Leselampe

2020 | KW 25

© Sarah Wohler

Buchempfehlung der Woche

von Valentin Moritz

Valentin Moritz veröffentlichte Prosa in Zeitschriften, Anthologien und kleinen Einzelpublikationen. Kein Held, sein erstes Buch erschien Ende Mai im Badischen Landwirtschafts-Verlag, Freiburg.

Beat Sterchi
Blösch
(Roman), Diogenes Verlag, Zürich 1983.

„Und überall im Schlachthof hinter dem hohen Zaun am Rande der schönen Stadt wurde zugelangt, daß die Schwarten krachten. Die Männer fluchten und spuckten sich die Kehlen trocken bei all dem Viehtreiben und Schießen und Stechen und Bluten. Es ächzte in Gelenken an Schultern und Hüften, geschundene Rückenwirbel schmerzten. Man träumte von einer Zigarette, von einem kühlen Bier. Seufzer wurden unterdrückt.“

Ein Buch von großer Schönheit und Drastik, das mich über viele Jahre begleitet und immer wieder aufs Neue beeindruckt hat, ist der 1983 erschienene Roman „Blösch“ des Berner Autors Beat Sterchi.
Ein ländliches Idyll in der Schweiz der 60er Jahre. Der spanische ‚Fremdarbeiter‘ Ambrosio hat Glück: Bei Knuchels, wo er als Knecht eingesetzt wird, schätzt man ihn als guten Melker und begegnet ihm mit Respekt und Dank – anders als im Dorf, wo ihm offener Hass entgegenschlägt. Bauer Knuchel ist stolz auf seine traditionellen Methoden, sorgt sich mehr um den Komfort der Tiere als das Wohl der eigenen Kinder, denn nur so ist die hohe Qualität seiner Milch zu erklären. Aber das vermeintliche Idyll ist im Untergang begriffen. Um auf dem Markt zu bestehen, muss der sture Knuchel schließlich doch einlenken: Eine Melkmaschine wird angeschafft, und das kostet – Ambrosio muss gehen. Wie so viele andere ausländische Arbeiter – abfällig ‚Tschinggen‘ genannt – heuert er im Schlachthof an.
Das Inferno aus Blut und Gedärmen zu beschreiben, das jemanden wie Ambrosio im Schlachthof erwartet, mag bislang niemandem so gut gelungen sein wie Beat Sterchi, der als ausgebildeter Metzger wusste, wovon er schrieb. Vom Chef, über den Vorarbeiter, die langjährigen, ausgebildeten Schlachter hin zu den Untersten, den ‚Tschinggen‘, sie alle eint ein Schicksal: Sie selbst sind Teile eines Systems, in dem sie nicht viel mehr wert sind, als das Schlachtvieh, dem sie im Sekundentakt die Köpfe einschlagen, die Kehlen aufschneiden und die Haut vom Fleisch und das Fleisch von den Knochen ziehen.
Nach acht Jahren im Schlachthof ist Ambrosio nicht mehr der, der er mal war. Mit dem Finger, den er an den Fleischwolf verloren hat, ist ihm auch seine einstige Lebensfreude abhanden gekommen – bis er wieder auf Blösch trifft, die einst so stolze Leitkuh vom Knuchelhof: „Sie sah aus wie ein Krämerstand, ausgemergelt und geschunden, ihre Knochen stachen hervor, ihre Haut war schlaff, ihr Euter war vom Maschinenmelken verunstaltet. Meterweit roch sie nach Desinfektionsalkohol, nach Harn und Vaseline.“ An diesem Tag steht Ambrosio auf. Davon – und von Blöschs Schlachtung, von der missbrauchten Kreatur, ob Mensch, ob Tier – berichtet Beat Sterchi mit großer Empathie, ohne jemals gefühlig oder eitel zu werden. Im Gegenteil, seine Sprache ist eindringlich, rhythmisch, repetitiv und doch vielfältig. Hart, klar und doch poetisch. Immer den eigenen Figuren und ihren Geschichten zugewandt. Mal im inneren Monolog erzählt, mal personal oder durch Einflechtung von Originaldokumenten aus dem Bereich der Fleischverarbeitung oder des Arbeitsrechts.
Es macht wütend und traurig, dass die Zustände, die in diesem Roman geschildert werden, heute noch immer so oder in ähnlicher Form bestehen. Trotzdem – oder gerade deshalb – kann man Beat Sterchi dankbar dafür sein, dass er uns einen Einblick die Welt hinter den Zäunen und Mauern ermöglicht, wo unser täglich Fleisch hergestellt wird. „Blösch“ ist der erste und einzige Roman des Autors geblieben. Ein Geschenk. Und eine große Leseempfehlung!

PS: Das 2010 im Christoph Merian Verlag erschienene Hörbuch – aufgenommen in einem Schlachthof und ungekürzt gelesen von Sebastian Mattmüller – ist ebenfalls sehr hörenswert.

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2020

79