein Interesse  an ihnen bezeugen. In den Notizen aus dem Jahre 1864 zum geplanten Kapitel über Nennhausen findet man folgende stichwortartig niedergelegten Gedanken:

"Anknüpfend an den Aufenthalt (Fouqués) in Nennhausen hindeuten auf Tieck- Finckenstein in Reitwein, Nedlitz, Ziebingen. Auch auf die Humboldts in Tegel, Achim von Arnim in Wiepersdorf, die Dönhoffs in Tamsel etc. Lauter Dichterhöfe. Parallelen mit jetzt, wo dergleichen gar nicht existiert. Alles ist ernst, real, politisch, und es ist besser so." (1)

Sieht man ab von den Flüchtigkeitsfehlern (es muß Madlitz statt Nedlitz heißen, und Reitwein befand sich zwar zu Fontanes, aber nicht zu Tiecks Zeiten im Besitz der Finckensteinschen Familie), so ist diese Notiz bemerkenswert im doppelten Sinne. Zum einen zeigt sie das Interesse Fontanes an dem Phänomen der Dichterhöfe, von denen er einige, wie Tamsel und Kunersdorf, in den "Wanderungen" schon beschrieben und andere vorurteilslos erwähnt hatte; zum anderen aber weist der Vergleich zwischen Damals und Jetzt auf seinen zeitweiligen politischen Konservatismus, dem offensichtlich adlige Kunst- und Literaturliebhaberei als nicht "ernst", nicht "real", "politisch" – also als den Aufgaben des Adels nicht entsprechend erschien.
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Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz


Kirche in Blumberg
Kirchstr. 1
16356 Ahrensfelde

Ortsteil Blumberg

Blumberg

Es waren zwei unterschiedliche Typen, die Fontane unter dem Begriff Dichterhöfe zusammenfaßte, nämlich der von Wiepersdorf und Nennhausen, wo der Gutsherr selbst dichtete, und der von Kunersdorf und Ziebingen - Madlitz, wo kunstliebende Adlige als Mäzene auftraten, indem sie Dichtern Unterkunft und Unterhalt boten oder sie durch ein gastliches Haus mit anderen Künstlern, Kunstliebhabern und einflußreichen Leuten zusammenführten. Beide pflegten Geselligkeiten, die sich von denen der anderen Landadligen dadurch unterschieden, daß an ihnen nicht nur Standesgenossen teilnahmen und sie nicht in erster Linie der Repräsentation und der Jagd dienten, sondern dem niveauvollen Gespräch. Die Berliner Salons, die in dieser Zeit aufblühten, hatten in ihnen ihre Entsprechung auf dem Lande. Mancher, der bei Rahel Levin und Henriette Herz verkehrte, war auch in Nennhausen, Kunersdorf oder Madlitz zu Gast.

Ein Vorläufer dichtenden Gutsherren war ein Jahrhundert zuvor Friedrich Rudolph Ludwig von Canitz gewesen, den man häufig als Hofpoeten des Großen Kurfürsten und seines Nachfolgers bezeichnet findet, der aber ein solcher nicht war. Zwar hatte er Hofämter inne und als Außenpolitiker seine Verdienste, aber mit seiner Dichtung hatte das nichts zu tun. Von dieser wußte zu seinen Lebzeiten niemand. Wahrscheinlich hielt er das Dichten für eine Beschäftigung, die des Adels nicht würdig sei. Erst nach seinem Tode, 1699, erschien die erste Sammlung seiner Gedichte, aber auch sie trug seinen Namen noch nicht. Fünfzig Jahre lang etwa galten seine Gedichte, die immer wieder (vereinzelt auch noch im 19. Jahrhundert) gedruckt wurden, als Musterbeispiele des aufklärerischen Klassizismus, doch war, als Ewald von Kleist und Lessing auftraten, ihre Zeit schon vorbei. Der junge Goethe hielt sie für völlig veraltet - was für die Zeitgenossen auch dadurch bewiesen wurde, daß Sie Friedrich der Große in seinem Pamphlet gegen die sich regende deutsche Dichtung, wenn auch nicht rühmenswert, so aber doch erträglich fand. (2)

Neben Paul Gerhardt, dem Kirchenliederdichter, war Canitz der erste, der den Deutschen beweisen konnte, daß, wie Fontane sagte, die Mark und die Muse nicht völlige Gegensätze seien. Durch einige seiner Gedichte, die die Vorzüge seines Gutes rühmten, wurde das nordöstlich von Berlin gelegene Blumberg für Literaturkenner zum Begriff. Hundert Jahre vor Schmidt von Werneuchen besang Canitz schon die Freuden des Landlebens - eines ruhigen, idyllischen, durch Gäste erheiterten Daseins, das als Gegensatz zur Gefühlskälte und Hektik des Stadt- und Hoflebens begriffen wird.

