Leselampe

2020 | KW 22

© privat

Buchempfehlung der Woche

von Andreas Lehmann

Andreas Lehmann, geb. 1977 in Marburg, Studium der Buchwissenschaft in Mainz, lebt in Leipzig. 2018 erschien der Debütroman Über Tage im Karl Rauch-Verlag, Düsseldorf.

Tobias Wolff
Alte Schule
(Roman); Aus dem Amerikanischen von Frank Heibert, Berlin Verlag, Berlin 2005.

Die »Alte Schule«, der Tobias Wolffs Roman seinen Titel verdankt, ist ein Elite-Internat im Norden Neuenglands. Wir befinden uns im Jahre 1960, und es gelten Regeln, die heute kaum mehr vorstellbar sind: Schwarze sind an der Schule nicht zugelassen, eine einfache Herkunft oder einen jüdischen Hintergrund sollte man lieber verheimlichen. Der Ich-Erzähler, aus einfachen Verhältnissen stammend, passt sich sofort an, fühlt sich den Werten und ehernen Gesetzen der Schule verpflichtet, doch es bleibt ein Gefühl tief liegender Unverbundenheit.
Eines Tages wird der Besuch von Ernest Hemingway angekündigt. Der Schüler, der den ausgerichteten Schreibwettbewerb gewinnt, soll eine Privataudienz mit dem Superstar erhalten. Wolffs Erzähler möchte unbedingt den Hauptpreis gewinnen, allein, ihm will nicht ein einziger Satz gelingen. Die Geschichte, die er schließlich einreicht, hat er in letzter Minute gefunden und abgeschrieben: die Erzählung einer jungen Frau, Schülerin auf einer vergleichbaren Mädchenschule, die von verheimlichter jüdischer Herkunft, von Gehässigkeit und den vergeblichen Versuchen handelt, in einer kühlen, abweisenden Welt Fuß zu fassen.
Der Erzähler gewinnt den Contest, aber der Betrug fliegt auf, und er wird der Schule verwiesen.
Es spricht einiges dafür, dass Tobias Wolff in »Alte Schule« viel über seinen eigenen Werdegang verrät: Er selbst, 1945 in Birmingham, Alabama geboren, hatte sich Anfang der 1960er Jahre unter dem aufgemotzten Namen Tobias Jonathan von Ansell-Wolff III an der Hill School außerhalb Philadelphias beworben und dabei gefälschte Zeugnisse und Empfehlungsschreiben eingereicht. Als der Schwindel ans Licht kam, flog er von der Schule.
Dass dem Erzähler in Wolffs „Alter Schule“ ausgerechnet mit der Abschrift einer bereits vorhandenen Erzählung ein vorübergehender Selbstfindungstriumph gelingt, ist eine typische ironische Volte dieses Romans, denn das führt zwar zum Eklat und ist ein schmerzhaftes Bildungserlebnis des jungen Mannes, aber es zeigt eben auch, dass Literatur tatsächlich fremde Geschichten als unsere eigenen erkennbar machen kann, dass wir uns selbst entdecken können in ihr: Das mag schmerzhaft und verstörend sein, ist aber fundamental bestärkend und existenzbestätigend.
Der Erzähler muss sowohl die beengten Verhältnisse seiner Kindheit als auch die soziale und akademische Exklusivität der Elite-Schule verlassen, um seinen Platz in der Welt (der Literatur) zu finden. Er muss erleben, wie das Schreiben mit dem Leben kollidiert und vorübergehend beides Schaden nimmt bei diesem Crash; er muss verschiedene Jobs ausprobieren, muss die unterschiedlichsten Facetten dessen erfahren, was man »das echte Leben« nennt, um schließlich ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden. Dass er zum Zeitpunkt, da er die Geschichte erzählt, längst ein solcher ist, erfährt man übrigens erst auf Seite 203.
Erzählt ist all das in einer präzisen und uneitlen Prosa, und das Gleichgewicht aus Empathie und Ironie, aus Genauigkeit und Diskretion, aus Wehmut und leisem Spott macht diesen Roman einzigartig.

Mehr Informationen

2020

79