Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Daniela Danz

Geboren 1976 in Eisenach. Autorin und Kunsthistorikerin. Kunstgeschichte in Tübingen, Prag, Berlin, Leipzig und Halle. Architekturhistorische Promotion. Seit 2009 ist sie Lehrbeauftragte der Universität Hildesheim und seit 2013 leitet sie das Schillerhaus in Rudolstadt. Leitung internationaler Jugendschreibprojekte. Mitglied der Akademie der Wissenschaft und der Literatur Mainz. Zahlreiche Auszeichnungen (u. a. Kunstpreis Berlin der Akademie der Künste Berlin 2018, Deutscher Preis für Nature Writing 2019). Zuletzt erschien ihr Roman "Lange Fluchten" (2016), im Herbst wird ihr neuer Gedichtband „Wildniß‟ veröffentlicht.

Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz, Rainer Stadler, Wiebke Ramm (Herausgeber)
Der NSU-Prozess. Die Protokolle
Verlag Antje Kunstmann, München 2018.

Zwar ist es nicht so, dass nun, wo einige Akzidentien wegfallen, die Zeit wäre, den Backstein des NSU-Protokolls von vorne bis hinten zu lesen, aber es hat sich im letzten Jahr zu einem ebenso dunklen Magnetfeld meines Bücherregals entwickelt wie zehn Jahre zuvor Swetlana Alexijewitschs Buch „Tschernobyl‟ – ein Buch, an dem der Blick immer wieder hängenbleibt, auch wenn man nur mal über die Reihen schauen wollte. Und nach der Nachricht vom plötzlichen Tod des hessischen Finanzministers Thomas Schäfer vor ein paar Tagen blieb der Blick wieder einmal daran hängen. Noch einmal habe ich die Protokolle jener Tage gelesen, an denen der Verfassungsschützer Andreas Temme vernommen wurde und wieder war ich frappiert davon, wie er sich nach und nach um Kopf um Kragen redet, wie immer mehr rätselhafte Verbindungen zu Tage treten, frappiert auch von der Umständlichkeit und Stereotypie von Temmes Sprachwahl, frappiert schließlich von der Vehemenz des Richters, der keinen aller Gründe zum Zweifel an der Glaubhaftigkeit des Zeugen Temme gelten lassen will. Das Protokoll, das man auch über die Bundeszentrale für politische Bildung beziehen kann, beinhaltet im ersten Band die Beweisaufnahme von Mai 2013 bis Juli 2017 und im zweiten Band die Plädoyers und das Urteil sowie weitere Materialien. Es hat ein Namens- und Ortsregister und zwei weitere nach Tat- und Themenkomplexen geordnete Aufstellungen, so dass man durchaus rote Fäden durch die schiere Textmenge ziehen kann und auch an einem freien Abend schon eine Menge lernt, wenn es denn, hat man einmal damit angefangen, bei einer abendlichen Lektüre bleibt. Eines ist nach der auch nur auszugsweisen Lektüre des Protokolls jedenfalls klar: Der NSU-Prozess ist zwar abgeschlossen, die Urteile sind gesprochen, aber aufgeklärt sind diese Taten nicht und die offenen Fragen reichen in unsere Gegenwart.

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2020

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