"In Blumberg ist mein Sitz, da, nach der alten Weise,
Mit dem was Gott beschehrt, ich mich recht glücklich preise;
Da ich aus meinem Sinn die Sorgen weggeräumt,
So, daß mir nicht von Geitz, noch eitler Ehre, träumt ...
Hier merck ich, daß die Ruh in schlechten Hütten wohnet,
Wenn Unglück und Verdruß nicht der Palläste schonet;
Daß es viel besser ist, bei Kohl und Rüben stehen,
Als in dem Labyrinth des Hofes irre gehen" (3)


Aber Canitz war, wie gesagt, nur ein Vorläufer. Häufiger wurden die Dichterhöfe gegen Ende des Jahrhunderts, als der Bildungsstand, auch im Adel, sich besserte, mit der deutschen Literatur von Lessing, Wieland, Herder, Schiller und Goethe auch ein nationales Bewußtsein erblühte und der Hof von Weimar ein Beispiel für die Verbundenheit von Fürsten und Literaten gab.

Die Adelssöhne auf Gymnasien und Universitäten zu schicken, war in manchen Familien schon im 17. Jahrhundert üblich gewesen. Die Hofmeister, die die geistige Grundausbildung gaben, waren oft ausgezeichnete Lehrer, die dem Intellekt ihrer Zöglinge eine Richtung fürs Leben gaben; und da der Staat gut ausgebildete Beamte und Offiziere brauchte, wurde seit den Zeiten des Soldatenkönigs in den Ritterakademien und Kadettenanstalten auch Wert auf den nicht - militärischen Teil der Bildung gelegt.

Neben der Tätigkeit als Offizier oder Beamter kam für den Adligen nur noch die des Landwirts in Frage. Doch auch hier erforderte die Modernisierung, die in der Mark vor allem von Albrecht Daniel Thaer eingeführt wurde, eine bessere wirtschaftliche Bildung, so daß nicht zufällig jene Adligen, die sich kulturell engagierten, auch die besten Erfolge mit den neuen Landbaumethoden hatten und oft schon vor den preußischen Reformen erkannten, daß die alte fronbäuerliche Gutsverfassung produktionshemmend war.



Musenhof Kunnersdorf
OT Kunnersdorf
Dorfstraße 1
16269 Bliesdorf

Tel.: (033456) 151227

In einem Nebengelaß des zerstörten Schlosses hat der Findling Verlag seinen Sitz und präsentiert eine Daueraustellung zur Geschichte des Orts. Hier finden in Abständen auch literarische Veranstaltungen statt.

Kunersdorf

Kunersdorf (nicht das östlich der Oder, wo 1759 Friedrich der Große so verlustreich besiegt wurde, sondern das am Rande des fruchtbaren Oderbruchs gelegene, nicht weit von Wriezen), wo eine Geborene von Lestwitz, die sich nach einer ihrer benachbarten Besitzungen Frau von Friedland nannte, sich nach Thaerschen Erkenntnissen ein Mustergut geschaffen hatte, an dem die Nachbarn modernes Wirtschaften lernen konnten, war auch einer der kulturell wichtigsten Orte in der östlichen Mark. Da die Tochter der Gutsherrin, die einen von Itzenplitz heiratete, sowohl die Musterwirtschaft als auch das gastfreie Haus fortführte, war Kunersdorf über Jahrzehnte hinweg besonders für Wissenschaftler und Künstler ein Anziehungspunkt. Die kulturellen Glanzzeiten Berlins um  und nach 1800 waren auch die dieser Itzenplitzschen Beziehung. Hier zählten Talent, Originalität und Können, nicht Rang und Stand. Die Namen der Geistes- und Naturwissenschaftler, der Maler, Bildhauer und Literaten, die hier verkehrten, kann man bei Fontane nachlesen. (4) Einen aber hat er vergessen, nämlich den Singakademiedirektor und Duz - Freund Goethes, Karl Friedrich Zelter, der im August 1821 brieflich nach Weimar berichtete:

