Leselampe

2020 | KW 19

Buchempfehlung der Woche

von Juliane Schallau

Juliane Schallau ist 1992 in Frankfurt (Oder) geboren und promoviert im Fachbereich Amerikanische Literatur und Kultur an der Universität Potsdam über Zeitlichkeiten von Schuld im Werk William Faulkners. Seit 2018 arbeitet sie im Literarischen Colloquium Berlin, wo sie das Grenzgänger-Förderprogramm sowie das Online-Tonarchiv Dichterlesen.net betreut und englischsprachige Beiträge des Nachrichtenportals LCB diplomatique ins Deutsche übersetzt.

Eudora Welty
Losing Battles
(Roman), Random House, New York 1970.

Ein Familienfest, wie es die Beecham-Renfros in Eudora Weltys Losing Battles anlässlich des neunzigsten Geburtstages ihres ältesten Mitglieds, Granny Vaughn, begehen, mag einem dieser Tage schon beinahe sonderbar vorkommen. Wer aber in der Stille des eigenen Heims das Stimmengewirr einer Großfamilie vermisst, wird in Weltys Roman auf seine oder ihre Kosten kommen. Aber Losing Battles ist nicht einfach irgendein Familienroman, sondern in erster Linie ein großartiges erzählerisches Experiment: Die Romanhandlung wird fast ausschließlich über Dialoge transportiert; die einzelnen Familienmitglieder plappern aufgeregt durcheinander. Am Innenleben der Figuren haben wir kaum teil. Somit wird Welty der mündlichen Überlieferung, dieser für den Handlungsort im sogenannten Deep South so zentralen Besonderheit, gerecht.

Weltys Figuren sind fast ausnahmslos begnadete Geschichtenerzähler·innen, deren gemeinsame Komposition dem oder der Leser·in schließlich verrät, warum zu Beginn des Romans eigentlich alle auf Jack Renfro warten. Dieser macht sich aus dem Staatsgefängnis auf den Weg zur Geburtstagsfeier seiner Urgroßmutter, obwohl er eigentlich erst am Folgetag entlassen werden sollte. Die Erzählung, wie er dort gelandet ist, ist die erste in einer langen Reihe von Verlust- und Verlierergeschichten der Familie, die über die Not der südstaatlichen Farmer zu Zeiten der Großen Depression Aufschluss geben. Dennoch ist Losing Battles alles andere als ein trübsinniger Roman, und besticht trotz alledem durch Weltys unübertroffenen Humor. Denn so gewiss die Niederlagen von Jack und seiner Familie auch sein mögen, so ungebrochen ist ihre Hoffnung – und teilweise auch ihre Naivität – mit der sie in jeden aussichtslosen Kampf ziehen.

Weltys letzter Roman ist 1970 erschienen und vermag die Stimmung seines Schauplatzes im nördlichen Mississippi auch fünfzig Jahre später noch zu vermitteln: Die trockene Hitze, durch die an einem Sonntag im August die Stimmen derer schwärmen, die von einem nicht totzukriegenden Gestern erzählen. Im Eudora Welty House in Jackson, Mississippi, bekommt man den Ratschlag, sich einige von Weltys Lesungen anzuhören, um schließlich mit ihrem Südstaaten-Akzent im Ohr die eigene Lektüre ihrer Werke zu beginnen. Befolgt man den Rat, wird man mit einem vollkommenen Leseerlebnis belohnt. Denn das dialogische Prinzip von Losing Battles gibt schließlich auch den einzigartigen Klang und Rhythmus dieser wahrhaft mündlichen Gesellschaft des US-amerikanischen Südens preis.

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2020

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