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Vers + Welt #1: Charlotte Warsen | Das Phänomen Synästhesie

Donnerstag, 22. März 2018

19:30 UHR

Bild: © Charlotte Warsen /// o.T., 70x100, Mischtechnik, Papier, 2011

Veranstaltungsort

ausland

Lychener Straße 60
10437 Berlin
www.ausland.berlin

Kartenansicht
Eintritt: 5 EUR

Details

Vers + Welt #1 | Salon für Gedichte und Sachfragen

Lesung und Gespräch
Charlotte Warsen
Lesen & und Hören: www.lyrikline.org
Susanne Schulte über Charlotte Warsen (GWK)
www.charlottewarsen.de

Vortrag und gemeinsame Diskussion
Pit Noack: Das Phänomen Synästhesie
www.pitnoack.de

Geöffnet ab 19:30 Uhr, Beginn 20:00 Uhr

Der Salon Vers + Welt präsentiert Lyriklesungen zusammen mit Vorträgen über nichtliterarische Themen, die in Bezug zu den gelesenen Gedichten stehen.
Im Gespräch der Autoren mit den eingeladenen Expertinnen aus Forschung und Praxis und im Austausch mit dem Publikum kann gemeinsam weitergedacht, diskutiert und spekuliert werden.

Charlotte Warsen liest eine Auswahl von Gedichten aus ihrem Buch "Vom Speerwurf zu Pferde" und bisher noch unveröffentlichten Texten.
Es sind oft lautlich-assoziative und gedanklich-dissoziative Suchbewegungen, Verkettungen und Schnitte in der Mikrostruktur, aus denen sich in Warsens Lyrik knappe Versgedichte und Prosaformen entfalten oder die sich zu frei auf dem Blatt angeordneten Arrangements verbinden. Vielfältige Gegenstände und Motive werden dabei eher im Vorübergehen gestreift als fokussiert: Protagonistin ist die Bewegung im Raum zwischen ihnen.   
Aber das lyrikimmanente Experiment, Sprachkritik oder eine Feier der Sprache sind dabei allenfalls Teilaspekte der Gedichte. Vielleicht liegt ihrer – bei aller anscheinenden Kontingenz und Heterogenität des Materials – verblüffenden inneren Festigkeit und Stringenz ein „reißerischeres Geheimnis“ unserer Lebenswirklichkeit zugrunde, und sie handeln vom „mund, der mir heraushängt“, wie es einmal heißt, und der „traurigkeit die sich zwischen den / mündern räkelt“: Von der Unabschließbarkeit und dem Eigenleben der inneren und gesprochenen Rede, der Sprache und unseres Denkens, deren „Erregung unerträglich ewig dauerte und / immer nochmal eine / Runde länger“ – „ich habe / seit Jahren kein Wort mehr verstanden“.
Charlotte Warsen hat eine Eigengesetzlichkeit und Kompositionsweise für ihre Lyrik entwickelt, die diese Erregung in einem Portrait festhält und, wenigstens für den Moment des Gedichts, kontrolliert zur Ruhe kommen, sich abreagieren lässt.
Nicht zuletzt selbst Malerin und Synästhetikerin (Schrift verknüpft sich für sie mit Farbwahrnehmung), sind wiederkehrende Komplizen Warsens dabei die Farben, der Farbauftrag, dessen Textur und Haptik. Ihre vielgestaltige sprachliche Repräsentation bildet vielerorts in den Gedichten Sandbänke im Fluss der Rede, auf denen sich sinnlicher Eindruck und sinnhafter Ausdruck scherzend einen Strandkorb teilen: „wir blasen junge blumen auf und wundern uns / an ihrer wut: die platzenden! / farben“.

Nach einer Pause führt Pit Noack in seinem Vortrag in das Phännomen der Synästhesie ein und eröffnet für das anschließende gemeinsame Gespräch weiterführende Perspektiven.  "Meine Katze miaut ein Hellblau", "Der Geschmack ist von federnder Konsistenz wie ein Pilz, beinahe rund", "Der Buchstabe E ist ein liebenswürdiger Mann, aber er redet auch, wenn er nicht weiß, wovon er redet" – solche Zuschreibungen lassen aufhorchen, wirken auf amüsante Weise unpassend.
Sie verweisen auf das Phänomen der Synästhesie, also Kopplungen von verschiedenen Bereichen der Wahrnehmung. Was ist daran eigentlich so bemerkenswert? Erleben nicht auch nichtsynästhetisch wahrnehmende Menschen Klänge, Farben, Formen, Gerüche immer in einem sinnlichen, einem sinnhaften Zusammenhang? Ist nicht die ausschließliche Wahrnehmung etwa einer Farbe eine lebensferne Abstraktion, die bestenfalls unter Laborbedingungen stattfinden kann? Der Vortrag liefert Beschreibungen unterschiedlicher Ausformungen der Synästhesie und zeigt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu uns allen geläufigen “intermodalen Assoziationen” auf.
Das Besondere verweist auf das Allgemeine, denn das Phänomen Synästhesie gibt Anlass zu philosophischen Überlegungen über Wahrnehmung und Bewußtsein, über Sprachspiele und über die Grenzen der Objektivierbarkeit.

