Die Brandenburger Literatouren sind mit freundlicher
Unterstützung der Landeshauptstadt Potsdam und des
Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kultur
des Landes Brandenburg in den Jahren 2008 und 2009 entstanden.

Klaus Büstrin

Im unerbittlichen Maß der Zeit

Peter Walther
Potsdam historisch

Die Dichter Reinhold Schneider (1903-1958) und Jochen Klepper (1903-1942) sind im Geiste verwandt, befördern sich gegenseitig in tiefschürfenden Gesprächen. Der christliche Glaube und die preußische Geschichte haben dabei den Vorrang.

Klaus Büstrin

»Im unerbittlichen Maß der Zeit«

Fotos: Peter Walther


follow link Der Dichter Reinhold Schneider in Potsdam

source Am Kanal
Foto: unbekannt












Birkenstraße














Schloß Cecilienhof im Neuen Garten

Öffnungszeiten:
April bis Oktober
Di.-So. 10-18 Uhr
November bis März
Di.-So. 10-17 Uhr
Besichtigung mit Audioguide oder Führung
Letzter Einlass jeweils 30 Minuten vor Schließzeit

Privaträume des Kronprinzenpaares
ganzjährig geöffnet
Montag geschlossen
Nur mit Führung | jeweils um 10, 12, 14 und 16 Uhr

Bitte beachten Sie die Sonderregelungen zu den Feiertagen
Preise:
Schloss Cecilienhof
6 Euro / erm. 5 Euro | mit Audioguide oder Führung

Privaträume des Kronprinzenpaares
4 Euro / ermäßigt 3 Euro | nur mit Führung

Kombiticket Cecilienhof / Marmorpalais
8 Euro / ermäßigt 6 Euro
gültig von Mai bis Oktober
Telefon: 0331.96 94-200
auch Gruppenanmeldungen

 

Die Dichter Reinhold Schneider (1903-1958) und Jochen Klepper (1903-1942) sind im Geiste verwandt, befördern sich gegenseitig in tiefschürfenden Gesprächen. Der christliche Glaube und die preußische Geschichte haben dabei den Vorrang. Beide schreiben etwa zur gleichen Zeit ein Buch zu diesem Thema. Schneider veröffentlicht 1933 „Die Hohenzollern. Tragik und Königtum“, eine Geschichtsdarstellung als Gleichnis für die Entstehung, die Vollendung und den Untergang einer Machtform. Wer heute noch der gelegentlich aufgewärmten These glaubt, Hitler hätte in direkter Linie Preußens und Friedrichs des Großen gestanden, ist durch die Lektüre Schneiders schnell zu heilen. Klepper recherchiert für seinen groß angelegten Roman „Der Vater“ (1937). Die schmerzhaften Beziehungen zwischen dem König Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Friedrich (II.) werden darin mit gedanklicher Tiefe beleuchtet.

 

Der am 13. Mai 1903 in Baden-Baden geborene Reinhold Schneider begibt sich nach einer kaufmännischen Ausbildung in Dresden auf Reisen nach Portugal und Spanien. Seit dem 8. April 1932 lebt Schneider in Potsdam. Von hier aus unternimmt er Studienfahrten nach England und Italien. In der preußischen Residenzstadt wohnt er zunächst für gut ein Jahr im Haus Am Kanal 28, in der Nähe des Schauspielhauses. Tagtäglich vernimmt er mehrmals das Zittern des Glockenspiels der nahen Garnisonkirche: „Unerbittliches Maß der Zeit“.

 

Und noch etwas anderes verhilft Schneider in dieser Zeit in seiner Wohnung zu unerträglichen „Ohrenschmerzen“. „Aus dem Untergeschoss scholl der vom Sender übertragene Lärm der Massenversammlungen herauf, peitschende Stimmen, unter denen das Ungetüm aufjauchzte: dann die eine, mit keiner andern zu vergleichende Stimme, die unablässig lügend niemals log; denn in ihr sagte sich die herauf gärende Macht unverhüllt aus. Ich habe nie verstanden, dass Menschen sich der unsäglichen Qual, sie anzuhören, freiwillig aussetzten“, schreibt Reinhold Schneider in seinem Erinnerungsbuch „Verhüllter Tag“ (1954).

 

1933 packt der Dichter seine wenigen Sachen und zieht wieder um, in die Birkenstraße 1. Den Neuen Garten auch für Spaziergänge vor der Tür nutzend. Heute erinnert eine kaum noch zu entziffernde Gedenktafel an diesem Haus an Reinhold Schneider und Jochen Klepper, der ihn hier des öfteren besuchte. Nach einem Treffen schreibt Klepper am 16. Mai 1934 in sein Tagebuch, dass der Freund noch größer war, als er ihn bei früheren Begegnungen in Erinnerungen hatte: „Friedrich Wilhelm hätte ihn sofort in sein Regiment gesteckt. Und in all seiner Bescheidenheit und Gediegenheit doch noch von sehr starkem Selbstbewusstsein. Der Zeit, der Zukunft des Schriftstellers gegenüber sehr pessimistisch. Erst 31 Jahre alt und ein bedeutender Mann; etwas, was ich sonst überhaupt nicht kenne“.

