Leselampe

2020 | KW 13

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Buchempfehlung der Woche

von Klaus Ungerer

Klaus Ungerer lebt als freier Autor in Berlin. Er schrieb und schreibt für verschiedene Medien, seit 2017 ist er Textchef der Wochenzeitung "Der Freitag". Neben seiner journalistischen Arbeit hat Ungerer immer auch literarisch veröffentlicht, in Literaturzeitschriften, Zeitungen und Anthologien, mehrere Bücher sind veröffentlicht. Von Juli 2015 bis Juli 2017 pflegte er auf Twitter das Lyrik-Langzeitprojekt #kungstag, in dem er täglich einen Moment seines Lebens zu einem Tweet-Gedicht verarbeitete. (Twitter: @klausungerer)

Nicola Pugliese
Malacqua. Vier Tage Regen über Neapel in Erwartung, dass etwas Außergewöhnliches geschieht.
(Roman); Aus dem Italienischen von Barbara Pumhösel, Launenweber Verlag, Köln 2019.

Es regnet, regnet und regnet. Neapel wird nass. Sturzbäche laufen seine Straßen hinunter, der Bus spritzt den Menschen die Hosen fleckig aus schmutzigen Pfützen. Cafés bleiben leer. Das Erdreich kommt ins Rutschen. Häuser stürzen ein. So viel zum Inhalt. Mehr passiert nicht, na und? Schon der Titel weht uns an als Befreiung von Plot, Schweiß und Tränen: „Malacqua. Vier Tage Regen über Neapel in Erwartung, dass etwas Außergewöhnliches geschieht.“ Da weiß man schon. Dass man nichts weiß. Dass Begreifenwollen, Erzählenwollen nur eine Form von geistiger Verengung ist. Dass Erzählen der Welt Gewalt antut. Weil es sich aufs Verwertbare, auf Ursache, Wirkung und Bedeutung konzentriert, alles andere aber weglässt, allen Schlick und Matsch, alle Stolperer ohne Konsequenz, alles Blubbern halb gefühlter Gefühle, die abgebrochenen Gedankengänge, alle scheuen Blicke, aus denen nichts folgt.

So aber ist das Leben, auch das von Andreoli Carlo, einer Art Hauptfigur: grübliger Zeitungsredakteur, dem das Buch einen Prolog gönnt, ehe das Sturzwasser über seine Stadt kommt. Analysejunkies führt sein Vorhandensein in Versuchung. Ließe sich nicht diese untergurgelnde, semidepressive Stadt Neapel als Spiegelbild seiner Seele sehen?

1977 erschien das Buch. Genau eine Auflage. Vergessenes Werk, vergessener Autor Nicola Pugliese, das reicht gerade, um „Kultbuch“ auf den Umschlag zu schreiben. Es ist das Porträt einer Stadt, das Porträt eines Ausnahmezustands. Oder ist doch jedes Wort nur Andreoli Carlo? Er, der im letzten Kapitel sehr, sehr lange zur Rasur vor dem Spiegel steht, sein älter werdendes Gesicht inspiziert und mit Wasser und Schaum bedeckt, während er das weitere Überleben der Stadt im Regen imaginiert? Man freut sich über einen solchen störrisch verharrenden Erzähler und Erträumer in unserer durchökonomisierten Literaturlandschaft. Freut sich über ein Buch, das sie zwar Roman nennen, und doch ist es mehr wie der zitternde Puls eines Gedichts, ein Innehalten, ein Hineinlauschen in auftauchende, vergehende Einzelmenschen, in eine graue Trübnis; ein Taumeln durch eine Welt aus losen Enden.

Irgendwann, außerhalb dieser Welt, wird dann der Regen wieder aufgehört haben, wird die Rasur beendet sein. Die Kinder werden wieder auf den Straßen spielen, das Meer wird wieder glitzern, und alles wird wie früher sein. Nur jetzt eben nicht. Jetzt ist da diese Seltsamkeit. Eine Veränderung kündigt sich an, die nie eintreten wird. Vielleicht ja eine Flut.

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2020

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