Hier führen Sie Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Text und Bild durch ihr persönliches Ruhrgebiet. Zehn der Touren sind 2010 entstanden. Zwei weitere kamen 2011 hinzu.

Die http://org1es.com/live-sexchat/best-free-sex-video-sites/ Literatouren Ruhrgebiet wurden durch die follow RWE Stiftung Stiftung ermöglicht.

Barbara Köhler

Duisburg für Anfänger

Barbara Köhler
ca. 4 Stunden ca. 16 km

Der „Grenzfall“ Ruhgebiet als disparater Raum von dynamischen Spannungsfeldern, als ein zwischen Natur und Zivilisation, Industrie und moderner Technik, Arbeitswelt und Kunstsammlung schwankendes „Revier der Möglichkeiten“. Die Autorin lädt ein, sich auf die Unübersichtlichkeit dieses Verkehrsnetzes einzulassen und es in seinem Rhythmus, seiner Mehrdimensionalität und seiner Freiheit an sich selbst zu erfahren.

Als Hör-Tour

Gelesen von Birge Tetzner

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Barbara Köhler

»Duisburg für Anfänger«

Fotos: Barbara Köhler


Seit Ende Juli 2010 wissen es plötzlich wiedermal alle (und vor allem die, die’s ja immer schon wussten): Duisburg ist die Stadt mit dem „Schimanski-Image“, das sie auch nie und nimmer loswerden wird – denn immer, wenn sie’s versucht, passiert et­was noch Schlimmeres: Mafia-Morde, Rocker-Bandenkrieg, Lovepa­rade-Katastrophe. Kismet…

In kaum einem der darauf folgenden Berich­te über die Stadt durfte das Adjektiv „marode“ fehlen und als Farbe kam einzig „grau“ infrage (womit wohl eher ein Anthrazit ge­meint war; aber das hätte zu edel geklungen). Es scheint sich – in Analogie zur just frisch erfun­denen Bad Bank – um eine Art Bad Town zu handeln, in der postindustrielle Konkursmassen bis zur finalen Abwicklung geparkt werden und in regelmäßigen Abstän­den den Rest der Republik mit Grusel-News versorgen. Eine ech­te No-go-Area?


Wenn man schon 16 Jahre in Duis­burg überlebt hat, kann man auch finden, dass man hier besser fährt: mit Fahrrad (fantastisches Radweg-Netz!), mit den Öffentlichen, mit Auto; nur zu Fuß ist die Stadt eher etwas für Fortgeschrittene. Da­her empfiehlt diese Tour Linien, auf denen sich der Eindimensi­onalität entkommen ließe, die Gegensätze verbinden, die selten so dicht und spannungs­reich beieinander liegen wie hier: Seh­wege, auf denen man ein Bild bekommt – und kein Image.































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Am Entenfang 1
45481 Mülheim an der Ruhr













Freizeitdomizil Entenfangsee
Am Entenfang 7
45481 Mülheim a.d. Ruhr






























I  Entenfang

Wo Duisburg aufhört, an einem entlegenen Ende des Stadt­plans, hinter den Sechs Seen und jenseits der Güterbahn, wo schon Mülheimer Gebiet beginnt, aber Mülheim und Ruhr noch weit weg sind und auch Ratingen-Lintorf kaum näher, schlägt die dort sonst fast geradlinig in Nord-Süd-Richtung verlaufende Gemar­kungs­grenze zwischen den Städten einen sonderbaren Bo­gen um einen kleinen See, ungefähr dessen westli­chem Ufer folgend, das so strecken­weise zu Duisburg, das Wasser aber voll­ständig zu Mülheim ge­hörig erscheint. Ein paar Meter entfernt vom Ufer endet eine Regionalbahn 37 an der Station „Entenfang“ und dies ist auch der Name des Sees. Nach dem einfach auf Kante asphal­tierten Perron, ein Stück hinterm Prell­bock und parallel zu den Gleisen des kilo­meterlangen Güter­bahn-Rangier-Geländes, das hier mählich ausläuft, zuzuwachsen beginnt, erstreckt sich, fast unsicht­bar hinter Gebüsch und Bäumen, auch noch ein kaum 7 Meter breiter, ein paar hundert Meter langer, schnurge­rader Graben, den die Karte seltsam verspre­chend als „Weissen See“ bezeichnet – was die Fakten allerdings in einer Wei­se ver­fehlt, die für ein Paradox nicht genug Spannung aufbringt und es eher unwahrscheinlich macht, dass er so auch genannt wird. Bean­sprucht wird er mit­tels eines verschlossenen Tores von einem „EASV e.V.“; ob das etwa einen Eisenbahner-Angelsportverein meint, bleibt obskur wie das Wasser im Graben.

