Leselampe

2020 | KW 39

© Carleen Coulter

Buchempfehlung der Woche

von Anne Posten

Anne Posten ist freischaffende Übersetzerin von Prosa und Lyrik aus dem Deutschen. Sie hat Germanistik am Oberlin College und Creative Writing und Literarische Übersetzung am Queens College, New York, studiert. Zu "ihren" Autoren gehören u.a. Thomas Brasch, Uwe Kolbe, Peter Bichsel, Libuše Moníková, Peter Weber, Anja Kampmann und Ariane von Graffenried. Sie lebt und arbeitet in Berlin-Friedenau. 

Ulrike Ulrich
Während wir feiern
(Roman), Berlin Verlag, Berlin 2020

»Sie muss diese Blumen loswerden« – Ulrike Ulrichs neuester Roman Während wir feiern setzt als zeitgenössische Nacherzählung von Virginia Woolfs Mrs. Dalloway ein, erzählt in Zürich vor dem Hintergrund der Schweizer Masseneinwanderungsinitiative von 2014. Doch das ist nur der kluge Auftakt zu einem irritierend unterhaltsamen Trauerspiel, bei dem aus wechselnden Perspektiven zuerst die Vorbereitungen und schließlich die titelgebende Feier geschildert werden. Dabei lernen wir die Gastgeberin Alexa kennen, eine deutsche Sängerin, die jedes Jahr den Schweizer Nationalfeiertag und ihren Geburtstag in Kombination zelebriert. Und dann ist da ihr bester Freund Zoltan, der sich mit dem tunesischen Flüchtling Kamal anfreundet und ihm in allem hilft – bis es wirklich darauf ankommt, weil Kamal untertauchen muss. Wir hören von dessen schwieriger Vergangenheit als schwuler Junge in Tunesien, von dem pausenlosen Gefühl des Beobachtetwerdens und dem fortwährenden Misstrauen, das er in Zürich erfährt, und seiner zunehmenden Verzweiflung, die letztendlich in die Katastrophe führt.
In dieser Geschichte gibt es keine Randfiguren: Freunde, Gäste und Nachbarn kommen allesamt zu Wort und entfalten sich in all ihren Widersprüchen, Liebenswürdigkeiten und Schwächen. Ulrichs überzeugende, feinfühlige Sprache stattet die wechselnden Stimmen mit unverkennbaren Klängen aus, die nichtsdestotrotz zu einem universellen Chor zusammenwachsen. Die großen Themen unserer Zeit werden hier plötzlich persönlich und laufen zusammen in der Frage nach dem gesellschaftlichen Zusammenleben: Wie ist es zu rechtfertigen, dass wir feiern, während andere leiden? Aber auch subtilere Fragen stellen sich, die im Chaos des Alltags oft ungestellt bleiben: Was steckt für die Einzelnen hinter den großen Begriffen wie Nation oder Kultur? Wie entstehen Gefühle von Fremdheit und Zugehörigkeit? Wie sollen wir unsere Träume mit der Realität in Einklang bringen, unsere kleinlichen Wünsche und Zwänge mit dem Menschen, der wir sein wollen?

Mehr Informationen

2020

84