Die Entstehung der Rubrik sowie die Berliner Literatouren wurden 2008 ermöglicht durch die Berliner Landesinitiative »Projekt Zukunft« kofinanziert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Elke Schmitter

Schöne Orte

Tobias Bohm
ca. 9 h ca. 28 km

Elke Schmitter flaniert durch Charlottenburg - Wilmersdorf und bietet Harmonie, Ruhe und Natur sowie entspannte Geschäftigkeit. Und nebenbei viele spannende Einsichten.

Elke Schmitter

»Schöne Orte«

Fotos: Tobias Bohm



»Wo der Hund der Schönheit begraben ist im Westen dieser geräumigen Stadt: das Stille findet Laut, die Toscana grüßt, Anatolien trifft Bullerbü, und der See weiß Bescheid und schweigt. Eis essen, trödeln und beim Gemüse melancholisch werden; immer mehr an früher denken. Dann beinahe Eichendorff.«



Ich komme nach Berlin zurück und frage mich zuerst: Ja, ist denn heute Sonntag? Die Straßen so breit, die Bäume so grün, der Leute so wenig. Nirgends Stau, keiner hupt, kein Gedrängel im Bahnhof –  nicht eine einzige Verdichtung von Menschen, wie meine Erinnerung sie gerade mitgenommen hat (vorausgesetzt, ich komme nicht aus Hannover, sondern aus einer beliebigen europäischen Hauptstadt): das große Geschiebe in Istanbul, laut und dabei gelassen; die schnell gehenden, schnell schwatzenden Madrider; die stoisch in die Tube gedrückten Londoner; die vielen schweigenden, halb erstarrten Pariser; die diskret sich durch die Touristen fädelnden Stockholmer; die hupenden, schreienden Römer ... nichts von alledem.

Vor dem Bode-Museum oder dem Reichstag eine sehr übersichtliche Schlange, im Hauptbahnhof gepflegte Hinterglasmalerei (alle Etagen unglaublich dünn bevölkert, sauber und geputzt wie im Kinderbilderbuch) –  und dann gleitet die Bahn Richtung Westen durch die Tiefe des Raums: ein Fußballfeld vor dem Kanzleramt, die Brache um „Paris-Moskau“ herum, Schloß Bellevue im Jagdgebiet, schließlich der Bahnhof Zoo, vernachlässigt und öde, zum Sterben zu grau ...

Savigny-Platz

Bahn: S5, S7, S9

click Savigny-Platz

Ich steige Savigny-Platz aus – hier eine Ahnung von Großstadt schon in der ewig kratzenden Erinnerung, daß einer mal gesagt hat, es lägen Spritzen herum (habe aber niemals eine gesehen), und im diskreten „Schwarzen Café“: hat Leuchtschrift nicht nötig, ist gleich die Treppe hoch. Auf dem Weg dahin kann man vorbeischauen an der „Paris Bar“ – immer noch da – und dort im Fenster Prominente und Touristen sehen, die Prominente sehen wollen. Aber nein, ich geh nicht rein.

Schwarzes Café

Kantstr. 148
10623 Berlin

Bahn: S5, S7, S9 Savignyplatz und U1 (Uhlandstr.)

http://live-camsex.net/free-cam/ayana-angel-webcam Das Schwarze Café

Das „Schwarze Café“ ist, meiner Erinnerung nach, ein Ort für ab drei Uhr in der Früh, in beliebiger, möglichst interessanter Gesellschaft, die sich notwendig in jenem freundlichen Halbkoma befindet, das Zähigkeit, Gleichmut und Abenteuerlust zu gleichen Teilen verbindet, sonst ist das alles nichts: der Käsetoast nicht, der traurige Rotwein, das existentialistische Dunkel und der lange Weg die Treppe hinunter, wenn es denn irgendwann sein muß. Aber nein, ich geh nicht ´rein. Ich bewahre mir die Erinnerung an den letzten Besuch dort, nach der Geburtstagsfeier einer Kollegin, an die nicht herzlich genug gedacht werden kann –  mit einem Bildhauer und einem Lyriker, beide so sehr Osten, wie ich immer schon Westen war, und beide so verbunden mit ihrem Tran aus Soli und Stulle wie ich mit meiner proseccodünnen Libertinage, so daß wir uns eigentlich rein gar nichts zu sagen gehabt hätten, wären nicht Bruder Alkohol und Schwester Schwarzes Café gewesen, das wir in einer Art Jules-und-Jim-Euphorie betraten und wieder verließen – ohne nach Paris zu fahren, ohne nach Brandenburg zu siedeln und dort Worpswede zu spielen, aber doch immerhin in einer Trance von Möglichkeiten, an die jedenfalls ich mich besser erinnern kann als an manche gelebte Stunde.