Unter der Woche und manchmal sogar an Sonntagen quiet­schen da­hinter sporadisch Züge, klirren und krachen mit Ge­töse Waggons inein­ander, Metall auf Metall. Auf der anderen Seite, östlich des Entenfangs dröhnt die A3, eine sechsspurige Amateur-Rennstrec­ke Richtung Köln/ Frankfurt. Dieses Geräusch hört man unauf­hör­lich, um den gan­zen See, als einen Niagara oder reissenden Fluss oder Tinni­tus, je nach Entfer­nung und Windrich­tung, doch ist nichts dazu Pas­sendes zu sichten; als sei es bloß ein Sound­track, Tonspur aus einem anderen Film, die falsche Klangtapete vom AudioPlayer. Einmal nur, mitten im Wald, übernimmt, über­tönt ein Bach das Rauschen, ein über­brück­ter Mini­was­serfall von einem halben Meter Höhe, der die Akustik kaum spürbar verändert – aber plötzlich rauscht es natur-synchron, rauscht im O-Ton, und das kann ein kleines Er­schrecken hervor­rufen.

Optisch gibt es an dieser Na­tur nichts aus­zuset­zen, man läuft hindurch wie über die Heide von Hamp­stead, durch so ein hin­reissend schönes Herbstleuchten beispielsweise zwischen färbi­gen Bäumen. Oder jenes unglaubliche rosige Schimmern in der Woche, bevor die ersten Knos­pen aufgehn; nur zwitschern wohl die Vögel in einem wieder anderen Film (der etwa im Central Park spielen könnte), und wenn einem nach unge­fähr zwölf Minuten die gleichen Leute wieder be­gegnen, die nun wie alte Bekannte grüssen, weiss man: den Enten­fang hat man zur Hälfte umrun­det. Es gibt eine winzi­ge Insel an seiner eng­sten Stelle, die aber das Ganze per­spektivisch enorm zu weiten vermag und ordentlich et­was hermacht als romantische Idee; selbst Lancelot „Capabil­ity“ Brown hätte sie sinn­fälliger nicht plazieren können.

Ihr gegenüber, im Hinter­land des östlichen Ufers, nah der A3, fin­det man die "Schlemmer-Insel", einen Kiosk mit handgemal­ter Reklame im Stil der 1960er, ein Schild­chen präzisiert: „Trink­halle Margret Bitter­schulte“, die sich zu jeder Jahres­zeit und bei den meisten Wetterlagen eines re­gen Zuspruchs er­freut. Unter dem verblasst grünen Wellplastik-Vordach bekommen Horst und Heinz („Tachauch!“) ihr Pilsken ungefragt übern Tre­sen gereicht, Brühwurst dauert und saure Gurken gibt’s einzeln und extra für 50 Cent. Die Brühwurst ist eine richtige, mit rich­tig Senf und einer dia­gonal halbierten, dicken, weichen Weiss­brot­scheibe auf Pappe. Einzige Spuren des jungen Jahrtausends sind die mit Edding auf weißer Über­malung nach­getragenen Euro-Preise. So beschrieben in einer Notiz von 2009 – hat sich nur ein Jahr später das meiste verändert; eigentlich alles, außer dass Brühwurst dauert. Immerhin gibt es den Kiosk noch, nunmehr sogar mit Internetpräsenz unter fd-entenfang.de…

Südwestlich, gegenüber auf der Duisburger Seite residiert ein Verleih für je fünf Ruder- und Tretboote, die letzteren im Motorboot-Design der 70er Jahre eines ebenso verblichenen Jahr­hunderts – was man damals „schnittig“ nannte, Plastik in Farbkombinatio­nen wie Orange plus Blau. An den Süduferweg grenzt eine Kreuzung aus Dauer-Campingplatz und Klein­gartenspar­te, mit erstaun­lich hohen und noch erstaunlicher gestutzten Thuja­- und Taxus­hecken um Auto­stellplätze, zwischen Blockhüt­ten, Baracken und eingewachsenen Wohnwagen mit Satel­liten­schüsseln und Deutschlandfähn­chen, manche sogar noch mit rostigen Anten­nen. Pflanzen erscheinen sonst vor allem als ein Beiwerk in Blumentöpfen und penibel rasierte Rasen­flecken, ein Anlass für enorme Mengen dazu arrangierter Gartendekoration.

