Leselampe

Buchempfehlung der Woche

von axel dielmann – verlag (Frankfurt am Main)

Mit dem axel dielmann – verlag in Frankfurt am Main betreibe ich einen unabhängigen Literatur-Verlag, seit 1993 erscheinen im Jahr rund 20 Bücher von zeitgenössischen deutschsprachigen Autoren, aber auch Übersetzungen aus diversen Sprachen / Kulturen von eigenwilligen Stimmen: Romane, Gedichtbände, Kurzprosaa, Essays, Kunstbände sowie Kulturgeschichtliches. Oft mit Hilfe von Sponsor-Partnern in der Reihe ETIKETT. – Das Programm in eine »Programmatik« zu fassen, geht höchstens so: Die einzelnen Bücher müssen mir selbst als erstem Leser Freude bereiten, meine Neugierde kitzeln, meine Erkenntnislust anregen, meiner Sprache etwas hinzufügen. Und das »klein, aber fein«, das die FAZ zur Gründung anmerkte, soll weiter gelten! – Motto des Verlags: Bleiben Sie neugierig!

Michael Wäser
Familie Fisch macht Urlaub
(Roman); axel – dielmann verlag, Frankfurt am Main 2019

Auszug: 
Seite 48 – 50 (Eck-Geschichte)

Das jüngste Schulkind der Familie Fisch machte sich weder stolz noch euphorisch noch selbstbewusst auf den Heimweg. Carla hatte ihr Jahreszeugnis der Polytechnischen Oberschule stumm und mit geröteten Augen aus den Händen ihrer Klassenlehrerin Frau Eck in Empfang genommen. Dass es durchaus ein gutes Zeugnis war, interessierte sie in diesem Moment nicht. Ohne einen Blick auf ihr Zeugnis, auf Frau Eck oder ihre Klassenkameradinnen zu werfen, war Carla zu ihrem Platz zurückgegangen und hatte das erlösende Klingeln herbeigesehnt. Der Grund für ihre Niedergeschlagenheit war kein Streit unter Kindern oder eine der üblichen Zurechtweisungen durch die Lehrerin gewesen. Nein, Carla hatte an diesem Morgen erfahren, wie es ist, wenn man in eine sorgfältig konstruierte und, gemessen an der Unerfahrenheit der Kinder, kaum erkennbare Falle tappt. Ausgerechnet heute hatte nämlich Frau Eck ihre Schülerinnen und Schüler der dritten Klasse zum Schuljahresausklang Bilder malen lassen. Als Thema hatte sie „Eine Geschichte vom Sandmann“ vorgegeben. Carla malte sehr gern, vor allem ihr geliebtes Huhn Hempel, mal ganz groß in Farbe, mal mit Bleistift klein und in verschiedenen Posen als Verzierung an den Rand ihrer Namensschilder auf den Schulheften, was die Lehrer nicht so gern sahen, dem ruhigen, begabten Mädchen aber durchgehen ließen. Sie hatte also ohne Zögern nach ihren Buntstiften gegriffen und gleich angefangen. Sie wusste nämlich noch genau, was das Sandmännchen am Abend erzählt hatte! Was für ein Glück, kaum hatten die Fischs einen Fernseher bekommen und die Kinder zum ersten Mal die „Geschichte zur Guten Nacht“ angesehen, durfte Carla auch schon ein Bild darüber malen! Die meisten anderen Kinder hatten versucht, sich an Geschichten aus Büchern zu erinnern oder Klassenkameraden gefragt, deren Familie schon einen Fernseher besaß. Doch Carla hatte ohne nachdenken zu müssen die Geschichte vom Zwerg im Berg gemalt, die sie erst wenige Stunden zuvor mit großen Augen verfolgt hatte. Und so war die Falle über dem nichtsahnenden Kind zugeschnappt. Carla war nicht die Einzige gewesen, die hineingeraten war, doch das tröstete sie nicht. Dass sie in die Falle getappt war, hatte Carla nicht gleich bemerkt. Erst als Frau Eck mit hochgezogenen Augenbrauen „interessant“ murmelte, während sie Carlas Blatt betrachtete, war dem Mädchen ein Schreck in die Glieder gefahren. Plötzlich hatte sie sich an die Worte ihrer Mutter erinnert, die Kinder sollten unbedingt auch den zweiten Sandmann ansehen, falls sie in der Schule danach gefragt würden. Und daran, dass genau dies nicht geschehen war. Sie hatte das falsche Sandmännchen gemalt. Sie hatte etwas Schlimmes getan, etwas, für das sie und bestimmt auch ihre Familie bestraft werden würden. Sie hatte Unglück über ihre Familie gebracht. Das bedeutete die Art und Weise, wie Frau Eck „interessant“ gesagt hatte. Die anschließende Drohung ihrer Lehrerin, sie würde „wohl einmal mit deinen Eltern sprechen müssen“, war dann auch das Einzige, das Carla beschäftigte, als sie mit zögerlichen Schritten nach Hause ging, während die meisten anderen Kinder johlend davonrannten, um die Freiheit der Sommerferien zu genießen.

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2020

79