Leselampe

2020 | KW 14

Buchempfehlung der Woche

von Johanna Steiner

Johanna Steiner, 1988 in Gera geboren, hat nach ihrem Germanistik-Studium in Leipzig und Leiden/Niederlande an der Queen Mary University of London und der Universität Rostock gearbeitet und lebt seit fünf Jahren in Berlin. Sie promoviert im Fachbereich Neuere deutsche Literaturwissenschaft über eine Autorenkolonie in der DDR und engagiert sich in der freien und institutionellen Berliner Literaturszene. Sie ist Mitglied der Berliner Literarischen Aktion e.V. und dem LCB schon lange verbunden – zunächst als Praktikantin, dann in verschiedenen Projekten, etwa dem Grenzgänger-Programm der Robert-Bosch-Stiftung und dem Preis der Leipziger Buchmesse. Seit Sommer 2019 ist sie als Redakteurin für die Plattform dichterlesen.net tätig.

Annie Ernaux
Erinnerung eines Mädchens
Aus dem Französischen von Sonja Fink, Suhrkamp Verlag, Berlin 2018.

Vor ungefähr drei Wochen – mir kommt es vor, als sollte ich „damals“ sagen: damals, als die Geschäfte noch geöffnet hatten – stand ich mit einem Vorsatz in einem Buchladen: Ich hatte zu Weihnachten einen Gutschein bekommen und wollte mir davon Bücher kaufen, die ich mir normalerweise nicht kaufen würde. Ich wollte einen Krimi, weil ich noch nie einen gelesen hatte und ein Buch, das ich zufällig aus dem Regal ziehen wollte. Ich verließ den Laden mit einem US-amerikanischen Kriminalroman, dessen Autor und Titel ich nicht nennen möchte, weil er so schlecht war, und mit Erinnerung eines Mädchens von Annie Ernaux.

Ich hatte von Ernaux schon gehört; sie ist eine bedeutende französische Schriftstellerin und in den letzten Jahren auch im deutschen Feuilleton für ihre (auto-)biographischen Texte gefeiert worden. Aber ich hatte nichts von ihr gelesen. Normalerweise hätte es mich gestört, dass ich nun nicht ihr erstes Buch vor mir hatte – denn eigentlich lese ich das Oeuvre eines/r Autoren/in chronologisch von Früh- bis Spätwerk, ich bin da sehr unflexibel – aber so war es; es war dem Zufall des Griffs im Buchladen geschuldet.

Erinnerung eines Mädchens ist ein schmales Bändchen, es umfasst kaum 160 Seiten. Es handelt sich nicht um eine konventionell erzählte Geschichte, das wird beim Lesen schnell klar. Aber was ist es dann? Das Bruchstück einer Autobiographie? Ein Geständnis? Ein Rechenschaftsbericht? Im Text fällt das Wort „Selbsterzählung“, das kommt dem Charakter dieses Buches wohl am nächsten. Ernaux versucht, den Ereignissen des Sommers 1958 und seinen Folgen auf die Spur zu kommen. In besagtem Sommer verbringt die damals 18-Jährige sechs Wochen als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Zum ersten Mal ist sie von zu Hause fort, zum ersten Mal trifft sie auf Männer – sie besuchte zuvor ein katholisches Mädchenpensionat. Bereits am dritten Tag in der Kolonie geschieht etwas, das ihr Leben aus den Fugen geraten lässt: Eben noch auf der ersten Party ihres Lebens, findet sie sich im Zimmer des aufdringlichen Chefbetreuers wieder und verbringt mit ihm die Nacht – ob freiwillig oder eher willenlos, das vermag weder die Annie von 1958 noch die sich erinnernde von 2014 zu sagen. Während das Mädchen, betäubt und überrumpelt, nicht begreift, was ihr geschehen ist, machen sich die anderen Betreuer über sie lustig, erniedrigen sie, beschimpfen sie als „Nutte“. Aber das Mädchen von damals nimmt nichts davon wahr; sie lässt das alles – und noch viel mehr – über sich ergehen, denn sie will zur Gruppe dazugehören und ihren neuen „Geliebten“ nicht verprellen. Diesem Sommer folgen Jahre, in denen sie von der Meinung anderer abhängig wird. Sie will besser, klüger, schöner werden, um den anderen, vor allem dem Chefbetreuer, zu gefallen. Dass sie darüber krank und unglücklich wird, bemerkt die junge Frau nicht. Erst die Lektüre von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht wird zum Erweckungsmoment. Sie erkennt mit Scham, dass sie sich zum Objekt der Begierde anderer gemacht hat und findet nur langsam zu sich selbst zurück.

Annie Ernaux wählte für diese Erlebnisse eine ungewöhnliche Form. Es wird keine stringente Geschichte erzählt. Sie wollte ihr heutiges Wissen um den Fortgang ihres Lebens nicht einfließen lassen, wollte sich unmittelbar in den Erlebnis- und Erfahrungshorizont des Mädchens, das sie einmal gewesen ist, hineinversetzen. Dabei reflektiert sie den Schreib- und Erinnerungsprozess in den Jahren 2014/2015 stets mit.

So kommt es denn auch, dass die Erinnerungen häufig im Präsens verfasst sind und dass Ernaux über ihr früheres Selbst in der „sie“-Form schreibt, denn zwischen ihr und dem „Mädchen von 58“ vermag sie keine Identität herzustellen. Zudem reihen sich die Erinnerungen in einzelnen, für sich stehenden Bildern aneinander. Gemeinsam mit Ernaux betrachtet der Leser ihre Vergangenheit wie durch eine Kamera, denn das, was sie erlebt hat, erinnert sie vorwiegend visuell.

Ernaux gelingt es so, sich in ihr 18-jähriges Ich hineinzuversetzen und nicht der Verführung zu erliegen, den Eindruck einer teleologischen Zwangsläufigkeit der Ereignisse zu erzeugen – eine Gefahr, die bei (Auto-)Biographien immer besteht. So beschreibt sie das Konstruktionsprinzip dieses Textes denn auch wie folgt: „Ich konstruiere keine Romanfigur. Ich dekonstruiere das Mädchen, das ich gewesen bin.“

Was mich an diesem Buch mit Abstand am meisten beeindruckt, ist die Schonungslosigkeit der Autorin sich selbst gegenüber; eine Schonungslosigkeit, die an keiner Stelle in Selbsthass oder Rechtfertigungsfloskeln kippt. In der Zeit, über die Ernaux schreibt, war sie jung, sie hatte eben nicht die Weisheit mit dem berühmten Löffel gefressen, sie war naiv, unerfahren, unsicher und ein bisschen überheblich. Alles, was Ernaux mit diesem Text wollte, ist, dieses Mädchen zu verstehen – nicht mehr und nicht weniger. Dabei war sie so gnädig, uns, die Leser, mit auf diese „Reise“ in die Vergangenheit zu nehmen. Großartig.

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2020

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