"Hier in Kunersdorf ist es der Mühe wert, die Landwirtschaft zu beobachten. Was darüber im Wilhelm Meister vorkommt, findest Du hier vollkommen real, in Bewegung eines guten Uhrwerks. Die gräflich Itzenplitz´sche Familie bringt den größten Teil des Jahres hier zu. Bekannte Gäste sind stets willkommen und niemals zu viele, weil auf viele gerechnet ist. Man ist nicht fremd, man befindet sich in einer Aisance (Ungezwungenheit) wie in eigenen Wänden, ja wer es will, wird auch als Gast nicht eher bemerkt als bei Tische, wo denn der Nachmittag besprochen wird, indem etwa die in der Nähe liegenden Vorwerke besucht werden, bei welcher Gelegenheit der Gast sich unterrichtend erfreut und die Herrschaft ihr Geschäft verrichtet, weil nichts verpachtet ist und alles aus dem Centro bewirtschaftet wird ... Man freut sich, wenige Meilen von der Residenz einen schönen Schlag zufriedener Menschen zu finden ... Man hört nicht schreien, man sieht nicht rennen, alles ist beschäftigt nach seiner Art, und doch ist Dienstfertigkeit und guter Wille gegen Fremde einheimisch." (5)

Daß diese Aufgeschlossenheit für interessante Menschen, welchem Stand sie auch angehörten, andere Adlige verwunderte oder gar empörte, läßt die Schilderung der Gräfin Elise von Bernstoff vermuten, die im Mai 1827 zu Besuch im "gastlichen Cunersdorf" weilte, wie Zelter eine Landpartie zum Vorwerk Pritzhagen in der Märkischen Schweiz machte, sich wie dieser dort wohlfühlte, aber doch immer den Unterschied zum Konventionsverhafteten des städtischen Hofadels sah.

"Das geschäftige Treiben in Cunersdorf gefiel mir indessen nicht übel; es beschränkte sich auch keineswegs auf die Verwaltung der weitläufigen Güter, sondern man stand auch in literarischem Verkehr nach allen Seiten hin, und es herrschte viel ländliche Geselligkeit dort ... Die Unterredungen umfaßten einen Kreis von Gegenständen und Verhältnissen, in denen ich nicht nur zum großen Theil fremd war, sondern in dem mir auch schwerlich jemals recht behaglich geworden wäre; denn es gehörte dazu ein an Neugierde grenzendes Eindringen in alle privaten und öffentlichen Angelegenheiten, und es erforderte ein rastloses Fortschreiten in der Literatur, in der Politik, in den Verfassungs- und Regierungsangelegenheiten. Der Lektüre widmet die gute Gräfin einen Theil ihrer Nächte; denn ihre Tagesarbeit, die sich auf die Verwaltung der Güterökonomie im Großen und im Kleinen bezieht, beginnt schon um 5 Uhr ... Wir unternahmen noch andere Landpartien, bei denen meine gute Gräfin Itzenplitz so sonderbar angezogen war, daß ich mich nicht nur mit Ängstlichkeit nach den Kindern umsah, ob sie auch Contenance behalten würden, sondern auch die bekannte Anekdote von dem Schäfer verstand, der nach Cunersdorf gesandt wurde, um Schafe einzuhandeln, und der, zurückgekehrt, den "Alten Herrn" sehr rühmte und meinte, man könne recht gut mit ihm fertig werden, nur sei es kurios, daß er über den Hosen noch einen Weiberrock trage. Dieser alte, gestiefelte, gerockte, mit einer Krawatte angethane Herr mit den rund abgeschnittenen Haaren und dem Kastorhut auf dem Kopfe - war die Gräfin Itzenplitz wie sie leibte und lebte, und selbst die Reitgerte in der Hand fehlte nicht, obgleich von Reiten nicht die Rede war." (6)

Diese Kunersdorfer Begegnungen gehörten natürlich in die wärmeren Jahreszeiten. Im Winter traf man sich in der Hauptstadt, wo die wohlhabenderen Adelsfamilien ein Haus oder zumindest eine Wohnung hatten - die von Itzenplitz zum Beispiel  in der Brüderstraße, im Haus des Verlegers Friedrich Nicolai.