Gelobt also sei das Schwarze Café, aber ich will doch gar nicht wissen, wie es da zugeht in der Nacht, wenn man nicht mehr rauchen kann. (Vielleicht darf man ja auch.)  „Richtig schön“ ist es nicht, aber wenn man da ist und in der richtigen Verfassung, findet man alles schön und braucht nur einen Platz, wo man das Leben schön finden kann, ohne nach Hause zu gehen. Also gehört es hierher.

Denn wie die Überschrift schon sagt, geht es mir um schöne Orte im Westen dieser Stadt, von der man allerhand sagen kann, aber daß sie schön sei, das hat noch kaum einer behauptet. Muß ja auch nicht. Interessant ist gut, viel Platz ist gut, die Mieten sind in Ordnung, und es gibt das richtige Hin und Her von Leuten aus aller Welt, die hier vorübergehend oder dann doch für immer ihr quasi stationäres Gleichgewicht finden. Es gibt die verläßlich lustige taz, aus deren Berlin-Teil ich regelmäßig erfahre, wie es um die russische Mafia in Wannsee steht, den ukrainischen Zigarettenschmuggel, asiatische Prostituierte und Bollywood in Kreuzberg, um Video-Kunst am Prenzlberg, türkisches Stadtteiltheater im Wedding und den Club der Polnischen Versager in Mitte. Es ist schon herrlich, eine Zeitung zu haben, die einem das wilde Leben ans Sofa bringt. Der virtuelle Spaß, wenn man die Vortragstitel liest, die Kleinanzeigen („Trauer-Gruppe mit Claudia. 12 Sitzungen, jeweils 2 Stunden. Telefon ...“) oder Artikel über Weinlokale in Kreuzberg, bei denen der Kunde bezahlt, was er für angemessen hält  - das alles ist schon knorke, wie der Stadtführer aus Westdeutschland sagt, und immer noch knorke ist es zweifellos, wenn man, wie ich, aus familiären Gründen mühsam von Nacht- auf Tagmensch umgeschaltet hat und all das pflegt als liebgewordene Erinnerung. Denn nicht nur hin & wieder gab es diese Abende, an denen man irgendwo ´reinging, in irgendeine Bar („Madonna“ in Kreuzberg, gibt es die noch?), in irgendein Theaterchen, in irgendeine Film-Retro (alle „Indiana-Jones“-Folgen in einer Nacht) und, wie man so schön sagt, seine Jugend verschwendete. Jetzt gibt´s nix zu verschwenden, so im Augenblick bei mir, jetzt muß die Zeit bewirtschaftet sein, und das ist ein großes, nicht endenwollendes Übel, das auch das Verhältnis zum Raum bestimmt. Wenn man wenig Zeit hat, braucht man kleine Wege. So bewegt sich ein Großteil meiner Berliner Existenz in einem Geviert zwischen Gemüsemann & Kinderladen, Café, Supermarkt & Kino, und den guten Freunden in sonstiger Nähe. Die Komische Oper, in die ich praktisch täglich gehen würde, wenn ich könnte, ist eine kleine Reise von meiner örtlichen Basis aus, die eben klein ist, aber schön. Denn ich bin, was das betrifft, empfindlicher geworden; ich will es schön haben, aber nicht Vorstadt, und da kann ich den Ludwigkirchplatz nur empfehlen.

Ludwigkirchplatz

Bahn: U3 (Spichernstraße),
U7 (Adenauer Platz),
U1 (Uhlandstraße)

