Hier finden Sie kurze Profile und die Inhaltsverzeichnisse wichtiger deutschsprachiger Literaturzeitschriften seit Januar 2015. Autoren und Beiträge sind mit unserem Autorenlexikon und der Deutschen Nationalbibliothek verlinkt. Quartalsweise bieten Literaturkritiker eine Umschau aktueller Ausgaben.

Die Rubrik ist ein Gemeinschaftsprojekt des Deutschen Literaturfonds und des LCB. 

Zeitschriftenumschau

Katrin Hillgruber
A. Hahn

Katrin Hillgruber

Katrin Hillgruber studierte in Hamburg und München Neuere deutsche Literatur, Theaterwissenschaft sowie Geschichte Ost- und Südosteuropas. Nach einem Volontariat bei der „Süddeutschen Zeitung“ und sechs Jahren als Pauschalistin der Kulturredaktion des Berliner „Tagesspiegels“ arbeitet sie seit 2002 in München als freie Journalistin mit besonderem Interesse für Osteuropa, Film und Fernsehen und als Literaturkritikerin, darunter für den Deutschlandfunk, den „Tagesspiegel“ und den Bayerischen Rundfunk. 2005 Herausgabe von Undine Gruenters „Pariser Libertinagen“ bei Hanser. Jurorin u.a. des Deutschen Buchpreises 2014 und des Wilhelm Raabe-Literaturpreises. In der zugehörigen Schriftenreihe im Wallstein-Verlag, herausgegeben von Hubert Winkels, spürte sie mehrfach philologische Wahlverwandtschaften zwischen Raabe und dessen Preisträgerinnen und Preisträgern auf, zuletzt: "Auf der Schwelle: Jugendliche Phantasieweltenbei Clemens J. Setz und Wilhelm Raabe" (2016).

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Katrin Hillgruber

„Wellness pur“ heißt ein Song der Gruppe Fön, in dem das Leben, wie es uns die öffentlich-rechtlichen Talkshows vermitteln, einen aufregenden Mehrwert erfährt. Der Fön-Texter und -Sänger Tilman Rammstedt versichert zunächst, nicht mit Ulrich Wickert durch Paris flanieren zu wollen. Stattdessen versetzt er sich und das verblüffte Publikum mit seinem charmant einlullenden Sprechgesang in eine Wellnessoase mit der Talkmasterin Anne Will. Beim Frühstücksmüesli erklärt ihm die selbstbewusste ARD-Heroine mit  erhobener Augenbraue die politische Lage, gefolgt von einem spontanen Vorschlag: „Und am nächsten Morgen fragt Anne mich, ob wir nicht zwei, drei Tage an der Ostsee dranhängen wollen?“ Auf diese scheinbar harmlose Frage folgt eine rasende, bewusstseinserweiternde Fahrt des Duos, dessen Verhältnis in der Schwebe bleibt, im roten Cabrio bis nach Bulgarien. Dort erläutert die Moderatorin in einem Dorfgasthof den beglückten Einheimischen die politische Lage und bringt den anwesenden Kindern deutsches Liedgut nahe – ihr Begleiter lauscht verzückt.

Von allen Syntaxformen verfügt die Frage über das größte utopische Potential. Das gilt nicht nur für „Wellness pur“, sondern kann auch ein lohnender Ansatz für eine Literaturzeitschrift sein, wie die aktuelle Ausgabe „Fragen“ der Münchner Akzente zeigt. Hanser-Verleger Jo Lendle gewann dafür als Co-Herausgeber seinen Hausautor Tilman Rammstedt, von dem zuletzt der Fortsetzungsroman Morgen mehr erschienen ist. Eine Frage sei keine Lücke, die sich mit einer Antwort schließen lasse, erläutern die Herausgeber in ihrem Vorwort, sondern vielmehr „eine Regung, eine Bewegung, das Einschlagen einer Richtung. Die Gedanken machen sich auf den Weg, mühsam oder vorfreudig, lärmend oder ängstlich, und natürlich hat dieser Weg kein Ende, aber mit etwas Glück führt er zumindest nicht im Kreis. Also los?“ Eingeleitet werden die vielfältigen, zumeist amüsanten Antworten oder Gegenfragen auf diese Ermunterung durch ein lyrisches „Selbstportrait in Sepia“ des im April 2016 verstorbenen Lars Gustafsson. Anhand eines frühen Fotos, auf dem der Dichter, Romancier und Philosoph noch lange Haare hatte, unterzieht er sich einer Selbstbefragung im Miniaturformat: Welche Bücher kannte der passionierte Leser damals schon, „prohabilistisch verstrickt im Meer der Möglichkeiten“?