Dieses, für die Geistesgeschichte Berlins so bedeutende Gebäude blieb im Kriege erhalten; Schloß Kunersdorf aber, mit seinen wertvollen Büchern, dem Archiv und den vielen Erinnerungen an die Geschichte Preußens, wurde in den Kämpfen des Frühjahrs 1945 zerstört und später weggeräumt. Wo es einst stand, herrscht heut eine gepflegte Leere, die insofern von Ehrfurcht vor dem Gewesenen kündet, als das Areal nicht überbaut wurde, sondern als Erinnerung und Mahnung erhalten blieb. Vom Park Lennés sind nur geringe Teile erhalten, und am Schloßteich trauern Weiden der vergangenen Blütezeit nach. Erhalten blieb aber die lestwitz-itzenplitzsche Grabmalanlage, an der die bedeutendsten Bildhauer der Zeit mitgewirkt haben; Langhans und Schadow, Friedrich Tieck, der einen Entwurf Schinkels ausführte, und Rauch. Einen Gedenkstein hat man in neuerer Zeit für Adelbert von Chamisso errichtet, der hier als Gast der Itzenplitze seinen wunderbaren "Peter Schlemihl" verfaßte. Der Brief an seinen Verleger Hitzig, der der Erzählung vorangestellt wurde, ist datiert mit: "Kunersdorf, den 27. Sept. 1813". (7) Darin ist auch vom Freund Fouqué die Rede, was uns daran erinnern sollte, daß auch eine andere Erzählung der Berliner Romantik, die "Undine", auf einem der märkischen Musenhöfe entstand.



Schloß Nennhausen
14715 Nennhausen

Nach umfangreicher Sanierung wird das Schloß heute privat genutzt. Der Park ist öffentlich zugänglich.

Nennhausen

Dort in Nennhausen, das man auf Landkarten im Havelland, östlich von Rathenow findet, konnten die aus Berlin kommenden Gäste auf den weiten Flächen des Luchs zwar eine dem Oderbruch ähnliche Landschaft erleben, aber der Geist, der die Nennhausener Gespräche beherrschte, ähnelte dem von Kunersdorf wenig. Hier waren nicht Wissenschaft, Modernität und Aufklärung vorherrschend, sondern erträumte Geschichte und Poesie. Der innerlich zweigeteilte Chamisso, Gast beider Höfe, den man in Kunersdorf als Botaniker, später wohl auch als weltumsegelnden Forscher schätzte, galt in Nennhausen, wo die Idee zu Peter  Schlemihls verlorenem Schatten angeblich geboren wurde, vor allem als Dichter. Statt die Vorteile der Schafzucht und die aktuelle Politik zu bereden, las man sich hier romantische Verse vor. Denn Fouqué konnte sich ganz seinen literarischen Neigungen widmen, weil sein Schwiegervater, der alte Briest (dessen Name mit ihm dann ausstarb, weshalb Fontane ihn später für seinen berühmten Roman nutzen konnte), leitete bis an sein Lebensende die Wirtschaft. Erbrechtlich gesehen war der Gastgeber selbst nur ein Gast im Haus seiner Frau.

Die Besucher des dichtenden Barons de la Motte Fouqué und seiner dichtenden Gattin Caroline (geb. von Briest, verw. von Rochow) waren fast ausschließlich Dichter, die sicher nicht alle des Ehepaars Dichtungen, wohl aber deren Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Gastlichkeit schätzen konnten, auch wenn ihr Blich auf die Welt ein ganz anderer als der des frommen, versponnenen und redlichen Vergangenheitsträumers war. Der in seiner Mittelalterschwärmerei unbeirrbare edle Ritter ließ sich seine Freundschaften durch andere religiöse und politische Ansichten nicht trüben. Zerwürfnisse, die nach 1825 oft eintrafen, kamen nicht von ihm. Die Glanzzeit Nennhausens, in der Varnhagen, Wilhelm von Humboldt, Bernhardi, die Tiecks und E.T.A. Hoffmann bei ihm zu Gast waren, "viele Stunden mit Vorlesen verbrachten" (8) oder Spaziergänge durch den Park und den anschließenden Wald bis hin zum Gräninger See unternahmen, war ganz an seine Anwesenheit gebunden. Sie begann 1804, als der durch Scheidung arm gewordene Baron mit dem vornehmen Namen die Briest-Erbin Caroline geheiratet hatte, und endete mit dem Tod derselben, deren Söhne aus erster Ehe die Erben waren, nicht er.

