Die Entstehung der Rubrik sowie die Berliner Literatouren wurden 2008 ermöglicht durch die Berliner Landesinitiative »Projekt Zukunft« kofinanziert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Bas Böttcher

Berlin, brach.

Tobias Bohm
Versteckte Sehenswürdigkeiten zwischen Ruinen und Spiegelfassaden

Bas Böttcher wandelt auf Spuren verstecketer Sehenswürdigkeiten. Diese Tour ist besonders reizvoll im Sommer, zumal einige Locations nur dann zugänglich sind.

Als Hör-Tour

Gelesen von Harry Kühn
Laufzeit: ca. 13 Minuten

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Bas Böttcher

»Berlin, brach.«

Fotos: Tobias Bohm

<br/><br/>»„Lass uns auf der wilden Seite spazieren gehen!” lautet Lou Reeds bekannte Liedzeile schlecht übersetzt. – Es ist bloß ein Vorschlag, aber ein guter – finde ich!

Werfen wir einen Blick hinter die Spiegelfassaden der Stadt! Berlin hat Schönheitsfehler und Risse. Auf zerstörtem Terrain entstand Platz für Untergrundkultur und neue Ideen. Vieles ist im Wandel. Versteckte Sehenswürdigkeiten und Freiräume gibt’s zu entdecken.«

S-Bahnhof Ostkreuz


Berlin-Friedrichshain

Der am meisten frequentierte Nahverkehrs- und
Umsteigebahnhof in Berlin. Am Ostkreuz kreuzt sich die
Stadtbahn mit der Ringbahn. Insgesamt steigen hier,
laut Angaben der Deutschen Bahn, täglich
bis zu 140.000 Menschen zwischen den Zügen
von neun Linien um. Bis voraussichtlich 2010
wird der gesamte Bahnhof umgebaut.

Berlinbesucher, lass dich nicht blenden! Hochgeschätzter Gast, lass dich nicht täuschen von den Plastikkulissen am Potsdamer Platz, von den Dekorationen der Einkaufszentren, vom Bornblond der Berlinerinnen. - Lass dir nichts vormachen!

Das alles ist nicht echt. Die Stadt ist noch immer kaputt. Vom Krieg zerstört, durch Teilung zerrissen, vom Wiederaufbau entstellt. Man hat sich lediglich daran gewöhnt. - Aus Trümmerbergen wurden Grünanlagen.

Zu den Berliner Sehenswürdigkeiten gehören die Ruinen von Tacheles, Gedächtniskirche und Anhalter Bahnhof. Nicht die Siegessäule lockt Touristen nach Berlin. Es ist die Ästhetik von Verfall und Zerstörung, die die Gäste aus wohlhabenden Ländern und gepflegten Städten nach Berlin zieht.

Geschätzter Berlinbesucher, gib es zu! Auch du bist Katastrophentourist! An keinem anderen Ort lassen sich die Auswirkungen von drei gescheiterten Staatsformen so lebendig beobachten wie hier: Faschismus, Kommunismus, Kapitalismus - die großen Ismen des zwanzigsten Jahrhunderts prägten und prägen sich ins Stadtbild und in die Gesichter der Bevölkerung.

Gib es ruhig zu! Auch du willst die Reste der Mauer sehen, auch du willst zwischen den Stelen des Holocaust-Mahnmals wandeln, auch du willst die unterirdischen Bunkeranlagen der ehemaligen Reichshauptstadt besichtigen. - Alle wollen das.

Berghain Club

Am Wriezener Bahnhof
10243 Berlin

Technoclub in einem ehemaligen Heizkraftwerk
aus den 50er Jahren in der Nähe des Ostbahnhofs;
in der oberen Etage befindet sich die Panorama Bar

Webseite

Berlintouristen sind Schaulustige. Man will vor Ort sein, wo Ost und West aufeinanderprallen, wo sich die Gegensätze reiben, wo Zerstörung und Erneuerung auf jedem Quadratmeter spürbar sind.

Das Ostkreuz wirst du in zwei Jahren kaum wiedererkennen. Präg dir den sibirischen Look vor dem Umbau genau ein, damit du ihn mit der geplanten Glas und Stahl-Optik der Zukunft vergleichen kannst. Nimm die Fotos mit an ihre Entstehungsorte und werde Zeuge einer Verwandlung!

