Hier führen Sie Schriftsteller und Schriftstellerinnen in Text und Bild durch ihr persönliches Ruhrgebiet. Zehn der Touren sind 2010 entstanden. Zwei weitere kamen 2011 hinzu.

Die http://sexcamfotze.com/web-cam/cebrity-sex-tapes Literatouren Ruhrgebiet wurden durch die http://sexcamfotze.com/web-cam/nude-webcam-chat-free RWE Stiftung Stiftung ermöglicht.

Wolfgang Cziesla

Beat ‘n’ Blues ‘n’ Rock ‘n’ Jazz - Was Rüttenscheid erschütterte

Vera Lossau
2 Std., 15 Min ca. 11 km Rock-, Blues- und Jazztour

Anstelle eines Blicks von Außen spürt Cziesla den Auswirkungen musikalischer Subkultur in seiner eigenen Jugendzeit nach. So ist ein mit persönlichen Erfahrungen durchsetztes Panorama der verschiedenen Stile und Interpreten entstanden, welche die Discos und Konzertsäle der damaligen Zeit prägten, Orte, an denen sich im Ruhrgebiet Musikgeschichte abgespielt hat.

Als Hör-Tour

Gelesen von Hinrich Schmidt-Henkel

Hörtour als MP3 herunterladen

Wolfgang Cziesla

»Beat ‘n’ Blues ‘n’ Rock ‘n’ Jazz - Was Rüttenscheid erschütterte«

Fotos: Vera Lossau


Man sieht nur, was man weiß. Aber manchmal hilft auch das Wissen nichts. Eine Burgruine mag auch dann noch schön aussehen, wenn die Schlachten geschlagen, das höfische Leben eingeschlafen, die Mauern zerfallen sind.

Was man von den Orten, an denen sich im Ruhrgebiet Musikgeschichte abgespielt hat, nicht immer behaupten kann. Ich bin froh, dass ich nur die Texte schreiben und keine Fotos machen muss. Die Fotografin an meiner Seite mag mir die Geschichten, die meine Erinnerung hervorkramt, glauben. Sehen und fotografieren kann sie sie nicht.

Vielleicht sollte man die Rock-, Blues- und Jazztour an einem verkaterten Sonntagmorgen durchführen, mit „When the Music’s Over“ als Soundtrack im Kopf. Wir gehen spazieren und lauschen, wann die Musik wieder einsetzt.

see Grugahalle
Grugaplatz 2
45131 Essen


Die Grugahalle

Als die Beatles hier auftraten, war ich elf. Ein Jahr später wusste ich, wer die Beatles waren. Aber da lösten sie sich bald schon auf. Als Frank Zappa in der Grugahalle spielte, war ich dreizehn. Wenige Jahre später bedauerte ich, seinen legendären Auftritt bei den Essener Songtagen 1968 verpasst zu haben. Auch das 1. Essener Pop & Blues Festival im Oktober 1969 mit Pink Floyd, Fleetwood Mac, Yes, Nice, Deep Purple, Alexis Korner und vielen anderen ging an mir, dem Spätgeborenen, vorbei. Und leider auch noch das 2. Pop & Blues Festival im April 1970 mit u. a. The Flock, It’s a A Beautiful Day, Black Sabbath, Ekseption, Keef Hartley, Hardin and York, Renaissance, Brainbox.

Dennoch veränderte bei uns Schülern, die wir die ersten Eruptionen des neuen Lebensgefühls nicht von der ersten Stunde an völlig synchron miterleben konnten, jedes Festival die Hörgewohnheiten. Die Platten der in der Grugahalle auftretenden Gruppen tauschten wir untereinander aus, und vom Beat der Top Twenty wechselten wir schnell zum so genannten Underground.

Ab dem 3. Pop & Blues Festival im Oktober 1970, inzwischen fünfzehn geworden, war ich dabei. The Cream und die kurzlebige Supergroup Blind Faith hatten sich aufgelöst, und das Idol unserer letzten Realschuljahre, der Schlagzeuger Ginger Baker, trat mit seiner neuen Gruppe Airforce auf.
Da wir alle kein Geld hatten, wurde die Halle belagert. Ich bekam es körperlich zu spüren, was es bedeutete, Teil einer Jugendbewegung zu sein. Die Jugend drückte nach vorn. Das Stürmen der Konzerte war ein Volkssport, für den sogar viele der langhaarigen Sicherheitsleute klammheimliche Sympathie empfanden. „Lasst die Band mal die ersten zwei Stücke spielen, dann öffnen wir die Tore.“ Solche Meldungen, von vorn nach hinten durchgegeben, besänftigten für einen Moment die drängenden Fans. Die Wartenden erzählten von ihren gewagten Klettereien bei vorangegangenen Konzerten. Manchmal habe es auch einen freundlichen Menschen gegeben, der von innen einen der Notausgänge öffnete. Der an den Park grenzende Schmetterlingsbau der Grugahalle war eine relativ leicht einnehmbare Festung. Der abweisende Block der Philipshalle in Düsseldorf war dagegen schon der nächst höhere Schwierigkeitsgrad. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dort im Juni 1971 für Pink Floyd etwas bezahlt zu haben.
Zappas sarkastisches “Free is when you don’t have to pay for nothing or do nothing” nahmen wir damals wörtlich. “Free” war sowieso das Wort dieser Zeit.

Vorn auf der Bühne lag ein ausgehöhlter Baumstamm, auf den Ginger Baker mit zwei massiven Knüppeln eindrosch. Das mochte nicht besonders virtuos sein, aber es war etwas Ungehörtes. Was sich später zu „World Music“ entwickeln sollte, war bereits angelegt, wozu auch die exotische Zusammensetzung seiner Truppe beitrug (Baker wandte sich in jenen Jahren Nigeria zu und arbeitete u. a. mit Fela Kuti zusammen).

Einige Zeit zuvor hatte das Fernsehen ein Schlagzeug-Duell zwischen Ginger Baker und Buddy Rich übertragen – eine höchst ungleiche Versuchsanordnung zwischen Rock- und Jazz-Schlagzeug. Baker, der im Ruf stand, der weltbeste Rockschlagzeuger zu sein, wurde von dem technisch unfehlbaren, lässig arrogant wirkenden Jazzer glatt an die Wand gespielt. Ich bekam eine Ahnung davon, dass es außerhalb von Beat und Underground noch eine andere Klasse der Instrumentenbeherrschung gab. Aber das beeinträchtigte keinesfalls mein Live-Erlebnis von Ginger Baker und dem Festival, auf dem neben vielen anderen Gruppen The Moody Blues, John McLaughlin, die Wolfgang Dauner Group, Brainbox, Supertramp, Chicken Shack, Guru Guru und Rory Gallaghers Taste auftraten.

