Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Vasyl Lozynskyi

Ukrainischer Lyriker, Essayist und Übersetzer aus dem Deutschen und Polnischen. Ins Ukrainische übersetzte er u. a. Texte von Franz Kafka, Robert Walser, Ron Winkler und Uljana Wolf. Seine eigenen Lyrikbände erschienen in der Übersetzung auf Deutsch, Polnisch und Englisch. Ferner ist Redaktionsmitglied der Online-Zeitschrift "prostory" und gehört der Kuratorenvereinigung "Kunstrat" an. 
 

Liao Yiwu
Massaker. Frühe Gedichte
(Gedichte), Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann, hochroth Verlag, Berlin 2012

Tragödien werden in einzelnen Literaturen auf ihre eigene Art und Weise aufgearbeitet, deswegen ist es besonders wichtig, Poetiken, die ihre Wurzeln in einer anderen  Weltanschauung haben, u. a. die chinesische, kennenzulernen. Es sind die aussagekräftigen Bilder von unmenschlichen Taten, die genauen Beobachtungen und immer wieder die empfindsame poetische Mimesis, die diese Gedichte so spannend machen.

Die bekannte und lesenswerte Prosa Liao Yiwu’s erinnert mich an das neulich ins Deutsche übersetze Buch „Glückliche Fälle“ von Yewgenia Belorusets (Matthes & Seitz, 2019), meiner Kollegin in der Redaktion der ukrainischen Online-Zeitschrift „prostory“. Wie oft bei schwierigen Themen beschreibt der Autor Yiwu die Ereignisse und die Realität nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern ist vor allem ein Zuhörer und Interviewer. Bei Belorusets wird darüber hinaus auch noch die Veröffentlichung der Interviews und das allzu positive, sogar eschatologische Mythologisieren der Erzählgeschichte hinterfragt. „Glückliche Fälle“ ähnelt in der Schreibmethode vielen Prosabüchen von Yiwu, die im S. Fischer Verlag erschienen sind.

Mit „Massaker. Frühe Gedichte“, 2012 im hochroth Verlag Berlin erschienen, möchte ich ein einziges poetisches Büchlein von Liao Yiwu auf Deutsch empfehlen, welches die Gedichte über das Massaker im Jahr 1989 enthält. Im damaligen China wurden diese Gedichte auf Kassetten verbreitet und waren der Grund für die Verhaftung des Poeten, was auch in der Ukraine das Schicksal vieler Schriftsteller, Künstler und Intellektuellen bis in die frühen 80ziger Jahre war. Was ich besonders interessant an Stil der Gedichte finde, ist, dass sie sowohl politisch engagiert sind, als auch traditionelle Naturallegorien aufweisen, sowie Beschreibungen der beseelten Welt mit Details des alltäglichen Lebens verbinden.

Ich hatte die Gelegenheit eine Lesung und Performance von Liao Yiwu 2013 in Graz zu besuchen und konnte dem Künstler die Hand schütteln.

 

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