Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von Edition A·B·Fischer (Berlin)

Wenn ein Verlag von einer Photographin sowie einem Autor und Buchgestalter gegrün- det wurde, liegt ein Schwerpunkt auf „poetischen Sachbüchern“. Unsere ästhetischen Reihen Menschen und Orte und wegmarken haben so manches Künstlerleben wieder ins Bewusstsein gebracht. Nach dem Paris des Marcel Proust und dem Stockholm August Strindbergs erkunden wir im neuen Programm die Spuren Honoré de Balzacs. Aber es gibt auch ein ausgewähltes Belletristikprogramm. Diesmal präsentieren wir einen Erzählband der dänischen Autorin Eva Botofte und die hinreissende Erzählung Der Hof von Roswitha Schieb, außerdem die Biografie der Künstlerin Hermione von Preuschen. Mit Jürgen K. Hultenreichs poetischer Hölderlin-Biografie begehen wir das Hölderlin-Jahr 2020.  (Angelika und Bernd Erhard Fischer )

Eva Botofte
PERMAFROST. Erzählungen von Spitzbergen
Aus dem Dänischen übertragen und mit Zeichnungen versehen von der Autorin, durchgesehen und lektoriert von Klaus-Jürgen Liedtke, Edition A·B·Fischer, Berlin 2020.

Die dänische Autorin Eva Botofte erzählt von Svalbard (Spitzbergen), dem äußersten Punkt der Zivilisation auf der nördlichen Hemisphäre, einem dystopischen Ort, wo das Eis schmilzt, einem Ort, an den und von dem man flüchtet. Auf Spitzbergen wohnen 3000 Eisbären und maximal 2000 Menschen. Hier ist niemand wirklich zu Hause; meist sind es Saisonarbeiter, Universitätsangestellte oder Touristen, die Schwierigkeiten haben, sich in der steinigen und gefährlichen Landschaft zurecht zu finden. Die Lyrikerin und Erzählerin Eva Botofte, die auch als bildende Künstlerin tätig ist, lebte einige Zeit unter ihnen und machte die verstörende Erfahrung, dass ein geografisch extremer Ort offenbar auch psychische Extreme hervorbringt. Ihre expressiven Erzählungen handeln also auch vom äußersten Punkt der Welt als mentalem Zustand, vor allem aber handeln sie vom Menschen als seinem eigenen Feind.
Botoftes Sprache ist knapp und kühl, sie urteilt nicht. Sie folgt dem Geschehen wie mit versteckter Kamera. Ihre Figuren sind unter sich, sie sind allein und sie handeln, als wären sie unbeobachtet. Dadurch gewinnen die 24 kurzen Texte eine manchmal quälende Intensität. Das Unausweichliche haust hier zwischen den Zeilen und lässt den Atem stocken.
Wir lesen von dem Mädchen, das schießen lernen muss, von einer Frau, die im Möbelkauf die Idylle sucht, von einem französischen Künstler, der die ultimative Eisskulptur schaffen will, von einem Mann, der sich im Permafrost einfrieren lässt, von einer Schauspielerin die ihren letzten Auftritt in dieser großen Szenerie hat, von der Freundschaft eines Einsamen zu einem Polarfuchs, von Untreue, von einem Leben als Selfie, von einem Voyeur, der zum Mörder wird und von vielen weiteren Grenzfällen der Spezies Mensch vor der unwirtlichen Kulisse des hohen Nordens.
Eva Botoftes Erzählband ist zugleich ihre erste deutschsprachige Veröffentlichung, mit der auch der dänische Kleinverlag Vildmaskine und sein mutiger Verleger Mads Heinesen den Zugang zum deutschen Publikum sucht. Und was für ein Auftakt! 

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2020

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