Die Entstehung der Rubrik sowie die Berliner Literatouren wurden 2008 ermöglicht durch die Berliner Landesinitiative »Projekt Zukunft« kofinanziert durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE).

Thilo Bock

Von Seelenwittichen und »leckeren« Ofenkartoffeln

Tobias Bohm
Lesebühnentour

Thilo Bock präsentiert einen Lesebühnenabend der Lesebühne LSD im Bassy Cowboyclub. Er beschreibt wie eine Lesebühne funktioniert und gibt einen Überblick über die Geschichte und das aktuelle Leben der Lesebühnen der Hauptstadt: inklusive aller Adressen und Öffnungszeiten.

Als Hör-Tour

Gelesen von Thilo Bock
Laufzeit: ca. 28 Minuten

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Thilo Bock

»Von Seelenwittichen und »leckeren« Ofenkartoffeln«

Fotos: Tobias Bohm



Diese Literatour tritt auf der Stelle. Begleiten Sie den Autor bei seinem Weg vom Stuhl zum Mikrofon, zweimal in zwei Stunden eine Distanz von knapp zwei Metern fünfzig überwindend, Abschweifungen bieten Rückblenden in das goldene Zeitalter der Berliner Lesebühnen, das noch gar nicht beendet ist, nur inzwischen mehr funkelt als glänzt.


LSD - Liebe statt Drogen
im Bassy Cowboy Club

Schoenhauser Allee 176a
10119 Berlin

unterm Pfefferberg
030-2818323
Di: ab 21:30 Uhr

Webseite

An einem Dienstagabend im Bassy Cowboyclub unterhalb des Pfefferberg am Senefelder Platz. Dort findet die wöchentliche Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen statt. Ich trete hier heute als Gast auf. LSD gehört zu den etablierten Berliner Lesebühnen, von denen fast an jedem Wochentag eine stattfindet. Lesebühnen funktionieren denkbar einfach – wenn sie denn funktionieren: Eine Gruppe von zirka sechs Akteuren versammelt sich regelmäßig vor Publikum, um selbstverfaßte kurze Texte, höchstens zehn Minuten lang, stehend vom Blatt abzulesen. Diese Texte sollten nach Möglichkeit neu sein, oftmals sind sie erst am Tag der Urlesung geschrieben worden, und in der Regel sind sie lustig. Das Publikum kommt, um Spaß zu haben. Man trinkt, raucht und läßt sich eben unterhalten. Das ist ein bißchen wie Fernsehen, nur echter.

Ich bin heute etwas zu früh im Bassy. Von den Vorlesern ist bislang nur Uli Hannemann vor Ort, er sitzt am Eingang und kassiert den Eintritt von drei Euro. Die Einnahmen werden hinterher unter den Mitwirkenden aufgeteilt. Allmählich strömt Publikum in den Saal. Der ist hoch und mehr breit als lang, die Bühne ist ohne Stufen betretbar, höher ist da schon der Barbereich gelegen, wo auch während der Show geraucht werden darf.

DJ Joe Carrera spielt lässige Musik aus längst vergangenen Zeiten, die im Bassy aber immer noch die Tanzfläche füllt. Nur nicht heute, heute wird gesessen werden. Charles Aznavour singt derweil mit französischem Akzent von der Frau mit unbedecktem Knie, die sich einfach zu sehr gehen lasse.

