Leselampe

2020 | KW 16

© privat

Buchempfehlung der Woche

von Thorsten Dönges

Programm LCB

Jürg Federspiel
Die Ballade von der Typhoid Mary
(Roman), Suhrkamp Verlag, 1992 (EA:1982).

Das Pilates-Studio ist geschlossen, also habe ich im Wohnzimmer eine Behelfsmatte entrollt, damit auch in Corona-Zeiten fleißig geturnt werden kann, jetzt halt zwischen Bücherregalen und -stapeln. Das eröffnet vollkommen neue Perspektiven auf die gedruckten Vorräte. Auf einem Stapel, der in meinen Blick gerät, als ich in die Katze gehe, entdecke ich Jürg Federspiels „Ballade von der Typhoid Mary“. Das wollte ich schon lange lesen, und jetzt ist ja wohl der Moment.

1982 wurde das Buch veröffentlicht, in dem der Schweizer Federspiel einen New Yorker Kinderarzt die Geschichte von Mary Mallon erzählen lässt, berühmt und berüchtigt geworden als Typhoid Mary.

In Federspiels Version kommt sie 1868 als Maria Caduff aus der armen Schweiz in die USA. Sie, die unbedingt als Köchin arbeiten möchte, weiß nicht, dass sie Typhusüberträgerin ist, ohne selbst Symptome zu zeigen. Und so nimmt eine Geschichte von Krankheit und Tod ihren Lauf, eine Geschichte voller Demütigung, Schuld und Einsamkeit. Seltsam fern und ungeheuer aktuell ist, was wir hier lesen; und immer wieder wartet das Buch mit Zeilen, Sätzen, Gedanken auf, die so stark und zeitlos sind, dass sie sich im Gedächtnis festhaken und lange nachwirken.

Einen großen Schatz hat mir der Bücher-Notvorrat wieder einmal geschenkt!

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2020

40