Wir haben Kurator*innen gebeten, wichtige Orte der jeweiligen Szenen zusammenzustellen und so kann man sich auf verschiedenen Sprachlinien durch die Stadt bewegen. 

Türkische Szene

Zusammengestellt von Menekşe Toprak
  • 1. Regenbogen Buchhandlung (Gökkuşağı Kitabevi) Berlin
  • 2. Amerika-Gedenkbibliothek
  • 3. Verlag Binooki
  • 4. Yunus-Emre-Institut Berlin - Türkisches Kulturzentrum
  • 5. Online-Magazin: Renk
  • 6. Maxim Gorki Theater
  • 7. Namık Kemal Bibliothek – Wilhelm Liebknecht Bibliothek
  • 8. Ballhaus Naunynstrasse
  • 9. Tiyatrom
  • 10. Alte Liebe
  • 11. Berliner Orte als literarische Schauplätze
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Menekşe Toprak

Geboren in Kayseri-Türkei, kam Meneşke Toprak mit 9 Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland. Das Gymnasium besuchte sie in Ankara und studierte an der Politisch-Wissenschaftlichen-Fakultät der Universität Ankara. Seit 2002 arbeitet sie als freie Autorin und Radiojournalistin in Istanbul und Berlin.
Sie schreibt Erzählungen und Romane auf Türkisch, liest aber auch gerne auf Deutsch. Ihre Erzählungsbände Valizdeki Mektup (Der Brief im Koffer) wurde 2007, Hangi Dildedir Aşk (Welche Sprache hat die Liebe) 2009 und ihr Debütroman Temmuz Çocukları (Julikinder) 2011 veröffentlicht. Zuletzt erschien ihr Buch Ağıtın Sonu, das 2015 mit dem renommierten Duygu-Asena-Romanpreis ausgezeichnet wurde. Dieser Roman wird im Herbst 2017 beim Berliner Orlanda Verlag unter dem Titel Die Geschichte von der Frau, den Männern und den verlorenen Märchen veröffentlicht.  

11 Stationen

»Vorwort«

Bevor ich aus Ankara nach Berlin zog, kannte ich die Stadt bereits durch die Literatur. Ich kannte die goldenen 20er Jahre durch Sabahattin Ali’s Roman Madonna im Pelzmantel,  kannte das Melancholische an Berlin durch Texte von Tezer Özlü, die ab Ende der 1970er Jahre öfters in Berlin verweilte, ich kannte das Restaurant-Schiff Alte Liebe durch sie und durch Tomris Uyar, deren Erzählungen ich sehr bewunderte. Ja, Berlin war mir vertraut, auch wenn ich vielleicht ein fiktionales und nostalgisches Bild in mir trug.
Dann aber machte ich meine eigenen Erfahrungen. Zuerst in Kreuzberg, in einer türkischen Bankfiliale. Keine gute Erfahrung. Geldgeschäfte: Kalt und unschön. Doch sehr schnell kam ich mit einer anderen Stadt in Berührung. Ich kam mit türkischen Autoren wie Gültekin Emre in Kontakt und konnte für seine Zeitschrift Şiir-lik Texte ins Türkische übersetzen, versuchte herauszufinden, wie junge Berliner Autoren schreiben. Und als ich nach zwei Jahren unter meine Bankkarriere einen Schussstrich zog und für die türkische Redaktion von Radio multikulti (RBB) über türkische Literatur berichten durfte, war Berlin wiederum das, was ich erträumte. Und ich hatte endlich mehr Zeit zu schreiben.
Ich berichte immer noch über die türkische und deutsch-türkische Literatur in Berlin (wenn auch unregelmäßiger) für die türkische Redaktion von Radio Cosmo (WDR). So weiß ich, dass es nicht einfach ist, eine bestimmte türkische Szene in Berlin umfassend darzustellen.

