von Daniela Dröscher
Daniela Dröscher, Jahrgang 1977, geboren in München, aufgewachsen in Rheinland-Pfalz, schreibt Prosa und Essays und wurde für ihr Schreiben vielfach ausgezeichnet. Ihr Roman Lügen über meine Mutter, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, stand 2022 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde in viele Sprachen übersetzt. Die Filmdadaption kommt 2026 in die Kinos. Zuletzt erschien der Roman Junge Frau mit Katze, ebenfalls Kiepenheuer & Witsch.
Emma Holten
Unter Wert. Warum Care-Arbeit seit Jahrhunderten nicht zählt
Aus dem Dänischen von Marieke Heimburger, dtv Verlag, München 2025
Die Mission der dänischen Autorin Emma Holten ist im besten Sinne größenwahnsinnig: Sie will die Wirtschaft als allmächtige Instanz entmachten. „Wir müssen den Ökonomen helfen, sie sind überfordert“, so der augenzwinkernde Kommentar der Autorin bei einer Lesung. Es gibt zu vieles, was sich eben nicht in Zahlen übersetzen lässt. Den Wert eines Baumes etwa. Die ästhetische Erfahrung, die ein Buch bereit hält. Zeit mit Freund:innen. „Man sollte gar nicht erst versuchen, Gefühle zu berechnen“, heißt es an einer Stelle.
Unter Wert reiht sich ein in die Tradition der feministischen Ökonomie, die Gesellschaft von Nachhhaltigkeit und Fürsorge her denkt, nicht von Ausbeutung und Profit. Emma Holten ist selbst keine Ökonomin, doch gerade in diesem unverstellten und gleichwohl informierten Blick liegt ihre Stärke. Der Clou des Buch ist, Wirtschaftsgeschichte als verdrängte Care-Geschichte zu erzählen: „Wir sind reicher und es geht uns schlechter, weil wir keine anerkannte politische Sprache dafür haben, was es ist, das Wert hervorbringt“, schreibt sie. „Der einzige Maßstab sind Preise. (…)“
Unter Wert ist ein gleichermaßen persönliches wie kulturgeschichtlich fundiertes, ein ebenso unterhaltsames wie aufrüherisches Buch. Wir begegnen Adam Smiths Ehefrau, die offenbar eine „unsichtbare Hand“ der eigenen Art dastellte, erstaunlich modernen (männlichen) Hebammen aus vergangenen Jahrhunderten, aber auch der infamen Diffamierung von Menschen in Fürsorgeberufen als „Liebesgeiseln“ und anderen erbaulichen und weniger erbaulichen Dingen. Immer wieder möchte man das Buch beim Lesen gegen die Wand werfen; auch deshalb ist es perfekt für die kalten Tage, es ist zugleich erzürnend als auch herzerwärmend; genau wie das Gedicht det/das der dänischen Lyrikerin Inger Christensen, das Emma Holten am Ende ihres Buches zitiert:
So steinig kann eine gesellschaft sein
Dass alles ein einziger block ist
Und so knochig die einwohnermasse
Dass das leben erstarrt im schock ist
Und das herz ist gänzlich im schatten
Und das herz hat fast aufgehört
Bis einer beginnt eine stadt zu baun
Die ist wie ein körper so weich
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