 

Preußens letzter Kronprinz Wilhelm sucht nach der Lektüre des Hohenzollern-Buches die Bekanntschaft Reinhold Schneiders. Sie sind fast Nachbarn. Wilhelm residiert im nahen Schloss Cecilienhof im Neuen Garten, Schneider in einer Dachwohnung gegenüber vom Parkeingang, in einer „Art Mönchszelle“. Er wird vom Kronprinzen eingeladen. „In der nach englischem Vorbilde gebauten großen Halle … rief mich der Kronprinz auf das Sofa in der Nische. Auf der andern Seite saß ein mit dem Pour le mérite geschmückter Reitergeneral, der den Hausherrn nur mit ,Kaiser‘ anredete und die Erfahrungen des letzten Jahres in dem bekannten Spruch zusammenfasste: ,Wir sind aus dem Regen unter gänzlicher Umgehung der Traufe direkt in die Sch… gekommen.‘ Der Kronprinz litt schwer unter dem Unverzeihlichen, dass er zur Parade auf dem Tempelhofer Feld die ,komischen Hosen‘, die braunen, angezogen hatte und an dem Oberkellner Ernst vorbeidefiliert war“, notiert Schneider von der Begegnung mit dem Kaisersohn in „Verhüllter Tag“. Der dem Königtum zugeneigte Dichter empfindet dagegen die Ideologie der Nationalsozialisten „viehmäßig dumm und roh“ und über Hitler urteilt er, dass ihm „alles an Größe, alles an Geistigkeit fehle“.

 

Im Januar 1934 berichtet der bis dahin einflussreiche Journalist Rudolf Pechel, der von den Nazis ständig observiert wird, auch Schneider vom Konzentrationslager Dachau. In „Verhüllter Tag“ schreibt der Dichter: „Nach jenem Gespräch …, das die Leiden der Verfolgten enthüllte, schrieb ich die kleine Erzählung ,Der Tröster‘. In ihr war die christliche Wahrheit von der Stellvertretung als Nachfolge unvermittelt da. Das Leiden in den Lagern und Gefängnissen ging mir nun nicht mehr von der Seele.“ In der Erzählung „Der Tröster“ (1934) erzählt er über das wagemutige Wirken des Jesuiten Friederich Spee von Langenfeld gegen den Hexenwahn und das Leiden vor allem von verfolgten Frauen in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. In den Visionen des Jesuitenpaters hat man den Eindruck als habe der Autor den Volksgerichtshof Freislers bereits voraus gesehen.

 

„Mochten es ihm die Obrigkeiten und Richter verübeln oder nicht, er wollte nicht unter der Zahl derer gefunden werden, die der Prophet verwirft, ,da sie stumme Hunde seien, die nicht bellen können.‘“ Dieses Zitat aus dem Alten Testament (Jesaja, Kapitel 56) legt Reinhold Schneider Friedrich Spee in den Mund. Doch charakterisiert er sich damit zugleich selbst und beschreibt die Rolle verantwortungsvoller Christen vor allem in diktatorischen Zeiten. Mit „Der Tröster“ sowie Geschichtsdeutungen, Essays und Gedichten prägt Schneider den christlichen inneren Widerstand gegenüber dem Nationalsozialismus. Um ihn schart sich ein nobler Kreis von Persönlichkeiten dieser Zeit, zu dem unter anderen die Schriftsteller Kurt Ihlenfeld , Harald von Koenigswald (er wohnt in Potsdam-Bornim) Rudolf Alexander Schröder, Werner Bergengruen, Jochen Klepper, die führenden Männer des „Kreisauer Kreises“ Helmuth James Graf Moltke, Peter Graf York von Wartenburg und Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg gehören. Auch der Sohn des letzten sächsischen Königs Friedrich August III., Kronprinz Georg, gehört dazu. Als katholischer Priester und Jesuit - er wirkt in Berlin -, als Oppositioneller der Nationalsozialisten steht er unter ständiger Beobachtung. Am 5. Juni 1943 findet man seine Leiche im Groß Glienicker See. Schneider schätzt an Pater Georg auch, dass dieser sich für die Ökumene sehr stark machte. „Ich glaube an die Gnade des wirklich ergriffenen, des geachteten Kreuzes, an das Christentum derer, die wahrhaft leiden an der Zerrissenheit“.

 

Der Protestant und Kirchenlieddichter Jochen Klepper trägt in den zahlreichen Begegnungen mit Reinhold Schneider viel dazu bei, dass dieser sich wieder seiner Kirche zuwendet. „Zu meinem Erstaunen entdeckte er in meinen Büchern strenge Katholizität, die ich gar nicht gewollt hatte An der Wiedererrichtung des Kreuzes in meinem Leben hat er großen Anteil. Mehr kann Freundschaft nicht sein“, schreibt Schneider. An einem Weihnachtsabend schlägt Schneider die Bibel auf und flieht nach wenigen Kapiteln auf die Straße. „Denn es war ja klar: unter diesem Anspruch kehrt sich das Leben um.“ Erstmals nach 20 Jahren besucht der Katholik am Neujahrsmorgen 1937 in der St. Peter und Pauls Kirche auf dem Bassinplatz wieder die Heilige