Daher muss ich differenzieren. Ich nenne hier z.B  unter den literarische Schauplätzen nur Orte, Straßen, Cafés, die in auf  türkischer Sprache niedergeschriebenen Texten vorkommen. Das heißt, deutsche Texte von Autorinnen und Autoren, die einen türkischen Namen tragen, liegen dem nicht zugrunde. Natürlich dürften sonst Emine Sevgi Özdamars wunderschöne Texte nicht fehlen, ebenso wenig wie die vielschichtigen literarischen Werke von Zafer Şenocak. Aber auch die Debütromane von Fatma Aydemir und Deniz Utlu, deren junge ProtogonistInnen in Berlin leben, dürften dann nicht fehlen. Meiner Meinung nach sind deren Werke jedoch unter deutscher Literatur einzuordnen, auch wenn sie selbst und die meisten ihren Protogonisten einen türkischen Namen haben. Aber trotzdem wäre es nicht gerecht, über eine türkische Literaturszene zu berichten, ohne diese Berliner Autoren zu nennen. Denn wie Zafer Şenocak in den neunziger Jahren über verschiedene Organisationen türkischer Autoren nach Berlin eingeladen, um dort zu moderieren, so macht es heute Deniz Utlu.
Türkische Literaturszene ist im Wandel. Manche Orte, wie die Namik Kemal Bibliothek, sind geschlossen. Medien, wie das Radio Multikulti, die jede Woche über türkische Literatur berichtete, wurden eingestellt. Aber es entstehen wiederum neue Einrichtungen, andere Chancen. Es werden immer mehr Bücher ins Deutsche übersetzt, türkische Autorinnen und Autoren öfters nach Berlin eingeladen. Türkische Literatur ist in Berlin mehr denn je präsent und wird mehr und mehr zu einem Teil der deutschen Sprache.



Regenbogen Buchhandlung Berlin
Adalbertstraße 3
10999 Berlin

1. Regenbogen Buchhandlung (Gökkuşağı Kitabevi) Berlin

Die Buchhandlung Regenbogen am Kottbusser Tor in Kreuzberg ist zwar klein, aber man bekommt hier fast alles mit, was sich in der gegenwärtigen türkischen Buchlandschaft tut. Der Laden gehört Metin Ağaçgözgü, der schon in 80er Jahren als fliegender Händler in Berlin türkische Bücher verkaufte. Metin Ağaçgözgü, der inzwischen mit einem Bein in Istanbul lebt, besorgt die Bestellungen vor Ort und ist wie sein Mitarbeiter Sinan Şimşek bestens informiert. Auch wenn ein neu erschienenes Buch nicht am selben Tag zu finden ist, bekommt man es per Bestellung binnen einer Woche. Für jene, die türkische Literatur auf Deutsch lesen wollen, ist die Buchhandlung auch eine einmalige Adresse, denn alles was aus dem türkischen übersetzt ist, findet sich auf den Regalen wieder. Regenbogen organisiert  jeden Monat regelmäßig Lesungen in türkischer Sprache. Die Lesungen finden im Nachbarhaus in der Wilhelm Liebknecht Bibliothek statt. Die Liebknecht Bibliothek ist auch eine der Stadtbibliotheken, wo türkische Bücher ausgeliehen werden können. 

Amerika-Gedenkbibliothek
Blücherplatz 1
10961 Berlin-Kreuzberg

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2. Amerika-Gedenkbibliothek

Amerika-Gedenkbibliothek hat die größte Auswahl von türkischen Büchern in ihrer Fremdsprachenabteilung. Auch wenn die Anzahl der Bücher in den letzten Jahren eher kleiner geworden ist, ist diese Bibliothek die einzige in Berlin, deren Bestand immer wieder mit Neuerscheinungen aktualisiert wird. In der Presseabteilung kann man auch türkische Tageszeitungen lesen, u.a. Zeitungen wie Cumhuriyet oder die Türkisch-Armenische Zeitung Agos, die in Deutschland nicht am Kiosk verkauft werden.   