go site Ludwigkirchplatz

Er sieht aus wie die Mitte der Welt, für meine eurozentrischen Augen, und am beginnenden Abend, wenn alle Wege Heimwege sind, ist er ganz überirdisch schön, und zwar zu jeder Jahreszeit: Im Herbst, wenn die Platanenblätter leuchten, vom letzten Sonnenlicht in Flammen gesetzt; im Winter, da der ganze Platz schon um vier Uhr (im Dunkel schimmerndes Licht; Schneereste am Kirchenportal) an den St.-Martins-Zug erinnert, der hier mit einem Schimmel und Hunderten von Kindern seinen Anfang nimmt; im Sommer, wenn die Kleinen laut lärmend den Aufbruch verzögern und die Erwachsenen Tischtennis spielen, auf den Bänken Kaffee schlürfen und den Jugendlichen dabei zusehen, wie die sich auf ihren Skateboards den Hals beinahe brechen. Sogar jetzt, in der dürftigsten Zeit (die in dieser Stadt den Frühling ja einschließt) –  Wärme & Licht noch unendlich weit weg, die Bäume wie die Aussichten kahl –  ist hier noch das urbane Dorf in seiner halben Poesie zu spüren. Es gibt Pensionäre mit und ohne Hunde, und Rentner gibt es auch, und den Charlottenburger/Wilmersdorfer Schick in allen Preislagen – Pelzkrägelchen und Zobelmantel. Es ist eben Westberlin. (Die weiland schöne Schaubühnen-Inszenierung von Handkes schweigsamem Stück „Die Stunde, da wir nichts voneinander wußten“, wird hier praktisch täglich nachgespielt.)

Sweet 2 go

Eis, Kuchen, süßes Catering, Specials

Pfalzburger Straße 79
10719 Berlin

(am Ludwig-Kirch-Platz)
Tel.: 030 - 34620326

Webseite

gay cam chatroom Sweet 2 go

Wer sommers den Eiswagen verpaßt hat, der geht einmal über die Straße und holt sich bei „Sweet 2 go“ Bio-Eis mit Zuckerperlen oder kleine Kuchen, die genau so sind, wie man sich Kuchen denkt, die aus einem so blitzblanken kleinen Laden kommen, verträumt und offensiv den Erwachsenen eine Kindheit verpassend, die sie natürlich nie hatten.

Lohengrin Frisör

Ludwigkirchstr. 9a
10719 Berlin

Tel.: 883 41 15

Lohengrin

Wer sich nicht verzuckern lassen will, kann nebenan bei „Ottenthal“ Wein und „Aufstrichbrote“ zu sich nehmen, dabei diverse Zeitungen lesen und den Platz von dort aus betrachten - direkt mit Blick auf „Lohengrin“, den vermutlich schönsten Salon der Stadt (und schneiden tun sie auch noch sehr ordentlich), wo auf der Holzbank draußen die Mädels rauchend Pause machen und mit ihren Schöpfen zeigen, was sie von ihrer Arbeit halten. Daneben geht ein Schneider seiner Arbeit nach, der aus der Ferne nicht nur Herz und Familie, sondern auch die Erinnerung an sein Dorf in Anatolien mitgebracht hat; das reinszeniert er nun auf seine Art, denn die Bonbondose an seiner Theke sorgt dafür, daß so manches Kind der Gegend, das alleine laufen kann, bei ihm guten Tag sagt und kauend wieder ´rauskommt, so daß Anatolien und Büllerbü und Berlin selbdritt geworden sind.

Shakespeare & Company

Buchhandlung

Ludwigkirchstr. 9a
10719 Berlin

Tel.: 030- 7476 0171


Fruit Shop

Ludwigkirchstr. 2
10719 Berlin

Tel.: 030-8819980

Im Grunde ist hier sowieso fast alles beieinander: rund um die Kirche herum, in der mit Würde getauft wird, kann man essen, trinken, spielen und schlafen – und wenn man das alles satt hat, auch das Haareschneiden, das Anpassen der Rocksäume und Taillenweite, das Trödeln und das Lesen (das exquisite „Shakespeare & Company“ nebenan), ist das Beerdigungsinstitut gleich an der Seite vom Kirchenportal.

Zuvor noch eine Gemüsesuppe? Der Laden in der Ludwigkirchstraße, beinahe am Fasanenmarkt (sieht aus wie ein Gemälde des Abends), „Früchteparadies“ geheißen, ist mal gar nichts anderes als ein Gemüseladen und schon deshalb meinem Konsumentengemüte lieb, das immer weniger gern ein Bügeleisen im Kaffeeladen kauft, Handschuhe auf dem Wochenmarkt, Ökostrom bei der Post und „eine Latte“ schließlich in der Sparkasse serviert bekommt. Hier gibt es einfach nur gutes Gemüse und Obst; im Sommer mehr draußen, im Winter mehr drin; die Leute, die das alles verkaufen, wissen genau Bescheid und erteilen denselben auf Anfrage, ohne eine religiöse Frage aus der Zucchinifarbe zu machen –  da ist rein gar nichts zu meckern, das ist schon alles in Ordnung so; man könnte den Laden mal gendern, aber dann müßte man wieder bei „Lohengrin“ ... lassen wir es, wie es ist. Es kommt sowieso immer mehr darauf an, die Welt nicht zu interpretieren und nicht zu verändern, sondern zu verschonen, da bin ich, was Wilmersdorf betrifft, ganz auf Odo Marquards philosophischer Seite. Die reine Schönheit von Gurke & Co. leuchtet hier dem Betrachter entgegen. Ein paar Plakate mit exotischen Früchten kleben an den hohen Wänden, die Verkäuferschürzen sind grün, die Tomaten sind rot, und wer mehr Farben braucht, der muß eben indische Filme sehen.