Volker Surmann betritt den Raum. Er ist Mitglied der Weddinger Brauseboys, eine der letzten Lesebühnengründungen, die sich mittlerweile etablieren konnte. Mit ihm hatte ich gar nicht gerechnet. Er erklärt mir, er werde diese Woche Tube sein. Heute hier, morgen Surfpoeten. Lesebühne verpflichtet. Wer nicht kann, weil krank, abwesend oder unkreativ, muß für Ersatz sorgen. Das führt schon mal zu Spontananrufen, heute schon was vor? Tube ist Computerprogrammierer und Mitglied von zwei Lesebühnen. Die meisten Leser machen bei mindestens zwei dieser Veranstaltungen mit, deren Zusammensetzungen sich in der Anfangszeit noch verändert hat. Manche sind ausgestiegen, wegen zu wenig Publikum und weil immer wieder neue Texte geschrieben werden mußten. Andere kamen hinzu, denn anfangs waren die Gruppen noch offener. Wer nach einem Gastauftritt gefiel, durfte beim nächsten Mal wiederkommen. Von den neun Leuten, die im Juli 1996 als ein Keller Buntes starteten, sich Ende 1998 dann in LSD umbenannten, wobei diese Buchstaben am Anfang stets für eine andere Bedeutung standen, sind beispielsweise nur noch drei dabei. Als letzter stieß Uli Hannemann im Juni 2000 zum Ensemble.

Zu dieser Zeit war so etwas wie ein Hype um Lesebühnen entstanden. Und ich hatte davon nichts mitbekommen. Surfpoeten, was sollte das schon sein? So dachte ein erfolgloser Jungautor, der ab und an zu Lesungen eingeladen wurde mit der obligatorischen Wasserflasche auf dem Tisch. Dabei wollte auch ich Rock’n’Roll machen und Bier auf der Bühne trinken. Daß das andere längst taten, war mir irgendwie entgangen. Ich saß oben im Bergwerk, konsumierte mit Kumpels Kaltgetränke und interessierte mich nicht für die Surfpoeten im Keller. Zwischen den Texten legte DJ Lt. Surf Platten auf. Surfmusik, was sonst. Das Publikum sollte tanzen, manchmal tat es das auch.

Anfangs war ich an die Lyriker geraten, Sonette, Sonaten, Social Beat, so was eben und dann wieder fort von dort, in der Hand mein erstes Buch mit Kurzgeschichten, das keiner kaufte, weil keiner etwas davon wußte. Wie man es anders anging, las ich dann Anfang 2000 im Spiegel, der Ironiker mit dem Mittelinitial zwischen Vor- und Nachnamen war ins Bergwerk geraten, in die Kalkscheune, ins Kaffee Burger, ins Zosch, in die Tagung und hatte einen neuen Trend ausgemacht. Von da ab stauten sich die Interessierten bis auf die Bürgersteige. Mit ihnen kamen weitere Journalisten und Literaturagenten, einzelne Autoren wurden in Deutschland weltberühmt. Vor allem Wladimir Kaminer, Jakob Hein und Ahne von der bereits 1995 gegründeten Reformbühne Heim & Welt, die seit 1999 im Kaffee Burger beheimatet ist. Das Podium ist längst vergrößert, die Toiletten sind saniert, doch die Tapete bewahrt jenen gewissen Hauch Ostigkeit, der nicht nostalgisch gemeint ist, aber für viel touristisches Interesse gesorgt hat. Kaminer liest hier längst nicht mehr, doch seine Russendisko füllt nach wie vor die Räumlichkeiten, wenn sie auf dem Programm steht.