Die Verlegerinnen Selma Wels und İnci Burhaniye

Verlag Binooki
Motzstraße 9
10777 Berlin

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3. Verlag Binooki

Spezialisiert auf Übersetzung der jungen türkischen Literatur aus Istanbul, wurde der Binooki Verlag von den zwei Schwestern Selma Wels und Inci Bürhaniye 2010 gegründet. Das Anliegen war von Anfang an klar: Romane und Erzählungen der türkischen Literatur zu übersetzen, die sie gerne lesen, so die beiden Verlegerinnen in einem Interview. Zu empfehlen ist das Opus Magnum der modernen türkischen Literatur Die Haltlosen, von Kultautor Oğuz Atay, erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht, obwohl es bisher als unübersetzbar galt. Für ihren Einsatz erhielten die beiden Schwestern den Kulturpreis Kairos 2017. 

Yunus-Emre-Institut Berlin
Türkisches Kulturzentrum
Kronenstraße 1
10117 Berlin

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4. Yunus-Emre-Institut Berlin - Türkisches Kulturzentrum

Das Yunus-Emre-Institut ist eine der 30 Kulturzentren weltweit, die 2009 vom türkischen Kultusministerium gegründet wurden. Seit Januar 2015 bietet das Institut in Berlin unter anderem Sprachkurse, Lesungen, Vorträge, Filmvorführungen, Konzerte, Ausstellungen und Workshops an. Bis Frühjahr 2017 wurden berühmte Autorinnen wie Latife Tekin, der Krimiautor Ahmet Ümit für Lesungen und Podiumsdiskussionen nach Berlin eingeladen. Es wäre wünschenswert, dass diese Lesungen weiter auf dem Programm stehen.  

Online-Magazin: Renk
Colbestrasse 1
10247 Berlin – Friedrichshain

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5. Online-Magazin: Renk

Renk, heißt auf deutsch Farbe und ist ein deutsch-türkisches Onlinemagazin mit den Schwerpunktthemen Kunst und Kultur. Das Team des Magazins bezeichnet sich als jung, bunt und kreativ. Es wird zwar auf Deutsch und Englisch publiziert, aber es konzentriert sich auf die deutsch-türkische Kunst- und Literaturszene. Es wird zum Beispiel mit jungen Literaten aus Deutschland mit türkischer Herkunft gesprochen, oder auch übersetzte Bücher aus der Türkei werden rezensiert.

Maxim Gorki Theater
Am Festungsgraben 2
10117 Berlin

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6. Maxim Gorki Theater

Seit 2013 ist das Maxim Gorki Theater unter Shermin Langhoffs Führung eine wichtige Adresse für postmigrantisches Theater. Im Gorki Theater werden öfters Einwanderungsgeschichten jenseits von Klischees auf die Bühne gebracht, wofür es im Jahre 2016 (zusammen mit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz) zum Theater des Jahres gewählt wurde. Auch türkische Literatur in deutscher Sprache hat hier einen Platz. Unter der Regie von Hakan Savaş Mican wurde z.B der Roman Schnee von Orhan Pamuk auf die Bühne gebracht. Der in Berlin im Exil lebende Autor Can Dündar schreibt hier regelmäßig Theaterkolumnen. Unter Moderation vom Berliner Autor Deniz Utlu werden Lesungen und Literaturgespräche organisiert. Utlu moderierte u.a. Autoren wie Ece Temelkuran, Yavuz Ekinci, Can Dündar, die ins Deutsche übersetzt worden sind.

Namık Kemal Bibliothek – Wilhelm Liebknecht Bibliothek
Adalbertstraße 2
10999 Berlin (Kottbusser Tor)
Tel: 030 50585225

7. Namık Kemal Bibliothek – Wilhelm Liebknecht Bibliothek

Die 1974 im Haus Bethanien (Mariannenplatz; Berlin-Kreuzberg) eröffnete Bücherei mit überwiegend türkischen Medienbeständen erhielt den Namen Namik Kemal, den Namen eines bedeutenden türkischen Schriftstellers. Doch 2001 wurde die Bibliothek geschlossen, die wohl zu den größten türkischsprachigen Büchersammlungen außerhalb der Türkei zählte. Die meisten der Bücher wurden der Wilhelm-Liebknecht Bibliothek am Kottbusser Tor übereignet. Daher wird die Wilhelm Liebknecht Bibliothek auch Namik Kemal Bibliothek genannt. 