Vieles, was den Beat der Sechziger in Rhythmus, Komplexität, Unmittelbarkeit oder schierer Länge der Stücke übertraf, lief unter der Sammelbezeichnung „progressive Musik“. Das konnte alles sein: Pink Floyd ebenso wie Black Sabbath, Amon Düül ebenso wie Kraftwerk oder Jethro Tull. Frühformen des Jazzrock, Protopunk, Ur-Reggae, Paläo-Techno, Saurier-Metal, Krautrock, der seinen Namen noch nicht kannte, Sounds in psychedelischen Verbiegungen, noch nicht aufgesplittert in parallele Welten, nicht gespalten in sich befeindende Szenen. Außerhalb der Hitparaden gab es eine mitreißende Gegenströmung zu den Standards der Unterhaltungsindustrie. Als progressiv galt beinah jeder, der nicht in Heinz Schenks „Blauem Bock“ auftrat, nicht Heintje oder Roy Black hieß.

Zur großen Gegenbewegung um 1970 gehörten neben den Musikern, den Polit-Kabarettisten, den Straßen-Theatern und Happening-Künstlern auch Maler und Bildhauer, die die Kunst aus den Museen zurück ins Leben holen wollten. Diese traten im Sommer 1972 geballt in den Ausstellungshallen gegenüber der Grugahalle auf, dort, wo sich jetzt die Messe Essen ausgebreitet hat. Auf der „Szene Rhein-Ruhr“ verkaufte zum Beispiel der Künstler Y. Fongi signierte Tütchen mit Cannabissamen. Sein „Café Fongi“ war nicht nur einfach ein Café, sondern ein Kennenlern-Platz für alle Kreativen und die, die sich dafür hielten. Für mich Siebzehnjährigen bedeuteten diese Erfahrungen den Verlust meiner bildungsbürgerlichen Unschuld und die Entdeckung künstlerischen Abenteurertums.

Nur wenige Jahre zu jung für die Generation der Hippies, in den späten Siebzigern aber bereits etwas zu alt, um mit jugendlicher Rebellion in den Punk einzusteigen, hing ich zwischen den Zeiten. Als The Police groß herauskamen, verfolgte ich die Live-Übertragung der „Rockpalast“-Nacht aus der Grugahalle von Nord-Wales aus als Anglistikstudent im Auslandssemester.

Schon zu den siebzehn „Rockpalast“-Ausgaben, die zwischen 1977 und 1986 aus der Essener Grugahalle europaweit ausstrahlten, könnte man ganze Bibliotheken und Mediotheken füllen. Aber die Grugahalle bestand nicht nur aus den Rocknächten. Für Thomas Böhm war es das Größte, Prince auf seiner „Parade Tour“ erlebt zu haben: „Die Leute tanzten von der ersten Sekunde an – auch auf den leidigen Sitzplätzen am Rand.“

Zu spät oder zu früh geboren ist jeder in irgendeiner Hinsicht. Aber die meisten, die ich fragte, hatten die glorreiche Zeit nur knapp verpasst. Wie ein älterer Kollege, der das Konzert der Beatles auf ihrer letzten Tournee durch Deutschland am 25. Juni 1966 in der Grugahalle erlebte und sich heute noch ärgert, dass er dort nicht 1958 schon Bill Haley gesehen hat, bei dessen Konzert nur drei Tage nach der Eröffnung der Halle die ersten Stühle zertrümmert wurden. Das Konzert der Rolling Stones riss weitere Breschen in die Bestuhlung. Als ich dann mein erstes Pop & Blues Festivals besuchte, verzichteten die Organisatoren klugerweise auf Sitzreihen im Parkett.

Tim Beeby:
The Rolling Stones Leaving Hotel Arosa, Essen, 12. September 1965
2007, Öl auf Leinwand, 135 x 184 cm

Hotel Arosa
Rüttenscheider Straße 149
45130 Essen

Das Hotel Arosa

Für die Stones empfand ich nur in der kurzen Phase Sympathie, als die Gruppe – gewissermaßen als Antwort auf  „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ – Streichersätze (She’s a Rainbow) oder Mellotron und Synthesizer (2000 Light Years from Home) in ihre Stücke einbaute. Hartgesottene Stones-Fans tun die psychedelischen Experimente von 1967 als Irrweg ab.
In der Großen Kunstausstellung 2008 in Düsseldorf begegnete mir jedoch ein Gemälde, das mich auf eine paradoxe Art in meine Kindheit versetzte und zugleich in der Gegenwart hielt. Mick Jagger und Keith Richards verlassen das Hotel Arosa, das, nur einen Häuserblock von der elterlichen Wohnung entfernt, damals auf meinem täglichen Weg zur Grundschule lag.
Das Werk des Künstlers Tim Beeby, „The Rolling Stones Leaving Hotel Arosa“ (2007), verfremdet eine Szene, die am 12. September 1965 stattgefunden haben könnte – wenn auch nicht genau so, wie auf dem Gemälde. Die Schaulustigen links im Bild fallen ebenso aus der historischen Zeit wie das Plakat im Hotel-Schaufenster.

Die nächste Nachbarschaft geriet noch öfter in den Brennpunkt weltweiter Schaulust. Zahlreiche Rockstars hatten im Arosa ihre Zimmer, wenn sie in der Grugahalle gastierten. Die Hoteldirektion jedoch zeigt sich diskret, was genauere Auskünfte betrifft, und die gegenwärtigen Angestellten sind zu jung, um vom Glanz wilder Zeiten zu erzählen. Einen Zimmerkellner, der Mick Jagger oder Jimmy Page den Champagner-Kübel in die Suite stellte, habe ich leider nicht auffinden können.

