Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von poetenladen Verlag (Leipzig)

Der poetenladen Verlag widmet sich der Gegenwartsliteratur von der Prosa bis zur Lyrik, die nachhaltig gepflegt wird. Dass Bücher auch im Lyrik-Genre – unabhängig von Trends – Erfolg haben können, zeigen vielfache Auszeichnungen. Der Verlag ging aus einem Literaturportal hervor, das digitale Pionierarbeit leistete. Doch führt der verlegerische Weg aus der inzwischen entzauberten Sphäre der kommerzialisierten Netzwelt heraus zum gut gemachten Buch, das man gern in die Hand nimmt. Im Sommer und Herbst 2020 bestimmen Lyrikdebüts und Anthologien das Programm sowie viel beachtete Dichterinnen und Dichter wie Hans Thill, Marie T. Martin und Róža Domašcyna. Poetenladen-Gründer ist Andreas Heidtmann.

Róža Domašcyna & Hans Thill
stimmen aus der unterbühne & Der heisere Anarchimedes
(Gedichte), Poetenladen, Leipzig 2020.

Das souveräne Spiel mit der Sprache und der genaue Blick in die Welt sind gleichermaßen charakteristisch für die neuen Gedichtbände von Róža Domašcyna und Hans Thill. Beide überschreiten Grenzen und leben in der Vielsprachigkeit. Róža Domašcyna, die 1951 in der Oberlausitz geboren wurde, ist aufgrund ihrer sorbischen Herkunft von vornherein eine Bewohnerin des poetischen Sprachzwischenraums. Sie lässt neben dem Sorbischen und Deutschen auch andere slawische Dialekte anklingen. Dabei durchziehen Wortreflexionen, regionalsprachliche Abwandlungen und Sinnverschiebungen ihren aktuellen Gedichtband „stimmen aus der unterbühne“. Darin heißt es: „bin aus unseren dörfern gekommen / die sprache habe ich mitgenommen“. Es ist eine Sprache, die man mitunter „verlacht“ hat. Róža Domašcyna ruft deren „zwielichte“ Wörter auf und rettet sie in die Gegenwart. Dazu gehört das Dravänopolabische, von dem man glauben könnte, es sei der mogensternschen Lautpoesie entsprungen, aber diese westslawische Sprache existiert(e) und sie war in früheren Jahrhunderten zeitweise verboten. Als Sedimente lagert sich der verbale Reichtum in Róža Domašcyna Gedichten ab. Die ehemals verbotenen und verlachten Wörter rumoren beharrlich in den Zeilen und kämpfen gegen das Vergessen.

Hans Thill, geboren 1954 in Baden-Baden, lebt in Heidelberg und ist in der Weltpoesie zu Hause. Viele seiner Gedichte lassen die Nähe zur französischen Sprache und Literatur erkennen. Der Literaturkritiker Michael Braun nannte ihn einen Nachfahren der französischen Surrealisten. So wäre hier André Breton zu nennen, doch auch ein anderer Sprachzauberer ist in Hans Thills Lyrik zugegen: der rumänisch-deutsche Dichter Oskar Pastior. Nicht nur Wortschöpfungen Pastiors wie der „Linguistenherbst“ tauchen als Kapitelüberschrift auf, vor allem das virtuose Spiel mit Wörtern und Lauten verbindet beide Lyriker. Oskar Pastior, der lange als Rundfunkredakteur arbeitete, war von den akustischen Interferenzen der Kurzwellensender fasziniert, wenn die mangelnde Trennschärfe zu einem babelschen Sprachgewirr am Radiogerät führte. Das Phänomen der Mehr- und Vieldeutigkeit, der Deformation, Kontamination und Kombination findet als subversive Sprachdiversität Eingang in Hans Thills Dichtung.

„Der heisere Anarchimedes“ ist ein Titel, der als Beispiel dieser poetischen Vieldeutigkeiten steht. Er bringt Hans Thills Faible für Arithmetisches zum Ausdruck – hier sei auf die akribische Nummerierungen in vielen Texten verwiesen –, und zeigt die verspielte Bezugnahme auf historische Ideen der Anarchie. Wunderbar wie die legendären Anarchisten Bakunin und Kropotkin durch die Gedichte geistern! Während Bakunin „sich vom Holz der Barrikaden nährt“, wird Kropotkin zum Krapotkin: „Man hat ein Kratzen im Hals, ein paar Reste Krapotkin vielleicht“. Die Utopie revolutionärer Bewegungen wird zum ironischen Reflex. Und so lauert hinter der Lust am Witz immer schon die Desillusionierung. Denn natürlich trägt die ironische Anrufung der Vordenker auch Hoffnung in sich, die fortlaufend demontiert wird. Die Poesie, nicht die Theorie oder gar die Praxis, erweist sich als Ort der Freiheit.

Bei Róža Domašcyna sind es – neben der Mehrsprachigkeit – die zivilisatorischen Verwerfungen, die ihre Gedichte prägen. Wie schon im Vorgängerband werden Zerstörungen der Landschaft durch den exzessiven Braunkohleabbau benannt, dem viele sorbische Dörfer zum Opfer fielen. Mit den Orten ging zugleich kulturelle Identität verloren. Was sich bei Hans Thill als Verlust der Utopien festmachen lässt, ist bei Róža Domašcyna die poetische Protokollierung der ökonomisch begründeten Zerstörung von Heimat. Im letzten, mehrseitigen Gedicht („Im Vorstau, abgelassen“) schildert sie das Wiederauftauchen eines aufgegebenen Dorfes aus dem See, während das Wasser abgelassen wird: „sie sind nun aus dem planen aufgestiegen / die reste von behausung wegen bäumen.“

Im Schlusspoem des „heiseren Anarchimedes“ treibt Hans Thill die Wortkunst in fulminante Höhen und entfaltete auf engstem Raum eine paradoxe Kontrapunktik von Aussage und Gegenaussage. Im Zentrum dieser versuchten Annäherung stehen Vater und Mutter. Am Ende heißt es: „Mein Vater war ein karierter Hund, ein Fallholz, / meine Mutter eine Frühstückssonne, Harz- und Honignadel / im nämlichen Grab.“

Róža Domašcyna und Hans Thill sind aufregende Gedichtbände gelungen, in denen die Sprache mit all ihren Potenzialen erprobt wird. Die Gedichte bewahren auf, was verloren ging, seien es die verlachten Wörter oder die an der Realität gescheiterten Hoffnungen.

(Andreas Heidtmann)

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