Ballhaus Naunynstrasse
Naunynstr. 27, 10997 Berlin

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8. Ballhaus Naunynstrasse

Das Ballhaus Naunynstraße, das 1863 als Tanzsaal in einem Berliner Gründerzeithaus erbaut und bis Ende der 30er Jahre als Gaststätte für geschlossene Gesellschaften genutzt wurde, ist eine Einrichtung des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Ab 2008 wurde das Haus, geführt von der Intendantin Shermin Langhoff, zu einem Kristallisationspunkt für KünstlerInnen vorwiegend migrantischer und postmigrantischer Herkunft. Seitdem Shermin Langhoff  (2013) mit ihrem Konzept in das Maxim-Gorki Theater eingezogen ist, führt das Haus ihr Programm mit einem neuen Team weiter, in Kooperation mit dem Gorki Theater. 

Tiyatrom
Alte Jakobstraße 12
10969 Berlin
Tel: 030-6152020

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9. Tiyatrom

Tiyatrom (Mein Theater) ist ein vorwiegend türkischsprachiges Theater in Kreuzberg, welches seit 1984 besteht. Es werden u.a. für Kinder Werke von berühmten türkischen Autoren wie etwa Aziz Nesin, auf die Bühne gebracht. Doch gelegentlich finden in Tiyatrom auch Lesungen und politische Diskussionen in Türkisch statt. Auch die Gruppe Simurg, die Philosophie-Gespräche in türkischer Sprache veranstaltet, kommt öfters hier zusammen. 

Restaurantschiff Alte Liebe
Havelchaussee 107
14055 Berlin

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 Tezer Özlü (1943-1986)


Türkisches Buchcover von Alte Liebe

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Tomris Uyar (1941-2003)

10. Alte Liebe

Alte Liebe (Essay von Menekşe Toprak):

An einem sonnigen Julitag warte ich in Berlin auf den Bus der Linie 218. Ich bin auf dem Weg zu einem Schiff, das seit mindestens fünfunddreißig Jahren in der türkischen Literatur verankert ist. Tezer Özlü, die Melancholikerin der türkischsprachigen Literatur, schildert in ihrer Erzählung Eski Sevgi (Alte Liebe), die während ihres Berlin-Aufenthalts in den 1980er Jahren entstand, dieses Schiff als alte Gaststube. Ihre Zeitgenossin und Freundin Tomris Uyar, eine bedeutende Vertreterin der modernen türkischen Erzählung, stellte es in ihrer Geschichte Alte Liebe: Küçük Akşam Müziği (Alte Liebe: Eine kleine Abendmusik) als prächtige Cafébar dar. So war es mir, wie Tausenden anderen Leserinnen und Lesern der beiden Autorinnen, bereits in meiner Zeit in Ankara ein Begriff, bevor ich je einen Fuß nach Berlin gesetzt hatte, und ich kannte es so, wie in diesen Erzählungen beschrieben. Dieses Schiff mit dem Namen Alte Liebe, das seit fünfzig Jahren am Ufer der Havel vertäut liegt, faszinierte mich, als raunte mir allein schon sein Name eine geheime Geschichte zu. Wie oft ich dann, seit ich in der Stadt lebe, dort aufs Deck stieg, bald mit befreundeten Autoren zu Besuch aus der Türkei, bald um die Sehnsucht nach Grün zu stillen, weiß ich gar nicht mehr.

Beim Warten auf den Bus bei schwülfeuchtem Wetter, ringsum satter Lindenduft, überlege ich, in welche Zeit ich wohl reisen werde. Kommt zufällig ein Nostalgie-Bus, Tezer Özlü bezeichnet ihn in ihrer Erzählung als Schmetterlingsbus, begebe ich mich in die sechziger Jahre, aus denen der Bus stammt; doch wer weiß, vielleicht fahre ich auch, mit Tomris Uyars Worten, einer Kindheit aus Liebesfilmen in Schwarz-Weiß entgegen. Besteige ich jedoch einen beliebigen Bus, bleibe ich im Heute, in meiner eigenen Zeit. Doch mir wird ein nostalgischer Doppeldecker zuteil.

