Leselampe

2026 | KW 27

© Sascha Conrad

Buchempfehlung der Woche

von Ulrike Almut Sandig

Ulrike Almut Sandig, geboren 1979, wuchs im sächsischen Dorf Nauwalde auf und lebt heute mit ihrer Familie in Berlin. Ihre ersten literarischen Texte veröffentlichte sie auf Gratispostkarten und Plakaten am Straßenrand. Seitdem erschienen zahlreiche Bände mit Gedichten und Erzählungen, Musikalben und Hörspiele, zuletzt ihre Übersetzungen von Gedichten der neuseeländischen Dichterin Hinemoana Baker im Verlag Voland & Quist und ihr Roman Im Orkan (Schöffling, 2026). Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen. Ihre Poesie trägt Sandig in enger Zusammenarbeit mit Künstler*innen aus der ganzen Welt vor. In einer Fusion aus loopbasierten Electronics, mehrsprachigen Versen und Visuals bringt sie als Frontfrau des deutsch-ukrainischen Poesiekollektivs »Landschaft« Gedichte zum Tanzen. In diesem Herbst erscheint ihr neues Album »Holos«. 

Margaret Atwood
Aus dem Wald hinausfinden. Ein Gespräch mit Caspar Shaller
Kampa Verlag, Zürich 2019

Margaret Atwoods Literatur begleitet mich seit Jahrzehnten. Mein erstes Buch von ihr bekam ich von meiner Mutter geschenkt, nachdem ich wieder in unser Häuschen am Waldrand zurückgezogen war, weil mir die Welt da draußen zu groß schien – ich war neunzehn und gerade von einem Auslandsjahr zurück. Schonungslos warf Atwood in „Wahre Geschichten“ die ganz großen Begriffe wie Wahrheit, Liebe und das große Nichts in die Luft, um sie beim Fallen nochmal kurz und erbarmungslos anzuschauen, bevor sie zersprangen. „Was über deinem Kopf / allmählich wuchs, war nur / die Luft, die alle atmen, / genormt und mörderisch.“ Zeilen wie diese lesend, sah ich ein, dass die Erwachsenenwelt nicht schöner würde, wenn ich vor ihr weglief. Ich packte meine Siebensachen und zog endgültig von zu Hause aus.
Atwoods Bücher bringen mich immer weiter, als ich mir zugetraut hätte. Die MaddAddam-Trilogie las ich mit schlafendem Kind nebenan, den Kopf tief über ihre Vision vom Überleben der Menschheit (in Form einer neuen, genmanipulierten Art) gebeugt. Als ich 2018 auf dem Hay-Festival in Wales mit ihr auf einem Podium saß, staunte ich, wie untrennbar der Erste Weltkrieg mit unserem Verständnis von politischer und persönlicher Freiheit ist. Natürlich habe ich auch The Handmaid’s Tale und The Testaments verschlungen – und anschließend noch die Hulu-Serie gebinged.

Nicht verwunderlich also, dass mir mein Liebster zum Geburtstag einen weiteren Atwood-Band schenkte. Erst war ich etwas enttäuscht, weil es „nur“ ein Interviewband war. Ich hatte ja keine Ahnung! Denn Caspar Shaller, der sich laut einer Selbstauskunft auf dem X-Account des Tagesspiegels für „linkes Gedöns, aber auch queere Themen und andere Aspekte liederlichen Lebenswandels“ interessiert, stellte sich als Atwoods ideales Gegenüber heraus.
„Aus dem Wald herausfinden“ ist ein gewitztes Gespräch über die ganz harten Themen, die Atwoods Literatur prägen: Feminismus, Post-Truth-Ära, Klimawandel und Totalitarismus. Shaller fängt jeden noch so sportlich geworfenen Gesprächsball entspannt auf. Er lässt sich buchstäblich von ihr aus der Hand lesen, zurechtweisen („Nerven Sie mich nicht, junger Mann, ich bin zu alt, um Ihre Probleme zu lösen“) und haut auch mal selbst Sachen raus wie, dass ihre Romane riesigen Flipperautomaten ähnelten, in denen fünfzig Kugeln gleichzeitig herumgeschleudert würden. Shaller lässt nicht locker, bis Atwood ihm erklärt, wie er aus einem Wald herausfinden könne, wenn er sich verirrt hätte. Die prophetische Ikone, als die Atwood spätestens seit Trumps erstem Präsidentenamt gilt, zeigt sich hier als „Waldkind“, das sich einfach gut auskennt.
Das Interview mündet in einem fulminanten Austausch über die Frage, ob die Menschheit eigentlich noch zu retten ist. Auf ihrem Tisch liege gerade eine Liste von fünfzehn Technologien, die sich dem Klimawandel widmeten, sagt Atwood und führt direkt einige zu Felde, etwa über die Herstellung von kohlenstoffabsorbierendem Asphalt. Die eigene Zuversicht auf die Kenntnis realistischer Möglichkeiten zu gründen, das kann man von diesem Buch lernen, denke ich. Vielleicht finden wir ihn ja wirklich, den Weg aus dem Wald.

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