Blick auf die ehemalige Künstlervereinigung Snap

Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen


Die ehemalige Künstlervereinigung „snap“
Kahrstraße 23
45128 Essen

Ampütte
Rüttenscheider Straße 42
45130 Essen

Auf dem Weg vom Arosa zum Jugendzentrum
Ampütte, das Museum Folkwang, die ehemalige Künstlervereinigung Snap


Das Hotel Arosa haben wir erreicht, indem wir die Alfredstraße (B 224) durch die Fußgängerunterführung hinter der Brücke unterquerten und dem Wehmenkamp folgten, vorbei an der St.-Ludgerus-Kirche. Rechts vor uns liegend, wäre es im Dunkeln wegen der farbig wechselnden Illumination unübersehbar gewesen; ungeschminkt erscheint es uns jetzt an einem nüchternen Sonntagmorgen.

Der Kiez meiner Kindheit: Hier die „Siechenkapelle“, die damals von zwei Kinos flankiert war, dem „Rütli“ und dem „Universum“. Beide stellten ihren Betrieb lange vor dem großen Kinosterben ein; das „Universum“ machte dem Hotel Arosa Platz, das die große Welt auf andere Weise zurückholte.
Ein Stück weiter nördlich duftet es von der Kaffeerösterei aus der Emmastraße. Sie gab es noch nicht, als ich in den 60er-Jahren in dem Haus mit der Nummer 11 aufwuchs. Hinter dem Rüttenscheider Stern schließen sich linksseitig einige Galerien an. Wir nähern uns dem Museum Folkwang.
An der viel gerühmten „Ampütte“ biegen wir links in die Kahrstraße. Wegen ihrer bis in den frühen Morgen verlängerten Sperrstunde hat die Eckkneipe mehreren Generationen von Bohemiens ein kommunikatives Nachtasyl geboten. Mein Tagebuch erinnert mich, dass ich hier im April 1988 mit „Schreibheft“-Herausgeber Norbert Wehr und gleich zwei späteren Büchner-Preisträgern (Wilhelm Genazino, Brigitte Kronauer) tafelte und trank. In jenen Jahren war es üblich, nach den Lesungen im Aalto-Theater mit den Autoren in die „Ampütte“ zu gehen. Und selbstverständlich gab es hier auch immer wieder geplante und improvisierte Auftritte durchreisender oder lokaler Helden der Rock-, Jazz- oder Liedermacherszene.

Das Museum Folkwang – der Altbau und der im Kulturhauptstadtjahr 2010 eröffnete Neubau – wäre eine Tour für sich wert und kann auf der Rocktour als Kunstmuseum nicht angemessen gewürdigt werden. Das Museum war über die Jahre hinweg aber auch ein Ort für Film, Literatur und Musik. Die 1974 begonnene Reihe „Jazz im Museum“ mit 66 Konzerten ging 1987 in die noch heute fortbestehende Reihe „Jazz in Essen“ über, deren erste 27 Konzerte weiterhin im Museum Folkwang stattfanden. Das Programm aus nationalen und internationalen Musikern war hochkarätig besetzt. Die willkürliche Nennung einiger Granden des Jazz (Art Blakey, John McLaughlin, Betty Carter, Wayne Shorter, Paul Bley, Charlie Haden ) würde der Vielfalt nicht gerecht. Ich komme auf diese Reihe zurück, wenn wir am Grillo-Theater angelangt sein werden.

Noch am Museum verweilend, denke ich an die Essener Literaturtage, die in den 80er-Jahren hier viermal stattgefunden haben. Neben vielen anderen waren Vladimir Sorokin, Thomas Kling, Lew Rubinstein und Felix Philipp Ingold dabei.

Die Rocktour folgt der Kahrstraße. Im letzten Haus links vor der Goethestraße hatte in den frühen 70er-Jahren die Künstlergruppe „Snap“ ihren Standort. Die Räume umschlossen den kleinen Kiosk auf der Ecke. Im „Snap“ versammelten sich Künstler aller Richtungen – Musiker, Kabarettisten, Fotografen, Maler, Video-Künstler, Designer – von denen manche Karriere machten. Viele kreative Ideen der Snap-Leute wurden verwirklicht, darunter zwei Feste im Jugendzentrum (JZE). Auf dem ersten Fest traten auf: Der viel zu früh verstorbene Essener Bluesbarde Willi Sticht, das Musiktheater „Holmanns Erbengemeinschaft“, aus dem in den späteren 70er-Jahren das „Kamikaze Orchester“ (Piet Klocke, Heinrich Schafmeister, Andreas Kunze u. a.) hervorging sowie zahlreiche Musiker der lokalen Szene, möglicherweise auch Stefan Stoppok, den ich zu diesem oder einem anderen Anlass im JZE gehört habe und der um 1980 an vielen Abenden in der „Goldenen Stadt“ (Rüttenscheider Straße) anzutreffen war.
Die Einnahmen aus dem erfolgreichen ersten Snap-Fest wurden genutzt, um zum zweiten Fest eine internationale Größe des Jazz einzuladen, den Tuba-Spieler Howard Johnson, der zu der Zeit mit Carla Bley unterwegs war. Die erste Vermutung, dass beide auf dem Jazzfestival in Moers auftraten – zu meiner Abendschul- und Studentenzeit wie auch später noch der Ort außergewöhnlicher Entdeckungen und nur eine halbe Autostunde von Essen entfernt – lässt sich im Nachhinein nicht bestätigen. 1971 war die bahnbrechende 3-fach-LP „Escalator over the Hill“ erschienen, auf der Howard Johnson mitspielte. Im Essener Jugendzentrum jedoch musste er bei seinem experimentellen Solo-Tuba-Konzert mit einem Kleinstpublikum von ca. 12-14 Zuhörern vorlieb nehmen, ein Fest für akustische Hardliner. Die geselligen Partygäste schwoften im Keller, wo weniger nuancenreiche Lokalgrößen die Bühne stempelten. (Danke Andy! Danke Manuel, für eure Zeitzeugenschaft!)

Über den Gemarkenplatz hinweg geht es ein Stück die Gemarkenstraße entlang durch Holsterhausen. Im heute nicht mehr existenten Gemar-Palast (Nr. 45 – der Spaziergang entwickelt sich zu einem Requiem auf einstige Kino-Vielfalt) sah ich an drei Sonntagvormittagen die frühen Beatles-Filme. Das dürfte nicht lange nach ihrem Konzert in der Grugahalle gewesen sein. Als aber im April 1970 der Beatles-Film „Let It Be“ herauskam, war die Band für mich schon erledigt – und für sich selbst auch.

