Leselampe

2020 | KW 17

© Tata Ziegler

Buchempfehlung der Woche

von Regina Menke

Regina Menke studiert in Hildesheim Philosophie und war von Januar bis März Praktikantin im LCB.

Miron Białoszewski
Wir Seesterne
(Gedichte polnisch / deutsch); Übersetzt und herausgegeben von Dagmara Kraus, Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2012.

Das titelgebende Gedicht Wir Seesterne ist vielleicht zugleich eines der schlichtesten in dieser Sammlung, und ein Satz daraus, Ein verlassener Ort tut oft weh, passte einmal so gut zu meinen Lebensumständen, dass mir, als ich ihn zum ersten Mal las, unwillkürlich klar war, dass er stimmt (was mir nicht oft passiert). Jetzt bin ich froh, mir den Band rechtzeitig vor dem Shutdown in der slawistischen Zweigbibliothek der Humboldt-Universität ausgeliehen zu haben und ihn behalten zu dürfen, bis die Bibliothek wieder öffnet.

Miron Białoszewski, geboren 1922 in Warschau, war Lyriker, Dramatiker und Betreiber eines experimentellen Zimmertheaters im Warschau der Nachkriegszeit. Sein Freund Tadeusz Sobolewski, der später Białoszewskis Tagebücher herausgab, berichtet in einem Vorwort, dass der Dichter sich manchmal nächtelang in den Wohnungen seiner Freunde herumtrieb, mit Medikamenten nachhalf, um länger wachbleiben zu können und danach 24 Stunden lang zu schlafen, seine Gäste bisweilen von einer Liege aus empfing und im Winter im Bett schrieb, unter einer Decke, mit Ohrenschützern. In einem seiner Tagebucheinträge erzählt Białoszewski von einer Lesung, während der er eine Tagebuchpassage vorlas, mit deren Qualität er nicht ganz zufrieden war, und kommentiert: „Aber da muss man wohl entweder seltener schreiben. Und unregelmäßig. Nur dann gibt’s Verdichtungen. Oder man führt Tagebuch, und dann läuft’s halt, wie es läuft.“ Gerade so läuft es mit den in Wir Seesterne abgedruckten Gedichten nicht. In der von Dagmara Kraus kuratierten und ins Deutsche übersetzen Auswahl seiner zwischen 1956 und 1988 auf Polnisch veröffentlichten Gedichte trifft man ein Ich, das sich ständig ein wenig dekonstruiert und wieder neu konstruiert, sich ständig über die Welt und sich selbst wundert, dabei oft einen gewissen, bisweilen ironischen Abstand zur eigenen Erfahrung einhält, sich von derselben jedoch nie ganz entkoppelt: „Liegen/ins Michstrecken hinein/ohne jeden Querstrich Groll, der verkürzt/man geht nur der Länge nach, geht und geht/löst sich ins Sich-gut-gehen-lassen/es ist endlos//liegend eigne ich mich nicht zum Aufstehen“. Beschreibungen alltäglicher Situationen und des oft an sie gebundenen subtilen Unbehagens (das erste Austernessen auf „Befehl“ eines Freundes beim ersten Parisbesuch, mit einem „Alles-egal-Geschmack“ und der Gewissheit, sie danach nie wieder essen zu brauchen) reihen sich an ironische (und doch behutsame) Überführungen kirchlich-spiritueller Motive in konkrete Szenen (wie in dem Gedicht „Schwierig, nicht zu schweben (Karmelitischer Klatsch)“), Dingstudien an Studien des eigenen (Nicht-)schreibens, Auseinandersetzungen mit Krieg an private Auseinandersetzungen mit Krankheit und Sterblichkeit. Wie genau und raffiniert Białoszewski dabei lautlich und formal vorgeht, lässt sich in den mitabgedruckten polnischen Originalgedichten nachverfolgen. Anhand des Gedichtes Mironczarnia erläutert Białoszewski in einem an anderer Stelle abgedruckten Brief an eine französische Übersetzerin sein Verfahren: „Dieses Gedicht ist authentisch. „Niepotraf“ ist einer der „nie potrafi“ [„nicht kann“]. „Cozrobień“ hat hier eine Form und „co-zrobień“ [„(der) Was-Macher“] – im Einzelnen wie „przechodzień“ [„vorbeigehender Tag“]. „Yeń“ ist bloß noch Lautschema, das sich mit Worten assoziieren lässt wie „leń“ [„Faulpelz“], aber das „y“ zerdehnt das Wort wiederum, lässt es fauler und vielleicht schwieriger, daher doppeldeutig wirken.“

Białoszewski rät der Übersetzerin, hierfür eine französische Entsprechung zu finden. Auf wie viele unterschiedliche Weisen in einer anderen Sprache nach Entsprechungen für Białoszewskis grammatische Überschreitungen gesucht werden kann, zeigen im letzten Teil von Wir Seesterne die von drei Originalgedichten ausgehenden Nachdichtungen von insgesamt sieben deutschsprachigen Lyriker*innen (darunter Kerstin Preiwuß, Ulf Stolterfohlt und Monika Rinck), die mit ihren verschiedenen Versionen unterschiedliche Nähe- und Distanzgrade zu den Originalen ausloten. Es bereitet Freude, die verschiedenen Lösungen miteinander zu vergleichen, und darüber nachzudenken, wie man es selbst gemacht hätte.

In dem schon oben zitierten Vorwort schreibt Tadeusz Sobolewski in Bezug auf Miron Białoszewski: „Das Ziel des Schreibens ist schließlich immer ähnlich: sich an der Wirklichkeit zu sättigen, und auch wenn es rundherum immer schlimmer wird wie in Zeiten des Kriegsrechts oder im Krankenhaus noch das Schicksal anzunehmen“, und auch wenn das vielleicht ein wenig zu weise klingt, scheint es mir in allen möglichen Welt- und Lebenslagen kein allzu unkluges Vorhaben zu sein. Ich schlage also vor, es zumindest zu versuchen mit dem Sich-Sättigen an der Wirklichkeit, und ich denke, diese Gedichte können behilflich sein!

Anmerkungen: Das Vorwort und die Tagebuchstelle sind zitiert nach: Miron Białoszewski: Das geheime Tagebuch. Ausgewählt und mit einer Einleitung versehen von Tadeusz Sobolewski, aus dem Polnischen von Dagmara Kraus, edition.fotoTAPETA, Berlin 2014

Der Brief an eine französische Übersetzerin ist zitiert nach: Miron Białoszewski: Vom Eischlupf. Nachdichtungen polnisch / deutsch. Herausgegeben von Dagmara Kraus, Verlag Reinecke & Voß, Leipzig 2015

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