Eine andere, noch größere Räumlichkeit, nämlich eine Halle des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerkes, heute als RAW-Tempel bekannt, füllt die Chaussee der Enthusiasten an jedem Donnerstagabend. 1999 unter anderem von Jochen Schmidt, Dan Richter und Andreas Gläser gegründet, stieg man schließlich aus dem im Winter oft überschwemmten Keller einer Friedrichshainer Kneipe und konnte nicht nur sein Stammpublikum mitziehen, sondern dieses auch stark vergrößern. Denn das Konzept Lesebühne ist ein Erfolgskonzept, die Chaussee und die Surfpoeten locken regelmäßig mehrere hundert Zuhörer an. Ein weiteres Erfolgsformat gründete Dan Richter im Jahr 2000: Das Kantinenlesen, ein sogenanntes Gipfeltreffen mit Delegierten der beteiligten Bühnen, so daß sich wöchentlich andere Konstellationen ergeben. Inzwischen ist diese Samstagabendshow beim Publikum sehr beliebt, die Alte Kantine in der Kulturbrauerei wird auch von älteren Semestern besucht, bietet sie doch quasi eine gediegenere Version von Underground. Wobei es in Berlin so was wie Underground eigentlich gar nicht gibt. Abseits der Leuchttürme glimmen die Alternativen. Vielleicht ist das der Grund, warum es nur in dieser Stadt so eine florierende Vorlesebühnenszene gibt. Denn geschrieben wird überall. Aber es braucht auch die entsprechenden Orte. In den Neunzigern gab es noch genügend offszenige Läden in unsanierten Häusern. Und alle hatten Zeit. Zeit, zu schreiben. Zeit, dies vorzulesen, beziehungsweise Zeit, den anderen zuzuhören, in Räumlichkeiten, die das Bauamt München wahrscheinlich gesperrt hätte. Doch die längste Zeit brauchte es, sich durchzusetzen. Bis plötzlich nicht mehr alle in den Raum paßten, bis die Gage auf einmal für mehr reichte als für Heimwegbier und Gutenachtdöner.
 
Lesebühnen sind noch immer keine Hochkultur, natürlich nicht, werden immer noch belächelt als Trash und Kneipenulk, werden für tot erklärt von den Talentscouts und Trendaufspürern, weil sie darin nichts Neues entdecken können. Als ob das ein Kriterium für Kultur wäre. Die Veranstaltungen sind nach wie vor gut besucht. Natürlich nicht alle, und Neugründungen scheitern oft, vielleicht auch, weil Originale bevorzugt werden.

Ich kam zu den Bühnen als die Claims schon abgesteckt waren und fühlte mich doch mit offenen Armen aufgenommen. Endlich war ich mal mitgekommen zum Mittwochsfazit, der untypischsten aller Lesebühnen, aber doch eigentlich der ersten. Ab Herbst 1989 fand unter diesem Namen eine Vorleseveranstaltung im Café Rostlaube statt, mittags im entsprechenden Gebäude der FU. Wenn Studenten streiken, wollen auch Germanisten nicht länger bloß Sekundärliteraten sein. Horst Evers, Hinark Husen, Andreas Scheffler, Bov Bjerg und Hans Duschke ließen sich von der auch erst kurz zuvor durch Cluse Krings, Wiglaf Droste und Michael Stein gegründeten Höhnenden Wochenschau inspirieren. Das Mittwochsfazit von dem ich schon viel gehört hatte, da mußt du unbedingt mal hingehen, war inzwischen eine etablierte Veranstaltung, die zwar wöchentlich stattfand, aber einen Monat lang das gleich Programm bot, also den spontanen Charakter der Lesebühnen zugunsten von mehr Professionalität aufgegeben hatte. Das Ensemble besteht seit der Neugründung 1996 aus Bov Bjerg, Horst Evers, Manfred Maurenbrecher, Gäste gibt es keine, aber einen sogenannten Off-Teil, für den sich jeder anmelden kann. Und das tat ich, begeistert von der Show, enthemmt vom genossenen Bier. Im Januar 2001 stand ich also am Mikrofon im überfüllten Schlot und kam mir so unendlich verlangsamt vor, obwohl man mir hinterher riet, beim nächsten Mal nicht so schnell zu lesen. Ich fühlte mich von mir selbst beobachtet, wie das Lachen über meine Witze aus dem Dunkel des Raumes mir das Gefühl gab, Texte zu schreiben, die Reaktionen hervorriefen. Beklatscht vom Publikum, gelobt von den Kollegen, verwiesen auf die anderen Lesebühnen, empfohlen sogar, was mir Gastauftritte bescherte und schließlich auch die Bekanntschaft mit anderen Nachrückern, mit denen ich schließlich Neugründungen wagte, eine erfolgreiche und eine längst gescheiterte.