Das Herrenhaus von Nennhausen, hier wie überall in der Mark Schloß genannt, hatte eine wechselvolle Geschichte, der auch der "Pappelbaum", den Chamisso 1824 im Gedicht verewigt hatte, zum Opfer gefallen ist. Der ursprünglich barocken Dreiflügelanlage war irgendwann ein Flügel verloren gegangen, den Rest hatte man um 1860 in gotisierendem Tudorstil umgebaut. Nach der Enteignung 1945 hatte es den Kindergarten, die Schule und das Standesamt beherbergt, war 1983 durch Fahrlässigkeit ausgebrannt und hatte mehr als ein Jahrzehnt als traurige Hülle in dem verwilderten Park gestanden, bis es nach der Wiedervereinigung von der Familie von Stechow erworben und wieder aufgebaut worden war. Heute dient das wieder prächtige Gebäude vorwiegend privaten Wohnzwecken, doch sind die wiederhergestellten Parkanlagen öffentlich zugänglich und in einem Teil des Hauses ist nach wie vor das Standesamt untergebracht.



Künstlerhaus Schloß Wiepersdorf
Bettina-von-Armin-Str. 113
14913 Wiepersdorf

Tel.: (033746) 699-15

Schloß Wieperdorf ist Stipendienhaus in Trägerschaft der Stiftung Deutscher Denkmalschutz. Das Haus bietet ein literarisches und künstlerisches Programm, eine Daueraustsellung zur Geschichte des Hauses sowie Wanderaustellungen an.

Wiepersdorf

Abgesehen von Humboldts Schlößchen Tegel sieht heute kein Herrensitz in der Mark so sehr nach Musen- oder Dichterhof aus wie Wiepersdorf, wo der Park mit Teich, Orangerie und barocken Sandsteinfiguren, das Schloß, die Kirche und die Gräber des Dichterehepaares Bettina und Achim von Arnim so harmonisch beieinander liegen, daß man die beiden im Kreise ihrer Freunde, die so glanzvolle Namen wie Clemens Brentano [P 385], Savigny und die Brüder Grimm führten, zu sehen meint. Hier scheint Tradition sich in Schönheit erhalten zu haben - doch täuscht diese Pracht etwas vor, das es nie gab.

Denn erstens stammen Schloß, Kirche und Park in ihrer heutigen Form von einem Enkel des Paares aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und zweitens haben die gedachten Geselligkeiten nie stattgefunden; dazu boten die Sorgen und Nöte des Alltags mit sieben Geburten und die seltsame Lebensweise des treuen, aber meist getrennt lebenden Paares nie Zeit und Gelegenheit. Während Bettina, die nach einem mißglückten Versuch, in dem damals noch kleineren und primitiveren Hause als Landfrau zu leben, ihren Wohnsitz bald nach Berlin verlegte und dort die bessere Gesellschaft mit ihrer unkonventionellen Art belebte und auch schockierte, versuchte ihr Mann, der das praktische Tätigsein und, bei aller Liebe zu Frau und Kindern, auch das Alleinsein liebte, mit harter Arbeit das stark verschuldete Gut für sich und seine Kinder zu retten - was auch gelang. Bis 1945 blieb Wiepersdorf Arnimscher Besitz.

Wenn sich auch Freunde manchmal, sehr selten, nach dem südlich von Berlin, zwischen Jüterbog und Dahme gelegenen Wiepersdorf verirrten, wie Wilhelm Grimm zum Beispiel, der 1816 in einem Brief an den Bruder das dortige anstrengende Landleben schilderte (9), so war doch von geistigem Austausch nicht die Rede und von Musen nur insofern, als Achim von Arnim trotz aller praktischer Gutsherrensorgen in seiner Einsamkeit auch als Dichter tätig war.