Die Papestraße rechts führt direkt auf das Jugendzentrum zu.

Jugendzentrum Essen (JZE)
Papestr. 1
45147 Essen



Das Jugendzentrum Essen

Bei den Internationalen Essener Songtagen war das Jugendzentrum (JZE) das Hauptquartier von Essens kleiner Revolution. In der umfassenden Monographie von Detlef Mahnert und Harry Stürmer („Zappa, Zoff und Zwischentöne. Die Internationalen Essener Songtage“, Klartext Verlag 2008) ist an diesem Schauplatz ein Foto von Frank Zappa mit einem frühen Merchandising-Produkt wiedergegeben, dem allgegenwärtigen Klo-Poster.

Hier fand am 25. September 1968, einem Mittwoch, die Eröffnung der Songtage mit einem für die Zeit richtungweisenden Kabarettisten-Aufgebot statt: Hanns Dieter Hüsch, Wolfgang Neuss, Dieter Süverkrüp. Franz Josef Degenhardt, der als erster auftrat, sprach sich agitpropmäßig gegen die feinen Zwischentöne aus.

Ebenfalls im Jugendzentrum zerrten die Fugs, die Gruppe um die Beat-Poeten Tuli Kupferberg und Ed Sanders, ein lebendes Schwein auf die Bühne, das sie von einem Essener Bauern ausgeliehen hatten. Ins Grunzen mischten sich hämischere Töne: Die Fugs gaben das Schwein als ihren Kandidaten für die nächsten US-Präsidentschaftswahlen aus – eine der medienwirksamsten Aktionen des Festivals.

1968, mit dreizehn, war ich zu jung für beinah alles. Aber zumindest für das Jahr 1971 verzeichnet mein Taschenkalender vier Konzerte im JZE, die ich nicht verpasst habe: Guru Guru (die Gruppe um Mani Neumeier), Out of Focus, das Contact Trio und Kraftwerk.

Die Autobahn, die in diesem Abschnitt mit der alten B 1 identisch ist, liefert den Soundtrack an der Rückfront des JZE mit seinem malerischen Bühneneingang. Der Ruhrschnellweg, die südliche Verkehrsader des Ruhrgebiets, führt auf ihrem Mittelstreifen eine überirdisch gelegte U-Bahn-Trasse – ein Abschnitt, der als Beispiel für „Ruhrgebiets-Hässlichkeit“ Eingang in die deutschsprachige Gegenwartsliteratur gefunden hat (– wenn ich mich nur an den Namen des Autors erinnern könnte!).

Wir wollen uns jedoch nicht entlang der lauten Verkehrsschneise Richtung Hauptbahnhof durchquälen, sondern gehen dorthin zurück, wo nicht Graffitis auf Züge, sondern Züge auf Wände gemalt wurden. Und weiter zurück, bis wir links in die Planckstraße biegen. Ihr folgen wir bis zum Ende, überqueren die breite Holsterhauser Straße und erholen uns kurz in der Siedlung Friedrichshof, einer ehemaligen, nur teilweise erhaltenen Arbeiterkolonie der Kruppschen Fabriken. Die Hölderlinstraße schlägt einen Haken, bevor sie auf die Goethestraße trifft. Nun stehen wir vor dem Kulturwissenschaftlichen Institut (KWI), und rechts ist wieder das Museum Folkwang.

An der Seniorenresidenz entlang führt ein Fußweg in Richtung Alfredstraße (B 224). Blaue Bodenkacheln aus Glas, die abends leuchten, markieren den Kulturpfad, der über vier Kilometer hinweg mehrere Kultureinrichtungen verbindet. Zunächst leiten uns die blauen Glassteine über die Folkwangbrücke und durch einen kleinen Park.

Wir gehen um das „Glückauf-Haus“ herum, in dessen Souterrain sich seit 1924 – mit Unterbrechung während der Renovierung des Hauses – das „Filmstudio Glückauf“ gehalten hat, ein erfolgreiches Beispiel für die Rettung eines traditionsreichen Kinos.

Stadteinwärts schlendern wir die Huyssenallee entlang, bis rechts der Saalbau auftaucht.

Philharmonie Essen / Saalbau
Huyssenallee 53
45128 Essen




Aalto-Musiktheater
Opernplatz 10
45128 Essen



RWE-Turm
Opernplatz 1
45128 Essen

Der Saalbau (Philharmonie Essen)

„Das Establishment gibt sich die Ehre“ war im Programm der Songtage zu lesen. Doch das Publikum ehrte das Establishment nicht, sondern stürmte den Empfang des Oberbürgermeisters Wilhelm Nieswandt und bewarf die Stadtobersten mit Bierdeckeln. Dies geschah hier im Saalbau, wo auch die Veranstaltung „Protest International“ angesetzt war.
Der Saalbau wurde nach seiner Renovierung 2004 in „Philharmonie“ umbenannt. Bei den Lautsprecherdurchsagen in den U-Bahn-Wagen wird die Haltestelle „Philharmonie/Saalbau“ neuerdings zu „Philharmonie“ verkürzt, aber die Ansagestimme geht am Wortende nach oben, als müsse noch ein Namensbestandteil folgen. Dem Ortskundigen fällt die Kastration des Doppelnamens auf. Als Philharmonie steht das Musikhaus im Wettbewerb mit anderen Philharmonien im Ruhrgebiet. Als Saalbau war das Gebäude einzigartig. In ihm gastierte bereits das Duke Ellington Orchestra, das Jimmy Giuffre Trio und andere große Geister des Jazz und der experimentierfreudigen Avantgarde.

Die „Großen Geister“ des Künstlers Thomas Schütte bewachen den rückwärtigen, dem Stadtgarten zugewandten Eingang des Saalbaus, und sie tun das gut.

Sobald wir uns ihrem Bann entziehen können, nehmen wir die Spur der blaugläsernen Bodenkacheln wieder auf und folgen dem Kulturpfad, am Aalto-Theater vorbei, zurück zur Huyssenallee. Der finnische Stararchitekt hat Essens Opernhaus bereits in den 50er-Jahren entworfen und damit die Ausschreibung gewonnen. Es dauerte dann fast dreißig Jahre – Alvar Aalto verstarb darüber – bis die Stadt die Pläne umsetzen und das neue Opernhaus mit den „Meistersingern von Nürnberg“ im September 1988 einweihen konnte. Das Haus für Oper, Operette und Ballett stellte sein Foyer in den ersten Jahren auch für literarische Lesungen zur Verfügung.
Auf dem Weg zum Stadtzentrum beachten wir rechts den RWE-Turm, vor dem auf den jährlichen Kulturpfadfesten im Juni meistens ebenfalls eine Jazzband spielt: „Jazz am Turm“ (in diesem Jahr: African Aspects).