Vor der Show
Spider
Uli Hannemann
Volker Surmann

An jenem Dienstagabend ist das Bassy gut gefüllt. An die einhundert, hauptsächlich junge Menschen drängen sich bereits auf den Bänken, weitere treffen ein. Die meisten Mitwirkenden sind auch da. Micha Ebeling holt Bier, Ivo Smolak sagt kurz ›Hallo‹ und verschwindet dann wieder, Spider schreibt das Programm, die Auftrittsreihenfolge, die sich während der Veranstaltung manchmal noch ändern kann. Wird der Abend zu lang, verzichten die Kollegen schon mal auf einen zweiten Text, denn in der Regel ist jeder zweimal dran, Gäste manchmal auch dreimal. Das ist das Prinzip jeder Lesebühne. Da keiner vom anderen weiß, was dieser vortragen wird, gibt es keinerlei Dramaturgie. Micha geht an die Kasse, dafür kommt Uli Hannemann auf die Bühne, er wird den Anfang machen.

Um halb zehn soll die Show beginnen, nur auf der Bühne sind noch Stühle frei. Volker Strübing trifft als letzter ein, und auch Ivo läßt sich wieder blicken. Er sagt, er sei im Nebenraum auf einer Couch kurz eingenickt. Spider tritt an eins der beiden Mikrofone, der DJ blendet die Musik aus und das Bühnenlicht auf. Spider begrüßt das Publikum, redet sich und die Zuhörenden warm, fragt, wer zum ersten Mal da ist. Einige Hände heben sich. Spider fragt, wer zum letzten Mal da ist. Es wird gelacht. Dann erklärt Spider den Ablauf: Es gibt drei Hälften und zwei Pausen, ein Standardwitz bei LSD, er kommt immer wieder gut an beim Publikum. Genauso wie die von Ahne geprägte Formel: »Ich fang noch mal von vorne an«, gerne benutzt bei groben Verlesern. Doch soweit sind wir noch gar nicht. Erstmal stellt Spider die hinter ihm auf der Bühne Sitzenden vor: uns Mitwirkende. Das Publikum applaudiert freundlich, vereinzelt sogar frenetisch. Spider setzt sich, und Uli Hannemann kommt mit seinem Klemmbrett nach vorne. Er kündigt einen Text über einen nicht anwesenden Kollegen an, sagt aber gleich, er habe diesen in der Darstellung entsprechend verfremdet, auf daß ihn niemand wiedererkenne. Der Kollege des Grauens beschreibt die Nacht nach einem Auswärtsauftritt. »Mit der Art der Unterbringung bricht sich der grenzenlose Haß des Veranstalters auf die von ihm eingeladenen Gäste endlich ungehindert Bahn«, liest Uli vor. Nebenan, hinter »pergamentdünner Wand«, dröhnt Diskolärm, der erst gegen fünf verstummt, doch der Folter folgt die Hinrichtung, indem ein noch fehlender Kollege ins Zimmer tritt und sich nach Experimenten mit dem Deckenlicht ins Bett begibt, wo er ohne »Punkt und Komma« vor sich hinlacht. Danach beginnt furioses Geschnarche, unterbrochen nur von dem »Gebrüll eines Löwen, der mit den Eiern voran in das Schnappeisen eines Großwildjägers geraten ist«. »Wer solche Träume hat, braucht sich vor schlechten Drogen nicht zu fürchten«, faßt Uli dieses Geräuschinferno zusammen. In den dem Text folgenden Applaus hinein benutzt Uli zum ersten Mal eine weitere Lesebühnenformel: »Und jetzt kommt…« So wird stets zum nächsten Kollegen übergeleitet, nur wenige Bühnen leisten sich Zwischenmoderationen, früher war Doktor Seltsam der Conférencier des Frühschoppen, bevor man getrennte Wege beschritt. Die Brauseboys verfahren genauso, und deren Mitglied Volker Surmann kommt nun auch ans Mikrofon. Er liest einen Text über seine Jugend auf dem Bauernhof in Ostwestfalen, wo der Jüngste den Hof übernimmt, die älteren aber Karriere in der Stadt zu machen hätten. So wird man eben Komiker und Vorleser, wie Volker, »der Alien vom Planet Acker«. Bis zum achtzehnten Lebensjahr sei er nur mit einer rostroten Kordlatzhose rumgelaufen: »Rost, rot, Kord, Latz, viermal scheiße aussehen in einem«.

