Leselampe

2020 | KW 33

© Matthes & Seitz

Buchempfehlung der Woche

von Matthes & Seitz Berlin

Matthes & Seitz Berlin wurde 2004 in Berlin neu gegründet, derzeit erscheinen jährlich ca. 100 Titel. In der Literatur erscheinen AutorInnen wie Witzel, Theweleit, Weidenholzer und Schönthaler. Neben Klassikern sind Bücher von Carrère, Minard und Vuillard vertreten, bilden wie russische Texte von Ilitschewski, Goldstein oder Slawnikowa einen Schwerpunkt. Werkausgaben erscheinen u.a. von Schalamow, Fabre und Thoreau. Das Sachbuchprogramm umfasst Philosophie, politische Theorie, Kunst- und Kulturwissenschaften, die essayistische Fröhliche Wissenschaft liefert einen Beitrag zu aktuellen Debatten. Die Französische Bibliothek, die Asiathek sowie die punctum-Reihe ergänzen das Programm. Seit 2013 gibt MSB die von Judith Schalansky kuratierten Naturkunden heraus, vergibt seit 2017 den Deutschen Preis für Nature Writing.

Anne Weber
Annette, ein Heldinnenepos
Matthes & Seitz, Berlin 2020.

Die Heldin als Handelnde

Dass Anne Weber auf dem Podium »wie vom Liebesblitz getroffen« wird, als sie den Ausführungen der im Publikum sitzenden und ihr zu dem Zeitpunkt noch unbekannten Anne Beaumanoir hört, ist ein Glück für alle Leser*innen. Denn ihre nachfolgenden zahllosen Gespräche mit der außergewöhnlichen 96-jährigen Französin mündeten nun in Anne Webers »Anette, ein Heldinnenepos«, in dem diese Heldin auf eine solch bestechende Weise besungen wird, dass sich niemand dem Sog entziehen kann.

Helden wurden seit jeher besungen, ihre kriegerischen Taten gerühmt, ihre blutigen Schlachten ausgemalt und ihre Irrwege glorreich beschrieben. Es sind seine Opfer, seine territorialen Errungenschaften, seine waghalsigen Morde, die den Helden zum Helden machen. Was aber macht eine Heldin zur Heldin, was macht Anne Beaumanoir zu einer solchen? Und warum ist die Form des Epos die angemessene Weise, von ihrem Leben zu berichten?

Wie alle in Epen besungenen Helden ist auch Anne Beaumanoir von einer tiefen Überzeugung, von einem Ideal durchdrungen und teilt mit ihnen die alle Entscheidungen tragende innere Haltung. Doch ist ihr Beweggrund weder Herrschsucht noch Eitelkeit, ihr Wirken zieht niemals eine Spur von Blut und Zerstörung hinter sich, sondern das genaue Gegenteil: Sie rettete Menschen das Leben, trat unter Gefährdung ihrer eigenen Freiheit und eines sorglosen Lebens für die Rechte und ein würdevolles Leben anderer ein, half Verfolgten auf der Flucht, trug zeitlebens in all ihren Handlungen Sorge um Menschen in Not. Anne Beaumanoir ist heldenhaft nicht im Glanz der Öffentlichkeit, ihre Siege hat sie vielmehr im Versteck, im Ungesehenen errungen, so still wie wirkmächtig zugleich. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie als junge Frau während des Krieges eine jüdische Familie versteckt, die Selbstverständlichkeit, mit der sie Botengänge für die Kommunistische Partei erledigt, in unbehausten Verstecken ausharrt und unter wechselnden Namen Fremde kontaktiert, die Selbstverständlichkeit all ihres Handelns im Einsatz für andere, mahnt an die Fürsorgepflicht jedes Einzelnen als seinem Beitrag für eine Welt, in der alle Menschen ein würdiges Leben führen können. Wie entschieden sie sich als Mitglied der Résistance auf die Seite der Opfer stellt und wie konkret und tatkräftig sie Menschen hilft, ist ein wenn nicht gar beschämendes, so doch leuchtendes Vorbild. Als sie später – da ist sie schon Mutter – wegen ihres Kampfes für ein unabhängiges Algerien für 10 Jahre im Gefängnis verurteilt wird, aus der Haft schließlich nach Tunesien flieht und dort als Ärztin zu arbeiten beginnt, wird aber auch der Preis, den sie zahlt, schmerzhaft deutlich: die Kinder kennen ihre Mutter nicht, die im Gefängnis geborene Tochter muss ohne sie aufwachsen, ihre Sehnsucht nach den Kindern bleibt ungestillt, eine offene Wunde.Immer dort, wo sie erkennt, dass die Idealisten und Mitstreiter von heute zu Machthabern von morgen werden, immer dort, wo die ursprünglichen gemeinsamen Ziele verraten werden, trennt sie sich, um unbeirrt ihren eigenen Weg weiterzugehen, bleibt dem all ihr Handeln tragendes Ideal von einem menschenwürdigen, gleichberechtigten Leben treu. Sie folgt einer Vorstellung und handelt konkret. Und bewirkt »immer noch viel mehr, als unsereins in seinem Leben hinbekommt.« So eine der vielen nachdenklich stimmenden Zeilen in Anne Webers beeindruckendem rhythmischen Meisterwerk, das reflektiert, voller Hingabe und auch nicht ohne Humor dieses Ausnahmeleben erzählt.

Es ist die große Ernsthaftigkeit von Anne Weber, ihre Genauigkeit im Wort und das tiefe Staunen, ihre Achtung vor Anne Beaumanoir, das dieses Epos so mitreißend macht. Ein faktenreiches Epos, das in sich das Heldenhafte vermittelt, ohne je Pathos nötig zu haben. Die tief empfundene Bewunderung für Annette alias Anne drückt sich in der Schilderung der Details aus. Die Vorstellungskraft von Anne Weber ist sinnlich und verlässt doch nie den Boden der Tatsachen. So werden Worthülsen wie »sie war in der Résistance« mit Leben gefüllt, ist ein Leben im Widerstand erlebbar, nachvollziehbar und greifbar. Lesend gehen wir die kühnen Entscheidungen und den Umgang mit den immensen Widrigkeiten dieses Lebensweges mit, Geschichte wird fassbar, ein Urteil liegt fern, ist unnötig. Denn: »Für den, der mittendrin ist, liegen die Wege allesamt im Nebel.«

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2020

79