Die Stadt ist vielenorts unbestelltes Land. Es gibt Freiflächen und Abbruchhäuser mit losen Zäunen drum herum - Platz für Ideen und Zwischennutzungen. Kulturelles Leben findet in Zelten und Containern statt (White Cube auf dem Schlossplatz, Bundespressestrand am Spreeufer, Tipi am Kanzleramt). Es sind Orte mit begrenzter Haltbarkeit.

Auch die Berliner Clubs und Partyveranstalter sind zum Nomadentum gezwungen. Sie werden in Folge von Gebäudemodernisierungsmaßnahmen von einer Location zur nächsten getrieben (Cookies, WMF, Maria, 103). Wo heute noch Gemäuer vor sich hin modert, kann morgen schon ein Szenetreffpunkt entstehen. Mit Licht, Musik, Ideen, Menschen und Euphorie werden unscheinbare Ruinen in nächtliche Kultstätten verwandelt. Zum Beispiel im Berghain. Such es auf - des Nachts und des Tages!

Beach61

Möckernstr. 44
10965 Berlin

Anfahrt: S1/S2-Yorckstraße und U7-Möckernbrücke
Öffnungszeiten im Sommer:
Mo-Fr ab 14 Uhr
Sa ab 10 Uhr
So ab 12 Uhr

Webseite

Badeschiff

Eichenstraße 4
12435 Berlin

Saunalandschaft mit Pool und Panoramablick
Öffnungszeiten bis 30. März 2008:
Mo: 12-22 Uhr
Di-Do: 12-24 Uhr
Fr: 12-3 Uhr
Sa: 14-3 Uhr
So: 10-24 Uhr

Webseite

Und überhaupt: Hinter Brandmauern, Schuttbergen und Zäunen wirst du viel entdecken: Folge mir, geschätzter Gast, in den urbanen Dschungel der Berliner Brachflächen!

Auf der Möckernstraße [Höhe Horner Straße!] zweigt unser Weg ab ins Gelände vom ehemaligen Güterbahnhof. Das massive Metallgitter lässt sich öffnen. Man fühlt sich wie ein Pfadfinder beim Pfade finden. Rechts liegt ein abgebranntes Autowrack und ein ausrangiertes Wohnmobil im Gestrüpp. Im Zentrum der Hauptstadt erobert sich die Natur verlorenes Terrain zurück.

Ein Stück weiter noch, dann wirst du ihn sehen: Den Strand! Mitten in der Metropolenpampa, hinter Toren, die nur Eingeweihte passieren, spielen im Sommer schicke, junge Leute Beachvolleyball. Mit Bierkästen zu Sesseln umfunktioniert und aufgeschüttetem Sand wurde brache Landschaft in ein Stück hippen Lebensraum gewandelt (Beach61).

Willst du, geschätzter Gast, dort spielen, so wähle drei bis sieben Personen aus deinem Bekanntenkreis und melde den Betreibern euer Kommen so bald als möglich unter der konspirativen Handynummer 01772322461.

Das Mitbringen der folgenden Utensilien wird dir vom Verfasser mit Nachdruck empfohlen: Mückenspray, Sonnencreme, Handtuch, Strandklamotten. Ob Bälle ausgehändigt werden können, solltest du im Vorfeld telefonisch verifizieren. Zwölf Euro für das Spielfeld pro Stunde sollten natürlich gerecht unter der Spielerschaft aufgeteilt werden.

Hechte! Stoße! Stelle! Pritsche! Blocke! Bagger! Beachte aber, dass geharkt werden muss, bevor man das Feld verlässt! Von außen nach innen - so schreibt es die Feldordnung vor.

Halte genug Geld bereit, um zusammen mit Sportsfreunden nach dem Match bei Bier, Bionade und Beach Burger um die brennenden Tonnen herumzusitzen.

Im Winter schlägt der Beach61 sein Lager in der Halle der ehemaligen Berliner Kindl Brauerei in der Neuköllner Werbellinstraße 50 auf. Konsequenterweise müsste es dann "Beach44" heißen. - Warum, Fragst du? - Frag einfach einen Berliner, der kann es dir erklären.

