Leselampe

2026 | KW 11

© Ayşe Yavaş

Buchempfehlung der Woche

von Usama Al Shahmani

Usama Al Shahmani, geboren 1971 in Bagdad und aufgewachsen in Qalat Sukar (Nasiriya), hat arabische Sprache und moderne arabische Literatur studiert. Nach dem Studium arbeitete er als Wissenschaftler an der Universität Bagdad und publizierte mehrere Bücher über arabische Literatur, bevor er 2002 wegen eines Theaterstücks fliehen musste und in die Schweiz kam. Er übersetzt ins Arabische, u. a. «Fräulein Stark» von Thomas Hürlimann, «Der Islam» von Peter Heine und «Über die Religion» von Friedrich Schleiermacher. Seit 2021 ist er Literaturkritiker beim «Literaturclub» des Schweizer Fernsehens SRF. Seine Bücher erscheinen im Züricher Limmat Verlag. Der erste Roman In der Fremde sprechen die Bäume arabisch (2018) wurde mehrfach ausgezeichnet und war u. a. für das «Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels» nominiert. Seither sind die Romane Im Fallen lernt die Feder fliegen (2020), Der Vogel zweifelt nicht am Ort, zu dem er fliegt (2022) und zuletzt In der Tiefe des Tigris schläft ein Lied (2025) erschienen. 2022 nahm er mit seinem Text «Porträt des Verschwindens» an den 46. Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt teil. Usama Al Shahmani lebt in Zürich.

C.F. Ramuz
Sturz in die Sonne
Roman, Aus dem Französichen von Steven Wyss, Limmat Verlag, Zürich 2023.

Sturz in die Sonne ist ein früher, heute wieder erstaunlich aktueller Roman des Schweizer Schriftstellers C.F. Ramuz, entstanden im Hitzesommer 1921. Mehr als ein Jahrhundert später, im Jahr 2023, unter dem Eindruck von Waldbränden, Dürreperioden und einer sich zuspitzenden Klimakrise liegt das Buch in der Übersetzung von Steven Wyss erstmals auf Deutsch vor. Ramuz entwirft das Szenario einer kosmischen Verschiebung: Durch eine Störung im Gravitationsgefüge rückt die Erde der Sonne gefährlich nahe. Die Hitze nimmt unerbittlich zu, Felder verdorren, Tiere verenden, vertraute Ordnungen geraten ins Schwanken. Zu Beginn wird die Nachricht der Hitze verdrängt, bagatellisiert, als Panikmache abgetan. Doch die Temperatur steigt weiter und mit jedem Tag wird die Luft wärmer, das Licht greller.Eine Atmosphäre kollektiver Verunsicherung breitet sich aus, erst zögernd, dann unaufhaltsam.
Ramuz beschreibt diese Eskalation nicht als spektakuläres Weltende, sondern als schleichende Traumatisierung. Die Katastrophe zerfranst das Empfinden: Wahrnehmung und Wirklichkeit lösen sich voneinander. «Von Wolken keine Spur. Nur diese derart grossen Sterne, derart weiss, dass sie den Himmel ganz schwarz machten. Sterne wie Papierlaternen».

Die zentrale Frage im Roman ist: Was geschieht mit dem Menschen, wenn das Selbstverständliche kippt? Wie reagiert eine Gemeinschaft, wenn die vertraute Welt ihre Stabilität verliert? Zwischen Trotz, Verleugnung und aufkeimender Panik werden existentielle Risse sichtbar. Ramuz zeichnet keine heroischen Figuren; er zeigt Verletzbarkeit. Die Bedrohung trifft Körper und Bewusstsein zugleich. Was diesen Text heute so eindringlich macht, ist nicht allein seine beklemmende Aktualität. Es ist seine Sprache. Die Kapitel sind fragmentarisch gebaut, oft von einer Dichte, die an Lyrik erinnert. Naturbeschreibungen verschmelzen mit inneren Regungen; Landschaft wird Resonanzraum seelischer Erschütterung. Die Sprache trägt im Text nicht nur die Handlung, sie formt sie. Sie stockt und verdichtet sich, als müsse sie selbst die Hitze aushalten.
Sturz in die Sonne ist ein Roman ohne Hauptfigur, die eigentliche Protagonistin ist die Sprache, sie schafft einen Gegenraum zur verwundeten Erde, bewahrt Wahrnehmung im Moment des Zerfalls. Erzählen und Nachdenken gehen ineinander über; das Buch öffnet einen literarischen Raum, statt eine geschlossene Handlung zu liefern. Gerade darin liegt seine Stärke. Der Zusammenbruch, den es beschreibt, ist auch ein sprachlicher und der Leser wird Teil dieses Prozesses, indem er die verstreuten Bilder zu einem inneren Ganzen fügt.

Ich empfehle Sturz in die Sonne von Herzen, weil es mit seiner grossartigen, einfühlsamen Sprache sofort berührt und lange nachklingt. Zugleich besticht es durch seine beeindruckende Aktualität, die zeigt, wie relevant und bedeutsam seine Themen gerade heute sind.

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