Ich sitze oben, ganz vorn. Als wir die Landstraße mit ihrem entsetzlichen Verkehr, so Tezer Özlüs Worte, hinter uns lassen und auf die Havelchaussee einbiegen, liegt die Stadt weit zurück, als wollte sie sich vergessen machen. Nun geht es über einen kurvenreichen schmalen Waldweg. Unversehens verliert sich das Zeitgefühl. Nicht Vergangenheit noch Heute. Die hoch oben ineinander greifenden Zweige der Bäume zu beiden Seiten der Straße streifen immer wieder Fenster und Decke des Busses. Die Sonne verzieht sich einmal, dann wieder bricht sie durch die Zweige und knallt mir ins Gesicht. In Schlangenlinien geht es auf die Zeitlosigkeit der Natur zu, wenn auch nur zwanzig Minuten lang.

Auch das Schiff mitten im Grün am Ufer lässt auf den ersten Blick an Zeitlosigkeit denken. Doch nein, es hat sich ebenfalls verändert, gleich mir hat es sich häuslich niedergelassen in dieser Stadt. Bis vor ein paar Jahren gelangte man über einen hölzernen Steg auf Deck, jetzt ist das Schiff mit einer Terrasse aus Beton dem Ufer verbunden, damit ist die Verwurzelung an Land komplett, ausgeschlossen, dass es je wieder auf Fahrt geht.

In Tomris Uyars Erzählung ist Alte Liebe eine prächtige Cafébar, bei Tezer Özlü eine Gaststube, marode wie die dritte Welt; wenn Sie mich fragen, ist es heute ein Restaurantschiff, das für seine schmackhafte deutsche und eingedeutschte Küche berühmt ist. Zugleich wirkt es mit der neuen Betonterrasse und den Holztischen und –stühlen darauf wie ein Fischerlokal mit Meerblick irgendwo in Istanbul oder an der Ägäis. Während Tezer Özlü in ihrer autobiographischen Erzählung wehmütig bedauert, mit einem verlorenen alten Freund nie wieder diese Gaststätte aufsuchen zu können, und sich Gedanken über die Kälte des Todes macht, stellt Tomris Uyar sich vor, auf dem Schiff einem ehemaligen Geliebten zu begegnen. Als junge Leserin mit großer Leidenschaft für Literatur kam ich vor fünfzehn Jahren zum ersten Mal hierher, da war es wie in Uyars Erzählung ein Ort unter bleigrauem Himmel, von den kabbeligen Flusswassern geschaukelt, die Tische mit weißem Linnen eingedeckt. Genau wie in der Geschichte roch es nach alter Liebe, seinem Namen alle Ehre machend: Kaffee, Vanille, Schokolade, Apfelschalen, Zimt. Und wiederum genau wie im Text saßen stolze ältere Damen an den Tischen, schweigend wie bei einer Zeremonie.

Der Innenraum sieht noch so aus wie früher, auch wenn die weißen Leinendecken auf den Tischen inzwischen gegen blass mauvefarbene ausgetauscht sind. Doch die alten Gerüche sind nicht mehr da, sowenig wie die Menschen von damals. Die ehemaligen Offiziersgattinnen in Uyars Erzählung, jene älteren Damen, die ich vor fünfzehn Jahren noch antraf, mochten die letzten Frauen gewesen sein, die ihre Ehemänner im Zweiten Weltkrieg verloren hatten. Eine stämmige, korpulente Wirtin mit weißer Haut, wie Tezer Özlü sie schildert, habe ich nie angetroffen, allerdings arbeitet auf dem Schiff jetzt ein Kellner mit freundlicher Miene, der Sohn oder Enkel jener Einwanderer sein könnte, die als Türken mit traurigen Mienen und Kopftüchern ebenfalls Eingang in ihre Erzählung fanden. Auch das Schiff musste sich also, genau wie Berlin, dem Zeitgeist anpassen, musste bunter werden und sich verjüngen.

