Leselampe

2020 | KW 27

© Marlen Mueller

Buchempfehlung der Woche

von Emilia von Senger

Emilia von Senger, geboren 1987, hat in Frankreich Politik studiert und im Frankfurter Bahnhofsviertel an einer Grundschule gearbeitet. Jetzt schreibt sie im Internet über Bücher und eröffnet im Herbst 2020 ihre eigene Buchhandlung in Neukölln. Bei She said wird sie ausschließlich Bücher von Autorinnen und queeren Autor·innen verkaufen.

James Baldwin
Von dieser Welt
(Roman); Aus dem amerikanischen Englisch von Miriam Mandelkow, dtv, München 2018

Schon mit dem ersten Satz eröffnet James Baldwin eine ganze Welt: „Alle hatten immer gesagt, John werde später Prediger, genau wie sein Vater“. John ist also noch jung, aus ihm ist noch nichts geworden. Aber von ihm wird schon viel erwartet, ihm wird das gleichzeitig einfachste und schwierigste menschliche Gefühl abverlangt: der Glauben an Gott.

Anders als andere Jugendliche in seiner Gemeinde Temple of the Fire Baptized wurde John noch nicht errettet: „Eines Tages, so behaupteten alle, würde diese Kraft sich auch seiner bemächtigen; er würde singen und schreien wie sie jetzt und vor seinem König tanzen.“ John spürt den Druck, die Hoffnung seiner Eltern, den Zorn seines Vaters Gabriel. Ein gottesfürchtiges Leben scheint unausweichbar, aber er wehrt sich innerlich, ist fasziniert von den sündhaften Versuchungen der großen leuchtenden Stadt: „Hier, wo Häuser die Macht Gottes anfochten und Männer und Frauen Gott nicht fürchteten, hier konnte er nach Herzenslust essen und trinken und seinen Körper in herrliche Stoffe kleiden (...).“ Aber was ist mit seiner Seele, fragt er sich, wer ist er „die Herrlichkeit der Ewigkeit für einen Augenblick der Unbeschwertheit“ wegzuschleudern?

Während er am für ihn vorgeschrieben Weg zweifelt, erwacht sein sexuelles Begehren. Elisha, ein etwas älterer Junge aus der Kirche, ist für John gleichzeitig ein Vorbild im Glauben und Objekt der Begierde: „John starrte Elisha die ganze Zeit an, er bewunderte das Timbre seiner Stimme, die so viel tiefer und männlicher war als seine eigene, bewunderte seine Hagerkeit und Anmut und Kraft und Dunkelheit dort in seinem Sonntagsanzug und fragte sich, ob er jemals so gottgefällig sein werde wie Elisha.“ James Baldwin war homosexuell, in diesem ersten Roman verarbeitet er sein eigenes Aufwachsen im Harlem der 30er Jahre. Dazu gehört das Erwachen seines Begehrens, der Kampf mit dem Glauben, und das komplizierte Verhältnis zu seinen Eltern: zum gefürchteten Stiefvater und der geliebten Mutter.

Eltern können für ihre Kinder, die doch so nah bei ihnen aufgewachsen sind, Mysterien sein. Alte Fotos und Geschichten aus der Zeit von ihrer Geburt werden von Kinderaugen und Kinderohren mit Bedeutung aufgeladen, ein Leben als eigenständige Personen erscheint beinahe unerhört. John ist fasziniert davon, dass sein Vater schon einmal mit einer Frau namens Deborah verheiratet war: „Sie hatte ihren Vater in einem Leben gekannt, in dem es John nicht gab, in einem Land, das John nie gesehen hatte“. Auf einem alten Foto sieht er seine Mutter so lachen, wie sie vor ihm nicht mehr lachen konnte. „Zwischen diesen beiden Gesichtern lag eine geheimnisvolle Finsternis, die John fürchtete und die ihn manchmal dazu brachte, sie zu hassen.“

Anders als John lässt Baldwin uns Leser*innen sehr wohl in das Leben der Eltern vor seiner Geburt eintauchen. Er konstruiert in seinem Debüt (!) von 1952 eine so seltene wie kunstvolle Verflechtung: nicht nur John erzählt, sondern ebenso die zunächst als opak wahrgenommenen Erwachsenen, sein Stiefvater Gabriel, seine Mutter Elizabeth und seine Tante Florence. Einfache Urteile sind nicht mehr möglich, da jede Lebensgeschichte in ihrer Komplexität und ihrem Schmerz aufgefächert wird. Der Prediger Gabriel war lange Zeit ein Säufer und Herumtreiber, doch im Gegensatz zu seiner Schwester bleibt er bei seiner sterbenden Mutter im Süden. Elizabeth ordnet sich ihrem autoritären Ehemann Gabriel unter, nicht aus Schwäche sondern aus Alternativlosigkeit. Nur er kann sie vor der Schmach einen vaterlosen Sohn zu erziehen, bewahren. In dieser Art eine Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen, offenbart sich Baldwins vollkommener Humanismus.

In diesen Tagen Baldwin lesen, könnte fast als Imperativ formuliert werden. Er schreibt eine Geschichte aus dem Schwarzen Harlem, alle Personen sind Schwarz. Doch diese Welt kann nicht ohne die Allgegenwärtigkeit der weißen Unterdrückung erzählt werden. Es gibt kein Schwarzes Leben in den USA, in dem nicht jederzeit durch weiße Menschen Ungerechtigkeit und Gewalt, ja Mord, verübt werden können: „Auf einmal schien die Ecke, an der sie standen, unter schwerer Todesgefahr zu wanken. Es schien einen Augenblick, als würden Tod und Zerstörung auf sie zurasen: zwei schwarze Männer allein in der stillen dunklen Stadt, durch die weiße Männer wie Löwen pirschten – welche Gnade konnten sie sich erhoffen, sollten sie erwischt werden, wie sie hier miteinander sprachen?“

Baldwins Kunst ist es den Leser·innen keine Gewissheiten zu lassen. Man spürt die Gefahr immer wieder, aber sie tritt nicht immer ein. Oder zumindest nicht so, wie erwartet. Als sich Richard, der wahre Vater von John, zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort befindet, wird er für einen Einbruch verantwortlich gemacht. Er wird auf die Wache gebracht und von der Polizei gefoltert, weil er sich weigert eine nicht begangene Straftat zu gestehen. Entgegen jeglicher Erwartung an ein rassistisches System spricht das Gericht ihn frei, doch das bringt keine Erlösung. Die, vermutlich seit Anbeginn seines Lebens, erfahrene Gewalt führt ihn zum Selbstmord. Elizabeth, Johns Mutter, bleibt alleine mit dem ungeborenen Sohn zurück. Und so beginnt der unebene Weg des Vaterlosen zum Vater im Himmel.

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