Am Nordwes­tufer befindet sich das mit Jägerzaun eingefriedete Klubhäus­chen des Angler­vereins „Fischwaid“ – zugänglich allerdings „Nur für Klubmitglieder“, dem Rest der Bevölkerung wird empfohlen: „Besuchen Sie uns im Internet unter www.avfischwaid.de“.  Am Anleger Reihen grün über­dachter Boote: schwimmende Zelte, die an manchen Tagen übers Wasser verteilt sind wie die seltsame Siedlung einer fremden Zivi­lisation.
Rings um den See gibt es winzige Bade­buch­ten, die im Sommer möglicher­weise bei – das Wort hat auch so ein seltsames 60er-Jahre-Aroma – Pärchen beliebt sind, und einen durchwurzel­ten Weg, brüchiger As­phalt durch Urwäldchen, Dickich­te aus Brom­beeren, Spring­kraut, Brennnesseln und riesi­ge Adlerfarnbestän­de, vor­bei an lichten Wiesen und ein paar Quadratmetern Sand­strand, auf dem eine doppelstämmige Birke steht, deren Wurzeln freige­legt erschei­nen. Ein gefloch­tener, hohler Hügel, als sei der Sand mehr als einen Meter höher gele­gen, als sie jung war; wie seltsam, dass sie noch steht, noch lebt so.

Hinter der „Schlemmer-Insel“, zur A3 hin, gibt es eine weglose Wildnis mit Wasserlö­chern, sumpfigen Tümpeln voll Entengrütze und Schwertlilien, Windbruch und dick bemoos­ten Baumstümpfen, überwachsen von wilder Waldrebe; für die Ge­gend aber sieht das alles ein wenig zu natürlich, zu unge­zwun­gen aus, und auch die Umrissformen des Sees tun so verdächtig zu­fällig und absichts­los. Wer sich die Mühe macht, im Kataster­amt nachzu­fragen oder einen älteren Stammkunden der Trink­halle anzu­spre­chen, erfährt schnell, dass der See ein künst­licher ist, als Kiesgrube ange­legt in den 1920er Jahren, als es noch keine Auto­bahn gab und keine Sechs-Seen-Platte, nur ein paar Güter­bahngleise tief im Wald, den Weißen See als nicht nennenswerten Wasser­graben – und diese eigenartige Beule in der Gemarkungsgrenze.

Ein bisschen abgelegen, ein bisschen aus der Zeit gefallen: ein See, der eine Art Insel ist, mit diesem komischen Namen „Entenfang“, einem Anklang zwischen Ente und Anfang, ein Grenzfall zwischen zwei Städten, halb gebastelt und halb gewachsen, halb aufgegeben und doppelt angefan­gen. 1930 soll es zwei schma­le Gewässer mit zwei Inseln gegeben haben, sagt eine alte Karte; in dieses Jahr fällt auch bereits die Gründung des Anglervereins „Fisch­waid“. Von den beiden zustän­digen Stadtverwaltungen scheinbar glücklich vergessen, bei deren Bevölkerungen durchaus beliebt, geliebt auf eine ganz alltägliche Weise: kei­nerlei avan­cierte Frei­zeitaktivitäten sind zu beobachten, verein­zelte Jogger nur, Wochen­end-Radler höch­stens in Klein­familien, nicht Rudeln, einige stöckchen­werfende Hundehalter, alte Frauen mit Sudoku oder Strickzeug sonnen sich. Sonntags­spa­ziergänger hauptsäch­lich, auch unter der Woche, in kleine Wolken von Weichspüler­duft, Parfüm oder Aftershave gehüllt, die Damen verlässlich blondiert. Neben den obligatorischen Enten und ein paar Blesshühnern gibt es manchmal genau ein Paar schwarzer Schwäne und einmal pro Stunde fährt vom Gleis 1 des Duisburger Hauptbahn­hofs ein Triebwagen Richtung „Entenfang“: ganze drei Stationen.

