Leselampe

2020 | KW 18

Buchempfehlung der Woche

von Sophie Wennerscheid

Sophie Wennerscheid ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin mit einem besonderen Interesse für Literatur, Kunst und Film aus dem Norden. Sie lebt in Berlin und forscht und lehrt als Skandinavistin an der Universität Kopenhagen. Sie hat über den Philosophen Søren Kierkegaard promoviert, regt sich über die Filme Lars von Triers auf und liebt die bizarren Texte Karen Blixens. 2019 hat sie das Buch Sex machina. Zur Zukunft des Begehrens bei Matthes & Seitz Berlin veröffentlicht, in dem es um die Bedeutung neuer Technologien für die menschliche bzw. eben nicht mehr menschliche, sondern technisch überformte, „posthumane“ Sexualität geht.

Tania Blixen
Babettes Fest
(Novelle); Aus dem Englischen von W.E. Süskind, Manesse Verlag, Zürich 1992.

Leichtfüßig als sei weiter nichts dabei und doch an das große Geheimnis der Kunst und des Lebens rührend, erzählt die dänische Autorin Karen (oder auch Tania) Blixen in ihrer 1950 erst auf Englisch, dann wenig später in leicht überarbeiteter Form auf Dänisch erschienenen Novelle Babettes Fest von einer unerhörten Begebenheit. Im Jahr 1871 führt das Schicksal die aus Paris geflüchtete Französin Babette an die Küste Nordnorwegens, eine Kommunarde, wie man sich zuflüstert. Sie findet Aufnahme bei den in die Jahre gekommenen Jungfrauen Martine und Philippa, den Töchtern des verstorbenen Probstes einer weltabgewandten protestantischen Gemeinde, denen sie von da an ergeben den Haushalt führt. Stockfisch und Brotsuppe bereitet sie bald besser zu als jeder andere. Und doch bleibt eine leichte Unruhe. Die erreicht ihren Höhepunkt, als die Schwestern viele Jahre später Babettes eindringlicher Bitte nachgeben, ein Festessen ausrichten zu dürfen. 12 Gäste versammeln sich am Tisch, unter den Grauen und Gnarzigen ein einziger bunter Vogel, General Löwenhjelm, ein ebenfalls vom Schicksal Herbeigeführter. Und der Einzige, der nicht glauben kann, was ihm serviert wird. Ein Veuve Cliquot 1860, Schildkrötensuppe und schließlich gar Cailles en Sarcophage. Ohne Wirkung aber bleibt das Essen auch bei den Gemeindemitgliedern nicht. Eine nie gekannte Seligkeit überkommt sie, die Zungen lösen sich, alte Wunden verheilen. Nur Martine und Philippa durchzittert es. Haben sie es mit einem Werk des Teufels zu tun? Oder wurde ihnen eine Offenbarung zuteil? Die Erklärung der erschöpft in der Küche sitzenden Babette ist die ihrer Autorin: Es ist Kunst. Und zwar die, die gelingt, wenn man sein Allerbestes gibt. Und sei es auch dem Teufel.

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