Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Edition Korrespondenzen (Wien)

Die Edition Korrespondenzen ist ein unabhängiger Literaturverlag aus Wien mit Schwerpunkt auf sprach- und formästhetisch orientierte Gegenwartsliteratur aus Mittel- und Südosteuropa, in der das Abenteuer von Sprache und Welt immer wieder neu gewagt wird. Sein Engagement gilt insbesondere der Poesie und neuen literarischen Formen, die sich spielerisch zwischen den Gattungen bewegen – Bücher, bei denen Buchhändler*innen mitunter uneins sind, in welches Regal sie zu stellen sind.

Die Leitgedanken bei der Verlagsgründung – "ein Programm der Entschleunigung, über Sprachräume und nationalstaatliche Horizonte hinweg" – haben auch nach zwanzig Jahren unverändert Gültigkeit. Neu ist, dass mit Gonçalo M. Tavares nun erstmals auch ein Autor aus dem iberischen Raum vertreten ist. Nach wie vor werden die sorgsam edierten Bücher in hochwertigen Printausgaben veröffentlicht.

Gonçalo M. Tavares
3 Bände aus "Das Viertel": "Herr Valéry und die Logik", "Herr Henri und die Enzyklopädie", "Herr Brecht und der Erfolg"
Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler, mit Zeichnungen von Rachel Caiano, Edition Korrespondenzen, Wien 2020.

Im seinem letzten zu Lebzeiten veröffentlichten Buch, dem Tagebuch von 2009, verfasste der portugiesische Nobelpreisträger José Saramago ein begeistertes Lob auf einen jüngeren Kollegen: "Die neue Generation der portugiesischen Romanschriftsteller, gemeint sind die heute Dreißig- bis Vierzigjährigen, hat in Gonçalo M. Tavares einen ihrer fähigsten und originellsten Vertreter gefunden. Mit einem überraschend umfangreichen Werk, Frucht eines langen, gewissenhaften und von der Welt nicht wahrgenommenen Arbeitsprozesses, brach Gonçalo M. Tavares, der Verfasser von O Senhor Valéry, einem Büchlein, das viele Monate lang auf meinem Nachttisch gelegen hat, mit einer sehr ungewöhnlichen, alle Konventionen der gängigen Vorstellungskraft sprengenden Phantasie und einer ganz eigenen, Kühnheit und Reinheit verbindenden Sprache in die literarische Szene Portugals ein, und es ist keineswegs übertrieben, zu sagen, dass es in der derzeitigen Romanproduktion ein Vor und ein Nach Gonçalo M. Tavares gibt."

Das genannte Büchlein auf Saramagos Nachttisch, Herr Valéry und die Logik, war der erste Band eines tatsächlich die Konventionen sprengenden Buchprojekts, dem Tavares eine handschriftliche Skizze, überschrieben mit O bairro (Das Viertel), zugrunde gelegt hat. Wir sehen ein Konglomerat von hoch aufragenden Häusern, eine Art Chiado, der mit illustren Herrschaften bevölkert ist; den Gebäuden sind Namen wie Brecht, Breton, Calvino oder Eliot zugeordnet. Senhor Kraus wohnt im selben Haus wie Senhor Voltaire, Senhor Juarroz logiert mit Pessoa und Pirandello unter einem Dach, und im Haus von Kafka und Mishima residieren auch die Herren Lorca und Swedenborg. Tavares selbst bezeichnet das Ensemble als "ein Asterix’sches Dorf: ein Ort, an dem man versucht, dem Eintritt der Barbarei zu widerstehen". Nur einer der Senhores entzieht sich der Nachbarschaft: Herr Walser lebt abseits, im Wald.

Zehn der 39 Namen in dieser Skizze machte Gonçalo M. Tavares über die Jahre zu Bewohnern eines eigenen kleinen Buches. Diese höchst vergnüglich zu lesenden Bände sind kleine Hommagen, die die Sprache des jeweiligen Schriftstellers und seine spezifische Sicht auf die Welt aufnehmen und mit alltäglichen Problemen kollidieren lassen.