Landschaftspark Duisburg-Nord

Emscherstr. 71
47137 Duisburg

Webseite

II  Linien

Und einmal pro Stunde wechselt auch nur die Zielanzeige auf Bahnsteig 1; ebenfalls im Stundentakt fährt eine S-Bahn da ab, die S2 nach Dortmund. Sie nimmt jedoch nicht die Ruhrge­biets-Haupt­strecke via Mülheim – Essen – Bochum (das tut alle 20 Minuten die S1 von Gleis 9), sondern den Weg durch die Vier-Silben-Gegend im Norden: Ober­hausen – Altenes­sen – Gel­senkir­chen – Wanne-Eickel – Castrop-Rauxel; zweisil­bige Brückenpfei­ler der Linie sind Essen und Herne, von wo noch ein Abzweig auf Reck­ling­hausen zielt. Es wäre dies ein durchaus empfeh­lens­werter Ausflug, um mit dem Ruhrgebiet anzufangen: bis Dortmund ei­ne Stunde, ebenso dann retour nach Duisburg auf der Hauptstrecke mit der S1. Eine Rundreise entlang an den Rück­seiten der Städte, durch Bahndammdschungel (das oft bestaunte Ach-so-Grün voller wilder Müllkippen) und an Graffitti-Gale­rien vorüber, an Kleingartenkolonien, unter Auto- und Werkbahn­brücken hindurch, über ausgedehnte Indus­trie­brachen, teils üppiges Pionierpflanzenbiotop, teils mit sauber sanierten Zechengebäuden, die möglicherweise als „Technologiezentren“ genutzt werden. Eine durch und durch gemodelte Landschaft: ergra­bene Seen, kanalisierte Bäche, aus Abraum gebaute Berge; Bauern­höfe, Kleingärten, ein Welt­kulturerbe, das extra angesagt wird, Kraftwerke neben Pferdeweiden, plötz­lich Anzeichen von Innenstädten (Kirchtürme und Hauptbahnhö­fe), zu denen es dann aber nur auf der Hauptstrecke kommt. Ein Hochhaus mit Merce­des-Stern, das sich zu wiederho­len scheint. Das Unablässige, das Nichtendenwollen der Stadtschaft hinter den Bäumen.
Es sind Linien, die das Dispa­rate liieren, auf denen man das Ruhrgebiet erfahren kann, die es zusammen­halten und in der Welt. Linien, auf die es hier eher anzukom­men scheint als auf Orte, Sehwege, auf denen man anders ankommt: in Bewegung. Spannungslinien, durch die Energie fließt, potenzielle Ener­gie, dort generiert, wo es Wider­sprüchliches, Polares zu verbinden gelingt.

Man ist ja so schnell weg aus Duisburg, dieser Halbmillionen-Kleinstadt, der Hauptbahn­hof hat 13 Bahnstei­ge, Gelegen­heiten in alle Welt: 2 Stunden nach Amsterdam oder Frankfurt am Main, nach Brüssel – mit einmal Umsteigen – drei, bis Berlin knapp vier (wie nach Luxemburg), eine halbe Stun­de länger nur nach Paris oder Basel oder Oost­ende; sogar London wäre machbar per Bahn: 2x umsteigen, knapp fünfeinhalb Stunden bis St.Pancras; 23 Minuten länger als nach München. Für weitere Des­ti­nationen stehn in einer S-Bahn-Vier­telstunde die Maschinen auf dem Düsseldor­fer Flughafen bereit.

Die Stadt ist verzurrt in einem Knoten aus 4 großen Autobahn­kreuzen, von Wasser­straßen durch­zogen: Rhein und Ruhr und Kanäle und der vielbe­schworene „größte Binnen­hafen der Welt“ (wenn nicht Europas…) und manchmal klingt es, als würde hier eine Art multidimensio­nales Schach gespielt: von der A3 über die A42 auf die B8 – oder mit der U79 bis Hauptbahnhof, dann die 901, die S4, den RE5, SB10 oder eben die RB37.