Thilo Bock
Ivo und der Fisch

Danach Spider: Er liest von Erlebnissen im Bordrestaurant der Deutschen Bahn, wo die Speisekarte eine »leckere Ofenkartoffel« anpreist. Die habe er auch bestellt. Nur leider wurde ihm die falsche gebracht. Das Publikum johlt. Später bei seinem Auftritt in Hamburg sei er dann als der »sympathische Spider« angekündigt worden. »Sympathischer Spider, das klingt wie >leckere Ofenkartoffel
Nach ihm bin ich dran. Ich habe längst nicht mehr das Gefühl, beim Lesen neben mir zu stehen, Aufregung würde auch nicht zum generellen Understatement dieser Veranstaltung passen. Dafür bin ich inzwischen auch zu oft vor zu wenig Publikum aufgetreten. Außerdem macht es ja Spaß, anderen Leuten seine Witze aufzudrücken. Ich lese einen Text aus Mangel an besseren Einfällen vor. Es geht um Penisverlängerungen, Organhandel und die freundliche Frau aus Rußland, die gerne die Nahrung zubereitet, sowie um mein angebliches Hobby Urananreichern, bis ich schließlich in noch niedrigere Gefilde eines Groschenromanes abgleite. Applaus, anschließend Pause.

Nach dieser Pause setzt sich wieder Uli an die Kasse und Ivo Smolak beginnt mit einem Lied. Ivo tritt oft zusammen mit dem Gitarristen Sascha Kroß als Ivo & Sascha auf, er ist aber auch Sänger der Mariachis sowie - als Ivo Lotion - Moderator der Leserevue Lokalrunde im Admiralspalast. Heute singt er ein Duett - zusammen mit einem Fisch. Dabei können Fische doch gar nicht singen. Aber dieser Fisch ist ja auch aus Plüsch und singt wie eine hübsche junge Frau. An sich ist es ein trauriges Stück über einen Baum, der sich von einem seiner Blätter besonders schwer verabschieden kann. Natürlich ist dies keine plumpe Bauchrednernummer, sondern ein Halbplayback oder eigentlich sogar nur ein Viertelplayback, denn nur Ivo singt, die Stimme des Fisches und die Musik kommen aus der Konserve. Durch die ironische Brechung mit der Handpuppe wird das elegische Lied, das es ohne weiteres mit Alexandras Schlagern aufnehmen könnte, keineswegs albern, sondern fast noch wahrhaftiger. Das Publikum goutiert dies und jubelt am Ende laut.

Micha Ebeling
Thilo Bock

Nun tritt endlich Micha Ebeling ans Mikrofon. Er ist gleichsam beliebt und gefürchtet für seine Sprachmächtigkeit und seinen gelegentlichen Hang zum Derben. Heute liest er einen Text, der seinen Ausgangspunkt beim Kaffee im Café nimmt und - das schickt er dem Text zumindest voran - zu zwei Dritteln unverständlich sei, was er natürlich nicht ist, wenn man nur zuhört und sich nicht abschrecken läßt, von den bedeutsam klingenden Wörtern, mit denen Micha darin jongliert. In einem Epilog, der fast die Hälfte der Geschichte ausmacht, überholt der Erzähler dann auf seinem Weg den Weinbergsweg hoch, »so Richtung ungewisse Zukunft«, eine junge Frau mit ihrer kleinen Tochter. »Das Mädchen hat niedliche Zöpfe und einen treuherzigen Gesichtsausdruck«, liest Micha, »so sah ich auch aus als ich klein war.« Alle lachen, denn Micha ist groß, schwer und kahl. Als das Mädchen in der Geschichte hinfällt, kommt es zum Gespräch. Die Kleine wünscht sich einen »Seelenwittich« und der Erzähler denkt: »Einen Seelenwittich! So etwas müßte man haben. Das klang gut. Das klang nach Geborgenheit, nach einer Art Pflege-Personal für die Seele. Klang nach Seelen-Schneewittchen. Wie mochte so ein Seelenwittich aussehen? Es mußte etwas sein, was auf uns aufpaßt und unsere Seele beschützt.«