Ich denke an die beiden Erzählungen und an meine ersten Tage in Berlin, in denen ich mich einsam fühlte, und komme mir vor, als beschwüre ich die Melancholie. Doch weder Tezer Özlüs und Tomris Uyars Schwarzmalerei noch die eigene Schwermut von damals wird mir greifbar. Vielleicht liegt es am sonnigen Sommerwetter, eine Rarität in Berlin und, kaum einmal da, schon wieder passé. Oder daran, dass Berlin, bevölkert mit Menschen, die einsamer sind als alle anderen auf der Welt, mit seinen ganz eigenen Menschen, wie in den Erzählungen beschrieben, sich geändert hat. Am Fehlen der Mauer, am Mangel an Migranten mit traurigen Mienen und alten Kriegerwitwen. Wer weiß, womöglich hat es auch bloß damit zu tun, dass ich jetzt in dieser Stadt zu Hause bin. Auf dem Fluss ziehen größere und kleinere Segelboote vorüber, an einem Ufer gehen Leute mit Hunden am Strand spazieren, in einer Bucht ganz in der Nähe tritt eine Frau aus dem Schilf und läuft zum Wasser. Das Gewässer, von mächtigem Wald gesäumt, an den Ufern geht seine Farbe ins Grüne, fließt zum Wannsee hin. Erneut büßt das Gefühl für Zeit und Raum seine Herrschaft ein, wenn auch nur für eine Weile.                
                                                                                                   (Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe)

Sabahattin Ali (1907-1948), hier 1929 in Berlin


Sabahattin Ali: Die Madonna im Pelzmantel

Dörlemann Verlag, Zürich 2013.
Aus dem Türkischen von Ute Birgi

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Der Berliner Autor Zafer Şenocak, an der Spree in Berlin, 2016.​


Zafer Şenocak: Deutsche Schule
Aus dem Türkischen von Helga Dağyeli-Bohne
Dağyeli Verlag, Berlin 2012

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Barbaros Altuğ: Es geht uns hier gut
Orlanda Verlag, Berlin 2107
Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe

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Gültekin Emre

11. Berliner Orte als literarische Schauplätze



Sabahattin Ali: Die Madonna im Pelzmantel
(Roman)


Der in den letzten Jahren von jungen türkischen Lesern neu entdeckte Roman Die Madonna im Pelzmantel des Autors Sabahattin Ali spielt in den wilden 20er Jahren Berlins. Sabahattin Ali’s Protagonist, der schüchterne Raif Efendi, kommt aus Ankara zum Erlernen des Seifengeschäfts nach Berlin. Er verliebt sich in die ein wenig maskulin wirkende Maria Puder, der er zum ersten Mal auf einem Selbstporträt in einer Galerie begegnet. Die von ihm als Madonna verehrte Person, tritt dann als Tänzerin in einer Bar am Nollendorfplatz in Erscheinung. Verliebt und verträumt, wohnt Raif Efendi in einer Pension in der Lützow Straße, schlendert über den Kurfürstendamm, beobachtet wie vor dem Kaufhaus KaDeWe rotgestiefelte junge homosexuelle Männer auf Kundschaft warten, läuft bis zum Nollendorfplatz, sitzt im Tiergarten oder wandert durch den Botanischen Garten und diskutiert mit der geliebten Maria Puder über die Liebe, Einsamkeit und den Sinn des Lebens. Er entdeckt durch ihr das Nacht- und Künstlerleben in Berlin, wie z.B. im Romanische Café (damals am Kurfürstendamm 238, heute: Budapester Straße 43) tagsüber junge Künstler in Gruppen sitzen und laut diskutieren und nachts die vergnügungssüchtigen Frauen mit Geld sich auf die Suche nach jungen Männern machen. 



Zafer Şenocak: Deutsche Schule (Roman)

Der Berliner Schriftsteller Zafer Şenocak schreibt normalerweise auf Deutsch. Doch neben Gedichten hat er auch vier seiner Romane auf Türkisch geschrieben. Alman Terbiyesi übersetzt als Die Deutsche Schule, handelt vom Offizier Salih Bey, der zur Ausbildung um das Jahr 1900 nach Berlin kommt. In einer Szene reiten der Militärattaché  Enver Bey (der spätere Jungtürke Enver Pascha) und Salih durch den Tiergarten und philosophieren über deutsche und türkische Befindlichkeiten. Der Roman weckt Assoziationen, die uns auch heute nahegehen.


