Leselampe

2020 | KW 30

© Anna Salomons

Buchempfehlung der Woche

von Edition Nautilus (Hamburg)

Die Edition Nautilus steht seit inzwischen 45 Jahren für engagierte politische Sachbücher, ausgesuchte deutsche und internationale Belletristik und hochwertige Kriminalliteratur. Verdienstvolle und bekannte Projekte sind u.a. die komplette Werkausgabe von Franz Jung oder die Nautilus Flugschriften. Im Frühjahr 2020 repräsentieren JJ Amaworo Wilson und Christine Koschmieder, Jérôme Leroy und Matthias Wittekindt, Ingrid Strobl und Annett Gröschner, Mona Chollet und Stephanie Haerdle den Leitsatz des Verlages – »Unkonventionell, eigenwillig, kämpferisch!« – auf sehr unterschiedliche Weise.

Annett Gröschner
Berliner Bürger*stuben. Palimpseste und Geschichten
Edition Nautilus, Hamburg 2020

Annett Gröschner ist der Edition Nautilus nicht nur als kluge und scharfsichtige Franz-Jung-Fachfrau, Dokumentarin und Dramaturgin bekannt, sie hat auch mit Peter Jung zusammen dessen Leben mit dem berühmten Vater aufgeschrieben (Ein Koffer aus Eselshaut, 2005) und schon 2009 einen ersten Band mit wunderbaren Berliner Geschichten, Parzelle Paradies, zusammengestellt. Dort schrieb sie über Berliner Menschen und Orte, ihre Geschichte, ihre Herkunft, ihre Besonderheiten – und kaum jemand kennt Berlin so gut wie Annett Gröschner. Die Historikerin und Schriftstellerin erkundet die Stadt schon seit fast vier Jahrzehnten mit liebevoller Detailversessenheit, nun auch in Berliner Bürger*stuben. Palimpseste und Geschichten. Für diesen Band hat sie Reportagen, Essays, Traumprotokolle und Kurznotizen aus den letzten zehn Jahren zusammengestellt. Im Deutschlandfunk Kultur sagte sie über ihr Buch und ihre Stadt: »Ich finde, dass Berlin ein Palimpsest ist: Es ist eine Stadt, die aus vielen Schichten besteht. Und diese Schichten werden immer wieder überdeckt durch neue Schichten. Immer bleibt etwas übrig, das durchschimmert an alter Geschichte.« 

Annett Gröschner legt diese Schichten frei, sowohl an geschichtsträchtigen Orten wie der Volksbühne, der Kapitänsvilla/Literaturhaus in der Fasanenstraße oder dem Stadion an der Alten Försterei, als auch an Jedermanns- und Alltagsorten wie Kleingärten in Ost und West, Friedhöfen oder der Regionalexpressbahn 4. Sie porträtiert Künstler*innen und Tagebuchschreiber*innen, Gasableser*innen und Fotograf*innen, die oft, wie sie selbst, einen sehr besonderen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner*innen haben und hatten.

Annett Gröschner ist eine Spaziergängerin im Sinne Theodor Fontanes: Wandern kann auch heißen, per Straßenbahn zu reisen, mit dem Fahrrad, zu schwimmen, eine Reise im Kopf zu machen oder Wochen im Archiv zu verbringen. Ob sie nun über die Gingkobäume in der Humboldt-Universität, verlassene Industriegebiete, Ateliers oder Bibliotheken schreibt: Annett Gröschners Texte sind magnetisch, man liest sich fest. Übrigens auch als Nicht-Berliner*in. Man ist bezaubert, erschüttert, und freut sich an den kleinen Blitzlichter-Beobachtungen zu jeder Tages- und Nachtzeit, die Gröschner als treue Chronistin ihrer Zeit überall notiert:

Prenzlauer Berg, Wichertstraße, 12.45 Uhr
Eine vor Trunkenheit schwankende, leicht verlotterte ältere Frau mit aufgeklaubter Kippe im Mundwinkel, die die linke Faust in die Luft reckt und den an der Ampel Wartenden zuruft: „Jetzt ist Schluss, ihr habt jenügend Kuscheldecken!“

Der Verlust ihrer eigenen Wohnung im Prenzlauer Berg durch Eigenbedarfskündigung hat sie in eine Krise gestürzt und zugleich ihren Blick geschärft. Wie kann es gelingen, Berlin als eine Arche zu erhalten, in der alle Platz haben, egal, woher sie kommen?



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