Duisburg, lässt sich daraus auch schließen, ist nichts für Fußgän­ger – oder etwas radi­kaler zusammengereimt, die Losung in lokalem Slang: DUISBURG IS NIX FÜR ANFÄNGER. „Autogerecht“ eingerich­tet wie all diese Nachkriegs-Ruhrgebiets-Städte, aber auch mit einem ziemlich flächendec­kenden Nahverkehrsnetz, in dessen Linien man sich allerdings auskennen muss; Hinweise werden nur sehr spärlich und offensichtlich ungern erteilt, es gehört zu den unentdeck­ten Abenteuern der Stadt. Man könnte es als Heraus­forderung, als Spiel betrachten, als eine Schatzsu­che, Schnit­zeljagd, die am Bahnhof beginnt; oft schei­tern Rei­sende schon beim Übergang in die U-Bahn, auf der Suche nach Tram oder Bus. Die Taxi-Innung immerhin freut’s; ihre Stell­plätze findet man noch am leichtesten.

Aber Duisburg hat eine U-Bahn – oder zu­mindest sieben subterrane, sogar von mehr oder weni­ger bedeu­tenden Künstlern (Gerhard Richter z.B.) gestaltete Tram-Haltestellen – und die Linie U79, die zwischen Bahnhof Meiderich und Steinsche Gasse via Haupt­bahn­hof sechs davon passiert, um dann oberirdisch als ganz norma­le Straßenbahn über Feld und Flur und Froschenteich und Kaiserswerth bis nach Düsseldorf weiterzufahrn, in die Landes­hauptstadt, wo es dann wieder ein paar Halte­stel­len unter der Erde hat: die ehema­lige D-Bahn, wie gern in eventu­elle Aus­künfte zur weiteren Verwir­rung Orts­unkundiger eingefloch­ten wird. Auch dies wär ein empfehlenswer­ter Ausflug, ebenfalls etwa 1 Stunde für eine Strecke, die der ICE in 12 Minuten erledigt, ein Regional-Express braucht – mit Zwischenstopp am Flughafen – grad 14; die S-Bahn eine halbe Stunde; doch diese Straßen- oder U- oder D-Bahn (die in den Duis­burger Süd­vier­teln zudem als Hoch­bahn verkehrt) ist ungleich spektakulä­rer und fährt alle 10 Minuten.

Übertroffen wird sie in ihrem „Erfahrungswert“ höchstens noch von den Tramlinien 901 und 903 – und es gibt nur diese beiden; weder eine 900 noch 904 existieren; 905 ist schon ein Bus und die 902 eine Art Geisterbahn, die nachts gradmal eine Handvoll Haltestellen anfährt. Zwei Linien nur, die aber, bei je einer Stunde Fahrtzeit von Endhaltestelle zu Endhaltestelle, eine Vielzahl von Welten durchque­ren. Unterm Duisburger Hauptbahnhof kreuzen sie sich, die 901 kommt da aus dem Osten, vom Mülheimer Hauptbahnhof: ein Über­bleibsel jener langen Linie bis Dortmund, auf der Jo­seph Roth einst die "Trübsal einer Straßenbahn im Ruhrgebiet“ erfuhr; die 903 hat im Duisburger Süden die Endstelle „Man­nes­mann Tor 2“, der Stadtteil heißt Hüttenheim und im Hüttenwerk dort wird noch Stahl gekocht.
 
Beide Li­nien führn weiter Richtung Norden, über die Hä­fen oder unter Ruhr und Kanal, Haltestellen der 901 tragen Namen wie „Thyssen Tor 30“, „Thyssen Kokerei“(dem­nächst dort vermutlich „Grünzug Bruck­hau­sen") oder „Thyssen Verwal­tung", dazwischen „Matena­straße“: wo das Ruhrgebiet auch noch so aussieht, wie man es sich anderswo vor­stellt – und eine „Metropole Ruhr“ um keinen Preis sein möchte, in der es Thys­sen sowieso nicht mehr geben soll, höch­stens noch „TKS“: die modisch cleane Abkürzung für ein ins Globale fusioniertes Thyssen­Krupp Steel. Neue Hochöfen und Kühltürme werden inzwi­schen bunt verkleidet und sehn nicht mehr aus wie Maschinen, in denen Menschen ver­schwinden; die Zeiten sind vorbei… die Zei­ten, als man so was noch sah und darauf zeigen konnte.