Diese nicht alltägliche, aber erstaunlich haltbare, vielleicht durch das Getrenntsein begünstigte Ehe dauerte nur neunzehn Jahre, von 1811 bis 1830; dann wurde sie durch den frühen Tod Achims beendet - worauf Bettinas Laufbahn als Autorin begann. Jetzt lernte auch sie mit wachsendem Alter die Vorteile abseitigen Lebens zu schätzen und zog sich vor der Gesellschaft, die sie sonst immer gesucht hatte, zeitweilig nach Wiepersdorf oder in das benachbarte Bärwalde zurück. Ihren ständigen Wohnsitz in Berlin aber behielt sie, starb schließlich auch dort 1859, und wurde nach Wiepersdorf überführt. Ihr Grab und das ihres Mannes sind wohlerhalten. Seit den Umbauten ihres Enkels, auch eines Achim von Arnim, liegen sie in einer Umgebung von Pracht und Reichtum, die dem, was sie im Leben hatten, in keiner Weise entspricht.



Alt Madlitz
15518 Madlitz-Wilmersdorf

Ortsteil Alt Madlitz

Der Park ist für Besucher zugänglich, das herrenhaus wird überwiegend privat genutzt. Übernachtungen sind in Gästezimmern der alten Schmiede möglich, im Inspektorenhaus am Parkrand befindet sich ein Café. Ein Hofladen bietet Produkte aus der Region.

Alt Madlitz und Ziebingen

Kann man Wiepersdorf zwar einen Dichter-, wohl kaum aber einen Musenhof nennen, so trifft diese Bezeichnung doch voll und ganz auf Finckensteins Madlitz und Ziebingen zu. Die Reichsgrafen Finck von Finckenstein, die aus Ostpreußen stammten, am preußischen Königshof in hohen Staatsämtern saßen und seit 1751 auch in der östlichen Mark begütert waren, haben sich, obwohl sie selbst künstlerisch und literarisch so gut wie nicht in Erscheinung traten, durch den Grafen Friedrich Ludwig Karl, der von 1745 bis 1818 lebte, einen würdigen Platz in der Kunst- und Literaturgeschichte der Mark verdient. Dieser Finckenstein nämlich, den Friedrich der Große im Verlauf des sogenannten Müller-Arnold-Prozesses 1779 ungerechtfertigt als Regierungspräsident der Neumark abgesetzt hatte und der auch unter Friedrichs Nachfolgern nicht nach anderen Ämtern strebte, sondern sich seinen Gütern und seinen künstlerischen Interessen widmete, betätigte sich nicht nur als Parkgestalter und Übersetzer altgriechischer Lyrik, sondern auch als Mäzen.

Ludwig Tieck , der mit seiner Familie von der Schriftstellerei nicht hätte leben können, brachte er für mehr als fünfzehn Jahre in Ziebingen unter. Er war, wie Tieck, von den neu entdeckten Minnesängern und dem Nibelungenlied begeistert, liebte die Literatur des 18. Jahrhunderts, ließ für den bei Kunersdorf gefallenen Ewald von Kleist , dessen "Frühling" er in einer kritischen Ausgabe herausgab, in seinem herrlichen Landschaftspark eine Ehrenpforte errichten. Er holte den begabten Architekten Hans-Christian Genelli nach Madlitz, der für ihn Gartenarchitektur entwarf und Schloß Ziebingen in frühklassizistischem Stil umbaute. Der als Schütz-Lacrimas bekannte romantische Dichter Wilhelm von Schütz heiratete eine seiner Töchter. Er komponierte, musizierte mit seinen zehn Kindern, sang Gluck und Palestrina, und da so viel Kultur und so viele Berühmtheiten andere Berühmtheiten, wie die Humboldts, Schleiermacher, den Philosophen Solger, den Maler Runge und den jungen Eichendorff anzogen, wurden die Finckensteinschen Besitzungen zu einer Art Zentrum der Berliner Romantik - und natürlich auch zum Gegenstand des Klatsches bis nach Jena und Weimar hin.

Denn die gebildeten und kunstliebenden Töchter und Söhne des für alles Kulturelle aufgeschlossene, politisch aber konservativen Grafen, die mit den Ideen der bürgerlichen Intelligenz aufwuchsen, gerieten bei Liebschaften oft in Konflikt mit den Standespflichten, besonders die älteren von ihnen, wie der Sohn und Erbe, Graf Karl, der Rahel Levin liebte und sie enttäuschen mußte, wie Caroline, die ohne Heirat mit Genelli lebte, und Henriette, die ihren geliebten, aber leider schon verheirateten Ludwig Tieck nie verließ.