Dann bin ich wieder dran. Ich trage meinen Schlafanzugsingsang vor, ein Lied ohne feststehende Melodie, eine Art Litanei über einen, der um vierzehn Uhr noch seinen Schlafanzug trägt, »das ist eher ‘n alter Schlüpfer und ein T-Shirt, / auf dem steht: Spiegelleser wissen mehr / [...] und ich bekomme langsam / kalte Füße. / Nicht metaphorisch gesehn, / ich habe nämlich schlichtweg keine Socken an.« Irgendwann ist es vierzehn Uhr sieben und das - sagen wir mal lyrische Ich - hat »soeben einen Korb bekommen, / keinen richtigen Korb so mit Früchten drin / das wäre ja noch was, dann hätte ich wenigstens was, / um meinen Hunger zu stillen.« So was kommt hier gut an. Manchmal sitzt man tagelang an einem Text und er wird einfach nichts, und dann braucht es nicht mal zehn Minuten, um einen Lachergaranten in der Mappe zu haben. Aber für so etwas muß man eben auch mal mittags im Schlafanzug am Schreibtisch sitzen.

Nach mir kommt Spiders zweiter Auftritt. Er sagt, er werde mit seinen folgenden beiden Kurztexten Erotik und Alkoholismus kaputtmachen. So erzählt er von dem Mann, der auf der Reeperbahn die Passanten anspricht: »>Na, mal reingucken? Und mit ‘ne Dauerlatte wieder rauskommen?< - Merkwürdiges Konzept, sollte es nicht umgekehrt sein? Mit ‘ner Latte reingehen und ohne wieder rauskommen? Was soll ich denn hier draußen auf der Straße mit einer Latte?«

Schlußlied

Am Ende der Veranstaltung stellen sich alle Akteure auf die Bühne und singen das obligatorische Schlußlied. Die meisten Bühnen haben eins, bei der Reformbühne ist es in der Regel ein alter Schlager, der für Monate oder Jahre den Abend beschließt, die Brauseboys singen Nils Heinrichs Wir sind nur Kurzgeschichtenvorleser. Und hier ist es Volker Strübings Dauerhit Die Sonne wird scheinen: »Mein Freund, Du mußt nicht traurig sein, / Tränen trocknen im Sonnenschein«. Weil niemand eine Gitarre hat, macht Ivo untermalende melodische Geräusche. Jeder muß schließlich den Refrain ins Mikro singen, mir entgleitet die Melodie, lala-lala. Optimistisch geht der Abend zu Ende. Man trinkt noch ein Bier, quatscht mit dem Publikum, doch an diesem Abend leert sich das Bassy rasch, keiner wird wohl mehr tanzen. Jedenfalls nicht mit den Füßen.

play video Berliner Lesebühnen

LSD - Liebe statt Drogen
Dienstags um 21 Uhr im Bassy Cowboy Club, Schönhauser Allee 176a (unterm Pfefferberg). Prenzlauer Berg. Mit Spider, Uli Hannemann, Michael Ebeling, Tube, Volker Strübing, Ivo & Sascha und Gästen.
www.liebestattdrogen.de

Marabühne
An jedem dritten Dienstag im Monat um 21 Uhr  in der Marabubar, Oppelner Straße 23 / Ecke Görlitzer Straße. Kreuzberg. Mit Frank Sorge, Thilo Bock, Kirsten Fuchs, Tobias Wallat, Bohni und Gästen.
www.marabubar.de/buehne.html

