Leselampe

2020 | KW 14

© privat

Buchempfehlung der Woche

von Ismar Hacam

Ismar Hačam, geboren 1991 in Livno (Bosnien-Herzegowina), studierte Germanistik und deutschsprachige Literaturen in Sarajevo, Würzburg und Berlin. Er arbeitet seit 2011 als freiberuflicher Übersetzer und außerdem seit 2017 im Literarischen Colloquium Berlin.

Lejla Kalamujić
Nennt mich Esteban
(Erzählband); Aus dem Bosnischen von Marie-Luise Alpermann, eta Verlag, Berlin 2020.

Ich war sehr aufgeregt, als ich letztes Jahr erfahren habe, dass Marie-Luise Alpermann an der deutschen Übersetzung des Erzählbandes “Zovite me Esteban” von Lejla Kalamujić arbeitet. Ich konnte es kaum erwarten, bis das Buch auch dem deutschsprachigen Publikum zugänglich ist. Umso trauriger war ich, als dieses Jahr, nachdem die Übersetzung “Nennt mich Esteban” beim ETA Verlag erschienen ist, eine Reihe der Lesungen mit der Autorin abgesagt werden musste. Deswegen habe ich mir dieses Buch als meine Leselampe-Empfehlung ausgesucht, in der Hoffnung, dass es jemandem diese seltsame Zeiten erleichtert.

Das Faszinierende (und gleichzeitig Verstörende) an diesem Buch ist die Leichtigkeit, mit der extreme Schmerzen und paralysierende Angst erzählt werden. In den fragmentierten Erinnerungen der Erzählerin werden traumatische Ereignisse aus ihrem Leben dargestellt: Verlust der Mutter, Krieg im ehemaligen Jugoslawien, Leben in einer belagerten Stadt, psychische Erkrankung, Akzeptanz der eigenen Sexualität. Diese werden aber lakonisch beschrieben, die ganze Intensität des Gefühls ist in einigen kurzen Sätzen konzentriert. Jeder Satz tut weh, ja, aber ihre Knappheit verhindert auch die Ausbreitung der Schmerzen. Vielmehr entsteht so ein Raum für Trauer, und zwar eine Art von Trauer, die als Balsam wirkt und uns vertröstet, indem sie uns zeigt, dass wir immer noch der Empathie fähig sind. Letztlich sind in jeder Erzählung flüchtige, manchmal fast banale, aber einprägsame Augenblicke des Glücks und der Liebe versteckt. Die Freude, diese Funken der Menschlichkeit entdeckt zu haben, wirkt den Schmerzen entgegen – langsam und leise, aber schonend und herzerwärmend.

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