Lutz Seiler wartet mit einem reizvoll opaken Text über einen Garagen-Einsiedler auf. Dieser Mann, womöglich eine zukünftige Romanfigur, empfängt Befehle von unbekannt, die am Bahndamm für ihn deponiert werden, und hält sich ansonsten an die Richtschnur seines Vaters: „Die Welt erfordert Konzentration, sie ist anfällig, wacklig, von fragwürdiger Beschaffenheit, aber kann repariert werden, das waren seine Worte.“ Finn-Ole Heinrich und Dita Zipfel stellen in ihrer Collage „Mix Fresh“ verblüffend tiefsinnige Rückfragen zu Max Frischs berühmtem Fragebogen, etwa: „Ist es schon vorgekommen, daß Sie Geschlechtsverkehr als Wertmaß für Freundschaft empfinden?“ oder „Empfinden Sie ideologisches Einverständnis mit einem Hund?“. Bei Verena Rossbacher gerät ein Interview, das die Erzählerin dem Journalisten einer „renommierten Wochenzeitung“, der durch eine „journalistentypische Messengerbag“ jünger wirken will, zum Tod von Leonard Cohen geben soll, außer Kontrolle und nimmt eine neue autobiographische Richtung. David Wagner protokolliert seine Eindrücke von Shanghai komplett in Frageform. Theresa Präauer erzählt die Geschichte eines Küchenmixgeräts namens „Mixi“: „Meine finnische Freundin lachte und sagte, miksi heiße auf Finnisch warum. Und Miksi sei von allen Fragewörtern das Interessanteste, denn jedes andere Fragewort würde die Möglichkeit einer konkreten Antwort beinhalten.“ Raphael Urweider wirft Fragen auf von der Pflanzenheilkunde über die Nachttischlektüre bis zu jener brisanten, wie Terroristen zu definieren seien. Herausgeber Tilman Rammstedt schließlich benennt mit der ihm eigenen sachlichen Heiterkeit „Beispiele vollkommen falscher Fragen: ‚Ist der neu?‘, ‚Sehen wir uns mal?‘, ‚In Ordnung‘?“.

Dass wir in unsicheren, fragwürdigen Zeiten leben, reflektiert ebenso fundiert wie facettenreich die 172. Ausgabe der Wiener Literaturzeitschrift wespennest in ihrem Themenschwerpunkt „be-, ent-, ver-fremden“. Illustriert wird das Heft durch zum Teil kolorierte Fotografien von Adreis Echzehn. Er begab sich für die Bildstrecke „Fremdkörper“ in Krankenhäuser und hielt mit der Handy-Kamera fest, wie der menschliche Körper zum Gegenstand wird. Im Gegenzug gewinnen Objekte wie Spritzen, leere Betten oder Röntgenbilder ein gespenstisches Eigenleben. Co-Herausgeberin Andrea Roedig  zielt im Interview mit der an der Berliner Humboldt-Universität lehrenden Philosophin Rahel Jaeggi ins Zentrum der neu aufgeflammten Entfremdungsdebatte: Wie interpretiert Jaeggi den von Karl Marx geprägten und lange Zeit inflationär verwendeten Begriff heute? Man müsse den „Negativismus des Entfremdungsbegriffs“ ernst nehmen, so die Philosophin: „Ich verstehe Entfremdung als eine Art des Freiheitsverlustes, dessen Aufhebung mit Glück noch gar nicht viel zu tun hat.“ In diesem Sinn interpretiert sie interessanterweise Demokratie als „Schlüssel zum Verständnis und zur Überwindung von Entfremdung“.

Eine „Tieferlegung des Entfremdungsgeschehens“ kritisiert im Automechaniker-Jargon der Leipziger Kulturphilosoph Dirk Quadflieg und beruft sich dabei auf Georg Lukács‘ Großessay „Die Verdinglichung und das Bewusstsein des Proletariats“ aus dem Jahr 1923. Aktuell besteht für Quadflieg „die Herausforderung der Cultural Studies, ja im Grunde der gesamten modernen Kulturphilosophie“ darin, „dass sie das in der marxistischen Entfremdungstheorie vorherrschende Primat der Arbeit aufbrechen und die Möglichkeiten der Aneignung der materiellen Welt nicht allein auf die Produktion beschränken. Der alten Marx’schen Kritik an der Versachlichung, die sich auf die Verselbständigung der gegenständlichen Welt im Warentausch berufen hatte, wird nun eine ganz andere Vorstellung von Verdinglichung und Objektivierung zur Seite gestellt, die von einer Identitätsbildung gerade durch eine Aneignung der in den Waren materialisierten Kulturleistung ausgeht.“