Lesedüne
Jeden zweiten und vierten Dienstag im Edelweiß im Görlitzer Park, Görlitzer Straße 1-3, Kreuzberg. Marc-Uwe Kling, Maik Martschinkowsky, Sebastian Lehmann, Kolja Reichert und Gästen.
www.virb.com/leseduene

Surfpoeten
Mittwochs um 21.30 Uhr im Ballhaus Ost, Pappelallee 15, Berlin-Prenzlauer Berg. Mit Tube, Ahne, Robert Weber, Stein†, Spider und DJ Lt.Surf.
www.surfpoeten.de

Mittwochsfazit
Kaum noch mittwochs, sondern mehrmals im Jahr im Mehringhoftheater, im Schlot oder auf Tour. Mit Bov Bjerg, Horst Evers und Manfred Maurenbrecher.
www.mittwochsfazit.de

Chaussee der Enthusiasten
Donnerstags um 21.00 Uhr im RAW-Tempel in der Revaler Straße 99 in Friedrichshain. Mit Bohni, Dan Richter, Jochen Schmidt, Robert Naumann, Volker Strübing, Stephan Zeisig und Gästen.
www.enthusiasten.de

Die Brauseboys
Donnerstags 21 Uhr im Laine-Art, Liebenwalder Str. 39, Wedding. Mit Hinark Husen, Robert Rescue, Frank Sorge, Volker Surmann, Heiko Werning und Gästen; zugeschaltet aus Stuttgart: Nils Heinrich.
www.brauseboys.de

Lokalrunde
Jeden 1. und 3. Freitag im Monat um 21.30 Uhr im Admiralspalast, Friedrichstr. 101, Mitte. Leserevue mit Ivo Lotion, den Mariachis, Dirk’nTürk, Tube, Micha Ebeling und dem Woltersdorf Channel.
www.lokalrunde.org

Kantinenlesen
Samstags, 20 Uhr in der Alte Kantine in der Kulturbrauerei, Knaackstr. 79. Prenzlauer Berg. Moderation: Dan Richter.
www.kantinenlesen.de

Lesershow Wedding
Jeden zweiten Samstag im Monat um 21 Uhr im Mastul, Liebenwalder Str. 33, Wedding. Mit Thilo Bock, Martingo, Robert Rescue, Frank Sorge, Udo Tiffert und Gästen.
www.lesershow.de

Der Frühschoppen
Sonntags 13 Uhr im Schlot, Chausseestr. 18. Mitte. Mit Hans Duschke, Horst Evers, Hinark Husen, Andreas Scheffler, Sarah Schmidt, Jürgen Witte.
Programmwechsel: monatlich.
www.der-fruehschoppen.de

Reformbühne Heim & Welt
Sonntags um 20 Uhr 15 im Kaffee Burger, Torstraße 60, Mitte. Mehr oder weniger von und mit Ahne, Daniela Böhle, Jakob Hein, Uli Hannemann, Falko Hennig, Michael Stein †, Heiko Werning, Jürgen Witte.
www.reformbuehne.de

Die Sonntagsshow
Jeden letzten Sonntag im Monat ab 21.00 Uhr im nbi, Schönhauser Allee 36, im Hof der Kulturbrauerei. Lesung & Party mit Ivo Lotion, Tilman Birr, Robert Rescue, Lea Streisand, ver-schiedenen Bands und Gästen.
www.sonntagsshow.de

Dienstagspropheten
Mit Lea Streisand, Martin Betz, Johannes Franke, Georg Weisfeld und Gästen
Jeden 3. Dienstag im Monat im Verlängerten Wohnzimmer Frankfurter Allee 91 - 10247 Berlin Nahe S+U Bhf. Frankfurter Allee.
www.dienstagspropheten.de

Volker Strübing
Panorama

Dann tritt Volker Strübing ans Mikro. Volker ist nicht nur Mitglied von zwei Bühnen, er ist auch erfolgreicher Slammer. 2005 wurde er Champion bei den deutschsprachigen Meisterschaften des Poetry Slam, und 2006 gewann er dort gemeinsam mit dem ebenfalls als Slammer gefeierten Micha Ebeling als Team LSD. Doch obwohl einige Lesebühnenautoren auch slammen, existieren beide Szenen relativ abgeschottet voneinander. Unterhalten wird auf beiden Seiten, einmal mit und einmal ohne Wettbewerb.