Ein Gegenstück dieser Gegend befindet sich an der 903 unweit der Haltestelle „Landschaftspark Nord“ – und hier wird noch an die Kraft der Worte geglaubt und eine wirklichkeits­verändernde Span­nung, die durch paradoxe Benennung entstehen kann: was „Land­schaftspark“ heißt, ist ein altes Hüttenwerk, Produk­tionsaus 1985. Die Rede von den kleinen Leuten und der Groß­industrie erscheint ganz augenfällig in diesem Juras­sic Park des Indus­trie-Zeitalters; die Proportionen stimmen – aber die Verhält­nisse nicht mehr: Hochofen 5 wird als Aussichts­turm be­stiegen, die Werkbahngleise führen neben Radwegen durch Obst­baum-Haine, in der Sinteranlage finden sich traumhafte Gärten, im Gebläsehaus ein Theater, Tauchsportler im Gasometer und im Möl­lerbunker die Kletter­strecken des Duisburger Alpenvereins.

Mit etwas Glück gerät man bei einer Führung an einen alten Herrn, der selber am Ofen gearbeitet hat und etwas anders und anderes er­zählt als das üblich geschulte Personal; viel­leicht ja kaum spürbar, mit minimaler Verschiebung nur, hin zu einer Art Stimmig­keit, zum O-Ton, ein Erschrecken wär möglich.
Der Ort erscheint als ein seltsam utopischer, so unwirklich wie real; es könnte daran liegen, dass die Verlassenschaften der Montan-Industrie hier nicht zur Kulisse, zur „Location“, zu bloßem Dekor degra­diert wer­den – für Design etwa und ander­weitige „Events“, die damit nicht das Geringste zu tun haben und die Orte nur noch ein weiteres Mal ausbeuten, final aus­schlachten. Hier ist ein Arbeitsbereich zum Freizeitbereich verwandelt, pathetisch könnte man sagen: eine Welt der Notwen­digkeit in eine Insel der Freiheit verkehrt worden (verkehrt: umgestülpt: erinnert) – und nicht primär als Investorenköder oder als exotischer Anreiz für ein zahlungs­kräftiges Publikum von Außerhalb, sondern für die gleichen „kleinen Leute“, die in den kleinstädtischen Struktu­ren der Umgebung mit ihren Kleingär­ten noch die unmöglichsten Winkel urbar machen, sonn­tags sonst häufig auf Minigolf-Plätzen anzutreffen sind, und gern kleine Geschichten zum Besten geben: Dönekes, worauf auch die beliebteste Kunst­form der Gegend basiert: Kabarett, Comedy – Klein­kunst. Dieses Klein-Klein kann man ziemlich spießig finden, und oft ist es auch nichts ande­res; doch gibt es Orte wie diesen „Landschaftspark“, Situationen, wo es, wo sich etwas trifft, etwas stimmt: wo dieses Kleine, Alltägliche in ein Verhältnis findet und darin zu einer Größe, die keine absolute ist, sondern eine relative, relationale, so veränderbar- wie verbindliche. Man könnte es Lebensgröße nennen; eine Maßgabe.

Weiter im Norden treffen sich die Linien 901 und 903 ein zwei­tes Mal, die Kreuzung heißt "Marxloh Pollmann"; um die Ecke der August-Bebel-Platz, den eine Fried­rich-Engels-Straße tan­giert, und auf den auch die Karl-Marx-Straße mündet: ein zur Hälfte beschau­lich grünes Einbahn­sträßchen, die andere Hälfte Sackgasse am lokalen Einkaufs-Center. Der Name des Stadtteils Marxloh hat mit dem Straßennamen nichts zu tun. Aber auch das Stahlwerk ist nicht weit und ja – es gab hier mal eine Arbei­terbewegung… Die Pollmann-Kreuzung ist umgeben von Lä­den, in denen Ausstat­tungen für Märchen­prin­zessinnen angeboten wer­den, für Feen und Elfen, für rauschende Feste; eine türki­sche Hei­ratsindustrie scheint hier ihr Zent­rum zu haben: prächtige, paillettenglitzernde Kleider und Gold­schmuck für große Träume von sozia­lem Aufstieg – oder auch nur vom kleinen Glück.

