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learning that I share the Earth with animals beyond my imagination – Ein Abend mit Brandon Kilbourne & Lara Rüter

Donnerstag, 09. April 2026

19:30 UHR

Veranstaltungsort

Haus für Poesie

Knaackstr. 97
10435 Berlin
http://www.haus-fuer-poesie.org

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Eintritt: 8/5 €

Details

An diesem Abend treffen zwei Dichter:innen aufeinander, die sich in ihrem lyrischen und essayistischen Werk mit verwandten Fragen beschäftigen: Wie denken wir Menschen über Tiere nach, die lebenden und die toten, jenseits aller Anthropomorphismen? Was lernen wir von ihnen, welche Interessen sind dabei jeweils im Spiel, und auf wessen Kosten werden diese durchgesetzt?

Brandon Kilbourne (geboren 1983 in Houma, Louisiana) ist Evolutionsbiologe am Berliner Naturkundemuseum. Er forscht vor allem zur Morphologie und Variation anatomischer Merkmale bei Tieren, etwa in Studien über Schädel- oder Knochenformen verschiedener Arten. Sein besonderes Interesse gilt der Frage, wie sein Wissensgebiet, die Naturkunde, untrennbar mit Kolonialismus und insbesondere transatlantischer Sklaverei verbunden ist. Um die dunklen Unterströme einer Geschichte, die sich Aufklärung auf die Fahnen geschrieben hat, um eine unheilvolle Verquickung von Wissenserwerb und Ausbeutung geht es unter anderem auch in seinem Lyrikdebüt: dem mit dem renommierten Cave Canem Prize ausgezeichneten Band Natural History (Graywolf Press 2025). Kilbourne widmet sich darin naturkundlichen Objekten seiner gegenwärtigen Arbeitsstätte und geht deren Evolutions- und Herkunftsgeschichte nach. Eines seiner Gedichte beschreibt zum Beispiel das berühmte Skelett des Giraffatitan brancai (eines Dinosauriers aus dem Oberjura), das von einer Fundstelle aus der damaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute Tansania) nach Berlin gebracht wurde. Kilbourne beschreibt zudem die leblose Harmonie in den Scheinidyllen von Dioramen, in denen wilde Natur reinszeniert und in einen Puppenstubenmaßstab übersetzt wird. Ein anderes Gedicht ist aus der Perspektive einer Stellerschen Seekuh geschrieben, der letzten ihrer Art, denn diese Seekühe wurden in einem Zeitraum von gerade einmal 27 Jahren nach ihrer ersten Entdeckung durch den Menschen durch intensive Bejagung ausgerottet. Kilbourne schreibt, er habe gelernt, dass er die Erde mit Tieren teile, die seine Vorstellungskraft übersteigen; gleichzeitig fühle er sich immer daran erinnert, dass selbst das fantastischste Wunder oft nicht mehr sei als ein Beifang des Hungers.

Lara Rüter (geboren 1990 in Hannover) verbindet mit Brandon Kilbourne nicht nur das Interesse an Seekühen und Dioramen: In ihrem Debütband amoretten in netzen (Verlag Das Wunderhorn 2024), ausgezeichnet mit dem Kranichsteiner Literaturförderpreis des Deutschen Literaturfonds, schreibt sie über „romantisch dumme“ Tiere wie Delfine, diese „superklugen Viecher“, über einen jahrhundertealten Grönlandhai und ein weißes Mammut. Die Leser:innen folgen ihr ins Pongoland, das Affengehege des Leipziger Zoos, ins Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und ins Atlantis Memorial Reef, ein Unterwasser-Mausoleum für eingeäscherte Verstorbene. Sie erfahren etwas über Punktmutation, Korallenbleiche und ausgestorbene Tiergattungen aus dem mittleren Kambrium. In diesen Tagen ist ihr buchlanger Essay Affenliebe im Hanser Verlag erschienen. Sie berichtet darin von ihrer jahrelangen Arbeit in einem Primatenforschungsinstitut, vom alltäglichen Umgang mit den Bewohnern des Affenhauses. Es geht aber auch um den Umgang des Menschen mit Tieren, um die Zerstörung von Biotopen und um menschliche Wiedergutmachungsfantasien. Affenliebe ist ein gelehrtes Buch mit Kronzeug:innen, die von Gaius Plinius Secundus über Jane Goodall bis hin zu Kafkas Affen Rotpeter aus Ein Bericht an eine Akademie reichen. Es ist aber auch ein sehr persönliches Buch, in dem Rüter beschreibt, wie sich Affen in ihr Leben geschlichen haben. An einer Stelle heißt es: „In der Berührung eines Affen verbirgt sich die Verheißung einer grenzenlosen Erfahrung, die Verheißung, das eigene Menschsein zu verlassen oder aber sich seiner zu vergewissern.“

 

Die Veranstaltung wird englisch-deutsch gedolmetscht. Mit freundlicher Unterstützung von ECHOO-Konferenzdolmetschen

In Lesung & Gespräch Brandon Kilbourne, Lara Rüter
Moderation Asmus Trautsch

Veranstalter