Im Winter sind Berlins Brachflächen oft verlassen und trist und nicht jedes Provisorium hat ein Winterlager. - Umso mehr blüht die Stadt zum Sommer auf. (Vgl. Seeed: "Dickes B [...] Im Sommer tust du gut und im Winter tut's weh")

Da kann die Spree zum Sonnenstrand werden: Nimm die U1 zum Schlesischen Tor, begib dich zum Badeschiff und überzeuge dich selbst!

Hinter den backsteinernen Werkstattgaragen des Arenaareals liegt es. Folge den Wegweisern vorbei an Metallgittern, Schrott und der alten Gebrauchtwarenhalle. Passiere die Kasse und lasse deine Tasche nach Getränken filzen. Das Badeschiff hat eine eigene Bar. Hol dir kalte Club Mate! - Die schmeckt besser als lauwarme Kola aus deiner Strandtasche.

Das Badeschiff ist ein schwimmender Swimmingpool auf der Spree. Drum herum entstand eine Mischung aus Club, Strandbar und Freibad. - Die schönsten Berlinerinnen und Berliner bevölkern den Holzsteg und lassen die Sonne auf ihre trainierten Körper strahlen.

Willst auch du in dieser einmaligen Kulisse baden, nimm dein Schwimmzeug und komm früh! Sei am besten gleich morgens zur Öffnung dort. - Im Hochsommer wirst du viel zu sehen bekommen: Gruppen von Tai Chi Tänzerinnen, Muskulöse Masseure mit T-Shirt-Aufdruck "15 Minuten - 10,- Euro", Ausflugsboote mit gaffenden Senioren und schöne Menschen. Sei auch du einer von ihnen!

In der Wintersaison wird das Badeschiff zur Sauna umfunktioniert. Geh hin, denn es ist gut dort.

Kiki Blofeld

Köpenicker Straße 48/49
10179 Berlin

Tel: 0173-7828286

Webseite

Am Abend darfst du entspannen. Nimm die U8 zur Heinrich-Heine-Straße und begib dich in den Garten von "Kiki Blofeld". Laut Auskunft der Betreiber ist Kiki Blofeld die Tochter und Erbin von Ernst Stavro Blofeld. Sie möchte weltweit die Sünden ihres Vaters bereinigen. So übernahm sie in Berlin die Schirmherrschaft über den Club Garten Kiki Blofeld. - Ein schöner Mythos.

Im Ruinenmeer an der Spree befindet sich die Anlage. Man erreicht das Gelände von der Michaelkirchstraße kommend an lauen Sommerabenden über die zweite Einfahrt auf der Köpenicker Straße. Kurz vor dem Häuserwrack geht's rechts auf die Freifläche. Im Zentrum steht ein schussfestes Bootshaus der Nationalen Volksarmee der DDR. Der einstige Unterschlupf für Patrouillenboote dient heute als Club. Das Dach als Terrasse. Restaurant, Club und Lesebühne laden ein, wo früher NVA-Boote Flüchtlinge abfingen. Jetzt empfängt man hier Partygäste, Literaten und Gourmets des Paradoxen.

view page Plänterwald

Noch immer unberührt von Eindringlingen modert der ehemalige "Spree Park" vor sich hin. Deine Sensationslust kannst du hier nur mit Blicken durch den Maschendrahtzaun stillen, oder willst du etwa illegal über den Zaun klettern und dich den Wachhunden zum Fraß vorwerfen? Nimm die S8 oder S9 zur Station "Plänterwald" oder lauf vom Treptower Park - vorbei am Sowjetischen Ehrenmahl - zur Spree und dann am Wasser entlang! Hier liegt das Coney Island von Berlin. Ende 2001 wurde der Vergnügungsbetrieb eingestellt. Auf dem Gelände des DDR Vergnügungsparks verfallen langsam Ost-Kraken und Geisterbahnskelette. Die Schienen und Gondeln sind von Knöterich überwuchert und geben eine recht ansehnliche Endzeit-Szenerie ab.

Das Riesenrad ragt verrostet in den Himmel. Daneben liegen umgestürzte Dinosaurierfiguren. Tyrannosaurus Rex und Brontosaurus strecken die Füße in die Luft und werden von Eichhörnchen umtanzt.

Nach dem Mauerfall hatte ein Investor versucht, den "Spree Park" profitabel zu machen. Sein Vorhaben scheiterte.

