Leselampe

2020 | KW 44

© Suhrkamp Verlag

Buchempfehlung der Woche

von Deniz Utlu

Deniz Utlu, 1983 in Hannover geboren, lebt heute in Berlin. 2014 erschien sein erster Roman Die Ungehaltenen (Graf Verlag) und wurde 2015 von Hakan Savaş Mican im Maxim Gorki Theater für die Bühne adaptiert. Sein zweiter Roman Gegen den Morgen erschien 2019 im Suhrkamp Verlag. Zuletzt erhielt er den Literaturpreis der Stadt Hannover (2019).

Tracey Emin
Strangeland
Aus dem Englischen von Sonja Junkers, Blumenbar, München 2009.

Strangeland – ich mochte den Titel sofort, als ich das Buch vor mehr als zehn Jahren
zum ersten Mal in der Hand hielt. Eine Aufmerksamkeit des damaligen Verlegers des
Blumenbar Verlags. Wir, ein paar Autoren, hatten uns mit ihm im Café Cinema getroffen,
um über das Manifest der Vielen zu sprechen – eine Anthologie, die er kurze Zeit später
verlegte, und in der wir Autor·innen unsere Vorstellungen eines pluralen Deutschlands
präsentieren wollten.  In Tracey Emins Strangeland geht es natürlich nicht um
Deutschland, aber vielleicht trägt jeder und jede ihr/sein eigenes Strangeland mit sich.
Ich hatte mich mit Tracey Emin zu dem Zeitpunkt nicht beschäftigt. Zwar wusste ich von
ihrem berühmten My Bed, interessierte mich aber über ein Schmunzeln hinaus ziemlich
wenig dafür. In ihrem Roman – zumindest habe ich diese Autobiographie als Roman
gelesen, denn die Person der Autorin bot für mich damals keinen Anreiz zum Lesen. In
ihrem Roman also, waren es die Erzählweise, die Bilder, die sie fand, und später die
Heftigkeit der Dinge, die ihr wiederfahren, die Gewalt, die sie nicht daran hindern kann,
die selbstbestimmte Protagonistin dieser strangen Erinnerungen zu werden. Der Text
ist ganz nebenbei, ohne dass das beabsichtigt wäre, das poetische Protokoll der eigenen
Emanzipation. Der erste Satz ist schon völlig schief und einnehmend zu gleich: „Als ich
geboren wurde, hielten sie mich für tot.“ Hier geht die Leserin vielleicht noch mit, weil
sie sich denkt, das könnte die Protagonistin von ihrer Mutter erfahren haben, immerhin
heißt der erste Teil des Romans „Motherland“. Aber es geht dann einfach so weiter: Das
Neugeborene hat ein Gedächtnis, die Protagonistin erinnert sich an alles, als wäre es
gestern. Und obwohl sich beim Lesen – zumindest bei mir – ganz viele Widerstände
geregt hatten, konnte ich das Buch nicht weglegen. Es entfaltete sich ein Sog, der einem
ins Gesicht lachte, als würde die Autorin sagen wollen: Ich mache hier mit dir, was ich
will, ich kann dir einfach ein ungemachtes schmutziges Bett hinstellen und du wirst dich
vor dem Ausstellungsort in die Schlange stellen, um es als Kunstwerk zu bewundern.
Strange eben, in jedem Satz, den ich dann abfeierte. Zehn Jahre nachdem ich das Buch
gelesen habe, lassen sich immer noch so leicht so viele Bilder daraus in mir wachrufen:
Tracy als neunjähriges Mädchen, das nach dem Aufstehen und vor der Schule heimlich
in die Verschläge von Hausbesetzern kriecht und mit ihnen ein Spiel erfindet, bei dem
man eine Münze übers Gesicht rollen lässt. Tracy, die mit ihrem zypriotischen Vater auf
einer Fähre Kette raucht, und sich mit ihm über die türkischen Anmachsprüche
schlapplacht, die ihr auf Deck auf die Streichholzschachtel geschrieben wurden – der
Vater muss übersetzen, aber beide sprechen die Sprache des Lachens, in der eben auch
eine Verlorenheit auf offenem Meer mitklingt.
Strangeland ist 2005 in London erschienen, vier Jahre später in Deutschland. Ich weiß
nicht, ob die Rezipient·innen vielleicht einfach überrascht waren, weil sie einen Blick
hinter die Kulissen eines Rockstars der Kunstszene erwarteten und stattdessen einen
so eigenen Sound vorgesetzt bekamen. Jedenfalls war mein Eindruck, dass niemand
Tracey Emins Geschichte mit den Herkunftsdiskursen in Zusammenhang brachte, die
im folgenden Jahrzehnt immer präsenter werden sollten. Und das, obwohl sie ganz easy,
so als würde sie ohne ihre Rede zu unterbrechen, eine Schallplatte aus der Hülle ziehen
und auflegen, sich mit dem Motto ihres Buches mal eben im Postkanon verortete. Und
zwar mit einem Zitat von Ahmad Ibu-al-Qaf: „Ich schüttete einem Freund mein Herz aus/
und hoffte, mich danachbesser zu fühlen/ doch was ich ihm erzählte, wurde zu einem
offenen Geheimnis/ Leuchtkäfer in der Dunkelheit.



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2020

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