Leselampe

2020 | KW 18

© Philippe Matsas

Buchempfehlung der Woche

von Samuel Hamen

Samuel Hamen ist Literaturwissenschaftler, Literaturkritiker und -blogger (Ltrtr.de) für deutsche und luxemburgische Medien sowie Lyriker und Schriftsteller. Seit 2017 ist er freier Mitarbeiter von Zeit Online, seit 2018 des Deutschlandfunks. In diesem Jahr wurde ihm das 'BICHERFRËNN'-Stipendium zuerkannt, welches einen zweimonatigen Aufenthalt im LCB beinhaltet...

Thomas Stangl
Die Geschichte des Körpers
(Erzählungen), Literaturverlag Droschl, Graz 2019.

Beim Lesen von Thomas Stangls Die Geschichte des Körpers wurde mir sehr schnell zweierlei klar: dass ich zu viele schlechte Filme schaue und zu viele Bücher lese, die wie diese Filme sein wollen. Ich kenne keinen anderen Autor, der es innerhalb kürzester Zeit hinbekommt, einen Text schwelen, zittern, atmen und dämmern zu lassen – und das eben als Text, als Sprachgebilde. In dem schmalen Erzählband reichen ihm hierfür ein, zwei Seiten. Ein Wort wie Nischenhocker wird in einer Miniatur begutachtet, en passant entfaltet sich dabei die Asozialität des mutmaßlich Sozialen. (Lustig ist’s auch noch.) In Nur ein alter Mann richtet sich eine Figur in einer Art desolatem Bekenntnis an den Leser und erzählt auf wenigen Seiten von Überwachung, Resignation und Rückzug. Kein Anlass, keine Pointe, keine Hoffnung. (Besonders toll ist auch: Das Institut.)

Es ist keine Punktpunktpunkt-Prosa, die stolz darauf ist, verstanden zu haben, was für eine Wirkung eine Auslassung haben kann. Es ist auch keine Atmosphäre-ist-alles-Literatur, die sich durchgängig am Heraufbeschwören von Stimmungen ergötzt. Eigentlich weiß ich nicht so recht, was Stangl da macht. Die Erzählungen haben etwas Verlegenes an sich, so, als hätten sie etwas sehr Schönes oder sehr Schreckliches erblickt, das sie einem mitteilen wollen, obwohl sie daran zweifeln, überhaupt Worte dafür zu finden. Zugleich ist von der ersten Seite an klar, dass es eben nur mit Worten und deren Resonanz vorangeht, nicht mit filmischen Anleihen, mit edgy pointierten Szenen, eifrig evidenten Dialogen und Handlungen, die immer, wirklich immer auf etwas hinauslaufen müssen. Wenn es nicht so ein fürchterlicher Begriff wäre, würde ich am liebsten sagen: Es ist Literaturliteratur.

PS: Auf ihre Weise genauso lesenswert: die Essaybände Freiheit und Langeweile sowie Reisen und Gespenster.

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2020

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