In einer Nacht und Nebel Aktion ließ er Achterbahnen und Karussells von Hilfsarbeitern demontieren und abtransportieren. Er hinterließ 11 Millionen Schulden und verschiffte die Fahrgeschäfte über Bremerhaven nach Peru, wo er einen neuen Vergnügungspark aufbauen wollte. Später wurde er beim Versuch ertappt, 167 Kilogramm Kokain in den Masten eines Karussells von Lima nach Deutschland zu schmuggeln.

Wenn du diese Geschichte nicht glaubst, dann lies sie im Zeitungsarchiv in den Ausgaben vom 30. April 2004 nach.

oben: best free adult cams Ein Plätzchen für Jeden

unten: Am Gleisdreieck

Brauchst du noch mehr Erlebnisfutter? Dann schau dich auf stillgelegten Bahntrassen um:

Der Anhalter Bahnhof, vor Jahrzehnten ein Fernbahnhof, ist heute nur noch Eingangsfassade, zu einem Stück Niemandsland. Hier hat das Tempodrom auf Dauer sein Beton-Zirkuszelt aufgeschlagen. Das Netz von Berlins Verkehrsadern ist nicht dicht gewoben, es gibt Löcher. In diesen liegen Freiräume für Künstler, Unternehmer und Freiträumer bereit. Die Strukturen der Stadt sind noch nicht definiert; nicht alle Positionen sind eingenommen. Auch für dich kann noch ein Platz zu finden sein.

Es scheint als wäre Berlin in ständiger Entwicklung, nicht angekommen, umbrechend und immer auf dem Weg. Eine Patchworkcity, anziehend und bereit für neue Ideen. Groß, träge und daher noch lange nicht am Limit der Aufnahmekapazität. Verglichen mit Kopenhagen, Paris oder Moskau sind die Mieten und Preise in Berlin niedrig. So wurde die Stadt zur neuen Heimat für Kreative und Umbruchspioniere aus aller Welt. - Langsam setzt das Soho-Prinzip ein: Die Künste ziehen ein, das Künstliche zieht nach. Und tatsächlich: Die Gegend südlich der Torstraße wird in Insiderkreisen bereits als SoTo bezeichnet [South of Torstraße].

Aber noch gibt es große Brachflächen. Besonders dort, wo Berlin geteilt wurde und an stillgelegtem Bahngelände (Warschauer Straße). Ungeklärte Besitzverhältnisse, behelfsmäßig errichtete Bungalows und Grundstücksspekulation prägen noch immer das Stadtbild. Die Berliner machen das beste aus der Stadtsteppe! Es entstehen Schollen von Clubkultur (Arena Treptow, Club der Visionäre, Spindler und Klatt). Berlin ist wandlungsfähig: Orte, die im Winter menschenleer sind, werden im Sommer wieder belebt. Bauten die tagsüber fade und unscheinbar scheinen, werden nachts mit Licht und Musik zu Szene Lokalitäten (Maria am Ufer).

 Berlin ist gebrochen - hier ist es durchstrukturiert, zubetoniert und glasfassadig; dort wieder offen und herrenloses Ackerland. Aber an solchen Orten scheint die Stadt nur zu schlafen. Wenn du heute hier vorbeischaust, kannst du schon bald den Vorher-Nachher-Effekt erleben und Zeuge einer Verwandlung werden. Probier es aus!

Berlin ist vieles zugleich. Es ist erschlossen, uneingenommen und im ständigen Fließen: Eine lose Infrastruktur für neues Leben. Die Hauptstadt scheint die Kurve zu kriegen, aber keiner kann voraussehen, wohin sie sich biegt, und was dahinter zu erwarten wäre.

Adressen

Anhalter Bahnhof
Askanischer Platz 6; 10963  Berlin-Kreuzberg
An den ehemaligen Fernbahnhof erinnert heute nur noch
die Portalruine über dem unterirdischen S-Bahnhof.

Beach61
Winterlager 2007
Werbellinstr. 50 (ehemalige Kindl Brauerei); 12053 Berlin (Neukölln)
9 Beachbolleyballcourts, 4 Indoorsoccer-Court (auf Kunstrasen), einer großen Holzterrasse zum abhängen, Umkleiden und Duschen auf knap