Volker kündigt einen Text an, mit dem er nun auch die gute Laune kaputt machen werde. Es ist ein Brief an einen ungenannt bleibenden Sterbenden. Es ist ein trauriger Text, das liegt schon am Thema, es ist ein liebevoller Text, und es ist einer, der durchaus seine lustigen Stellen hat: »Eines Tages werde ich auch tot sein und Leute werden auf Partys so Sachen sagen wie: ›Was echt? Volker Strübing tot…. schlimm … hm … aber, ich denke er hätte gewollt, daß wir uns heute Abend amüsieren und auf ihn anstoßen, Prost!‹ Hätt ich gar nicht gewollt! Die ganze Welt soll weinen, das ist ja wohl das mindeste…«

Diesem Text folgt die zweite Pause. Volker wollte niemanden zumuten, direkt danach vorlesen zu müssen. Auf der Bühne wußten wir alle um den Adressaten des Briefes.

Noch in der gleichen Nacht ist Michael Stein dann gestorben. Er war Mitbegründer der Surfpoeten und der Reformbühne Heim & Welt. Mit ihm ist ein herausragender Bühnenkünstler abgegangen, ein kompromißloser Provokateur, der oftmals besser zu verstören vermochte als zu begeistern, und dessen Aktionen nachhaltiger waren als man das im Augenblick ihrer Durchführung gedacht hätte. Als ich zu den Lesebühnen stieß und Stein zum ersten Mal bei der Reformbühne erlebte als einzigen dort Auftretenden, der ohne Manuskript am Mikro stand, war ich verwirrt von dem Wortschwall und wußte auch nicht, daß dies aus der Konsequenz heraus geschah, mit geschriebenen Worten nicht das Gewünschte erreichen zu können. Stein ging es stets um Agitation. Seine Stegreifexegesen von Springerdruckerzeugnissen sollten aufrütteln, zerfaserten aber mitunter, weil er keinen Punkt zu finden schien, denn er hatte noch so viel zu sagen. Stein experimentierte mit den Möglichkeiten der Bühne. Und so ist es nicht unbedingt die tagesaktuelle Agitation, mit der er in meiner Erinnerung bleiben wird, es sind seine Zaubertricks und jene – auch von den meisten Kollegen – als grenzwertig empfundene Jongliernummer mit Klobürsten, die er angeblich gerade zuvor in den Toiletten eingesammelt hatte. Daß die schwarzbraunen Fetzen, die sich dabei mitunter von den Borsten lösten, aus einem Schokocremeglas stammten, war dabei egal, denn hier machte einer den Ekel sichtbar und biederte sich nicht bei dem so gerne gleichgültig bleibenden Publikum an. Sein Gebet gegen die Arbeit gehört zu den Klassikern der Szene, »Arbeit, Geißel der Menschheit«.

Nach der Pause geht es trotzdem heiter weiter, unter anderem mit einem kurzen Trickfilm von Volker Strübing. Seit einigen Monaten produziert er diese animierten Kneipengespräche zwischen dem fatalistischen Kloß und dem stets gut gelaunten Spinne sowie dem knarzigen Kneipier Norbert. Alle Stimmen stammen von Volker, die Filme lassen sich auch im Internet anschauen, sonntagnachmittags laufen sie – natürlich ohne Bild – auf Radio Eins. Kloß ist verliebt und hat der Frau seine Liebe sogar gestanden, doch daß diese dies nun auch noch erwidert, hat ihn aus dem Konzept gebracht. »Mich kann ich doch keiner Frau zumuten, erst Recht keiner, die ich liebe, das wäre doch der beste Beweis, daß ich sie nicht liebe.« Norbert sieht das natürlich ganz anders: »Wenn ‘ne