Durch die Unterführung am Hauptbahnhof geht es weiter über die Kettwiger Straße.

Schauspiel Essen
Grillo-Theater

Theaterplatz 11
45127 Essen

Das Grillo-Theater

An der I. Dellbrügge werfen wir links einen Blick auf das Grillo-Theater, das ehemalige Opernhaus, bevor das Aalto-Theater den Betrieb aufnahm. Jetzt ist das „Grillo“ dem Schauspiel vorbehalten. Konzerte finden nur noch gelegentlich statt. Seit 1992 ist es aber der Austragungsort der Reihe „Jazz in Essen“. Das Konzert von Lester Bowie (1995) bleibt jedem, der es erleben durfte, unvergesslich. Ebenso das schwedische Esbjörn Svensson Trio (E. S. T.) im November 2001 oder der Ausnahme-Trompeter Erik Truffaz (März 2008), einer der wenigen Europäer, die auf dem Blue Note Label veröffentlicht wurden. Zuletzt (vor Redaktionsschluss) spielte hier das John Scofield Jazz Quartet.

Im zweiten Stock des Grillo-Theaters bereichert die „Heldenbar“ die Essener Club-Szene mit elektronischer Musik. Mit einem solch exakten Gleichmaß, wie es die Elektronik vermag, kann kein menschlicher Schlagzeuger mithalten. Außer Jaki Liebezeit, von dem es einst hieß, er würde jeden Wettkampf gegen ein Metronom gewinnen. Ihn, mit der Gruppe Can, habe ich im April 1974 in diesem Theater erlebt (zuvor aber schon im November 1971 auf dem „United Artists Festival“ in der Grugahalle).

Wir folgen der Kettwiger Straße nordwärts.

Lichtburg
Kettwiger Straße 36
45127 Essen



Volkshochschule (VHS) Essen
Burgplatz 1
45127 Essen


Burggymnasium
Burgplatz 4
45127 Essen

Lichtburg, Volkshochschule, Burggymnasium

In den 50er- und 60er-Jahren war die 1928 eröffnete und im Krieg ausgebrannte „Lichtburg“ eines der angesagtesten Premierenkinos. Zarah Leander, Buster Keaton, Heinz Rühmann, Jean Marais und Gary Cooper sind hier schon über den roten Teppich gelaufen.

Die Tradition großer Filmpremieren lassen die Essener wieder aufleben, und wenn die Stars des neuen deutschen Kinos oder Politiker wie Gerhard Schröder (noch zu Kanzlerzeiten) mal vorbeischauen, wird ein Teil der Kettwiger Straße von einem Vordach auf Metallstelzen überragt. Die große Bühne hinter der hochfahrbaren Leinwand wurde in der Vergangenheit auch für Theateraufführungen und Konzerte genutzt. 1952 spielte und sang hier Louis Armstrong. Später (1958 vermutlich) versetzte Benny Goodmans swingende Bigband die Fans in Verzückung.
Zugleich ist die „Lichtburg“ auch ein idealer Ort für größere Literaturveranstaltungen. Als Herta Müller sich nach ihrer Nobelpreisverleihung vor 1.200 Zuhörern auf der Bühne mit Norbert Wehr unterhielt, gelang es den beiden, trotz der Größe des Saales eine beinah schon intime Wohnzimmeratmosphäre herzustellen.

Der Literatur eng verbunden ist auch eines der Büros in der 5. Etage über dem Kinosaal. In der Volkshochschule (Eingang durch die Glasfront vom Burgplatz aus) ist der Schriftsteller Walter Wehner für Kultur & Gesellschaft zuständig. Unter anderem hat er zusammen mit H. P. Karr im Züricher Haffmans Verlag eine im Ruhrgebiet spielende Krimi-Tetralogie veröffentlicht. In Wehners Verantwortungsbereich fällt auch die Literaturwerkstatt mit ihrer mehr als dreißigjährigen Tradition. Nachdem ich 2003 aus Brasilien zurückgekommen bin, haben mir die Lehraufträge der VHS – die auch die Räume des Burggymnasiums mitbenutzt – mein Auskommen gesichert.
Mit dem Burggymnasium ist die VHS durch einen unterirdischen Gang verbunden. In der Aula des Gymnasiums traten Anfang der 70er-Jahre die Heroen der Krautrock-Szene auf. Mein Tagebuch von 1971 erinnert mich, dass ich die Gruppen Man, Xhol (Ex Soul Caravan), Tabula Rasa, Jupp van der Flupp, Anexus Quam und Neu! hier erlebt habe. Zu der Zeit notierte ich allerdings manches in Steno, eine Fertigkeit, die ich im Lauf von vierzig Jahren nicht nur zu schreiben, sondern auch zu lesen verlernt habe. Jemanden bei der Entzifferung um Hilfe bitten? Nein. Welche verdrängten Jugendsünden könnte mir das vor Augen führen! Schließlich bediente ich mich der Stenographie weniger zur Zeitersparnis (Zeit hatten wir Jugendlichen im Überfluss), sondern als eine Art Geheimschrift, inzwischen auch geheim für mich selbst.
Zu den Gruppen, die ich ebenfalls gesehen habe, gehört Catharsis – heute fast vergessen und nicht mit der 1996 gegründeten russischen Power Metal Band gleichen Namens zu verwechseln. Die Catharsis, die mir verschrobene Klänge aus fremden Universen zuspielte, während ich in idyllischem Solipsismus mit dem Rücken auf dem Aulaboden des Burggymnasiums lag, war eine französische Artrock Band, die 1971 mit dem damals ungewöhnlichen Album Masq herauskam. Aber kein Musikvideo, kein Sample im Internetradio, kein Download können mir etwas von meiner damaligen Seligkeit zurückbringen.