Museum DKM

Güntherstr. 13-15
47051 Duisburg

Webseite

Gleich in der Nähe des Museums DKM:

Stiftung Wilhelm Lehmbruck Museum

Düsseldorfer Str. 51
47049 Duisburg

Webseite

III  Fußläufiges

Wer aber den Zugang zur U-, zur D-, zur Straßen-Bahn partout nicht finden sollte, kann vom Hauptbahnhof aus vielleicht ja doch ein Stück zu Fuß gehen ­– mutig zum Haupteingang hinaus, geradeaus, die A59 überqueren (auf einer Brückenkonstruktion, die den Bahnhofsvorplatz trägt), dann an der linken Ampel über die Mercatorstraß;. auf der Ecke, wo sich ein himmelblau ange­strichenes Hoch­haus befindet (ohne Mercedes-Stern – woran man Duisburg fast erkennen könnte…), nun die Friedrich-Wilhelm bis zur ersten Querstraße links, der Hohen Straße – oder wahlweise auf der Mercator links bis zur zweiten Querstraße rechts, die Günther­straße heißt; die Gegend gilt nun mal als „Revier der Mög­lichkei­ten“ ­– es gibt immer mehr als einen Weg und oft unterschiedliche Geschwindigkeiten, um einen Ort zu erreichen. Übrigens selbst für Autofahrer: das hier signifi­kanteste Verkehrszeichen zeigt drei schwar­ze Pfeile auf weißem Grund, nach links, nach rechts und gera­de­aus weisend, manchmal noch ergänzt durch ein imperatives EINORDNEN!; es ist ca. 100 m vor Kreuzungen installiert und wird nur in eher sel­tenen Fällen ergänzt um Auskünfte, wohin das führen könnte: als sei das völlig gleich…)

Wo die Hohe auf die Güntherstraße trifft, trifft die Be­suche­rin, der Be­sucher auf das Museum DKM. Auf beiden Strecken wird er oder sie zuvor ein Beispiel dessen passiert haben, was in „richtigen“ Großstädten ein Bahnhofsviertel mit Halb­welt und Nachtleben ausmacht; hier gibt’s bloß diese beiden, wenig ver­heißenden Zitate, die der übli­chen Gemen­gelage eine spezielle Note hinzufügen. Die Florida Table Dance Bar verspricht „Cock­tails & Dreams“ und der „Erotik­treff“ "FÜR SIE, IHN & ES" tat­sächlich: „Pärchen haben freien Eintritt“. In den Nebenstras­sen wird gewohnt und wo die Günther­straße auf­hört, beginnt der Kantpark, in dem auch das Wilhelm-Lehm­bruck-Museum zu finden wäre.

Wo die Hohe Straße aufhört, wie gesagt: das Museum DKM.
Bei diesen drei Buchstaben handelt es sich weniger um eine Ab­kürzung, eher um eine Verbindung; sie fusioniert die Initialen der beiden Sammler Dirk Krämer und Klaus Maas. Das Museum ist ein verwandeltes Gewerbe­gebäude aus den 60er Jahren, die sich noch ablesen lassen an den Geländern in beiden Treppenhäusern oder an den ockerfarbenen Fliesen der Fassadenbasis. Solche Elemente aber sind dezent eingepasst, aufgenommen in eine Neuge­staltung ohne Retro-Koketterie, wie sich ja auch die ganze Fassade auf einen ersten Blick unspektakulär in den Straßenzug einzu­fügen scheint, eher zurücktritt als sich hervortut, auffällig höchstens durch eine sachliche Eleganz von Proportionen und Farbigkeit.

Dahinter öffnet sich in 51 Räumen der Kosmos einer Sammlung, die zwar für Welt- und Zeitreisen durchaus geeignet, doch kei­ne Aller­weltssammlung ist; weder Präsentation von Kapitalanla­gen, Pa­rade von Big Names und usual suspects, noch geschmäckle­risches Kuriositätenkabinett. Ihr Zeitraum spannt sich über 5000 Jah­re, vom Alten Ägypten bis in die Gegenwart, über Gandhara, das China der Han und das der Nördlichen Qi, das siamesische Ayutthaya, die konkrete Kunst des Jungen Westen (und überhaupt verblüffend viel aus der Region) – um nur ein paar Eckpunkte zu nen­nen; enthalten sind Gefäße, Skulpturen, Malerei, Grafiken, Fotos…

Der größte Reichtum der Sammlung aber ist ihr Beziehungsreich­tum. Was als bloße Aufzählung disparat erscheinen mag, entfal­tet eine räumli­che, augenfällige Logik, eine Kommunikation in For­mensprachen über Jahrhunderte und Kontinente hinweg, geht man durch das Haus. Da gibt es Räume, die einzelnen Künst­lern ge­widmet sind, einem Œuvre; es gibt einen Raum, in dem nur ein Bild hängt; es gibt mehrpolige Räume, Themenräume, Zeitenräu­me; zwischen allen aber Beziehungen, eine Art Verbindlichkeit. Und es bleibt den Betrachtenden überlassen, diese herzustellen: wahrzunehmen. Sie ist gegeben, ohne dabei vorgegeben zu sein – nahe am Paradox.