Vers + Welt | Salon für Gedichte und Sachfragen präsentiert Lesungen zeitgenössischer Lyrik zusammen mit Vorträgen über nichtliterarische Themen, die von den Dichtern ausgewählt wurden: Expertinnen aus Wissenschaft und Praxis sprechen zu Sachfragen, die in Bezug zu den Gedichten stehen.
      Der Salon ist ein Forum für das Teilen von Wissen, und im Austausch zwischen den Auftretenden und in der offenen Diskussion mit dem Publikum gibt es Gelegenheit nachzufragen, gemeinsam weiterzudenken und zu spekulieren. Dabei wird kein näheres Vorwissen vorausgesetzt und kein bestimmtes Fazit oder Ergebnis angestrebt – die aufregendsten Gedanken verfertigen sich schließlich oft, mit Kleist gesagt, beim Reden.
      Ausgangspunkt des Formats ist das Interesse der Autoren an bestimmten Sachgebieten und Gegenständen des Denkens, die außerhalb der Lyrik liegen. Dieses Interesse kann als Inspiration am Anfang eines einzelnen Texts stehen, ein übergreifendes Thema der Auseinandersetzung und des Schreibens sein, oder es ergibt sich im Schreib- und Rechercheprozess durch Zufallsfunde.
      Jede Veranstaltung beginnt mit der Lesung der Dichterinnen, gerahmt von einem kompakten Gespräch über die gelesenen Texte. Nach einer Pause hören wir den Vortrag, auf den die gemeinsame offene Diskussion folgt – und späterhin Musik und Getränke an der Bar.
Vers + Welt ist ein Format innerhalb der Reihe Lyrik im ausland, deren Veranstalter Tobias Herold die Abende moderiert. In der ersten Jahreshälfte gibt es zwei weitere Vers + Welt-Veranstaltungen: Am 17. Mai mit Titus Meyer, am 24. Juni mit Steffen Popp.
Ab September folgen drei weitere Termine mit Sonja vom Brocke, Rainer René Mueller und Anja Utler.

Charlotte Warsen (*1984) wuchs im Ruhrgebiet auf, studierte Malerei, Kunsterziehung und Englisch in Düsseldorf, Köln und Joensuu und promoviert in der Philosophie zur Politik der Malerei. Ihr erster Gedichtband "vom speerwurf zu pferde" erschien 2014 bei Luxbooks, ihr nächstes Buch wird 2018 in der Brueterich Press erscheinen. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt Kulturtechnik Malen an der Düsseldorfer Kunstakademie und lebt in Berlin.

Pit Noack (*1972) hat Freie Kunst und Philosophie in Braunschweig und Hannover studiert und arbeitet als Autor, Moderator, Dozent, Kurator, Künstler und Musiker im Bereich Klanginstallation und elektroakustische Komposition. Seine künstlerische, kuratorische und theoretische Arbeit ist geprägt durch sein Interesse an transdisziplinären Projekten und Prozessen an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Technik und Kunst. Als Autor für die Fachzeitschriften c't und Make und auf seinem Blog maschinennah.de schreibt er Tutorials zur künstlerischen Produktion mittels Softwareentwicklung. 2016 leitete Noack die Veranstaltungsreihe Basis Zwei, die interdisziplinär nach dem Einfluss der Digitaltechnik auf die Kunst- und Wissensproduktion fragte. 2013 initiierte er die Veranstaltungsreihe Synästhetische Perspektiven, welche dieses Phänomen mittels künstlerischer und theoretischer Positionen facettenreich in den Blick nahm.

Mit freundlicher Unterstützung der Berliner Sentsverwaltung für Kultur und Europa und durch die Medienpartner von "Vers + Welt": taz - die tagszeitung & fixpoetry.

Veranstalter

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    Das ausland ist ein unabhängiger Veranstaltungsort mit spartenübergreifendem Profil unweit des Helmholtzplatzes in Berlin-Prenzlauer Berg.
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