Leselampe

2020 | KW 43

© Nikko Weidemann

Buchempfehlung der Woche

von Wilfried Bergholz

Wilfried Bergholz, 1953 in Greifswald geboren, ist Journalist, Kinderpsychologe und Schriftsteller. Sein Arbeitsfeld umfasst Hörspiele, Kinderlieder, Theaterstücke, Drehbücher, Prosatexte und Sachbücher. Hauptwerk ist seine DDR-Biografie Die letzte Fahrt mit dem Fahrrad. Im Sommer lebt er in der Uckermark, im Winter in Berlin.

Mats Ciupka
Kindergeschichten
Druckhaus Liebenwald, Berlin 2020.

Mats Ciupka ist ein vielseitiger Künstler: Maler, Schauspieler, Fotograf, Schriftsteller – und auch bei der aufwendigen Restaurierung von Fachwerkhäusern zeigt er hohe Kunst. Sein neuestes Buch ist für Kinder geschrieben oder besser gesagt – für die eigenen Kinder ausgedacht, beim Zubettgehen erzählt und später aufgeschrieben. Und so greift der Text gleich nach dem Vorleser, der nun selbst zum Erzähler – und Entdecker wird. Aber auch zum Selberlesen eignen sich die Geschichten gut; die Themen sollten heute noch 12-Jährige interessieren.

Kinderbuch ist für mich nicht ganz zutreffend, wenn schon eine Beschreibung, dann Familienbuch. Die Erzählungen nehmen oft die Erfahrungen der Eltern / Großeltern aus Krieg und Zerstörung in sich auf. Trotzdem hat der Autor den Namen „Kindergeschichten“ gewählt und stellt drei aus seinem Fundus vor. Die Geschichte „Schöne Aussicht“ handelt von zwei Jungen in einem kleinen Dorf im Oderbruch. Getragen wird der Text von den frischen Dialogen der handelnden Personen, wobei der Autor seine Berlinische Herkunft nicht verleugnet. Micha wohnt in Beauregard bei Wriezen, was so viel heißt wie „Schöne Aussicht“. Der Name erinnert an die friderizianischen Trockenlegung des Oderbruchs (1747 bis 1753) und die Ansiedlung von Hugenotten aus Frankreich in den neuen Dörfern.

Und in Beauregard kommt eines Tages Oli an, wohnt bei seiner Oma, und es ist zunächst nicht klar, ob er nur für die Ferien oder darüber hinaus bleiben wird. Er ist ein wenig korpulent und bekommt von den anderen Kindern schnell den Namen „Fetti“ verpasst. Dann sitzt er eines Morgens im Schulbus und schnell wird bemerkt: „Aber er steigt nicht bei unserer Schule aus.“ Warum? Im Schulbus erhält Micha die Antwort: „Der Fette ist uff ner Sonderschule, bei de Spastis.“ Micha springt nicht auf diesen Zug auf, schließlich wohnt er neben Oli, und auch Oli wehrt sich. Zum guten Ende setzt sich Micha demonstrativ im Schulbus neben seinen neuen Freund auf den stets freien Platz: „Träumt euch mal ins weite Feld. Und endkotzbrockt mal.“

Mich hat die Geschichte berührt, denn ich kenne Beauregard gut und habe über viele Jahre an der Sonderschule Bad Freienwalde als Psychologe gearbeitet. Die Schule mit dem sonderpädagogischen Förderschwerpunkt Lernen hat als einzige in der Region überlebt und fiel somit nicht der Irrlehre der Inklusion zum Opfer. Namensgeber der Schule ist Albert Schweitzer: „Gut ist, Leben erhalten und fördern, böse ist, Leben vernichten und hemmen.“ Die zweite Geschichte „Der weiße Riese“ erzählt von einem Trümmerberg in Berlin und einem fast vergessenen Wetterphänomen: Schnee. In „Eberhard und Monika Trüffel“ lernen wir eine liebevolle Oma kennen ohne „blöde Elternfragen“ und mit „Geschichtenendlospapier“. So gesehen hätte das kleine Buch durchaus noch zwei, drei weitere Geschichten enthalten können.

https://druckhaus-liebenwald.de/buecher/kindergeschichten/

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2020

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