Hotel Shanghai (Club)
Steeler Straße 33
45127 Essen

Das Hotel Shanghai (Ex: Kalei)

Über den Burgplatz laufen wir zur Schützenbahn; jedoch ist es auf diesem Stück schwierig, die Nord-Süd-Achse zu überqueren. Wir müssen nach rechts zum Kreisverkehr oder nach links Richtung Rathaus ausweichen. Aber im Grunde wollen wir ziemlich geradeaus weiter und zwischen dem Brunnen mit dem Vorschlaghammer-Mann (offiziell „Jahrhundertbrunnen“) und der Alten Synagoge in die Steeler Straße eintauchen. Zurzeit ist dieser Abschnitt eine Baustelle, und die proletarische Brunnenfigur wirkt wie ein mythischer Weltenzerstörer, oder zumindest so, als hätte sie ihren Teil zum Renovierungswerk beigetragen.

Die Synagoge auf der linken Seite hatte in den 60er- und 70er-Jahren ein Museum für Industriedesign und von 1974 bis 1979 das Deutsche Plakatmuseum beherbergt, das nun mit wechselnden Themenausstellungen einen Platz im neuen Museum Folkwang gefunden hat.

Hinein in die Steeler Straße. Rechts, im Hauptbad, lernte ich schwimmen, und links, in dem Flachbau, der heute „Hotel Shanghai“ heißt, tanzten sich Generationen von Nachtschwärmern in Ekstase – zuerst im „Kaleidoskop“, dann im „Sigis Kalei“, dann nur noch im „Kalei“. Zuletzt wurde es mir zu sportlich.

Seitdem der Name zu „Hotel Shanghai“ wechselte, wird dort Club-Musik gespielt, mal live, mal vom Plattenteller. Der Dresscode sorgt zwar dafür, dass das Publikum nicht zu heterogen wird, aber man gibt sich keineswegs exklusiv oder elitär – wir sind in Essen!

Konzerte wurden im „Kalei“ (unter seinen verschiedenen Namen) immer wieder mal veranstaltet. Mein Tagebucheintrag vom Sonntag, dem 20. Mai 1984, erinnert mich beispielsweise: „Kalei: The Bong spielte. Gutes Saxophon“.

Unser Pfad durch die grandiose Vergangenheit folgt der Steeler Straße hinter der Bahnunterführung bergauf, den Wasserturm vor Augen.

Das ehemalige Olympia-Kino
Steeler Straße / Ecke Leopoldstraße
45127 Essen

Das ehemalige Olympia-Kino

Die Kino-Vergangenheit des Ruhrgebiets lag bereits mehrfach am Wegesrand unserer Tour. Das ehemalige Olympia-Kino aber wäre jedem Zappa-Fan einen Umweg wert.
Im Olympia-Kino, kurz vor dem Wasserturm auf der rechten Straßenseite, fand Frank Zappas allererstes Konzert in Deutschland statt. Das war in der Nacht vor seinem Auftritt in der Grugahalle. Die Show in der persönlichen Kinosaal-Atmosphäre bedeutete für viele, die dabei waren, einen Wendepunkt. Solche Musik wurde in Deutschland noch nicht aufgeführt, solch zerzupfte Gestalten wie die Mothers of Invention hatte eine deutsche Bühne nie erlebt. Detlef Mahnert, der während der Songtage die Musiker betreute, erinnert sich, dass es Zappas Truppe kaum gelang, ein Taxi anzuhalten. Das Aussehen der Freaks korrelierte mit der anarchischen Performance. Die Mothers stellten ihre komplexe, abwechslungsreiche, zwischen Parodie und erstklassigen Kompositionen oszillierende Musik der damals gerade erschienenen LP „We’re Only In It For The Money“ vor.
Zuvor veranstaltete der Künstler und Schriftsteller Ferdinand Kriwet eine Mixed-Media-Show; Zappa und die Mothers traten nach Mitternacht auf. Wer das erlebt hat (ich habe mehrere befragt), spricht davon mit einer Begeisterung, als sei zu jener Stunde eine neue Zeit angebrochen.

Um die Nacht vom 27. auf den 28. September 1968 in die Gegenwart zu beamen, fordert der heruntergekommene Bau unser Vorstellungsvermögen heraus, verlangt einen ergänzenden Blick. Immerhin hat man das historische Kino, das nach seiner Schließung viele Jahre einem Supermarkt diente, bisher nicht abgerissen.

Wir Unglücklichen, die wir Frank Zappas Deutschland-Debüt nicht miterleben durften, gehen die Steeler Straße zurück und müssen erneut die Schützenbahn überqueren. Die Verlängerung der Kettwiger Straße nach Norden – die Viehhofer Straße – führt uns in eine andere Szene.

turock
- disco, live-club, lounge und Biergarten

Viehofer Platz 3
45127 Essen






















































Das Turock

Heavy Metal ist nicht mein Ding. Knorkator aber mag ich wegen ihrer literarischen Texte und der konträren Art sie vorzutragen. Die Chorknabenstimme in „Weg nach unten“ aus dem Album „Hasenchartbreaker“ oder der Text von „www.einliebeslied.com“ aus „Das nächste Album aller Zeiten“ sind nach meinem Geschmack. Knorkator erlebte ich auf ihrer letzten Tour im „Turock“.

Bis kurz vor Konzertbeginn musste ich an der VHS am Burgplatz unterrichten. Bücher, Tasche und überflüssige Kleidung ließ ich dort im Schließfach. Ich ging wie ich war. Jeder Versuch, mich dem Turock-Publikum optisch anzugleichen – durch Tattoos, Piercings, Haarteile, aufgeklebte Bärte – wäre ohnehin zwecklos gewesen. Meine zarte Statur unterschied mich deutlich von den Metallern. Mein einziges Zugeständnis an die subkulturelle Umgebung sollte die gute alte Schlägermütze darstellen, die ich von meinem Vater geerbt habe. Ich trage sie nicht wie mein Vater mit dem Schirm vorn, auch nicht nach Rapperart mit dem Schirm hinten, sondern lasse den Schirm auf halb fünf zeigen (wenn die Nase auf zwölf steht). Zugeständnis ist das falsche Wort, denn außer mir trug niemand im Publikum solch ein Ding auf dem Kopf. Und auch ich nicht sehr lange.