Da ist zum Beispiel ein gewisser Herr Henri, der an Henri Michaux denken lässt. Herr Henri ist ein Redner. Er hat zwei große Lieben: Absinth und Enzyklopädien. Solange das Absinth-Trinken anhält, schwadroniert er über die verschiedensten enzyklopädischen Themen. Seine Mitteilungen scheinen die Gesprächspartner nicht zu interessieren, doch das ist kein ausreichender Grund für Herrn Henri, den Mund zu halten. Mit zunehmender Dauer entfaltet der Absinth seine Wirkung.

“Herr Henri sagte: Wenn einer Absinth mit der Wirklichkeit mischt, kommt eine bessere Wirklichkeit dabei heraus … Aber sicher ist auch, dass, wenn jemand Absinth mit der Wirklichkeit mischt, der Absinth schlechter wird … Früh schon habe ich die wichtigsten Entscheidungen getroffen, die es im Leben zu treffen gilt – sagte Herr Henri … Ich habe nie den Absinth mit Wirklichkeit vermischt, um die Qualität des Absinths nicht zu mindern.”

Der Herr Brecht von Herrn Tavares ist ein Geschichtenerzähler, der in einem praktisch leeren Raum sitzt und düstere Schnurren zum Besten gibt. Mit dem kontinuierlichen Beschreiben von Misserfolgen wird er aber immer erfolgreicher. Allmählich füllt sich der Saal, bis er dermaßen voll ist, dass niemand mehr durch die Tür passt – und so steckt Herr Brecht mit seinem eigenen Erfolg in der Falle.

“Die Gefahr der Kultur // Ein Huhn dachte so viel und war so gebildet, dass es eine innere Hemmung entwickelte und keine Eier mehr legte. Am nächsten Tag wurde es geschlachtet.”

Und in dem Büchlein über Herrn Valéry, das José Saramago so lange begleitete, zeichnet Gonçalo M. Tavares das Porträt eines Mannes, der sich mithilfe der Logik mehr oder weniger erfolgreich an seine Umgebung anzupassen versucht. Ein Unterfangen, das zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn ist.

“Herr Valéry hatte immer ein Buch unterm Arm, von einem Gummiband umgeben und eingewickelt in eine Plastikhülle. Außer in dem Buch zu lesen, verwendete er es als Brieftasche, um Geldscheine darin aufzubewahren. Herr Valéry erklärte: Literatur und Geld zu trennen hat mir nie gefallen. (…) Wer Herrn Valéry begegnete und ihn so am Cafétisch sah, wie er mit aller Kraft und mit beiden Händen das Buch hielt, konnte nie unterscheiden, ob die verkrampften Arme von Herrn Valéry Ausdruck von kleinlichem Geiz waren oder von tiefer Zuneigung zur Literatur.”

Die Edition Korrespondenzen hat es sich zur vornehmen Aufgabe gemacht, den zehnbändigen Zyklus Das Viertel von Gonçalo M. Tavares in der Übersetzung von Michael Kegler, illustriert mit Zeichnungen von Rachel Caiano, kontinuierlich herausbringen. Im März 2020 erschienen die ersten drei Bände: Herr Valéry und die Logik, Herr Henri und die Enzyklopädie und Herr Brecht und der Erfolg. Im Herbst folgt Herr Juarroz und das Denken. Danach wird jedes Halbjahr ein weiterer Band folgen.

Das breitgefächerte Werk von Gonçalo M. Tavares wurde inzwischen weltweit in rund 40 Sprachen übersetzt und binnen kurzer Zeit mit einer beeindruckenden Zahl an hohen internationalen Auszeichnungen beehrt, darunter der Prix du Meilleur Livre étranger 2010 in Frankreich und der Prémio Literário José Saramago 2005 in seinem Heimatland Portugal. Damals sagte José Saramago: "In dreißig Jahren, wenn nicht schon früher, wird Tavares den Nobelpreis gewinnen, und ich bin sicher, meine Vorhersage wird sich erfüllen … Tavares hat kein Recht, im Alter von 35 Jahren so gut zu schreiben. Man möchte ihn schlagen!"

(Buchvorstellung von Franz Hammerbacher. Franz Hammerbacher lebt als Autor und freier Lektor in Wien.)

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2020

89