Biographische Literatur Handlung

Düsseldorfer Straße 4
10719 Berlin

Spezialisiert auf Biografien
bedeutender Persönlichkeiten aus allen Bereichen
Tel.: 030- 881 4504
Bahn: U3 (Spichernstraße)
Öffnungszeiten:
Mo-Mi 10:00-18:00, Do-Fr 10:00-20:00, Sa 10:00-16:00

Biographische Literatur Handlung

Eine Erinnerung an früher, als noch alles besser war (und man vor allem nicht immer „früher“ sagen mußte, wie Peter Handke treffend bemerkte, als es manchmal noch komisch sein durfte bei ihm), ist in der Düsseldorfer Straße, ein paar Minuten von hier, die ´Biographische Buchhandlung`– Erinnerung nicht nur wegen der schwarz-weißen Plakate, aus denen Göttinnen der Prosa, alt & neu entdeckt (Virginia Woolf und Elizabeth Bowen) den Betrachter übersehen, Erinnerung nicht nur wegen des Zigarettenrauchs in der Luft und der sinnreich geordneten Stapel zueinander passender Literatur, sondern auch wegen jener Tugend, die bei Hugendubel, Thalia u. dgl. nicht aus Versehen, sondern aus Prinzip nicht mehr gepflegt wird und werden kann: das Denken und Bewahren in Zusammenhängen und das Stiften von denselben durch Bewahren und Denken. Wer hier verkauft, der liest noch selbst und stellt sein Gedächtnis außerdem zur Verfügung; wer hier etwas sucht, kommt allein durchs Stöbern in der Tiefe der Regale auf mehr, als er suchte. Daß Kekse auf dem runden Tisch in der Mitte stehen, daß hin und wieder Kunden bei Kaffee auf neue Gedanken kommen, stört mein schlichtes Konsumentengemüt ganz & gar nicht, da diese Geste nicht der allgemein moralisch und ökologisch verlotternden Überrumpelungstaktik entspringt, sondern dem reinen Herzen der Eigentümerin. Daß es keine bunten Plakate gibt, keine Kochbuch-Ecke mit Plastikgemüse, keine Weihnachtsmänner im Fenster und keine Wellness-Beratung, daß stattdessen die Bücher selbst als feng-shui-mäßig letzter Schrei ihre innenarchitektonisch wirksame Würde & Schönheit entfalten dürfen, entspricht dem Purismus des Gemüseladen „Früchteparadies“: wir verkaufen das, weshalb Sie hergekommen sind, ohne Sonderangebot & Huckepackgeschäft & Schreierei. In diesem Unter waltet der Schied.

Literaturhaus Berlin

Veranstaltungen, Symposien und Ausstellungen;<br /> Café und Buchhandlung

Fasanenstr. 23
10719 Berlin

Café-Restaurant „Wintergarten“ im Literaturhaus
Öffnungszeiten: 9.30 bis 1.00 Uhr
Tel.: 030- 882 54 14

Buchhandlung „Kohlhaas & Company“
Öffnungszeiten:
Mo bis Fr 10.00 bis 20.00 Uhr, Sa 10.00 bis 18.00 Uhr
Tel.: 030- 882 50 44