„Ich schäme mich für meine Fans“ singt Stumpen – ein Stück über einen Gitarristen, der seine besten Jahre in einem dunklen Proberaum verbringt, in der Hoffnung, sich eines Tages von weiblichen Teenies feiern zu lassen. Jedoch – worauf es dann hinausläuft – „Alles was ich seh’ auf den Konzerten / sind dicke Männer mit Bärten“.

So auch heute Abend: Germanische Recken im Biker-Outfit und Wikinger, die das dünne Plastik der Becher zu kräftig drücken. Die Gummisohlen kleben im verschütteten Bier.
Mit den ersten durchdringenden Riffs gibt es kein Halten mehr. Von einer Sekunde auf die andere setzt ein wüster Rempeltanz ein. Pogo. Die Menge fliegt von rechts nach links und zurück. Manche rutschen im Bier aus. Ich halte mich noch auf den Beinen, doch ich merke, dass die Mütze ist weg. Hat die erste Schallwelle sie mir vom Kopf gerissen? Waren es die der Bühne entgegen schnellenden Fäuste, die den Takt in die Luft hämmern? Handelt es sich gar um eine Verschwörung zwischen meinem Hintermann und dem wuchtigen Lederjackenmenschen vor mir, dem einzigen, der als Fels in der Brandung der torkelnden Menge standhält und unter dessen Stiefel ich jetzt meine Mütze entdecke?

Ich recke mich, um dem Vordermann auf die Schulter zu tippen, aber das bemerkte der Dickhäuter überhaupt nicht. Erst als ihn seitlich anspringende Pogopunks zu einer geringfügigen Gewichtsverlagerung veranlassen, nutze ich die Chance, meine Mütze an mich zu reißen. Dummerweise verhakt sich dabei seine Stiefelspitze unter ihrem Schirm. Diese kleine Stolperfalle, zusammen mit dem gleichzeitigen Schub der anbrandenden Menge, genügt, den Koloss zu Boden zu werfen. Von hinten greifen mich mindestens sieben Hände. Eine Schlägerei scheint unausweichlich.

Ich halte meine zurückeroberte Mütze mit einer alles erklärenden Geste wie eine Trophäe hoch, als sei der biergetränkte, von einem Rockerstiefel malträtierte Stoff jedes Wagnis wert gewesen. Eine der Hände, die mich gepackt hatten, klopft mir verständnisvoll auf die Schulter. Dem Motorcycle Man zu meinen Füßen, der nicht weiß, wie ihm geschieht, wird auf die Beine geholfen. Weiter geht es mit Pogo, Rempeleien und markerschütterndem Sound. Happy End; nur die Mütze ist mir seit der Wäsche etwas zu klein.

Vom „Turock“ führen verschiedene Straßen zum „Kleinen Theater“ am Gänsemarkt. Ich wähle den folgenden Weg: Viehofer Straße ein Stück zurück bis zum Pferdemarkt, rechts abbiegen, am Varieté GOP links in die Rottstraße, ihr bis zur Kreuzeskirchstraße folgen; rechts weiter; vorbei an der Kreuzeskirche mit der phantastischen Orgel, auf der ich einmal Gerd Zacher das Werk „Volumina“ von György Ligeti aufführen hörte. Die Töne krochen die Wände entlang, bevor sie von allen Seiten auf mich, in der Mitte der Kirche sitzend, einstürzten. Unvergesslich.

Links an dem tiefer gelegenen Webermarkt vorbei und beim Comic-Zentrum links in die Gerswidastraße abbiegen. Am Gänsemarkt rechts bis zur Nummer 42.

Das ehemalige Podium,
heute:
Das Kleine Theater Essen

Gänsemarkt 42
45127 Essen

Das Podium

Mit der Spanischen Treppe in Rom sind die Stufen, die zum „Podium“ hinabführten, an Größe und Bedeutung nicht zu vergleichen. Für die Essener Jugend aber – zumindest für eine bestimmte Szene – hatten sie einen ähnlich hohen kommunikativen Wert. Wer zur Kellerkneipe wollte, musste sich vorsehen, im Marihuana-Nebel nicht auf die Füße der bunten Gestalten zu treten, die auf der Treppe den lauen Sommerabend verbrachten. Allabendlich ein Live-Konzert hatte sich 1967 der Gründer des  Folk- und Jazzkellers vorgenommen. Das musikalische Programm gestaltete Bernd Witthüser. Walter Westrupp, die zweite Hälfte des Sänger/Songschreiber-Duos, legte die Platten auf.

Bekannte Liedermacher wie Hannes Wader und unbekannte spielten hier. Dixieland aus Prag und avanciertester Freejazz. Peter Brötzmann. Spontane Sessions. Studenten der Folkwang-Musikschule probierten hier ihre wenig massentaugliche Musik aus. In guter Erinnerung habe ich den Auftritt von Franz de Byl, und wahrscheinlich sah ich dort auch Champion Jack Dupree.

Das Konzept ging auf, bis der Wirt ein Jahr später pleite machte. Der Verkauf der Kneipe an einen neuen Wirt bedeutete dann noch lange nicht ihr Ende. Die Konzerte gingen weiter, allerdings nicht mehr jeden Abend. Ein stadtbekannter Drogendealer und Hehler geklauter LPs, der hier jeden Abend abhing, träumte davon, Arlo Guthrie einzuladen.
In immer kürzeren Abständen folgten die Razzien des Drogendezernats. Irgendwann brach Feuer aus; der Laden brannte komplett ab.

„Hier war alles schwarz vor Ruß“, sagt Petra Broszeit und zeigt auf die weißgestrichene Decke mit den verschieden großen Scheinwerfern. Die Pressesprecherin, Regisseurin und Schauspielerin war selbst noch nicht dabei, als das „Kleine Theater“, das zuvor im Jugendzentrum untergebracht war, 1972 hier einzog und damit eine eigene Spielstätte bekam.
Ich sehe mich um. Die Bühne war damals rechts, jetzt ist sie links. Bestuhlung kannte das „Podium“ nicht, und überhaupt wirkt heute alles so sauber, ordentlich, professionell.

Beim Verlassen des „Kleinen Theaters“ sieht man schon bald den Hintereingang des „Unperfekthauses“ (UpH). Der Besuchereingang mit der Gastronomie „Wohnraum“ liegt allerdings gegenüber dem Einkaufszentrum „Limbecker Platz“. Der Eintrittspreis des UpH von 5,50 Euro beinhaltet zugleich die Flatrate für nicht-alkoholische Getränke.