Barbaros Altuğ: Es geht uns hier gut  (Roman)

Eine Novelle über die Gezi-Bewegung, deren Helden sich nach Berlin zurückgezogen haben. Ali, Eren und Yasemin haben die Gezi-Proteste hinter sich, wo sie auf Istanbuler Straßen für mehr Freiheit demonstriert haben. Entmutigt sitzen sie im Exil in Berlin Mitte in einer WG, verbringen Zeit in Cafés am Rosenthaler Platz. Yasemin arbeitet an der Bar Michelberger in der Warschauer Straße, kauft gerne Mandelkuchen der KaffeeMitte in der Weinmeisterstraße.  


Berlin’de Türk Edebiyatı (Türkische Literatur in Berlin) und die Lyrik-Zeitschrift Şiirlik von Gültekin Emre

Zusammengestellt von dem seit 1980 in Berlin lebenden türkischen Lyriker Gültekin Emre wurde das Buch Türk Edebiyatında Berlin (türkische Literatur in Berlin) 2000 veröffentlicht. Vom Nationaldichter Mehmet Akif bis hin zu den Texten der im deutschen Sprachraum bekannten Autoren Zafer Şenocak und Aras Ören, umfasst das Buch 56 Einträge, vom 18. Jahrhundert bis zum Ende des 20. Jahrhunderts. Sie alle haben über Berlin geschrieben.
Gültekin Emre war außerdem 5 Jahre lang Herausgeber von der Lyrik-Zeitschrift Şiirlik. Die Zeitschrift veröffentlichte Werke der jungen türkischen Lyriker aus Berlin, aus der Türkei und übersetzte Lyrik aus dem Deutschen. Der Treffpunkt der Redaktion war das Café in der Schwartzschen Villa in Steglitz (Grunewaldstraße 55, 12165 Berlin). Emre trifft sich mit Kollegen und Freunde auf einen Kaffee immer noch gerne in diesem Lokal.

kitap.ykykultur.com.tr/kitaplar/turk-edebiyatinda-berlin
  



Aras Ören: Was will Niyazi in der Naunynstrasse (Gedicht)

Ist Aras Ören ein deutscher oder türkischer Autor? Diese Frage wurde vielleicht sehr früh mit einem Literaturpreis beantwortet. Denn, Ören, der seit 1969 in Berlin lebt, ist der erste Preisträger des Adelbert-von-Chamisso-Preises für deutschsprachige Literatur von Autoren nichtdeutscher Sprachherkunft. Er hat diesen Preis erhalten, obwohl er auf Türkisch schreibt, wo er bei der Übersetzung seiner Werke ins Deutsche mit arbeitet. Er wurde in Deutschland bekannter, als in der Türkei, weil seine Texte sehr schnell ins Deutsche übersetzt wurden. Für Ulrich Gutmair ist Aras Örens Werk das Werk des ersten deutschen Autors, der auf Türkisch schreibt. Seine am meisten rezensierte Erzählung Was will Niyazi in der Naunynstraße, ist der erste literarische Text, der über türkische Migration in Berlin berichtet. Der Schauplatz ist, wie auch der Titel verrät, die Naunynstrasse in Kreuzberg.
„Aras Ören ist es gelungen, die Spannungen zwischen der trüben Umwelt der Naunynstraße und der Erinnerung an die Türkei, die sich mit den Jahren zur Illusion verdichtet, sowie die Illusion vom Leben in Deutschland und die soziale Realität in der Türkei in kräftigen Bildern und Handlungsabläufen wiederzugeben – ein Zeugnis der türkischen Odyssee und mehr, Zeugnis einer Erfahrung, die nicht nur auf die Türkei zurückwirken wird“ – so Ingeborg Drewitz am 16.12.1973 im Berliner „Tagesspiegel“.
Zuletzt erschien von ihm ein Lesebuchsammlung aus seinem früheren Werken, “Wir Neuen Europär” im Verbrecher Verlag.
www.verbrecherverlag.de/book/detail/845
Das Archiv des Schriftstellers wurde 2014 zur öffentlichen Nutzung an die Akademie der Künste übergeben.
www.adk.de/de/news/