Webseite

Literaturhaus Berlin

Letzte Station mit Sitzgelegenheit (von wintergemäßer Dauer): das Café im Literaturhaus Fasanenstraße. Wer hier Platz findet, hat es gut. Im Treppenhaus grüßen die Träume der Gründerzeit, eine Burgruine im Sonnenuntergang und Lebensart im toskanischen Stil (den die Villa gekonnt kopiert). Im Café selbst leuchten Rée Soupaults allerschönste Fotos von den sehr hohen Wänden, die honigfarben im einen Raum, von geradezu spirituellem Blau im anderen sind. Eine exzeptionelle Zeitungs- und Zeitschriftenauswahl, von Lettre bis zu Le Monde, von der Prager Literatur-Rundschau bis zur Jüdischen Allgemeinen Wochenzeitung, von der NZZ bis zur taz usw., erfreut das denkende Herz; das Personal ist immer dasselbe und weiß, was es tut; in der Küche sind Profis am Werk. Man kann hier mit der Schwiegermutter sitzen, mit Kollegen oder dem Onkel vom Lande, allein, als Streithansel, Tourist, verliebter Streithansel oder Tourist, mit einer Expertenrunde zum Thema Ökologie & Hölderlin – es gibt eigentlich keine soziale Situation, der man sich in diesem Café nicht gewachsen sieht, das ohne jede Angeberei, ohne besondere Besonderheit, einfach nur durch Schönheit und selbstverständliche Höflichkeit (bis in die Preisgestaltung hinein) eine Quelle der Glückseligkeit darstellt im verunsicherten, zwischen Abriß (Ku-Damm-Carrée), Prahlerei (Cartier et alii) und Angst (die starken Männer mit den kurzen Hälsen davor) schlingernden Kiez. (Im Sommer gibt es, Stichwort Quelle, auch einen Springbrunnen im Ziergarten; darum herum setzen kleine Mädchen, die Noà-Noà-Prospekten entstiegen sind, ihre zierlichen Füße, aber es macht auch nichts, wenn ein alter Freund aus Bolivien mit Jesus-Latschen und beinahe kaputtem Fahrrad dahinter auftaucht und die pastose Idylle stört.)

Krumme Lanke

See im Südwesten Berlins,
am Rande des Grunewalds (Steglitz-Zehlendorf)
Anfahrt: Bus 118, 184, 629 oder U3 bis Krumme Lanke,
dann noch ca. 1 km zu Fuß

Krumme Lanke

Was bleibt?
Natur. Auch um Berlin herum soll es sie geben, aber das Brandenburgische ist nicht das meine; ich will es niemandem verderben, kann es aber auch nicht loben, sondern halte mich an das innerstädtische Grün, für das Berlin gerechterweise eine kleine Berühmtheit erlangte: Wälder & Wasser quasi mittendrin. Wer am deutschen Brauch des Sonntagsspaziergangs festhält, ist an der Krummen Lanke joldrichtig, wie der Stadtführer aus dem Westen sagt: eine knappe oder gute Stunde, je nach Kondition, und man ist ´rum. Die neuzeitliche Kollosion zwischen dem Recht des Gehers und dem des Joggers kann auch hier nicht umgangen werden, wird aber durch Enge und Beschaffenheit des Weges in erträglichen Grenzen gehalten: Abschüssigkeit, größere Wurzelknoten und folglich Disposition zur Pfützenbildung machen den Pfad zu einem Parcours, der für sich unterhaltende Spaziergänger leicht, für Läufer nur mit erhöhter Aufmerksamkeit zu absolvieren ist; die gelegentlichen Kinder und Hunde sorgen außerdem dafür, daß der Sport hier keine rechte Freude bringt. Die Krumme Lanke (wie ihr Gegenüberstück, der Schlachtensee) ist also, ohne gleich verboten zu sein, für Jogger so wenig attraktiv, daß Geher (ohne Stöcke, nur auf den Beinen und in ganz normaler Kleidung, also urzeitliche Geschöpfe) hier in einigermaßen balancierter Freundlichkeit über den Wert des forstwirtschaftlichen Prinzips der „Vergrämung“ nachdenken können; es ist leiser und effizienter als der Streit und funktioniert hier ausnahmsweise tendentiell zu ihren Gunsten.
„Sonntagsspaziergang“ sagte ich, weil durch das Rund (man sieht fast jeden zweimal), die Intimität des Weges und die leis homogene Zusammensetzung der Besucher der Eindruck entsteht, den einen oder anderen zu kennen, selbst wenn man ihn nicht kennt. Da für mich das gelegentliche Grüßen und der anhängige Klatsch („Sind die nun eigentlich geschieden?“) zur Idee und Praxis des Sonntagsspaziergangs dazugehören, ist die Suggestion von gesellschaftlichem „Kennen“ untergründig beruhigend, deshalb gehe ich hier auch gern Sonntags (und „treffe“=grüße doch auch fast immer einen, den ich „wirklich kenne“), während die Krumme Lanke unter der Woche von all dem unberührt nur das ist, was sie immer ist: ein typischer Berliner See, bescheiden und verschwiegen, selbstverständlich bewachsen, im Winter und zumal bei Eis und Schnee von breughelschem Zauber. Wenn die mit Graffiti bepinkelten Schilder nicht wären, die das Entenfüttern freundlich untersagen, man wähnte sich im Elysium.