Unperfekthaus
Friedrich-Ebert-Straße 18
45127 Essen

Das Unperfekthaus

Als die meisten Musiker aus den britischen Charts ihren Haaren soeben erst gestatteten, über den Hemdkragen und die Ohrspitzen zu wachsen – eine Provokation von heute unnachvollziehbarem Ausmaß – tauchte plötzlich auf Platz 1 der Top Twenty ein um seinen Groll oft beneideter Mann auf. Wenn er seinen brennenden Helm absetzte, streichelten seine schwarzen Locken die Schultern. Dem Publikum stellte er sich als „The God of Hellfire“ vor, und sein Hit „Fire“ mit der warmen Hammond-Orgel und der schweißtreibenden Bühnenshow waren für mich Dreizehnjährigen ein Abgrund an Verwegenheit. Bevor Black Sabbath das Horrorkino in die Rockmusik einführten, lange bevor ein Alice Cooper und noch länger bevor ein Marilyn Manson mit bösem Blick den sündigen Gesang aufnahmen, zog mit The Crazy World of Arthur Brown der Teufel in den Vier-Viertel-Beat ein.
In den 70ern wurde es sehr still um den feuersprühenden Unhold. Und bis auf seinen Beitrag auf einem zufällig entdeckten (aber insgesamt nicht guten) der Gruppe Roxy Music gewidmeten Tribute-Album hörte ich nichts mehr von Arthur Browns verblühendem Erfolg.

Umso verblüffter war ich, als Reinhard Wiesemann mir erzählte, Arthur Brown sei im „Unperfekthaus“ aufgetreten. Das ehemalige Franziskaner-Kloster gleich beim Limbecker Platz ist eine Institution in Essen und ein Sammelbecken für Kreativität aller Art. Künstler, Gruppen oder Existenzgründer, die ein Projekt anmelden (im Sommer 2010 waren es 510), bekommen kostenlos einen Raum zur Verfügung gestellt. Privat- und Geschäftsleute treffen sich in der Gastronomie oder veranstalten in den technisch gut ausgestatteten Räumen ihre Seminare. Reinhard Wiesemann, der Besitzer und Erfinder, war bereits mit einer Vielzahl guter Ideen, bislang aber nicht durch die Organisation internationaler Rock-Konzerte in Erscheinung getreten.

Das Konzert von Arthur Brown fand am 15. April 2005 statt, einen Tag nachdem er auf einer Privatparty in Essen-Rüttenscheid zu einer Restauranteröffnung spielte. Woran lag es, dass ich – inzwischen fünfzig Jahre alt – noch immer die kuriosesten Konzerte verpasse? „Schöner Spaziergang mit Susan und Cooper“ steht für den Freitag in meinem Tagebuch. Das rechtfertigt alles.

Eine gute Empfehlung wäre es, den Tag im „Unperfekthaus“ ausklingen zu lassen, an einem warmen Sommerabend zum Beispiel auf der Dachterrasse. Oder anderswo im Haus, in dem es genug zu bestaunen gibt.

Wer jedoch Lust hat, sich noch Bilder und Filmaufnahmen von den „historischen“ Beat-, Blues-, Rock- oder Jazzkonzerten anzusehen, kann dies im Ruhrmuseum auf Zeche Zollverein tun.

Dazu müssten wir zurück zum Hauptbahnhof und mit der Kulturlinie 107 bis Zollverein fahren.

Zugabe:
Die Gegenwart


Freilich liegen längst nicht alle geschichtsträchtigen Konzertstätten entlang eines Weges, den man in gut zwei Stunden zu Fuß gehen kann. Und ebenso selbstverständlich taugt ein Spaziergang durch die Vergangenheit nicht für aktuelle Veranstaltungshinweise. Zu diesem Zweck wäre ein Stadt-Magazin nützlicher als eine Literatour. Aber ein Blick über die abgelaufene Strecke hinaus sei hier erlaubt.

Das Ruhrgebiet ist noch längst nicht zu einer Stadt, einer Metropole gar, zusammengewachsen. Vor allem am zwischenstädtischen Nahverkehr hapert es nachts. Die mobile Jugend (ein vom Lebensalter unabhängiger Begriff) nutzt aber die Angebote der gesamten Region. Essener fahren zum „Traumzeit“-Festival nach Duisburg, Freunde der elektronischen Musik zum „Juicy Beats Festival“ im Dortmunder Westfalenpark. Wer es etwas härter mag, könnte beim „Rock Hard Festival“ in Gelsenkirchen am richtigen Platz sein. Und die Freunde des experimentellen Jazz pilgern zu Pfingsten nach Moers (Fred Frith, Bill Frisell, Arto Lindsay und die außergewöhnlichen Sponde di Passione waren in diesem, Eivind Aarset im vorigen Jahr dort zu erleben).

Für die Indi-Szene gibt es zwischen Duisburg und Dortmund einige hübsche Lokale, in denen Postrock-Gruppen und Musiker verwandter Genres auftreten. Nennenswert wären das „Hundertmeister“ am Dellplatz in Duisburg, das „Druckluft“ und das „Zentrum Altenberg“ in Oberhausen, das „Grend“ in Essen-Steele, der „Bahnhof Langendreher“ und die „Zeche“ in Bochum oder das „domicil“ in Dortmund.

Von den in meiner Literatour beschriebenen Stätten ist das JZE weiterhin ein spannender Ort. Am zweiten Oktoberwochenende 2010 traten dort auf dem Denovali Swingfest sechzehn internationale Gruppen – größtenteils aus der Postrockszene – auf, von denen Her Name is Calla (UK), The Kilimanjaro Darkjazz Ensemble (NL) und die mehr jazzig ausgerichteten Japaner von Mouse On The Keys für mich besondere Highlights waren.
Mit einem geringfügigen Umweg hätten wir von der Grugahalle aus auch am Girardethaus mit dem „Katakomben“-Theater vorbeigehen können. In jedem Januar findet hier das „JOE“ (Jazz Offensive Essen) Festival statt, wo z. B. 2008 der unvergleichliche Gitarrensound-Tüftler David Torn seine Künste vorführte.

Wem das Musikangebot im Ruhrgebiet trotzdem nicht genügt: Von Essen aus ist Düsseldorf nur eine halbe und Köln eine Stunde entfernt.