Ein konkretes Beispiel für die zeitgenössische Entfremdung steuern auf ökonomischem Gebiet der Soziologe Otto Penz und die Politologin Birgit Sauer bei. „Bitte recht freundlich. Zustände der Freude und des Fremdseins im Dienstleistungsbetrieb“ heißt ihr Text über den Wandel der ehedem staatlichen österreichischen Post zum Dienstleistungsunternehmen unter dem streng durchgetakteten Diktat der Profitmaximierung. Die Autoren haben Post-Angestellte befragt, wie sie mit Phänomenen wie Cross- und Upselling zurechtkommen oder mit Mystery-Shoppern, die anonymen Restauranttestern gleich ihre „Serviceorientierung“ am Schalter herausfordern. Das Ergebnis fällt zugleich ernüchternd und bedrohlich aus: „Die ‚ganze Person‘, Geist und Körper, Rationalität wie Emotionalität werden vom Optimierungsprozess erfasst und neu justiert – am Ende produziert der Dienst am Kunden neue Subjektivitäten“. Wer hätte die österreichische Post als Vorposten von Aldous Huxleys Brave New World vermutet?

Hochinteressant auch die Fremdheitserfahrung „wider Willen“ der rumänischen Journalistin Claudia Ciobanu. Sie lebt seit einigen Jahren in Polen, fühlt sich dort aber „Lost in Europe“, da sie erleben musste, dass gesellschaftlicher Protest am wirksamsten in der Heimat ist. Walter Ruprechter aus Graz lehrt seit 25 Jahren Germanistik in Japan und beleuchtet, wie sich auch dieses Land, das in Europa als das Fremde schlechthin gilt, in seiner Eigenschaft als „Kontrastfolie“ gewandelt hat – und uns Europäern zum Glück doch fremd bleibt. Jan Koneffke porträtiert den Wahlwiener Ludwig Fels, der sich erst in der Fremde sicher fühle. Koneffke verteidigt den sperrigen Franken gegen dessen gedankenlose Etikettierung als „Arbeiterdichter“ und Schöpfer eines bloßen „Erlebnisrealismus“. In diesem Zusammenhang wäre es überaus wünschenswert, dass das ZDF endlich einmal wieder Filme des iranischen Regisseurs Sohrab Shahid Saless wiederholt, die dieser für den Sender inszenierte. Saless‘ dreistündige Adaption des Fels-Romans Rosen für Afrika ist schlicht kongenial und schockierte in ihrer Unbedingtheit an Pfingsten 1992 die Fernsehzuschauer. Das lag wohl nicht zuletzt daran, dass Saless sich von Aufenthaltsgenehmigung zu Aufenthaltsgenehmigung hangeln musste und dadurch das Fremdsein zutiefst verinnerlichte. 1998 starb der Regisseur mit 54 Jahren vereinsamt in New York, sein Archiv wird auf privater Basis in Oldenburg gehütet. 

Wenn Fragen aufgeworfen werden, liegt es nahe, Probleme zu wälzen. Die jüngste Ausgabe des Grazer Feuilletonmagazins schreibkraft zeigt auf ihrem Cover ein Pferd bei dieser nicht nur unter Rössern beliebten Tätigkeit. Schon dieser Ansatz zeugt von Originalität, ergänzt durch das innovative Layout und quadratische Heftformat von 21 mal 21 Zentimetern. schreibkraft wurde 1998 vom Literaturforum des Grazer Forums Stadtpark ins Leben gerufen, wird von der edition schreibkraft herausgegeben und besteht aus drei Abteilungen: Feuilletons und Essays zum jeweiligen Heftthema, Rezensionen vor allem österreichischer Gegenwartsliteratur und aus Klein- bis Kleinstverlagen sowie weiteren literarischen Themen.