Ein Foto im ersten Stock erinnert an eine Grafik im zweiten, man erinnert sich, wird erinnert: reali­siert, dass man an genau der gleichen Stelle steht, nur eine Etage höher. Es ist die Kunst der Sammlung, dieser Sammlung, dass die Objekte in ihr gleichgestellt sind, ohne gleichge­setzt zu werden; Indus­triedesign aus dem 20. Jahrhundert z.B. kann neben Porzellan aus dem fünfzehnten stehn – in einer gleichen, aber nicht in derselben Vitrine. Es sind die Abstände, die Lücken, sind his­torische und geogra­phische Entfernungen, über die sich Span­nungsfelder aufbauen; Disparitäten, Differenzen, Intervalle, die einen Rhythmus ergeben, das Geraume dieser Sammlung: ein mehrdimensio­nales Gefüge, mit dem Besucherinnen und Besuchern Bewegungsmöglichkeiten eingeräumt sind, ohne irgendwie vorge­schrieben, festgelegt zu werden.

Hilfreich da­bei er­scheint ein Orientierungssystem, das erst ein­mal wenig hilfreich erscheint: es gibt keine Schilder für die Bilder, lediglich feine Schraffuren von Raumnummern an den Türgewänden, die abgegli­chen werden können mit knappsten Aus­künften eines an der Kasse erhältli­chen Heftchens: U5. China Han (206 v. – 220 n. Chr.)… 1.2. Ägypten… 1.6. HÄNDE, Eduar­do Chilli­da, Guiseppe Spagnulo… 2.12. Tadaaki Kuwayama… F/G/H. Ernst Hermanns… Für jemanden, der oder die gerade von der A40 (also der alten B1, der neuen E34) kommt und halbwegs gewohnt ist sich in der Gegend zurechtzufinden, klingt das eigenartig vertraut. Auch dass die Informationen wiedermal nicht reichen, um dem Befehl EINORDNEN gerecht zu werden… – es aber diese Aus­wahl von Richtungen gibt, eine Mehrzahl von Möglichkeiten und zwischen ihnen die Freiheit einer Wahl; und ohne dass gleich gesagt würde, wohin das führen soll. An diesem Raumpunkt aber könnten einander auch Auskenner und Anfänger begegnen; es sind sowohl die Dinge aus gewohnten Kontexten frei­gestellt als auch die Betra­chtenden versuchsweise von eingefahrenen Wahrneh­mungsmustern.

Freiheit der Wahl – eine Freiheit, die sich ja Sammler nehmen, die nicht im öffentlichen Auftrag sam­meln, sondern privat, die Vorlieben nachgehen, ihnen Raum geben können; wo dieser Raum aber öffentlich zugänglich gemacht wird, steht die Frage, ob es bei der privaten Vorliebe, bei einer genommenen Freiheit bleibt – oder ob diese Freiheit etwa auch vermittelt, weiter­gegeben werden könnte, ob nicht sie das vielleicht kostbarste Gut der Samm­lung sei.

Es steht die Frage, ob Freiheit nicht dort anfangen könnte, wo man nicht mehr weiss, was man mit den Gegebenheiten anfangen soll, wo es keine Zielgrößen und Vorgaben mehr gibt, nur Gege­be­nes, zu und in dem man sich verhalten muss, kann (diese Sammlung, dieses Duisburg, dieses Ruhrgebiet…); wo man den eigenen Augen trauen, Vorlieben, Impulsen folgen kann, muss – um weiter zu sehen, vielleicht das Unvorhergesehne: wie sich in Verhältnissen die Größen ändern können, wie beweglich Gleich­gestelltes sein kann, wo nicht gleichgesetzt wird; wie Energie generiert wird durch bestimmte Abstände, Verbindungen herge­stellt werden können, Verbindlichkei­ten auf der 903, der S2/S1, der U79, A42 …. und  auf  „Linien stiller Schön­heit“– wie der Ausstellungstitel des Museums DKM provokant idyllisch dagegen­hält.

Wo man nur ankommen kann, wenn man das Navigationsgerät ausschal­tet, das Vorgesagte, Vorgesehne, Vorgegebene, die Zielgröße, das Zentrale; wo man