Etwas von dem Zauber dieser Jahre, die mit dem Tod des Grafen, 1818, zu Ende gingen, ist in Tiecks Erzählungen und in den Gesprächen des "Phantasus" aufbewahrt worden. In Ziebingen, das östlich der Oder liegt, also heute zu Polen gehört und Cybinka heißt, sind Erinnerungen daran nicht mehr zu finden; denn der Schloßbau Genellis, in dessen rundgeformtem Theater Tieck, der gern als Vorleser glänzte, alle Zuhörer entzückte, ist nach einem Brand in den siebziger Jahren nicht mehr vorhanden. In Madlitz dagegen (heute Alt Madlitz), wo der Krieg wenig zerstört hatte, die Jahrzehnte danach aber vieles hatten verkommen lassen, ist mit dem Rückkauf des Besitzes durch den 1945 vertriebenen Grafen, die Restaurierung des schlichten Schlosses und die Wiederherstellung des großen, vielfältigen Landschaftsparks ein Ort wiederentstanden, der insgesamt ein Denkmal für diese wichtige Epoche der Kulturgeschichte Brandenburgs ist.

Diese märkischen Musenhöfe, zu denen mit mehr oder weniger Berechtigung auch Humboldts Tegel, Knesebecks Karwe, Marwitzens Friedersdorf, Houwaldts Straupitz und andere gerechnet werden können, waren, wie schon Fontane bemerkte, eine zeitlich begrenzte Erscheinung, die in den Jahrzehnten um 1800 entstand und verging. Es waren Jahrzehnte des Umbruchs, sowohl für den Adel, der mit dem sich anbahnenden Verlust seiner führenden Positionen und dem Fragwürdigwerden vertrauter Pflichten nach neuen Orientierungen suchen mußte, als auch für den bürgerlichen Intellektuellen, der zwar das geistige Leben schon weitgehend bestimmte, aber noch keinen gesicherten Platz in der Gesellschaft hatte, also noch des Schutzes bedürftig war. Es war ein gegenseitiges Nehmen und Geben, das die für das 19. Jahrhundert typische, konfliktreiche Vermischung von bürgerlich-nationaler Entwicklung und allmählich sich abschwächender adliger Machterhaltung vorbereiten half. Angestoßen durch die Französische Revolution und die Preußischen Reformen stand in allen diesen Zirkeln direkt oder indirekt der sich vollziehende geistige und soziale Umbruch zur Debatte, in den jeder verwickelt war. Der Treue zum Traditionellen stand die Einsicht in die Notwendigkeit des sich entwickelnden Neuen entgegen: Und diese Spannung zerriß nicht nur Gruppen, sondern auch Individuen, wie es sich am bedeutsamsten in Heinrich von Kleists Person und Werk dokumentiert.


(1)   Fontane, Theodor, Wanderungen durch die Mark Brandenburg, Band 1-8, Berlin 1991, Band 6 (Flecken und Dörfer im Lande Ruppin), S. 183-184

(2)   Friedrich der Große, Werke in deutscher Übersetzung, Band 1-10, Berlin 1913, Band 8, S. 76

(3)   Canitz, Freiherr Friedrich Rudolph Ludwig von, Gedichte, hrsg. von Jürgen Stenzel, Tübingen 1982, S. 281 (Neudrucke deutscher Literaturwerke. Bd. 30)

(4)   Fontane, Theodor, a.a.O., Band 2 (Das Oderland), S. 170-195

(5)   Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter in 4 Bänden, Leipzig 1915, Band 2, S. 124-126

(6)   Bernstorff, Gräfin Elise von, Ein Bild aus der Zeit von 1789-1835. Aus ihren Aufzeichnungen, Band 1-2, Berlin 1896, Band 2, S. 85-86

(7)   Chamisso, Adelbert von, Sämtliche Werke. Band 1-2, München 1982, Band 2, S. 17

(8)   Varnhagen von Ense, Karl August, Denkwürdigkeiten des eignen Lebens, Bd.1-2, Berlin 1971, Bd. 1. S. 225

(9)   Achim und Bettina in ihren Briefen. Briefwechsel Achim von Arnim und Bettina Brentano, hrsg. von Werner Vordtriede, Bd. 1-2, Frankfurt a.M. 1981, Band.1,S. 37


Autorenlexikon
Günter de Bruyn wurde 1926 in Berlin-Britz geboren. In den Jahren 1943 bis 1945 war er Flakhelfer, Soldat, wurde verwundet und geriet in Gefangenschaf ...