„Woher kommt unser Bedürfnis nach Umwälzungen, woher die Lust am Festhalten des Bestehenden?“ fragen eingangs die Herausgeber Hannes Luxbacher und Andreas R. Peternell. Diese Antinomie zieht sich durch alle Aufsätze des Themenschwerpunkts, orientiert an der Umwälzanlage, wie sie jeder ordentliche Swimmingpool haben sollte: „Sie wundern sich gerade, was alles geht?“, haken die Herausgeber nach: „Ein Feuilletonmagazin etwa, das sich um gebracktes Swimmingpoolwasser sorgt? Na, seien Sie froh! Deutlich besser als ein Bundespräsidentschaftskandidat, der in NLP-geschulter Doppeldeutigkeit von der Regierungsentlassung bis zum Öxit so einiges ventiliert und gleichzeitig auch wieder zurücknimmt.“ In diesem launigen Tonfall geht es weiter, manche Texte wie Katja Johanna Eichlers „Lebst du schon oder containerst du noch?“ mit der imperativen Unterzeile „Gib deinem Leben mehr Entgrenzung!“ kalauern nur noch. Dann doch lieber dem schreibenden Reiseleiter Harald A. Friedl nach draußen folgen: „Irrte Pascal? Warum das Verlassen des Zimmers Entwälzung ermöglicht“. „Kann man auf den Färöern Rennrad fahren?“ erkundigt sich Dominik Riedo, in dessen hochkomischem Prosatext ein Tourist von einer „polyamorischen“ Frau mit Relativierungs-Syndrom („Who are we to judge“) verfolgt wird. Die bildende Künstlerin Nikola Henze unternimmt mit „Wälzen. Eine 360°-Annäherung“ eine ebenso gründliche wie schwindelerregende Begehung des Wortfeldes „wälzen“, inspiriert von den Gebrüdern Grimm. Und Dominika Meindl erläutert: „Umwälzungen sind per se nichts Schlechtes, au contraire. Schon alleine im Privatbereich: Wenig lindert die Zumutungen der postmodernen Existenz so augenblicklich wie das Betrachten eines sich wohlig wutzelnden Haustiers. Eine sich ins Tal wälzende Mure hat – aus sicherer Entfernung betrachtet- immerhin einen ästhetischen Mehrwert, wie Sie gerne bei Kant, Schiller oder Rilke nachgoogeln können.“ Wie schön, wenn eine Literaturzeitschrift vom Schwimmbad bis zur Lawine derart viel Inspiration und Servicecharakter offeriert.

Glückliches Österreich, in dem Privatverlage und Literaturzeitschriften staatliche Förderung genießen. Auch die von Karin Fleischanderl und Gustav Ernst verantwortete Wiener Publikation kolik, zweimal im Jahr ergänzt durch kolik.film, profitiert in ihrem 21. Jahr von diesem Kulturverständnis. In der 71. Ausgabe in Chartreuse-Gelb geht es kompromisslos literarisch zu und man nimmt sich die Freiheit, ein Buch aus dem Jahr 2015 (Bettina Gärtners Roman Unter Schafen) zu rezensieren. Die Tiroler Lyrikerin Barbara Hundegger überrascht immer wieder mit originellen Sujets – so bedichtete sie die kühne Skisprungschanze am Innsbrucker Bergisel, eine Schöpfung der legendären, leider viel zu früh verstorbenen Architektin Zaha M. Hadid. In kolik wartet Barbara Hundegger nun mit einer zehnteiligen, walzergleich anmutenden Sprichwort-Verdichtung und –Persiflage namens „[lebensregelnnebel]“ auf: „alter und ehe zähmen jede / ein alter wilddieb ist der beste heger im revier / und: der tod alter junggesellen / ist der trost der alten jungfern rundum“.

Die 92-jährige Friederike Mayröcker ist mit einem Typoskript in kolik vertreten. Es datiert vom 14. Januar und heißt „aus einer anderen Schrift: des Daniil Charms“. Zu dem Text gesellen sich zwei winzige Zeichnungen von Schneerosen vor und nach dem Gießen. Dieses russische Blumenstilleben aus Poetinnenhand ist ebenso anrührend wie das altmodische „sz“, das Mayröcker für das scharfe ß verwendet, das von der letzten Rechtschreibreform so schmählich dezimiert wurde: „die schlaffen Schneerosen-Stengel küszten also den Servietten-Himmel, über dem Blumentopf hängend, ach wie Lavendel : Lauch: oder Irrsal […].“ Der Imagination nicht minder freien Lauf lassen die „4 Geschichten. Aus einem entstehenden Roman“ der 1992 in Niederösterreich geborenen Romanistin Iracema Engel. Ihre Romanheldin mit dem ungewöhnlichen Namen Innogen ist eine somnambule Unfallpersönlichkeit. Ungerührt registriert sie die Begegnungen mit merkwürdigen Zeitgenossen wie einer „zinnoberroten Frau“ oder einem anschlusssuchenden Belastungszeugen mitten in der Nacht. Keine Frage: Man darf gespannt sein, wie sich die „4 Geschichten“ zu einem dialogstarken Roman voll untergründiger Spannung auswachsen werden.