Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von AvivA Verlag (Berlin)

Mit Nellie Bly in 72 Tagen um die Welt, mit Alma M. Karlin in die Südsee, mit Margaret Goldsmith ins Berlin und London der 1920er und mit Shelagh Delaney ins Manchester der 1950er Jahre.
Ob Weltreisende, Malerin oder Widerstandskämpferin: Seit 23 Jahren erweitert der AvivA Verlag den literarischen Kanon um weibliche Stimmen und rückt bislang vernachlässigte Aspekte und Schätze des kulturellen Erbes in den Blick. Neben dem Schwerpunkt auf neu- und wiederentdeckten Werken von Autorinnen der 1920er und 1930er Jahre ergänzen Ausflüge in andere Epochen und Lebenswelten sowie Biografien und Porträts außergewöhnlicher Frauen aus Geschichte und Gegenwart das Verlagsprogramm.
Ausgezeichnet mit dem Deutschen Verlagspreis 2019.

Shelagh Delaney (Herausgegeben von Tobias Schwartz u. André Schwarck)
A Taste of Honey
(Erzählungen und Stücke); Übersetzung aus dem Englischen von Tobias Schwartz, AvivA Verlag, Berlin 2019.

Wer inspirierte The Smiths und die Beatles?

Wer die Songs der britischen Indie-Band The Smiths kennt, kennt Texte von Shelagh Delaney, der einzigen Frau unter den „Angry Young Men“ der britischen Nachkriegsliteratur, auch ohne ihren Namen je gehört zu haben. Ihr Porträt schmückt sogar zwei Alben der Smiths. Deren Sänger Morrissey meinte 1986 in einem Interview mit dem New Musical Express: „Ich habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass Shelagh Delaney zu mindestens fünfzig Prozent daran schuld ist, dass ich schreibe.“
Auch die Beatles verehrten die 1938 geborene und 2011 gestorbene, aus Salford bei Manchester stammende Delaney und coverten den Titelsong der Verfilmung von „A Taste of Honey“, des Theaterstücks, das als modernes Sozialdrama die Bühnen revolutionieren sollte. Mit ihm landete die damals erst 19 Jahre alte Delaney einen Welterfolg. Der Film „A Taste of Honey“ (deutsch „Bitterer Honig“) von Tony Richardson aus dem Jahr 1961, bei dem Delaney auch am Drehbuch mitarbeitete, gilt als einer der Schlüsselfilme der British New Wave. Die Protagonist*innen: Helen, eine alkoholkranke Gelegenheitsprostituierte, Jo, deren Tochter, die von einem schwarzen Matrosen ungewollt schwanger wird, und Geoff, Jos homosexueller Freund, der das Kind gemeinsam mit ihr aufziehen will.
Mehr als genug Zündstoff, um in den späten 1950ern für Furore zu sorgen, und Delaneys scharfer Blick auf ihre eigene Zeit, die der unseren irritierend nahe ist, ist verblüffend. Auch Delaneys zweites Stück, „Der verliebte Löwe“ („The Lion in Love“) von 1960, ist seiner Zeit weit voraus – zu weit offenbar, wollte die konservative Kritik damals doch kein gutes Haar an dem Werk lassen, in dem Träume und Illusionslosigkeit so selbstverständlich nebeneinanderstehen, wenn Delaney einen Mikrokosmos einer Gesellschaft der „Abgehängten“ einer großen Industriestadt entfaltet.

„Hier bin ich und hier bin ich sicher und ich habe die Schnauze voll davon“ – so beginnt die Titelerzählung des 1964 erschienenen Bandes „Süß singt der Esel“, der ebenfalls ins nordenglische Arbeitermilieu entführt. Ein skurriles Erholungsheim an der stürmischen Küste, ein jugendlicher Außenseiter, der sein Anderssein mit dem Leben bezahlt, ein pädophiler Lehrer in einer Schule für benachteiligte Kinder, ein junger Minenarbeiter, der ein kurzes Glück als Tänzer findet, und schließlich eine surreale Stadtrundfahrt mit einem weißen Bus (die die Beatles zu ihrer Magical Mystery Tour inspiriert haben soll): Delaney erzählt zuweilen collagehaft und experimentell, aber immer lakonisch und ohne jede Bitterkeit von einer oft überaus bitteren Realität.
Mit „A Taste of Honey“ erscheinen alle bislang im englischen Original veröffentlichten Stücke und Erzählungen Shelagh Delaneys neu bzw. erstmals übersetzt von Tobias Schwartz gesammelt in Buchform.

Das Buch lädt ein zu einem Ausflug ins Manchester der 1950er und 1960er Jahre und zur Entdeckung einer rebellischen und sehr aktuell wirkenden, hierzulande noch weitgehend unbekannten Autorin.

(Britta Jürgs, Verlegerin des AvivA Verlags)

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2020

79